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Weine aus dem Elsass: es geht auch schlanker

Es müssen nicht immer die restsüßen, üppigeren, alkoholreichen Tropfen sein, wenn man einen elsässischen Wein genießen will. Längst haben viele Winzer umgedacht und sich von dieser Art des Weinausbaus abgewandt.

Es sind noch nicht viele – aber es gibt sie. Nur ist diese Tatsache noch nicht ganz bei uns angekommen. Stattdessen ist in unseren Köpfen: die Elsässer haben den Anschluss verpasst, sich mit ihrer Einstellung, nichts an veralteten Traditionen ändern zu wollen, festgefahren. Als hoffnungslos stur gelten sie - und so hat man sie, wenn man nicht gerade ein Freund der oben beschriebenen Stilistik ist, auch weitestgehend in dieser Ecke gelassen und oftmals ignoriert. Dies auch trotz der Tatsache, dass es sich bei den Elsässern um Pioniere des Bio- und biodynamischen Anbaus handelt, welcher ja auch in den restlichen Gefilden der Welt auf immer mehr positive Resonanz stößt.

Daher ist es umso mehr eine Herausforderung, sich auf die Pirsch zu begeben... – nach jenen Individualisten, die eine neue elsässische Weintradition prägen wollen. Und so hat sich der KULINARIKER auf den Weg gemacht – in Frankreichs nahezu  regenärmste Weinregion, der einige Imageprobleme anhängen und die so viel zu bieten hat.

AOC Alsace, AOC Crémant d´Alsace, Alsace Grand Cru

Zunächst ein paar allgemeine Fakten zum Wein-Gebiet Elsass. Im Durchschnitt werden hier 1,2 Millionen Hektoliter produziert, wovon 90 Prozent auf Weißwein fallen und welche überwiegend reinsortig ausgebaut werden. Auf circa 15.600 Hektar Rebfläche gedeihen im AOC-Gebiet sieben zugelassene Rebsorten: Riesling, Pinot Blanc, Gewürztraminer, Pinot Gris, Sylvaner, Muscat  und Pinot Noir. Daneben werden als AC klassifizierte Weine beispielsweise Chasselas, Chardonnay und Savagnin Rose (Traminer, der im Bezirk Heiligenstein unter dem Namen Klevener de Heiligenstein wächst) oder Auxerrois angebaut.

Der für die Region bekannten Edelzwicker bezeichnet Assemblagen aller weißen elsässischen Rebsorten ohne eine konkrete Benennung derer. Er ist zu unterscheiden vom sogenannten Gentil, dem eine Assemblage von höherer Qualität zugrunde liegt. Hierbei müssen zu mindestens 50 Prozent Riesling, Muscat, Pinot Gris und/oder Gewürztraminer vorhanden sein. Der Rest besteht aus Sylvaner, Chasselas oder Pinot Blanc. Für den  Crémant d´Alsace (seit 1976 gibt es diese Klassifizierung) werden Chardonnay, Pinot Blanc, Pinot Noir, Pinot Gris und Riesling verwendet.

Die sehr unterschiedlichen Böden variieren je nach Lage von Granit, Gneis über Schiefer oder Sedimentgesteinsböden aus Kalk, Mergel und Sandstein. Die meisten Grand Cru-Lagen befinden sich auf Mergel oder Granit. Erst seit 1975 gibt es die als Alsace Grand Cru definierte Klassifizierung. In den Jahren 1983 und 1989 wurden insgesamt 50 Lagen aus 47 Gemeinden klassifiziert. Zugelassen hierfür sind lediglich die Rebsorten Riesling, Pinot Gris, Gewürztraminer und Muscat.  

Domaine Léon Boesch

Doch nun unbedingt zurück zum Thema individuelle Winzer, denn hier haben wir einiges Spannendes entdeckt: Unser Weg führt uns nach Westhalten zur Domaine Léon Boesch. In dieser Region finden sich bekannte Lagen wie beispielsweise Luss, Clos Zwingel, Vallee Noble oder die Grand Cru-Lagen Breitenberg und Zinnkoepfle.

Ab zur Fassprobe mit Matthieu Boesch.
Ab zur Fassprobe mit Matthieu Boesch.

