Basilisco, Teodosio, Sophia: Großer "kleiner König" mit Gefolge

Die süditalienische Basilikata produziert nördlich der Alpen nur wenige Schlagzeilen. Dabei hat die von gerade 573.000 Einwohnern besiedelte uralte Kulturregion einiges zu bieten...

Eingezwängt zwischen Kalabriens Aspromonte und der Murgia, Apuliens kalkreichem Hochplateau, bietet die lange vernachlässigte Region, die früher von Brigantentum und sich anschließenden Auswanderungswellen nach Amerika gekennzeichnet war, Besuchern nicht nur exquisite Küstenformationen und Stränden an gleich zwei Meeren: dem Tyrrhenischen und dem Ionischen Meer.

Höchste Qualität der Agrarerzeugnisse

Hier sind herrliche Almdörfer und spektakuläre Sarazenen-Bergnester in den lukanischen Dolomiten zu entdecken. Und zwischen Maratea und Matera, der zukünftigen Kulturhauptstadt Europas, warten einmalige Kunstdenkmäler und –schätze auf  Bewunderer. Weit weniger bekannt ist die hohe, wenn nicht allerhöchste Qualität der Agrarerzeugnisse der Basilikata. Bio ist hier oft nahezu alles schon von Haus aus: Schon aus Kostengründen wurde und wird auf chemische Düngung verzichtet. Es ist also keineswegs ein Wunder, dass nahezu 80 Prozent der italienischen Babynahrung mit Produkten aus der Basilikata hergestellt wird.

Dass zur ebenso bodenständigen wie reichhaltigen und variantenreichen Traditionsküche der Basilikata auch exzellente einheimische Weine gereicht werden, beweist vor allem der Nordwesten der Basilikata, wo im Vulture-Gebiet mit dem Aglianico del Vulture der mit Abstand beste und berühmteste DOC und DOCG der Region erzeugt wird. Und exakt hier, im winzigen Dörfchen Barile nahe den berühmten Städten Venosa und Melfi, sorgen seit einigen Jahren die Winzer der Azienda Agricola Basilisco für Furore.

Der "Basilisco" – ein traumhafter "Barolo des Südens"

Rund um den lange erloschenen Vulkan des Monte Vulture (1326 Meter) hat sich eines der höchstgelegenen Weinbaugebiete Europas etabliert. Gerade 1192 Winzer kultivieren die mineralreichen Hügel und Vulkanhänge bis in Höhen von 800 Meter über dem Meeresspiegel und erzeugen auf gerade einmal knapp 1500 Hektar Anbaufläche den einzigartigen Aglianico del Vulture. Allein schon seine schillernd rubinrote Farbe erinnert an den Barolo aus dem Piemont. Und wer genießerische Geduld mitbringt und die Qualitätsstufen "vecchio" (nach drei Jahren) und noch besser "riserva" (nach fünf Jahren Lagerung) abwartet, wird einen Wein entkorken, der alle Vorzüge etwa eines guten Barolo oder Nebbiolo mit sich bringt, dennoch aber nicht mit überreich knospenden Tanninen den Gaumen erschlägt.

Winzerorte wie Ginestra, Rapolla, Rionero in Vulture, Ripacandida wird man sich merken müssen. Vor allem aber gilt die Aufmerksamkeit dem 2800-Seelen-Dörfchen Barile, das erst im Mittelalter entstand und berühmt ist für seine ins Gestein gehauenen Tuffsteinhöhlen im Gebiet des sog. "Sheshë".  Verantwortlich dafür waren wohl jene "Arberesh", christliche Albaner, die in drei Wellen 1477, 1534 und 1597 vor den Osmanen über die Adria hierher ins Exil flüchteten. Sie gründeten eine jener historischen Albaner-Enklaven, die bis heute in ganz Süditalien zu finden sind, gründeten.

Alten Kelter- und Weinbaumethoden

Mit Bedacht wählten die Gründer des Gutes Basilisco diesen Ort – und sicherten sich zudem gleich acht Tuffsteinhöhlen für Kelterei und Reifung des Weins. Bemerkenswert am Rande: Noch 1861 hatte das Tuffsteingrottensystem des Sheshë illustren Anführern des lukanischen Briganten-Aufstandes wie Michele Volonnino und dem legendären Caporal Teodoro, beide Vertraute des berühmten Briganten Carmine Crocco, als Unterschlupf gedient. Kein Geringerer als Pier Paolo Pasolini machte dann das Sheshë-System 1964 in seinem Film "Il Vangelo secondo Matteo" ("Das Evangelium nach Matthäus") weltberühmt.

