Castello di Brolio: die schönste Sackgasse der Toskana (Teil 2)

Gut möglich, dass Baron Bettino Ricasoli im Jahr 1872 ebenfalls auf dieser Terrasse stand und sich nach Jahren des Forschens dazu entschied, die erste und lange Zeit gültige Formel für die Schaffung jenes "perfekten Weins" zu veröffentlichen, der heute als Chianti Classico bekannt ist…

70% Sangiovese sowie 30 % aufgeteilt in Canaiolo und Malvasia. Heute ist der Chianti Classico indes ein wenig modifiziert. Zu nun 80 % Sangiovese dürfen weitere 20 unterschiedliche Rebsorten kommen, indes nur rote. Erst einmal setzte sich aber die Rezeptur des Barons durch. So feierte man z. B. 1937 die Hochzeit von King Georg VI und Gattin Elizabeth, der späteren legendären "Queen Mom", mit einem fulminanten Mittagessen im Buckingham Palast, zu dem natürlich Wein aus dem Castello di Brolio gereicht wurde.

Heute werden die Brolio-Weine in alle Erdteile exportiert. Ein gewichtiger Grund dafür ist sicher, dass Baron Francesco Ricasoli sich vor dem Hintergrund der fast tausend Jahre Gutsgeschichte trotzdem den Willen zur Erneuerung wie zum Experiment bewahrt hat. Und so werden auf den heutigen knapp 240 Hektar Weinbergen nicht nur klassische Weine wie der Brolio Chianti Classico, der Brolio Bettino Chianti Classico oder der Brolio Riserva Chianti Classico, Sortenweine wie der Merlot Casalferro oder der Chardonnay Torricella oder die Weiß- und Roséweine Albia (Bianco di Toscana bzw. Rosato di Toscana) hergestellt.

Baron Bettino Ricasoli.
Baron Bettino Ricasoli.

 

Und natürlich gibt es mit dem Granello auch einen Passito di Toscana und einen Vinsanto del Chianti Classico. Aber das Hauptaugenmerkt gilt natürlich den vier großen Spitzenweinen, der Selezione und den drei Cru. Wie dies geschieht, zeigt ein Blick in den sorgfältig restaurierten, aber auch höchstmodernisierten Maischekeller am Fuß des Castello di Brolio. Hier landen alle handverlesenen Trauben die im Weinberg in Behältern von höchstens 200 kg gesammelt werden. Die Vinifizierung findet erst einmal in kleinen Stahlbottichen statt, die eine effektive Regulierung der Fermentierung ermöglichen. Zudem wird hier garantiert, dass die Integrität und die Charakteristika einer jeden einzelnen Weinbergzone erhalten bleibt.

Denn schon 2005 begann mit der Umstrukturierung der Weinberge, die ihn weit mehr Zeit (über zehn Jahre) und Energie kostete, als er ursprünglich erwartet hatte. Aber natürlich heißt der Wahlspruch im Ricasoli-Wappen nicht ohne Grund "Rien sans peine", was man mit "Nichts ohne Schmerzen" oder besser noch mit "Ohne Fleiß kein Preis" übersetzen kann. Basis war natürlich das enorme Reservoir an teils auch uralten Sangiovese-Klonen, über die das Castello seit den Zeiten von Bettino Ricasoli verfügt.

Die Grundidee war, die unterschiedlichsten Weinberge mit speziellen Sangiovese-Reben zu bepflanzen und so ganz spezielle Weine zu kreieren. 2008 begann man nach drei Jahren Recherche und mit wissenschaftlicher Begleitung mit der Zonierung der Areale. Diese dann kreierten Weine mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten wurden zu den sagenhaften Crus Colledilà, Roncicone und CeniPrima, von denen Jahrgänge wie der 2015er oder der 2016er derzeit 95, 97 und mehr Punkte erhalten (z. B. von James Suckling).

Bereit zum Tasting...
Bereit zum Tasting...

 

Ein Blick in den Weinkeller verrät zudem, dass Ricasoli auch heute gut und gerne über 100 volle Fässer Wein verfügt. Im Degustationsraum fällt aber erst einmal der Blick auf die in transparenten Säulen vorgestellten wichtigsten Terroirs auf dem Landgut. Dann starten wir mit einem sehr, sehr guten Brolio 2018 Chianti Classico DOCG. Schon jetzt verspricht dieser Jahrgang Großes. Der Brolio 2018 (80 % Sangiovese, 15 % Merlot, 5 % Cabernet Sauvignon; 13,5 % Alk.) überzeugt sofort mit fruchtigen Aromen von roten Beeren und floralen Noten wie Iris und Veilchen. Er passt perfekt zu Käse und Salami und erhielt schon bis zu 99 Punkte. Die Trauben wuchsen in 280 bis 480 m Höhe. Sein Ausbau erfolgte über 9 Monate in Tonneaux in Zweit- und Drittbelegung.

Es folgt der Brolio 2017 Riserva Chianti Classico DOCG 80 % Sangiovese, 15 % Merlot, 5 % Cabernet Sauvignon. Er wurde 18 Monate in Tonneaux im Erst- und Zweitbelag ausgebaut und beeindruckt mit seiner intensiv rubinroten Farbe und vielschichtigen Aromen wie reifen roten Früchten, Gewürzen oder Vanille mit Noten von Tabak und Kaffee. Er passt vermutlich perfekt zu Ente. Und trotz des schwierigen Weinjahres 2017 erreicht er mühelos ebenso 93 Punkte. Mit dem Castello di Brolio 2016 Gran Selezione DOCG erreichen wir dann schon einen gewaltigen Höhepunkt. Denn es fällt schwer, diesen wunderbaren Wein hinter die drei berühmten Crus zu platzieren.