 

Wer uns hier begegnet, ist unglaublich sympathisch, fast bescheiden und hat dabei einige der wunderbarsten Elsässer Weine präsentiert, die einem bis dato untergekommen sind: Matthieu Boesch, 34 Jahre alt, schmächtig, aber zäh und dabei wiederum von sensibler Ausstrahlung. Vor einigen Jahren übernahm er zusammen mit seiner Frau die Domaine seiner Eltern und krempelte diese reichlich um. Matthieu spricht zwar mit leiser Stimme, doch schnell merkt man: dieser Mann hat klare Standpunkte und Visionen seit Anbeginn der Übernahme: "Ich war mir der Besonderheit unserer Lagen bewusst. Es war der Zeitpunkt erwachsen zu werden und die Identität des Terroirs auf eigene Weise herauszuarbeiten", erinnert er sich.

Ganzheitliche Ansätze bis hin zur Architektur

Sein ganzheitliches Denken sowohl im Weinberg bis hin zum Bau eines en detail durchdachten bioklimatischen Weinkellers, welcher mit lokalen Natur-Materialien erbaut, mit Stroh isoliert und mit Grasdach begrünt wurde, macht ihn zum prädestinierten Biodynamiker. Im Keller verwendet er alte Holzfässer, die er sich gebraucht von anderen Winzern beschafft. "Ich will noch mehr mit Holz machen – das sage ich schon rein intuitiv: ich selber würde mich auch nicht im Stahltank wohl fühlen, könnte mich nur im Holz frei entfalten. Genauso wird es meinem Wein ergehen".  Daneben gibt es aber auch noch klar technische Gründe für diese Entscheidung: "Holz schützt besser vor Wärmeverlust, daneben gewährt es eine leichte Oxidation und ist für mich auch energetisch die bessere Wahl", so Boesch weiter.

Auf ein paar Fassproben in den klimatisierten Natur-Keller

Später wartet noch eine Verkostung auf uns, aber wir haben das Glück, schon hier im Keller einige Fassproben nehmen zu können. Aus einem Doppelstück (2.400 Liter- Fass) zapft Matthieu ein wenig seines Riesling "Les Grandes Lignes" ab. Vom mastigeren, altmodischem Traditionswein keine Spur! Schon jetzt verfügt der Wein über eine schöne Nase, dezente Weinbergpfirsichtöne treten hervor, die Hefetöne sind noch präsent. Dieser Riesling stammt aus zwei verschiedenen Lagen - Kalk und Sandstein. "Ich habe Angst, dass ich für diesen 2015er Riesling nicht genug Säure habe, wir hatten nicht genug Zeit für die Lese, es waren keine optimalen Bedingungen", erklärt Matthieu. Doch keine Gefahr – das hier ist ein wunderbar schlanker, mineralischer Riesling, die Säure ist straff und schon jetzt hätte man Freude an einem weiteren Schluck.

Matthieu nimmt eine Probe seines Riesling Luss vom Kalkboden. Dieser befindet sich zurzeit noch in der Gärung, ist trüb, sein Restzuckergehalt liegt im Moment bei circa acht Gramm. "Alle Weine machen die malolaktische Gärung (biologischen Säureabbau, der die aggressivere Apfelsäure in die weichere Milchsäure umwandelt) durch", erläutert der Winzer. "Am Schluss wird er so ungefähr zwei bis drei Gramm Restzuckergehalt haben".  Auch hier wieder: wunderbare Frische, Säure und ein dezenter Pfirsichton.

Bezüglich des viel diskutierten Themas Schwefel sagt Matthieu: "Ich gebe knapp ein Gramm sofort gegen die Bakterien hinzu, dann vier Gramm für die Abfüllung, dann nochmal etwas in Wasser aufgelöst auf die Hefe."

Gewürztraminer als Herzensprojekt

Aber wie sieht es beim Gewürztraminer aus? Fährt Matthieu auch hier seine Linie, klare, eigenständige, trockene Weine zu produzieren? Inwieweit ist das bei einem elsässischen Gewürztraminer umsetzbar? Und lässt sich gegebenenfalls solch ein ungewöhnlicher Gewürztraminer überhaupt unter die Leute bringen? Schätzen sie nicht alle diese restsüßen, blumigen, üppigen Weine und wollen sich gar nicht umgewöhnen?

"Jaaaa, der Gewürtztraminer - das ist ein Projekt, das meine Frau und ich lange diskutiert haben" lacht Matthieu. "Aber es muss nicht immer nur Riesling sein, wenn man trockene Weine machen will", ergänzt er und zapft ein wenig von seinem "Les Fous" (die Verrückten) aus dem Fass. Dieser stammt von verschiedenen Lagen und kaum hat man ihn in der Nase beziehungsweise am Gaumen ist die Freude groß: er ist mineralisch, etwas würzig, nicht zu blumig, kraftvoll, aber trotzdem elegant - und einfach nur straight. Sofort ist klar: es funktioniert! Der schlanke, trockene Gewürztraminer ist wunderbar, spannend, anders. Unglaublich, wie Matthieu alles in Einklang bringt! Seine Vision, sein Gefühl, seine Lagen. All das hat man schon mit diesen Fassproben im Glas!

