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Supertoskaner – oder das Rätsel vieleckiger Tannine

Luca Martini ist der heimliche Star der Anteprime Toscana 2015, die längst nicht nur zur Öffnung der ersten Flaschen des aktuellen Weinjahrgangs 2014 sowie der Verkostung der Riserva 2012 bittet.

Auch die toskanischen DOCG und DOC-Weinregionen, die in gleich drei Prunksälen des edlen Florentiner Fünfsterne-Luxushotels Baglioni gleich vis-a-vis Santa Maria Novella um Gunst und Genuss von Weinkäufern und Weinjournalisten von allen Kontinenten Welt buhlen, sind an diesem Sonntagvormittag für einige Zeit nur Staffage. Denn zwar ist ihre Präsentation ein Hauptevent im Kalender dieses spektakulären Acht-Tage-Weinmarathons durch die Toskana: Doch eine Etage höher bittet heute in der Sala Carrega gleich zweimal kein Geringerer als der aktuelle Weltmeister der Weinsommeliers zum Verkostungsseminar. Luca Martini, knapp 35-jährig, empfängt jeweils 30 Auserwählte zum "Guided Tasting", der von ihm geführten Weinprobe der toskanischen Jahrgänge 2007 bzw. 2009
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Es empfängt ein eher kleinwüchsiger, umso eleganter gekleideter Toskaner von der Sohle bis zum Scheitel. Der allerdings musste wohl schon in frühesten Kindheitsjahren seiner modisch hochgestellten Kurzhaarfrisur weichen. Denn Martinis für einen Sommelier eher ungewöhnliches, aber für Lebendigkeit, Spontanität, rasche Auffassungsgabe und jugendliche Frische stehendes Markenzeichen hat schon 2013 niemanden davon abgehalten, ihm im Park Lane Sheraton Hotel in London die Siegestrophäe der World Sommelier Association WSA zu überreichen. Luca verwies Konkurrenten aus gleich 21 Ländern auf die Plätze – und setze damit seiner schon in jungen Jahren gestarteten Glanzkarriere als Sommelier die Krone auf. 2007 war er bester Sommelier der Toskana, 2009 bester Italiens, 2013 dann gefeierter "Campione del Mondo".

Auf Tauchstation zum Supertropfen

Doch Dünkel oder gar Überheblichkeit sind ihm indes nicht anzumerken, als er launig und fließend Italienisch wie Englisch parlierend "zu Tisch"bietet. Fein säuberlich aufgereiht warten acht Weinpokale im abgedunkelten Saal darauf, mit lange im Voraus dekantiertem toskanischem Wein des Jahrgangs 2007 gefüllt zur werden. Nein, die zur Probe stehenden acht Weine von achten unterschiedlichen regionalen Konsortien habe er nicht selbst ausgewählt, klärt er eine erste Nachfrage. Diese Vorauswahl haben die Konsortien selbst getroffen. Und so finden sich eher bekannte und dann doch weithin unbekanntere Marken in dem folgenden Potpourri des sehr guten Weingeschmacks. Denn, so Martini, ihm gehe es gehe es bei diesem Tasting eher um die Vorstellung des Jahrgangs 2007, und um eine kleine Entdeckerreise in toskanische Weinbaugebiete. Was kommt, ist somit kein Weinmarketing für eine bestimmte Fattoria, kein Faible für eine bestimmte Weinzone
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Diese Klärung ist gut, denn Luca Martini ist –ganz nebenher – auch "Weinbotschafter" des Landgutes der toskanischen und italienischen Schuhmacher-Dynastie Ferragamo in San Giustino Valdarno. Heute aber spricht er für die gesamte Toskana, ist mithin auch ein Botschafter für die Exzellenz nicht nur der Weine, sondern der weltweit geschätzten Region und ihrer önologischen Produkte an sich. Zwar stammen in der Toskana 65 Prozent der Ernte von Sangiovese-Trauben, die schon die alten Etrusker kannten.

Klar, frisch und fruchtig!

Doch die Toskana sei, so Luca, anders als etwa die sehr homogen winzernde Bordeaux-Region, eine komplizierte Angelegenheit – eine stets überraschende, neu zu definierende Liebhaberschaft, die von vielen Einflüssen und Traditionen, aber auch individuellen Traubenvorlieben einzelner Weingüter bestimmt sei. Und so immer wieder und stets aufs Neue herausragende Tropfen kreiere, die nie in ein vorgefertigtes Schema zu pressen seien. Dabei ist der 2007er, das wird bei einer ersten Umfrage unter den längst an Lucas` Lippen hängenden Seminaristen rasch klar, erst einmal kein Unbekannter. Und dazu auch ein richtig guter Jahrgang: klar, frisch und fruchtig! Anders als die von Regen und Trockenheit malträtierten harten Vorgängerjahre 2005 und 2006 könne dieser, so Luca Martini, ein ganz großer werden – oder sei es bereits.

