Der Weinrebell von Wolfville

Zufälle gibt es nicht ist Hanspeter Stutz überzeugt. Und so muss es wohl Fügung  gewesen sein, als der ehemalige Banker aus dem schweizerischen Au Anfang der 90er Jahre auf einer Geschäftsreise nach Nova Scotia erfuhr, dass rund 50 Autominuten von der Provinzhauptstadt Halifax entfernt ein Weingut zum Verkauf stand.

Ursprünglich 1974 als erster kommerzieller Weinbaubetrieb der Atlantikprovinz überhaupt von  Nova Scotias Weinpionier Roger Dial gegründet, war die Domaine de Grand Pré im Herzen des fruchtbaren Annapolis Valley auf Grund von Qualitätsproblemen und Überschuldung Ende der 80er Jahre in wirtschaftlich schwieriges Fahrwasser geraten.

Aber Stutz glaubte fest an das Potential der Weinberge am äußersten Ostzipfel der kanadischen Atlantikküste, fernab der etablierten Weinbastionen in Ontario, British Columbia oder Quebec. Deshalb beschloss der heute 69jähige damals kurzerhand seinen gut bezahlten Nine-to-Five-Job an den Nagel zu hängen: 1993 erwarb er das Anwesen und wanderte gemeinsam mit Frau und Kindern nach Kanada aus, um sich mit der Domaine du Grand Pré als Winzer selbständig zu machen.

Praktische Erfahrungen im Weinbau hatte der Ex-Manager zu diesem Zeitpunkt freilich keine. "Meine einzige Qualifikation bestand darin, dass ich immer gerne guten Wein getrunken habe und ein wenig von Marketing und Verkaufen verstehe", erklärt Stutz heute schmunzelnd, "den technischen Part habe ich an meinen Sohn Jürg abgetreten.  Der hat auch zuerst bei einer Bank gearbeitet, dann aber an der Universität Wädenswil Weinbau studiert und ist heute unser Kellermeister."

Geographisch liegt das Annapolis Valley, mittlerweile neben dem LaHave und Bear River Valley, sowie der Malagash Peninsula im Norden der Provinz das bedeutendste Weinanbaugebiet Nova Scotias, auf dem 45. Breitengrad und damit auf  etwa gleicher Höhe wie Genua oder Bordeaux. Allerdings hat hier neben dem Atlantik auch die gewaltige kanadische Landmasse großen Einfluss auf das Klima, das trotz Küstennähe – keines der Weinanbaugebiete liegt weiter als 20 Kilometer vom Meer entfernt –  vor allem im Winter eher kontinental geprägt ist. D.h. es fallen nur geringe Niederschlagsmengen und es kann mit bis zu Minus 25 Grad bitterkalt werden. Auf den ersten Blick nicht gerade optimale Voraussetzungen für den Weinanbau – selbst wenn Historiker heute vermuten, dass das Bear River Valley einer der ersten Orte auf nordamerikanischen Boden war, an dem Anfang des 17. Jahrhundert von französischen Siedlern Reben angepflanzt wurden. Und so präsentieren sich die Weinberge auch bei unserer Stippvisite Anfang Juni nach einem ungewöhnlich kühlen Frühling noch in fast schüchtern zartem Grün.

2002 wurde schließlich, auch auf Berteiben von Stutz, die Winery Association of Nova Scotia ins Leben gerufen, mit dem Ziel den Weinbau in der Atlantikprovinz künftig gezielt zu fördern, der trotz aller Erfolge heute im Grunde noch immer in den Kinderschuhen steckt.

Immerhin stehen mittlerweile bei insgesamt rund 70 Weinbauern, die knapp ein Dutzend "echte" Weingüter mit Lesegut versorgen, etwas mehr als 300 Hektar im Ertrag. Viele Weinbaubetriebe keltern in Nova Scotia, wie auch in anderen Teilen Kanadas, nämlich traditionell nicht nur Weine aus Traubenmost, sondern auch aus diversen Obstsorten und Beerenfrüchten, die ebenfalls im Annapolis Valley angebaut werden.