Weinberg der Domaine Léon Boesch.
Weinberg der Domaine Léon Boesch.

 

Trocken, schlanker und mit Finesse

Und genau dies war Matthieus größter Wunsch: "Ich wollte der Erste im Elsass sein, der diese Stilistik eines Gewürztraminers bildet“. Inspiriert hat ihn hierfür ein Besuch auf der ProWein-Messe bei den Österreichischen Winzern. Insbesondere in der Südsteiermark sind spannende trockene Gewürztraminer zu finden. Mit neuen Ideen im Kopf fing Matthieu an, die Trauben der zwischen 60 und 96 Jahre alten Reben früher zu lesen. Dies ist eine Gratwanderung und nicht ohne Risiko. Liest man zu früh, hat man es mit unerwünschten Bitterstoffen zu tun. Wartet man zu lang, ist die Idee vom trockneren, schlanken Gewürztraminer obsolet.

Doch Matthieu hat ein perfektes Händchen für sein Projekt. Dies zeigt sich auch später, als wir den Keller verlassen haben und die Weine der Jahrgänge 2013 und 2014 verkosten.

Verkostung der Jahrgänge 2013 und 2014

Der 2014 "Les Grandes Lignes" Riesling erfreut wiederum mit Frische, präsenter Säure, hat hinten fast ein Hauch von Rose, aber auch Zitronenkonfit, Anis, etwas Muscat, ist zart, elegant und dabei straff. Der 2014 Luss ist eher zitrisch, mineralisch, noch etwas dichter, dabei straffer, weniger floral, hat weniger Fruchtaromen. Er verfügt über eine wunderbare Struktur, Aussage und Eigenständigkeit. Der 2013 Riesling Breitenberg (welchen wir zuvor ebenso schon als 2015er Fassprobe hatten) ist wunderbar zitrisch, zart floral, etwas steinig, mit Noten von gereiftem Pfirsich und zarter Minze. Am Gaumen leicht, mineralisch, ganz hinten etwas jodig-salzig, dabei gehaltvoll und geschmeidig.

Pinot Gris ohne Zuckerschwänzchen

Und wo wir gerade bei "Eigenständigkeit" sind: der Pinos Gris der Domaine Boesch darf dabei nicht unerwähnt bleiben. Ein derartiger Grauburgunder ist uns im Elsass so bisher nicht begegnet!

Hat man oftmals die eher breiten Restsüßen erlebt, tun sich nun ganz neue Horizonte auf: Der "Le Coq" 2014 ist in der Nase zuerst mineralisch mit etwas Feuerstein, dahinter nimmt man einen geschmeidig-floralen Ton, dezente Noten von Bergamotte und etwas Quitte wahr. Am Gaumen ist er wunderbar frisch und zitrisch. Der "Clos Zwingel" 2014, welcher vom Buntsandstein kommt (genauso wie der Pinot Noir der Domaine) ist grasiger, mit Grapefruit-Noten und einer gewissen Schärfe. Die 14 Prozent Alkohol merkt man ihm nicht an - zurück bleibt der Eindruck eines frischen, aussagekräftigen Pinot Gris mit wunderbarem Trinkfluss.

Weine mit Persönlichkeit

Und zu guter Letzt nochmal zum Gewürztraminer Zinnkoepfle Grand Cru 2014: was für ein neues Geschmackserlebnis! 13,5 Prozent Alkohol, dabei elegant, frisch, gut eingebundene Aromen, zarte Rosentöne, ganz fein und dezent, dabei mineralisch.  Nichts Fettes, kein üppiges Bouquet oder Restsüße. Trotz der Andersartigkeit erkennt man die Rebsorte. Aber eben individuell, intelligent, tiefgründig interpretiert. Hier ist es gelungen, etwas ganz Eigenes ins Glas zu bekommen. Ja, genau das ist es: es ist nicht nur der Wein an sich oder das Terroir. Nein, fast denkt man: hier im Glas findet sich ebenso dieser sympathische Mensch mit all seinen Visionen und Interpretationen wieder. Und das ist es doch, was wir uns wünschen: Weine mit Persönlichkeit und Charakter.

Fotos: Daniela Stubbe

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Zuletzt bearbeitet am 29/08/2016

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