Der Beginn des Weingutes liegt aber noch nicht lang zurück – er datiert auf Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. 2011 übernahm das schon mit Auszeichnungen überhäufte, in einem Adelspalast aus dem 16. Jh. eingerichtete Gut ein Spezialist. Die renommierte Tenuta Feudi di San Gregorio, ursprünglich am Vesuv beheimatet aber schon seit eine Dekade auch im Vulture aktiv, setze sich zum Ziel, die alten Kelter- und Weinbaumethoden am Vulture wieder zu aktiveren und eben jene Tuffsteingrotten wieder aktiv zu nutzen. Herz und Seele der überaus erfolgreichen Unternehmung ist die mit Leidenschaft agierende Managerin Viviana Malafarina.

Einzigartiges Terroir

Für die Keller und Weinberge trägt indes Winzer Pierpaolo Sirch die Verantwortung. Und natürlich weiß er, dass am Vulture die besten Trauben in Höhen bis 500 Meter wachsen. Und so suchte und wählte er für das Aushängeschild des Gutes, den "Basilisco", einen hundertprozentigen Aglianico del Vulture DOC mit 13,5 Prozent Alkoholgehalt, ganze vier Hektar nach Südosten ausgerichteter Rebfläche in eben 500 Meter Höhe.

Das Terroir ist bestechend: vulkanisch und daher hochmineralisch, dazu tuffhaltig und mit Lehmböden. Bei 5000 bis 6000 Weinstöcken pro Hektar können so nach 15 bis 30 Tagen Fermentierung im Stahltank und 12 bis 15 Monaten Reifung in französischen Barrique-Fässern immerhin 15 000 Flaschen "Basilisco" abgefüllt werden. Diese Rarität aber hat es in sich: Der Basilisco ist ein klar strukturierter, runder, vollmundiger Wein mit viel Power und Rubinrot Farbe, der mit hoher Eleganz und vielfältigen Balsam- und Fruchtaromen wie Pflaume, Kirsche und Johannisbeere aufwartet.

Im "Land des Lichts"

So ist der Basilisco 2009 einfach ein Gedicht! Diesen Wein sollte man in jedem Fall verkosten, er ist eine Zierde für jede Tafel. Noch dazu schont er den Geldbeute, denn online ist er gerade um die 20 Euro – nicht einmal die Hälfte dessen, die ein guter Barolo kosten würde. Der Name "Basilisco" ist natürlich von der Basilikata abgeleitet, die allerdings erst seit dem späten 10. Jh. so heißt.

Zuvor war die Region seit der Antike als Lucania (Lukanien) bekannt, abgeleitet wohl von griechisch "Lykos" (Wolf), mithin das Land der Wölfe, von "Lucus", das einen heiligen Wald oder Hain meint, oder von "Leucos", Licht, was der Region den treffenden Beinamen "Land des Lichts" verlieh.

Die Basilikata hingen verdankt ihren Namen wohl Byzanz. Schon im 5. Jh. war Ostrom in Südfitalien aktiv, verlor aber die Region im 6. Jh. an die Langobarden. Es folgten die Sarazenen, ehe Byzanz in Form recht brachialer Söldner, der Normannen, ab dem 10. Und bis weit ins 12. Jh. hinein wieder die Oberhand gewann. Einer der zahllosen Titel des byzantinischen Kaiserpaares war "Basileus e Basilissa dei Romei" ("König und Königin der Römer". Vor Ort wurde der Kaiser, der Basileus, vom Basiliskos, seinem Statthalter und Gouverneur vertreten. Und voila war die Basilikata, das Land des Statthalters von Byzanz, geboren. Und so ist der "Basilisco" heute zwar eher nicht von "imperialer" Gestalt, wohl aber ohne jede Abstriche ein richtig großer "kleiner König" aus Italiens Süden, allen voran die Jahrgänge 2009, 2010 und 2011…

Teodosio und Sophia

Dem Basilisco zur Seite steht der "Teodosio2, benannt nach dem byzantinischen Kaiser Theodosius I. (der Große), der 379 bis 394 Ostrom regierte und 394 kurz letzter Alleinherrscher West- wie Ostroms war. Auch dieser Rotwein ist zu 100 Prozent ein Aglianico del Vulture DOC, auch er ist in Südostlage auf 500 Höhenmetern und auf sechs Hektar gereift. Zehn bis zwölf Monate reift er im französischen Barrique-Fass und ist ebenfalls ein gut ausbalancierter, ebenso feiner wie kräftiger Tropfen mit Aromen in Richtung Pflaume und Kirsche. Serviert wird er bei 20° C. Der Clou: Eine der jährlich 30 000 produzierten Flaschen wird online für ca. 14 Euro angeboten. Ein Schnäppchen! Sehr gut ist der Teodosio 2011.

