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Weinwelten: Wehret der Wildsau!

Wer, wenn nicht Fabio Ratto, Direktor auf Pian delle Vigne, wüsste besser Bescheid über die sechs Kilometer südwestlich der Brunello-Metropole Montalcino auf dem Weg ins dörfliche Camigliano erzeugten bemerkenswerten Brunello-Weine. Kunststück: Er war von Beginn an dabei, damals im Juli 1995, als die Antinoris Pian delle Vigne erwarben.

Ursprünglich war er im Auftrag einer Fremdfirma für die neue Erstbepflanzung zuständig. Den Auftrag erledigte er so leidenschaftlich, gewissenhaft und gut, dass ihn der Marchese Antinori umgehend direkt anstellte. Und so wurde Fabio Ratto auch zuständig für die Bepflanzung der zweiten Hälfte des Weingutes. Heute sind 65 Hektar der 184 Hektar Gutsfläche für den Weinbau erschlossen. Auf zwei Hektar gedeihen Olivenbäume, 117 Hektar sind für Wald und Gebüsch reserviert. Und so ist Pian delle Vigne vor allem auch so etwas wie ein Lebenswerk von Fabio Ratto, der, toskanisch bodenständig und bis ins kleinste Detail mit allen Fährnissen des Weinbaus vertraut, den Titel Gutsdirektor vermeidet und selbst eher bescheiden als "Responsabile Fattoria", Verantwortlicher des Gutes« gesehen werden möchte. Dies allerdings zu 100 Prozent, mit Herz und Verstand. Mit ihm vor Ort Kulinariker-Autor Jürgen Sorges.

Tonhaltig, lehmig, und kalkreich

Nein, noch strahlt die Sonne nicht intensiv genug über die Weinhänge, als wir oberhalb der Fattoria Pian delle Vigne inmitten der Weinberge anhalten. Aber immerhin senden ihre Strahlen erste Frühlingsgefühle an diesem milden Spätfebruarnachmittag aus, gerade genug, um die Einführungsrede des an den ersten gekappten Weinstöcken stehenden Gutsdirektors einfühlsam zu untermalen. Ja natürlich, so Fabio Ratto, ihren Namen verdanke das Gut einer hier befindlichen Bahnstation aus dem 19. Jh. Diese "Stazione ferroviaria" sei bis heute in Betrieb. Doch es herrscht nahezu atemlose Stille: kein Windhauch, kein Lärm trübt die Atmosphäre. Und na klar, so der Endvierziger weiter: Die deutliche Mehrheit der Weinstöcke bestehe aus der Sangiovese-Traube, die hier lokal eben "Brunello" genannt werde.

Und schon zeigt sich in Rattos Rede, dass es keiner Schwärmerei bedarf, um die Vorzüge des von den Antinoris offenbar sorgfältig gewählten Gutes zu preisen. Das sich typisch toskanisch in sanften Wellen ausbreitende Hügelland liegt perfekt zwischen 130 und 250 Meter über dem Meeresspiegel. Der Boden hier ist "argilloso", tonhaltig und lehmig, und noch dazu kalkreich. Und natürlich darf jene Phase nicht fehlen, als seine Karriere hier vor Ort begann. Etwa die Hälfte der Weinstöcke wurde 1996/1997 gepflanzt. Diese Weinhänge befinden sich heute auch dank der Aufmerksamkeit und intensiven Pflege seines Teams in allerbestem Gleichgewicht und sorgen für höchste Qualität.

Mineralreichtum des sorgt für Aromen mit "Pfiff"

Die danach angelegten weiteren 33 Hektar Weinberge dienen vor allem dazu, jene neuen Weine herzustellen, mit denen die Azienda heute reüssiert. Sie zeichnen sich vor allem durch eines aus: Eingesetzt werden nur die allerbesten Klontriebe des Sangiovese di Montalcino und ausgewählte Klone der Antinori-Kollektion – nach dem Terroir das zweite Geheimnis des Weinbauerfolgs von Pian delle Vigne. Dass darüber umgehend eine Diskussion entbrennt, ist naheliegend. Nein, ein Monopol auf diese Klone habe man nicht, zeigt sich Fabio Ratto erstaunt. Natürlich arbeite man eng mit den Universitäten in Florenz und Siena zusammen, die stets neue Expertisen und Klone entwickeln – für alle zugänglich.