Im Gegenteil: Vielleicht gehört er sogar vorneweg! Denn nicht umsonst ist er der Spitzenwein des Hauses. Nur die besten Trauben von Sangiovese (97 %) und Abrusco (3 %), eine Rebsorte aus der Familie der Colorino-Reben, gelangen in diesen Wein. Sie gedeihen in Höhen von 400 bis 500 m über dem Meeresspiegel in den allerbesten Lagen. Und natürlich wird dieser Wein auch nur in den besten Jahren hergestellt. 18 Monate im Fass und 18 weitere Monate in der Flasche dürfen es dann für den Ausbau sein. Und natürlich muss man für diese Offenbarung an Aromen, z. B. von kleinen intensiven roten Früchten, durchaus mindestens 50 Euro für die Flasche rechnen. James Suckling gab 97 Punkte, andere Weinkritiker ebenfalls satte 94 Punkte.

Der Castello di Brolio 2016 Gran Selezione DOCG.
Der Castello di Brolio 2016 Gran Selezione DOCG.

 

Mit dem Colledilà 2017 folgt dann der erste Cru. Der Chianti Classico Gran Selezione DOCG, ein reiner Sangiovese, aber die Trauben aus diversen Brolio-Klonen, wird 18 Monate in Tonneaux (500 l) ausgebaut. Die Trauben wachsen auf Galestro-Böden (7,62 ha), hier Monte Morello genannt, deren Ausrichtung, Südsüdwest und Südostwest intensive Sonnenausstrahlung garantieren. Im Februar 2020 abgefüllt, erhielt er schon 94 und 97 Punkte und beeindruckt mit delikater Frische, aber auch komplexer Eleganz.

Noch weitaus eleganter ist allerdings der Colledilà 2016 Gran Selezione Chianti Classico DOCG, der mühelos überall 95 und 97 Punkte einheimst und perfekt natürlich zur Bistecca fiorentina passt. Letzter Wein dieser Verkostung ist dann der Casalferro 2016, ein hundertprozentiger Merlot und Toscano IGT, der ein wahrer Ausdruck des Terroirs ist. Zurecht wird hier der Merlot als "chiantizzato", "chiantisiert" beschrieben und auch als "Chiantigiano – Merlot" bezeichnet wird. 18 Monate in Tonneaux schufen diesen wunderbaren Wein, der sehr, sehr elegant, ausgewogen und frisch wirkt und seit 1993, dem Jahr der Übernahme des Landgutes durch Baron Francesco Ricasoli, produziert wird. Natürlich könnte man jetzt auch noch zum Vergleich die Crus Roncincone und CeniPrimo heranziehen. Aber eigentlich ist unsere Entscheidung schon gefallen.

Es sind der Haus-Topwein Castello di Brolio Gran Selezione 2016, vielleicht sogar die Numero Uno, und dann der Cru Colledilà 2016. Testen kann man die Crus natürlich auch in der Osteria di Brolio, die hervorragende Küche anbietet und mit junge Köchinnen und Köchen auch innovative Inspiration einbringen. Auf der wechselnden Speisekarte finden sich aber auch Traditionsgerichte und Spezialitäten wie die Tagliatelle al Ragù del Barone. Das Rezept, was will man mehr, steuerte der Chef des Hauses Castello di Brolio, Baron Francesco Ricasoli, höchstpersönlich bei.

Information:
Castello di Brolio, Località Madonna a Brolio, 53013 Gaiole In Chianti, Provinz Siena, Region Toskana, Italien, Tel. +39 0577 73 02 80, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://ricasoli.com/de/
Schlossbesichtigung/Touren: Burgbegehung (1 Std.) mit Gärten 7,50 € pro Person; Klassische Tour Geschichte und Weine von Ricasoli (2 Std.) 35 € p. P.; Tour Castello di Brolio im Abendrot (1 Std. plus Abendessen) 70 € p. P.; Gran Cru Tour (Schloss, Cantina und Mittagessen (2,5 Std. plus Mittagessen) 140 € p. P.; Tour Weinberge (2 Std.) 48 € p. P.; E-Bike-Tour (4 Std.) 130 €
Vinothek (Laden und Verkostungen): Tel. +39 0577 73 02 20, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; 29.5. – 6.7. und 5.10. – 24.10. Mo – Fr 10.00 – 18.00, Sa, S0 10.00 – 19.00 Uhr, 7.7. – 4.10. tgl. 10.00 – 19.00 Uhr
Osteria di Brolio: Res. Tel. +39 0577 73 02 90; 29.5. – 25.10. tgl. 12.00 – 14.30 und abends außer Do 19.00 – 22.00 Uhr geöffnet
Übernachten: Im Landhaus Villa Agresto (18 Jh.) auf dem Anwesen Ricasoli (März bis Dez.; Minimum 4 Nächte) oder im Brolio Agroroom (4 Zimmer auch für Liebhaber des atemberaubenden Radrennens; in der ersten Etage über der Agribar/Eroica Caffè Brolio).

 

Impressionen:

Fotos: Ellen Spielmann, Ricasoli

Submit to FacebookSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 21/11/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.