Das langgezogene, rund 40 km2 große Tal liegt eingebettet zwischen zwei Höhenzügen, die streng genommen zu den nördlichsten Ausläufern der Appalachian Mountains gehören und sich im Süden bis nach North Carolina erstrecken. Auf Grund dieser vergleichsweise geschützten Lage herrschen hier, trotz winterlicher Kälteeinbrüche, die höchsten Durchschnittstemperaturen in der gesamten Provinz. Deshalb ist die Vegetationsperiode hier auch länger als in den anderen Teilen Nova Scotias, was dem Wein auf den mineralien- und nährstoffreichen, eiszeitlichen Böden schlicht mehr Zeit zum Reifen lässt.

"Auch der Preis hat bei unserer Entscheidung damals natürlich mit eine Rolle gespielt. Für den Weinanbau geeignetes Rebland gab es Anfang der 90er Jahre hier schon für weniger als 10 Cent pro Quadratmeter  – nur ein Bruchteil dessen, was wir in der Schweiz hätten bezahlen müssen", erzählt Stutz, "allerdings haben viele der damals hier produzierten Weine statt zum Trinken auch eher zum Einlegen eines Sauerbratens getaugt."

Hanspeter Stutz von der Domaine de Grand Pré.
Hanspeter Stutz von der Domaine de Grand Pré.

 

Rund sieben Jahre harter Arbeit brauchte es deshalb, um den heruntergewirtschafteten Betrieb im Nirgendwo von Grund auf umzukrempeln und mit Schweizer Sinn für Präzision in eines der führenden Weingüter an Kanadas Atlantikküste zu verwandeln: 5 Hektar bestehende Rebflächen wurden neu bestockt, weitere rund 12 Hektar neu angelegt. Stutz kauft, wie seine Kollegen, aber auch Trauben von benachbarten Vertragswinzern zu. Sein erster Jahrgang, der schließlich im Jahre 2000 in den Verkauf ging, war sein 1999er.

Zum umfangreichen Weinrepertoire gehört neben den für die Region typischen, spritzigen Weißweinen auch eine ansehnliche Kollektion an gehaltvollen Roten, die aus hierzulande praktisch unbekannten Rebsorten wie Léon Millot bzw. Maréchal Foche gekeltert werden. Im Sortiment finden sich aber natürlich auch ein Eiswein – die Paradedisziplin vieler kanadischer Winzer – sowie ein fünf Jahre im Fass gereifter weißer Port.

Besonders stolz aber ist Stutz auf seinen Grand Pré Tidal Bay. Tidal Bay steht dabei für eine 2012 eingeführte regionale Appellation, die erste innerhalb der Provinz, die  u.a. vorschreibt, dass der Wein nur aus bestimmten Rebsorten produziert werden und nicht mehr als 11 Volumenprozent Alkohol enthalten darf. Zu den zugelassenen Rebsorten gehören u.a. die in Nova Scotia besonders erfolgreich angebauten L´Acadie Blanc, Seyval Blanc und New York Muscat,  die alle optimal an das kühle, maritime Klima angepasst sind. Ein weiterer Vorteil: die Reben sind weitgehend pilz- und schädlingsresistent, was sie auch für Biowinzer interessant macht.

Seinen Namen verdankt der Wein übrigens der nahe gelegenen Fundy Bay. Hier wird regelmäßig  der größte Tidenhub der Welt gemessen. Bis zu 16,40 Meter beträgt der Unterschied im Wasserstand zwischen Ebbe und Flut. Abenteuerlustige können beim sogenannten Tidal Bore Rafting auf motorisierten Zodiacs bei einlaufender Flut auf den dabei entstehenden Stromschnellen, Standwellen und Strudeln reiten. Nichts für Leute mit schwachen Nerven. Ebenfalls ein einmaliges Erlebnis: Dining on the Ocean Floor – dabei wird bei Ebbe mitten auf dem freigelegten Meeresgrund ein mehrgängiges Gourmetdinner zelebriert. Weine aus Nova Scotia inklusive. Wenige Stunden später liegt die Dinner Location dann wieder mehr als acht Meter unter der Wasseroberfläche.