Neben der Wissenschaft sorgten vier, fünf weitere Firmen dafür, dass genügend Marktkonkurrenz in diesem wichtigen Segment erhalten bleibe. Und schließlich: Jedes Weingut züchte auch selbst eigene Klone, so dass eine Dominanz bei der Genauswahl nicht zu befürchten sei. Das Ganze scheint dann doch eher noch nach den guten alten Mendel`schen Gesetzen zu funktionieren. Erfolgsgrund Nummer Drei ist – naturgemäß - das milde Mikroklima des Gebietes.

Das typisch in sanften Wellen ausbreitende Hügelland der Toskana.
Das typisch in sanften Wellen ausbreitende Hügelland der Toskana.

 

Man könne, so Ratto, dies allein auch daran ermessen, dass hier durchschnittlich zwei Wochen eher geerntet werde als im Chianti. Die Lese starte meist Mitte September. Schließlich Grund Nummer Vier: Der Mineralreichtum des Untergrundes sorge zudem dafür, dass dem Wein stets eine gehörige Portion "Sapiditá", Aromen mit Pfiff, sowie elegante Tannine innewohnten: sämtlich Eigenschaften, die durch die mindestens dreijährige "invecchiazione", die Alterung durch Lagerung in Stahltank und Eichenfässern noch ausgebaut werde.
 
Rosso, Brunello, Riserva – ein Hausbesuch mit Verkostung
 
Wie gut in Schuss alle Abteilungen der Fattoria sind, zeigt sich bei der Begehung. Aber Gutschef denkt auch bereits an die Zukunft. Ein neues Gebäude ist in Planung, in dem die Abläufe der Weinherstellung verbessern werden sollen. Wenn man allerdings durch die picobello sauberen Hallen mit Stahltanks und teils nagelneuen Eichenfässern spaziert, wird eine solche Notwendigkeit erst einmal kaum ersichtlich. Gepflegt ist dann auch der Verkostungssaal in der ersten Etage, wo Fabio Ratto erst einmal einen erstaunlichen sehr, sehr guten Rosso di Montalcino Pian delle Vigne 2014 (100 Prozent Sangiovese) anbietet. Gesetzt, dass dieser Jahrgang der wohl schwierigste der letzten Dekade war, ist dem Antinori-Team um Ratto tatsächlich etwas Besonders gelungen.

Aber natürlich kann man im Sortiment auch auf den Rosso von 2013 oder gar den von 2012 zurückgreifen. Denn auch 2012 gilt, nach 2004, 2006, 2007 und 2010, als einer der herausragenden Jahrgänge für das Brunello-Gebiet. Doch Fabio Ratto möchte Brunello und Montalcino fortan gern getrennt betrachten. Für ihn ist der Rosso di Montalcino, den Weinliebhaber ebenso schätzen wie den älteren, aber auch deutlich teureren Brunello, ein gänzlich eigenständiger Wein, vollkommen unabhängig vom großen Bruder Brunello.

2011er für gesteigerte Trinklaune

Und Recht hat er. Die brillante rubinrote Farbe, in der Nase blumig und mit reifen Fruchtaromen (z. B. Pflaume), trocken und mit lebhaften, aber nicht aufdringlichen Tanninen versehen, ist und bleibt er, zwölf Monate in großen Holzfässern gelagert, eine frische, lebendige und noch dazu die Geldbeutel schonende Alternative zum Brunello. Dann legt Fabio Ratto, unterstützt von Sara Nieddu, die bei Antinori zuständig für die Pressekommunikation ist, einen ausgezeichneten Brunello Pian delle Vigne 2011 DOCG vor, von dem 110.000 Flaschen im Handel sind.

Ich hatte ihn schon vorab bei der Weinprobe in Montalcino probiert, wo er in seiner Komplexität einen meiner Favoriten, den Brunello Lisini, vielleicht noch übertraf. Hier aber, direkt in der Azienda und begleitet von Brot und Käse, entfaltet er ein nochmals gesteigertes Aroma, mundet einfach noch besser. Vielleicht, so Fabio Ratto, war eine der Falschen auf der offiziellen Weinprobe auch nicht zeitig genug entkorkt! Wie auch immer: Daheim sollte man mit dem Entkorken in jedem Fall fünf bis sieben Jahre warten: 2016 bis 2018 sind für ihn also die richtige Zeit!

Betriebsbesichtigung mit Fabio Ratto.
Betriebsbesichtigung mit Fabio Ratto.

