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Hohelied des Sangiovese!

Die PrimAnteprima in der Florentiner Fortezza da Basso, das stets prestigeträchtige Stelldichein zum Auftakt der neuen toskanischen Weinsaison am 15.2.2020, vereinte erneut Hunderte Winzer, Sommeliers, Restaurantbesitzer, Weinkritiker und Medienschaffende aus aller Welt...

Dabei ging es nicht nur um die Präsentation der neuen Jahrgänge aus gleich acht der 22 in der toskanischen Wein-Assoziation Avito zusammengeschlossenen Weingebiete, die sämtlich außerhalb des Chianti- und des Chianti-Classico-Gebiets liegen. Diesjähriges Hauptthema im Pavillon Cavaniglia war der Dauerstar schlechthin der toskanische Weinwirtschaft, die Sangiovese-Weinrebe. Dazu luden zwei renommierte Sommeliers der Sommelier-Vereinigung FISAR, Luca Canapichi und Emanuele Costantini, gleich zu Beginn des Tagesevents zum Weinseminar: Und wer den imaginären Ritterschlag zum "Bachelor Sangiovese" erhalten wollte, der erschien zur Verkostung dieser ebenso großartigen wie variantenreichen Rebsorte, die auf den mit Abstand meisten Hängen der Weinberge der Toskana prächtig gedeiht.

Die Sangiovese-Rebstöcke stehen auf satten 35 757 der im Jahr 2019 insgesamt 58 793 Hektar Weinbaufläche der Toskana. Erst mit weitem Abstand folgen Merlot (4643 ha), Cabernet Sauvignon (3759 ha) oder Trebbiano Toscano (2448 ha). Und das die Sangiovese-Traube auch prächtig mit anderen Rebsorten harmoniert, zeigten die beiden Sommeliers dann auch noch in der Nachmittagsveranstaltung zur "Vermählung des Sangiovese", ebenfalls zu den Jahrgängen 2015, 23016 und 2017: Denn so die zwei Experten, "der Genius liebt Gesellschaft"!

Welche Bedeutung diese Eröffnung der Weinwoche Anteprime Toscana mittlerweile hat, zeigt der große Andrang im Verkostungssaal des Pavillons Cavaniglia. Welche Pracht der Sangiovese im Glas entfalten kann, ist den meisten Weinliebhabern längst vertraut. Tatsächlich sind es aber auch die bemerkenswerten großen Unterschiede, die den Geschmacksreichtum dieser großen Rebsorte ausmachen. Natürlich sind da erst einmal die klimatisch unterschiedlichen Jahrgänge zu nennen, in unserem Fall die toskanischen Superjahre 2015 und noch mehr 2016 und das eher schwierige Weinjahr 2017.

Seminar im Rahmen der PrimAnteprima in der Florentiner Fortezza da Basso.
Seminar im Rahmen der PrimAnteprima in der Florentiner Fortezza da Basso.

 

Und natürlich spielt das Terroir im jeweiligen Anbaugebiet eine ganz entscheidende Rolle. Hinzu kommen die Höhenlage und das jeweilige Mikroklima vor Ort, etwa auch die lokale Niederschlagsmenge, Sonnenstunden etc. pp. Ein ganz entscheidendes Kriterium ist aber auch die hohe Fertigkeit der jeweiligen Winzer, die mit Esprit, Können und Erfahrung letztlich den Glanz des Sangiovese in die Gläser zaubern.

Los ging es mit einem Wein aus dem Weinbaugebiet des Valdarno di Sopra, eines jener vier Gebiete, die 1716 jene Auszeichnung von Großherzog Cosimo III. als exzellente und damit seither ausgewiesene Weinbauzone erhielten. Etwas in Vergessenheit geraten, ist es seit 2011 wieder DOC-Gebiet. Hier, im Gebiet eines prähistorischen Meeres, bilden Sand und viel feiner Kies das Terroir auch für den eingeschenkten "Ottantadue" ("82") des Jahrgangs 2017 von der Tenuta Il Carnasciale. 30 km nördlich von Siena entstand ein 100 % Sangiovese, der 14 Monate im Stahl und dann drei Monate in der Flasche reifte. Allerdings benötigt der mit frischen Aromen wie roten Früchten und gutem Finish aufwartende Wein noch einige Zeit. Trinkbar ist der mit 15 Euro pro Flasche nicht überteuerte Wein sicher bis 2026 und passt perfekt z. B. zu Pappardelle al Cinghiale (Wildschwein).