Doch zurück zum Tidal Bay. Das gekonnte Verschneiden dieser Rebsorten zu einer rassigen Cuvée verleiht dem Wein in Verbindung mit dem mineralischen Terroir einen unverwechselbaren Charakter, der das maritime Klima der Region perfekt widerspiegelt. Fast glaubt man beim Verkosten eine kühle Atlantikbrise aus dem Glas aufsteigen zu spüren. Mit seinem frischen, feinfruchtigen, ja teilweise fast filigranen Charakter und stabilem Säuregerüst ist der Tidal Bay außerdem ein perfekter Begleiter für die in den Gewässern vor Nova Scotia überreich geernteten Meeresfrüchte, wie die weltberühmte Nova Scotia Lobster oder Digby Scallops, die in alle Welt exportiert werden. Kein Wunder, dass auch das Logo der Wines of Nova Scotia von einer Hummerschere geziert wird, die ein Weinglas in der Hand hält.

Doch Stutz sieht nach anfänglicher Skepsis mittelfristig sogar Chancen für internationale Rebsorten.  "Im Grunde sind wir hier im Annapolis Valley Profiteure des Klimawandels", erklärt Stutz, "während hier früher praktisch ausschließlich frostresistente  Hybridrebsorten aus Frankreich oder Russland angepflanzt wurden, experimentieren manche Kollegen mittlerweile wieder verstärkt mit Pinot Noir und Chardonnay, wir selbst bauen u.a. Riesling und  Pinot Meunier an – vor 25 Jahren wäre das praktisch noch undenkbar gewesen, bzw. diese Weine waren oft schlicht ungenießbar. Mit dem Klimawandel ändert sich das. Vielleicht werden unserer Schaumweine eines Tages sogar dem Champagner Konkurrenz machen."

Und möglicherweise besitzt die Gegend  für  Weine im Champagnerstil auch tatsächlich das größte Potential. Schon heute muss sich  Stutz` Champlain brut – benannt nach dem Anführer der ersten französischen Siedler auf kanadischem Boden, dessen Namen fast reflexartig gewisse Assoziationen weckt  – vor einem guten Winterchampagner nicht verstecken. Und da geht noch mehr.

Zu guter Letzt produziert Hanspeter Stutz mit dem Pomme d`Dor auch einen hervorragenden Dessertwein aus Äpfeln –  neben Heidelbeeren traditionell größter Exportschlager des Annapolis Valley.

Das Weingut rund um das historische Farmhaus aus den 1820er Jahren selbst wirkt übrigens, trotz  typisch kanadischer Holzbauweise, mit seinem akkurat gepflasterten Hof, der breiten Auffahrt und adrettem Vorgarten auch von außen fast wie ein eidgenössischer Musterbetrieb. "Das war am Anfang allerdings eher ein Problem, erinnert sich Stutz, "die Leute dachten »bei denen da oben auf dem Hügel muss doch alles sündhaft teuer sein, so ordentlich wie das da aussieht«. Deshalb haben wir die Locals anfangs mit einem 5-Dollar Martini Abend zu uns herauf gelockt, um erst mal Hemmschwellen abzubauen." Offensichtlich mit Erfolg.

Trotz mittlerweile zahlreicher internationaler Auszeichnungen – Stutz´ Riesling Eiswein wurde zuletzt zum besten Kanadas gekürt – sind Weine aus Nova Scotia aber bisher kaum über die Provinzgrenzen hinaus bekannt. "Das liegt einerseits schlicht daran, dass wir so wenig davon produzieren", erläutert Stutz, "aber auch das Quasimonopol der Provinzen auf den Alkoholverkauf macht uns das Leben schwer. Es ist für mich bis heute leichter eine Palette Wein nach China zu verkaufen als in unserer Nachbarprovinz New Brunswick."

Sweet Apple vWine von der Domaine de Grand Pré.
Sweet Apple vWine von der Domaine de Grand Pré.