 

Schließlich wartet dann der Brunello Riserva 2010 "Vigna Ferrovia", von dem ganze 11.000 Flaschen im Handel sind. Die ausgewählten Trauben für den mit kräftiger Farbe und leuchtender Eleganz punktenden Roten, der einen süß würzigen Duft nach Waldfrucht, einem Hauch Tabak und angenehmem Anklang an Schokolade verströmt, stammen von den Weinhängen entlang der Eisenbahnstrecke. Ein dichtes Netz von Tanninen zieht sich über den Gaumen. Auch hier heißt es daher: kaufen, und dann warten, warten, warten! Am besten noch zwei bis drei Jahre bis zum perfekten Genuss. Herausragend ist schließlich der Brunello di Montalcino 2006, den Fabio Ratto sozusagen als Bonmot zum Schluss anbietet. Wer das nötige Kleingeld besitzt, sollte sich sputen!

Grappa, Olivenöl – und Gefahren durch Leckermäuler!

Dass Pian delle Vigne auch einen herzhaften, goldgelben Grappa Riserva produziert, der traditionell destilliert wird und 18 Monate in Eichenfässern reift, ist da kaum noch erwähnenswert. Eher schon, dass Fabio Ratto sich auch um die Produktion von Olivenöl kümmert, nach dem umgehend große Nachfrage entsteht. Und dann, nach sowohl positivem über das Antinori-Gut, muss auch noch die Frage gestaltet sein, welche Bedrohung Fabio Ratto in den nun 20 Jahren Laufbahn auf Gut Pian delle Vigne am intensivsten in Erinnerung habe. Stürme? Windhosen? Schnee und Eis? Gar ein verirrter El Nino oder eine unbekannte Reblaus?

Nein, in diesem Punkt ist sich Fabio sicher: "Cinghiali", Wildschweine, kommt es postwendend. Denn Bachen und Keiler treten mit ihrem Nachwuchs nicht nur rund ums Jahr an, um den Traubenbestand der Azienda zu dezimieren. Sie sind zudem auch noch wahre Gourmets und sehr wählerisch: Mal schnappen sich hier, mal dort ein Träubchen, was dann jeweils zur Vernichtung ganzen Rebstockbestände führt. Nein, nein, als knuspriger Braten hat Fabio Ratto nichts gegen die Wildsau! Doch im Weinberg will er dies große Fressen nicht mehr sehen.

Information:
Pro Loco di Montalcino, Costa del Municipio 1, 53024 Montalcino (Provinz Siena), Tel. +39 0577 84 93 31, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.prolocomontalcino.com
Stadtführungen, Reservierungen für Besichtigungen von Weingütern
Toscana Promozione, Via Vittorio Emanuele II 62, 50134 Florenz, Italien, Tel. +39 055 46 28 01, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.toscanapromozione.it

Information Weine:
Consorzio del Vino Brunello di Montalcino, Piazza Cavour 8, 53024 Montalcino (Provinz Siena), Tel. +39 0577 84 82 46, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.consorziobrunellodimontalcino.it
Anteprime Toscane: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.anteprimetoscane.it 

Fattoria:
Pian delle Vigne, Localitá Pian delle Vigne, Camigliano, 53024 Montalcino (Siena), Tel. +39 0577 81 60 66, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.piandellevigne.it
Kontakt über Marchesi Antinori S.r.l.: Tel. +39 055 2 35 95, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.antinori.it
Sehr zu empfehlende Weine: Brunello di Montalcino 2011, Brunello di Montalcino Riserva 2010 »Vigna Ferrovia«, Rosso di Montalcino 2014

Antinori-Weinverkostung:
Normalerweise stehen sämtliche Antinori-Güter nicht zur Besichtigung offen! Aber es besteht schon seit 1995 die elegante Möglichkeit, nahebei sämtliche Weine der Antinori-Gruppe zu probieren und zu erwerben, noch dazu bietet sich dann seit 2007 ein sich anschließendes Mahl in einem Sterne-Ristorante an:
Bottega di Passignano/Osteria di Passignano, Via Passignano 33, Badia a Passignano, 50028 Tavarnelle Val di Pesa (Provinz Florenz), Tel. +39 055 8 07 12 78, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.osteriadipassignano.com
Bottega Mo. – Sa. 10.00 – 23.00, Osteria Mo. – Sa. 12.15 – 14.15, 19.30 – 22.00 Uhr geöffnet, So. geschlossen
Die Bottega befindet sich im Inneren der Osteria di Passignano, die von jungen Köchen geführt wird und seit 2007 einen Michelin-stern hält. Geboten wird klassische toskanische Küche auf höchstem Niveau. Auch eine Kochschule ist angeschlossen, während der die später zu pranzo oder cena gereichten Gerichte auch selbst hergestellt werden (tgl. 10.00 – 16.00 oder 16.00 – 22.00 Uhr, nur nach Vorbestellung).

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 10/12/2016

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