Schon der Premiere-Tropfen von Consorzio Vini di Carmignano, ein Carmignano DOCG Capezzana 2007 der Villa Capezzana hat es in sich: mit viel Frische und Alkohol, tanninreich, mit Tabak-, Kirsch- und leichter Bitternote, stehe er für das Revival jenes toskanischen Weinwinkels, den schon die Medici als Großherzöge der Toskana zu ihrem Favoriten erkoren – und so zum ersten "Supertuscan", dem ersten Supertoskaner der Geschichte überhaupt machten. 80 Prozent Sangiovese, 20 Prozent Cabernet – man wird weiter von ihm hören. Beim zweiten Wein zeigt sich, dass die Sicherheit des eigenen Gaumens durchaus mit dem Verlass auf Expertise harmonieren kann.

Weinladen.
Weinladen.

 

Ausgerechnet die Hügel Luccas, die Colline Lucchesi, liefern mit dem Colline Lucchesi 2007 von der Tenuta di Valgiano gleich einen den Carmignano auf Rang Zwei verweisenden 'Kracher': eukalyptusartig, reich an Farbe, der "full bodied red one" ist frisch, rund – und sofort ein Favorit. 70 Prozent Sangiovese, zehn Prozent Syrah und 20 Prozent Merlot verlangten, so Martini, aber noch etwas mehr Reifung. Und er doziert, während die Strahlen der Frühlingssonne langsam den Seminarsaal erobern, kundig über runde, viereckige oder gar dreieckige Tannine, die es zu entfalten gelte.

Das Runde ins Eckige

Jedes dieser Tannine habe seine Berechtigung und Wirkung. Hier muss der Laie natürlich passen und den Worten des Meisters Glauben schenken. Denn eigentlich ist klar: Während beim Fußball stets das Runde ins Eckige muss, sollte es doch speziell beim guten Rotwein genau anders herum sein. Das Eckige sollte definitiv (und über die Jahre) ins Runde! Doch Martini beharrt darauf, dass gerade die dreieckigen und viereckigen Tannine mit drei respektive vier identifizierbaren Geschmackskomponenten den wahren Reiz ausmachen. Es gibt also noch vieles aus der eckig runden Wunderwelt der Tannine zu entdecken und erlernen.

Mit dem Bramasole Cortona Syrah DOC 2007 der Tenuta La Braccesca des Konsortiums Cortona kommt dann ein "Hundertprozenter" auf den Tisch: Der reine Syrah lässt den aus Arezzo stammenden Luca zur Hochform auflaufen: Auberginefarben an der Oberfläche, ein großes Kräuter- und Gewürzspektrum mit erkennbaren Anteilen an rosa Pfeffer, Brombeere, ein Hauch von Nasen öffnender Vanille und Balsamico, ein wenig trocken im Abgang.

Für Luca ist er ein Musterbeispiel für einen großen, gelungenen, in der Toskana gereiften Syrah. Die toskanische Meeresküste wartet dann nicht etwa mit historischem Sandwein oder einem Mordswein aus der Pineta hinter der Düne auf, sondern bietet mit dem La Regola 2007 vom Podere La Regola einen Blend auf, der daher nur als Rosso di Toscana IGT firmieren darf, ganz anderes Terroir: 85 Prozent Cabernet Franc, zehn Prozent Merlot und fünf Prozent Petit Verdot, eine neue, in der Toskana nun sehr geschätzte "Starkmachertraube", die dem Wein "Fleisch" und souveräne Textur gibt: klar, angenehm, linear, triangulares Tannin aus Pflaume, Aubergine und Bitterschokolade - für Luca Martini ein sehr, sehr, sehr guter Wein. Dies, obschon der den Ausdruck "Schokolade" gar nicht mag – er werde von Sommeliers zu inflationär verwendet. Dafür entdeckt Luca noch grüne Tomate und Tomatenblätter im Bouquet, was uns Amateuren auf den hinteren Plätzen nicht nur am Gaumen ratlos zurücklässt.

