Dão statt Douro (Teil 1)

Die Região Centro, die nördliche Hälfte Zentralportugals, avanciert zu einer Top-Adresse für Feinschmecker und Weinkenner!

Genuss-Reisende können sich hier durch die Quintas der DOC-Region Dão trinken, wo inzwischen einige der besten Rebensäfte des Landes gekeltert werden – und wo sich Diogo Rocha im Restaurant Mesa de Lemos den ersten Michelin-Stern erkocht hat.

Nein, Júlia Melo Kemper sieht man nicht auf den ersten Blick an, dass sie Winzerin ist. Mit ihrem breitkrempigen Hut und der großen Sonnenbrille würde sie gut in die Metropole Lissabon passen. Nun, dort lebte sie auch viele Jahre. Wurde eine erfolgreiche Anwältin, ging mehrere Jahre nach São Paulo. Irgendwann fragte sie der Herr Papa, ob sie sich vorstellen könnte, ein Weingut nahe der Stadt Viseu im Zentrum des Landes zu erben und zu bewirtschaften. Konnte sie nicht, fürs Erste. "Ich habe drei Jahre lang hin und her überlegt", räumt sie offen ein. "Ich war doch eine glückliche Anwältin. Warum sollte ich mein Leben plötzlich ändern?"

Vielleicht deshalb, weil Reben noch glücklicher machen als Paragraphen. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man mit ihr über die Quinta do Cruzeiro marschiert, die längst ihr liebstes Baby geworden ist, und wo sie über 60 Hektar Weinstöcke und 200 Olivenbäume herrscht. Mit großer Begeisterung erzählt sie, wie sie die Produktion komplett auf "Bio" umgestellt hat. "Die Bauern aus der Nachbarschaft warnten mich: Alle Deine Reben werden sterben." Sie ließ sich nicht beirren, holte Berater aus Frankreich an Bord, düngte mit Schafmist und Hühnerkot, bewässerte nur sehr sparsam. Dirk Niepoort, Spross des berühmten Portweinhauses, einer der innovativsten Winzer Portugals und ein Freund der Familie, wurde auf das Experiment aufmerksam. Er war bereit, Kempers Weinen eine Bühne zu bieten und sie zu vermarkten, auch international.

Weinfeld von Júlia Melo Kemper.
Weinfeld von Júlia Melo Kemper.

 

Noch vor einigen Jahrzehnten hätte niemand eine solche Erfolgsgeschichte für möglich gehalten. Während der Militär-Diktatur dominierten Kooperativen bis zu 95 Prozent der Produktion. Ihnen fehlte das Geld, in zeitgemäße Technik zu investieren. Gleichzeitig war es Privatgütern verboten, sich mit Fassweinen bei anderen Winzern einzudecken. Das Resultat waren anspruchslose Weine, die primär an die (ehemaligen) Kolonien vertickt wurden. Dão, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, einem nördlichen Nebenlauf des Mondego, versank in einem Meer gesichtsloser Gewächse. Das änderte sich allmählich nach dem EU-Beitritt 1986. Plötzlich begannen Winzer das große Potenzial der Region und die hervorragenden klimatischen und geographischen Bedingungen zu entdecken: die Granitböden, die den Wurzeln der Weinreben ein tiefes Eindringen in die Böden erlauben; die durch mehrere Bergketten vor atlantischen Winden und zu vielen Niederschlägen geschützte Lage; die charakteristischen autochthonen Rebsorten; die Lage auf rund 500 Metern Seehöhe mit deutlichen Schwankungen zwischen Tag- und Nachttemperaturen.

Ernte: die Trauben für den Quinta Caminhos Cruzados.
Ernte: die Trauben für den Quinta Caminhos Cruzados.

 

Einer von Kempers typischen Weinen ist der JK Elpenor Red, eine rote Cuvée aus den Dão-Rebsorten Touriga Nacional, Tinta Roriz, Alfrocheiro und Jaen: körperreich, aber dennoch elegant; präsent, aber nicht aufdringlich. Ähnliches lässt sich über Kempers Tropfen aus den weißen Rebsorten Encruzado, Malvasia Fina (Arinto) und Verdelho sagen. Kemper weiß, dass Cuvées gefragt sind und sich international – zum Beispiel in ihrer zweiten Heimat Brasilien – bestens verkaufen lassen. Sie selbst bevorzugt jedoch die sortenreinen Weine. Über ihren Touriga Nacional sagt sie mit einem Augenzwinkern: "Der hat die beste Nase. Das Parfum eines Mannes!" Wohl wahr: Wer ihn kostet, läuft Gefahr, sich von den sonnenverwöhnten, aber manchmal etwas langweiligen Douro-Trauben abzuwenden. Die Dão-Weine haben Ecken und Kanten. Und gerade das macht sie interessant. Man wird ihrer nie überdrüssig.