Schließlich wartet das Haus Basilisco auch mit einem Bio-Weißwein auf: "Sophia", die Weisheit, wird ausschließlich aus der lokalen Fiano-Rebsorte gewonnen und auf einem Hektar in 480 Meter Höhe (Südostlage) angebaut. Die Ernte findet auch hier erst Mitte Oktober statt. Frische Blumen, Rosen und gelber Pfirsich kennzeichnen die Aromen des angenehm runden Spitzenweins, der dennoch mit gerade 9 Euro ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis bietet.

Venosa, Melfi, Lagopesole und das "Staunen der Welt"

Wer vor Ort ist, sollte unbedingt zumindest die Provinzzentren besuchen: In Venosa, an den östlichen Ausläufern des Monte Vulture erbaut, erblickte nicht nur Roms antiker Dichtkunst-Heroe Horaz (65 v. Chr. – 8 v. Chr.) das Licht der Welt. Damals hieß die Stadt noch Venusia. Eine mächtige, weiß glänzende Marmorstatue und das angebliche Geburtshaus des Horaz erinnern dort an ihn, an Venusia zudem noch das Nationalmuseum sowie die Grundmauern von Amphitheater und Thermenanlage ("Frigidarium").

Abtei, Kastell und Kathedrale fallen dann eher in die Zeit jenes Hier soll auch Manfredi, Sohn des Stauferkaisers Friedrich II., des "stupor mundi" ("Staunen der Welt"), geboren worden sein. Auf "Federico Secondo", wie er in der Basilikata genannt wird, stößt man hier allenthalben. Er schätzte die Region, war hier mehrfach zu Besuch, ging auf Falkenjagd und machte das nahe Melfi zu seiner Sommerresidenz. In Melfi wie auch in Lagopesole errichtete der mit den Päpsten überkreuz liegende Staufer, dem es auf friedlichem Wege auch gelang, König von Jerusalem zu werden, mächtige Kastelle. Im herrlich restaurierten Castel Lagopesole kann man heute einmalige Hinterlassenschaften bewundern, die das höfische Leben am kaiserlichen Hof Friedrichs II. illustrieren. Archäologen bargen einen Großteil der Funde aus der Burgzisterne. Darin befanden sich nicht nur geborstenes Steingut und Geschirr, sondern auch Alltagsgegenstände wie etwa ein bronzener Ohrenschmalentferner. Man sieht und lernt so, dass das Spätmittelalter sehr wohl Hygiene kannte!

Totentanz und der "kleine König"

In Melfi aber diktierte Fridrich II. im Jahre 1231 jene Konstitutionen von Melfi, die den Beginn der verfassten Staatlichkeit des Heiligen Römischen Reiches deutsche Nation markieren und erstmals Rechte und Pflichten genauestens festlegten. Auch wenn manche diese Konstitutionen heute für den Beginn der staatlichen Bürokratie an sich halten. Friedrich, das Staunen der Welt, war eben ein großer König und noch größerer Kaiser. Dass er auch Philosoph war, kann man einmalig sogar vor den Toren von Melfi in der Grottenkirche S. Margherita entdecken.

Dort zeigen von Feuchtigkeit bedrohte Fresken nicht nur eine der ältesten Darstellungen eines Danza macabra, eines Totentanzes, auf dem europäischen Kontinent, sondern auch Friedrich II. samt Gattin und Sohn. Sie wurden mit diesem Memento Mori an die Vergänglichkeit aller irdischen Macht erinnert. Es handelt sich dabei um eine der ganz wenigen Darstellungen, die das Antlitz Friedrichs II. wohl authentisch zeigen. Dass man nach dem Besuch auf ihn jederzeit mit dem "kleinen" König, dem Basilisco, anstoßen kann und sollte, versteht sich von selbst.

Weiterführende Informationen:

Weingut Basilisco: BASILISCO azienda agricola s.r.l., Via delle Cantine 22, 85022 Barile, Provinz Potenza, Region Basilikata, Italien, Tel. +39 0972 77 10 33, Email basiliscovini@gm,ail.com, http://basiliscovini.it/en/

Weine und Weinbaugebiet Aglianico del Vulture: www.aglianicodelvulture.net/en

Basilikata: APT Basilicata, Via del Gallitello 89, 85100 Potenza, Basilikata, Italien, Tel. +39 0971 50 76 11, Fax +39 0971 50 76 00, Email This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.aptbasilicata.it: deutschsprachige Website und Buchungen: www.basilicataturistica.it/?lang=de 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 10/12/2016

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