Maremma und Montecucco, Morellino und Val d`Orcia

Die Maremma schickt die Morisfarms aus Massa Marittima in der Provinz Grosseto ins Rennen – mit einem Maremma Toscana IGT Rosso 2007 "L`Avvoltore": einem Blend aus Sangiovese (75 Prozent), Cabernet Sauvignon (20 Prozent) und Syrah (fünf Prozent). Rubinrot, mit komplexer »Nase«, ein liebenswerter, kraftvoller Wein, der vom Weinjahr 2007 profitiert, noch mehr aber von der Maremma. Denn hier herrschen im Schnitt 21 Tage im Jahr bis 40° C, sonst sind es eher nur drei. Die Weinlese erfolgt, wie nun häufiger in der Toskana zu erleben, schon Ende August, nicht erst Mitte September.

Doch Luca findet dies kein ausreichendes Zeichen für eine Warnung vor globaler Erwärmung! Fenchel, grüne Mandeln, Tabak: Das Aroma bezeuge: Es war einfach eine gute, großartige Ernte! Mit dem Montecucco Sangiovese DOC "Grotte Rosse" 2007 der Azienda Salustri steht dann der erste reine Sangiovese an. toskanischer geht es also nicht mehr! Martini würde ihn jederzeit bei einer Blindverkostung erkennen: die Frische der Natur, die Hitze des Tages, Pflaume, rote Kirsche, die DNA des Sangiovese ist ihm inklusive Rosmarin und weiterer Gewürznoten längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Top: 2001, 2004, 2007, 2010, 2011

Und dann endlich, beim Morellino di Scansano DOCG Calestaia Riserva 2007 der Azienda Roccapesta, rückt der Weltmeister endlich mit dem Entscheidenden heraus: Ja, die Weinjahrgänge 2001, 2007, 2010 und 2011 seien für ihn die herausragenden in der Toskana. und der Morellino brauche sich eh nicht zu verstecken – als frühabendlicher Aperitif insbesondere für junge Damen habe er längst seinen Siegeszug in italienischen Trendbars und Szenerestaurants angetreten – und passt Anschließend auch noch zur Bistecca Fiorentina. Leicht, weich und doch kraftvoll, dazu reiche Aromen wie Pflaume, Stachelbeere, weiße Schokolade – und großartiges Terroir. Denn merke: "Große Weine kommen vom Weinberg, nicht aus dem Weinkeller".

Schließlich noch der Orcia DOC Sesterzo 2007 der Azienda Poggio Grande des Konsortiums Vino Orcia: Nach den Anteprime 2015 werden die Verantwortlichen des Val d´Orcia jubeln, dass sie es nun aus dem Schatten des schier unbezwingbaren Brunello-Dörfchens Montalcino getreten sind und es beim Debut gleich in die Topliga der Toskanaweine schafften. Ihr 100 Prozent- Sangiovese stammt von 80 bis 120 Jahre alten Rebstöcken, die auch harte Winter besser verkraften. Er ist klar, kräftig, leicht trocken auf der Zunge und ideal zu allen Dinners.

Osteria da Giovanna: Martini für alle

Nach den Anteprima 2015 wird auch Luca Martini nicht mit Komplimenten geizen. Für ihn waren die Präsentationen die besten der letzten zehn Jahre. Es lohnt also, nach den neuen wie den älteren Jahrgängen der Toskana-Güter Ausschau zu halten. Höchste Qualität ist garantiert. Und Luca Martini, von dem wir heute viel, sehr viel gelernt haben? Den Weltmeister der Sommeliers 2013 kann jedermann erleben!

Nicht etwa in einem der toskanischen Spitzenhotels, auf einem der großartigen Landgüter oder in einem der Top-Gourmetrestaurants der Toskana, wo Luca womöglich auch als Evangelist einer Bibel der Weinseligen agieren könnte – nein, ganz schlicht, mit starker, typisch toskanischer Bodenhaftung: Der Aretiner, Jahrgang 1980, arbeitet als Sommelier in der Osteria Da Giovanna, gleich vor den Toren von Arezzo, in der Localitá la Pace, an der Straße nach Ancona.

Im seit 1952 geführten Familienbetrieb ist Luca quasi daheim, von hier bringt er Arezzo in die Welt und die Welt seit 2013 auch nach Arezzo. Die Damen der Osteria fertigen hier alles selbst per Hand fertigen und bereiten regionale Spezialitäten zu. Und ihr Luca, so verkünden sie stolz, pflege seine Weine (und nicht nur die Schätze) wie gerade Neugeborene. Besseres kann man eigentlich nicht von einem weltmeisterlichen Sommelier sagen und mehr auch nicht verlangen.

Fotos: Jürgen Sorges, Lars Oldenbüttel

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Zuletzt bearbeitet am 12/01/2022

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