Die Quinta Caminhos Cruzados.
Die Quinta Caminhos Cruzados.

 

So ähnlich beschreibt das auch Lígia Santos von der Quinta Caminhos Cruzados: "Douro, das ist die junge Hübsche. Dão, das ist die etwas reifere, elegante Dame." Sie selbst fällt zweifellos in erstere Kategorie. Gerade einmal 33 Jahre alt ist die promovierte Juristin, die unter anderem in Passau studierte. 2017 übernahm sie von ihrem Vater die Geschäfte, ließ eine architektonisch ansprechende, moderne Kellerei mit viel Sichtbeton bauen und versammelte um sich herum ein junges Team von Winzern. Auch sie erweist den heimischen Rebsorten ihre Referenz, experimentiert aber in ihrer Clandestino-Kollektion auch mit Syrah und Merlot, mit Sémillon und Chardonnay bei den Weißen. "Bei Blindverkostungen erkennen viele diese klassischen Rebsorten nicht oder erst nach einem Hinweis, weil sie auf unserem Terroir so anders duften und schmecken", erklärt sie. Natürlich bekommt man bei ihr auch einen markant-konzentrierten, bodenbetonten reinrassigen Touriga Nacional oder eine überraschend komplexe weiße Cuvée aus Encruzado und Malvasia Fina von 2016, die mit zehn Euro zudem unschlagbar günstig ist (ab Weingut).

Genuss pur: ein Glass Quinta Caminhos Cruzado im Sonnenuntergang.
Genuss pur: ein Glass Quinta Caminhos Cruzado im Sonnenuntergang.

 

In Teil 2 unserer Reportage aus Portugal geht es am 19.11.2020 weiter in das aristokratisch geprägte 1000-Einwohner-Dorf Santar...

 

Informationen:

Allgemeine Auskünfte
Tourismusverband Centro de Portugal: www.centerofportugal.com, Casa Amarela, Largo de Sta. Cristina, 3500-181 Viseu, T: +351 232 432 032

Anreise
Von deutschen Flughäfen nach Porto und von dort weiter mit dem Leihwagen

Wohnen
In Viseu in der Pousada de Viseu ( www.pousadadeviseu.com ), einem ehemaligen Krankenhaus nahe des historischen Zentrums. Das Gebäude wurde 2009 von dem bekannten Architekten Gonçalo Byrne komplett saniert und in ein ansprechendes Hotel verwandelt, das zu Pestana ( www.pestana.com ), der größten Hotelkette Portugals, gehört.

Modern designte Zimmer bietet das Mesa de Lemos an: https://mesadelemos.com

Eine der besten Adressen der Region befindet sich in den Bergen der Serra da Estrela oberhalb des Städtchens Manteigas. Dort führen die beiden Lissaboner João Costa Tomás und Isabel Costa, die ihre Karrieren als Wirtschaftsanwalt beziehungsweise Marketing-Managerin aufgegeben haben, das Vier-Sterne-Haus Casa das Penhas Douradas ( https://casadaspenhasdouradas.pt ) und seit 2018 das Casa de São Lourenço ( https://casadesaolourenco.pt ), das einzige Fünf-Sterne-Hotel in der Serra.

Weingüter
https://quintadelemos.com
https://juliakemperwines.com
www.caminhoscruzados.net 
https://santarvilajardim.pt
www.globalwines.pt 

Santar Vila Jardim
www.santargardenvillage.com 

Stadtführung in Viseu
www.neverending.pt 

Geführte Wanderungen und Radtouren in der Serra da Estrela
https://www.portugal-a2z.com

Historische Dörfer Zentralportugals (sehr sehens- und besuchenswert!)
https://aldeiashistoricasdeportugal.com

Medien
Sara Anna Danielsson: "Portugals Norden. 25 Wanderungen in wilder Natur", Outdoor-Handbuch Band 410, Conrad Stein Verlag, www.conrad-stein-verlag.de
"Diogo Rocha Today", Foto-Buch mit Rezepten des Sterne-Kochs, zu beziehen über die Quinta de Lemos

Fotos: Günter Kast, Tiago de Paula Carvalho, Raphaela Recke, Quinta Caminhos Cruzado, Weingüter, Tourismusverband Centro de Portugal

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Zuletzt bearbeitet am 19/11/2020

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Autor

Günter Kast

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