 

Und doch hat der Weinrebell von Wolfville mittlerweile auch hier einen kleinen Sieg errungen. Als Stutz seine Weine auch über die staatlichen Alkoholläden der NSLC verkaufen wollte – neben dem Direktverkauf ab Hof, die einzige Möglichkeit für die Winzer ihre Wein an die Kundschaft zu bringen –  boten ihm die Verantwortlichen gerade mal 4,90 Dollar pro Flache. Im Laden sollte der Wein aber für 14,50 Dollar verkauft werden. Die Differenz wäre in den bodenlosen Taschen der Provinzregierung versickert. Als Stutz sich rundheraus weigerte zu diesen Konditionen zu  liefern, gab die Behörde nach langem Ringen schließlich nach und einigte sich mit Stutz auf 8,60 Dollar –  der Ladenpreis für die Kunden ist gleich geblieben. Ein Sieg für die gesamte Branche, ist Stutz doch überzeugt, dass sich nur bei angemessenen Erzeugerpreisen auch hochwertige Weine produzieren lassen.

Aber auch in Sachen Marketing ist der Exil-Schweizer Experte. So hat sich Stutz mit drei befreundeten Winzern (Luckett Vineyards, L´Acadie Vineyards und Gasperau Vineyards)  zusammengetan und organisiert während der Saison regelmäßig Magic Winery Touren mit einem roten Doppeldeckerbus. Dabei werden nach dem Hop-on/Hop-off Prinzip vier Weingüter in der Umgebung angesteuert und Gäste können vor Ort diverse Weine verkosten. In der Domaine de Grand Pré finden in den Sommermonaten außerdem Picknicks in den Weinbergen statt, bei denen Food- und Wineparings im Mittelpunkt stehen.

Neben dem Weingut, das sich mittlerweile dank Stutz Umtriebigkeit mit mehr als 25.000 Besuchern pro Jahr zur überregional bekannten Touristenattraktion gemausert hat, betreiben Stutz´ Tochter Beatrice und Schwiegersohn Jason Lynch außerdem  das Restaurant Le Caveau, das erst kürzlich unter die Top 20 Weingutrestaurants weltweit gewählt wurde. Tatsächlich haben wir auf unserer einwöchigen Rundreise entlang Nova Scotias Südküste nirgendwo besser gegessen. Egal ob hausgemachte Charcuterie, frischgebackenes Brot oder fangfrischer Fisch – die Küche von Jason Lynch bewegt sich annähernd auf Sterneniveau. Wir probieren u.a. saftige Tortellini – einmal gefüllt mit Kaninchenrücken und präsentiert auf geschmorten Apfelspalten, einmal mit einer Fülle aus Beefbrisket, flüssigem Eigelb und Cottage Cheese. Außerdem eine Lammschulter  mit glasierten Schalotten und knusprige Tartelettes mit geschmortem Rhabarber begleitet von Lavendeleiscreme. Die Preise sind angesichts der gebotenen Qualität und dank des aktuell relativ schwachbrüstigen kanadischen Dollars sensationell günstig.

Als nächsten Schritt plant Stutz auf dem Weingut ein hochwertiges Bed&Breakfast. Bis es soweit ist, können Gäste der Domaine de Grand Pré stilvoll im historischen Blomidon Inn, ehemaliges Privathaus eines wohlhabenden Schiffsbauers- und Reeders im nahe gelegenen Wolfville, übernachten. In Wolfville selbst findet an jedem zweiten Wochenende im November übrigens das Devour Film Festival statt. Dann dreht sich ein Wochenende lang alles um internationale Filmtitel zum Thema Essen und Genuss flankiert von zahllosen kulinarischen Festivalevents.

Allgemeine Infos rund um den Urlaub in Canada: http://de-keepexploring.canada.travel
Offizielle Tourismusseite von Nova Scotia: www.novascotia.com      
Infos über die Weine aus Nova Scotia: www.winesofnovascotia.ca
Weingut Domain de Grand Pré: www.grandprewines.ns.ca
Youtube Video: https://www.youtube.com/watch?v=XEfFeOisOGc
Blomidon Inn in Wolfville: www.blomidon.ns.ca
Devour-Filmfest Wolfville: www.devourfest.com
Zodiac-Touren in der Fundy Bay: www.tidalborerafting.com
Dining on the Ocean Floor: www.novascotia.com/packages/experiences/dining-on-the-ocean-floor/201988
Youtube Video: www.youtube.com/watch?v=Mnp17jqkFhc

Fotos: Thomas Hauer, Domain de Grand Pré, Jamie Robertson

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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Autor

Thomas Hauer

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