Numero Due der Präsentation führte ins Val d`Orcia. Die Bestimmungen für die vielen Kleinproduzenten im Orcia-Tal verlangen 90 Prozent Sangiovese im Orcia Sangiovese und 60 Prozent im Rosato (Rosé), während der Orcia Bianco zumeist aus Trebbiano hergestellt wird. Eingeschenkt wurde der Orcia DOC Sangiovese 2017 SassodiSole der Familie Terzuoli aus dem Örtchen Sasso di Sole bei Torrenieri. Der hundertprozentige Sangiovese, profitiert von den in Höhen von 280 bis 320 m über dem Meeresspiegel auf Lehm- und Sandsteinböden gedeihenden Trauben. Der Wein reift dann 12 Monate in großen slawonischen Eichenfässern. In der Farbe deutlich dunkler als der erste Wein (dunkle rote Rose), überzeugt der Sassodisole mit balsamischen und frischen Gewürznoten, ist als 2017er nicht zu konzentriert und schmeckt harmonisch. Mit einem Preis ab 9 Euro die Flasche ist er fast ein Schnäppchen. Und während der Sommelier noch den für die Vielfalt des Sangiovese naheliegenden Scherz "gleiche Mutter, verschiedene Söhne" zum Besten gibt, geht es auch schon mit dem dritten Wein aus den Colline Lucchesi, der Hügellandschaft von Lucca weiter.

Sangiovese Tasting...
Sangiovese Tasting...

 

Hier stellt die renommierte Tenuta Maria Teresa einen IGT Toscano Rosso 2016 bereit, 100 % Sangiovese mit satten 14 Prozent Alkohol. Der Wein reift 16 Monate im Stahl. Die Trauben wachsen in etwa 180 m Höhe, das Terroir besteht aus viel Sand mit Silizium und Magnesium. Der Wein überzeugt mit seiner leichten, würzigen Süße mit leichten Noten von Sellerie, ist sanft und schmeckt doch sehr erfrischend.

Mit einem wirklichen Klassewein wartet dann das neue toskanische Weingebiet Terre di Pisa auf. Dabei ist der Hersteller, die Badia di Morrona, ein alter Bekannter. Und mit dem Vigna Alta Terre di Pisa Sangiovese DOC 2016, 100 % Sangiovese, in 250 m Höhe auf Sandstein mit viel mineralischem Untergrund gewachsen, überzeugt die Badia di Morrona alle: Der Wein reifte teils im französischen Eichen-Barrique, teils in großen Eichenfässern (25 ha) für jeweils 14 Monate, ehe ihm weitere zehn Monate Zeit in der Flasche gelassen wurden. Perfekt ist er auch dank seiner großartigen blumigen, nach Blau- und weiteren schwarzen Beeren mundenden Aromen.

Doch es sollte noch besser kommen: Denn das winzige Weingebiet Carmignano präsentierte sich mit dem IGT Toscana Sangiovese 2016 Ugo Contini Bonacossi aus der Tenuta di Capezzana ein herausragendes Schwergewicht. In Südlage in 150 m Höhe gewachsen, ist dieser Sangiovese (100 %) zur Hälfte für 18 Monate in neuen Barrique-Fässern, zur anderen Hälfte indes in gebrauchten Fässern gereift, ehe er weitere 12 Monate Flaschenreife erhielt. Schwarze Kirsche, leicht würzige sowie Beerenaromen und eine große Farbe zeichnen diesen Wein aus, der besonders auch beim zweiten Schluck vollends überzeugt.

Mit der Weinbauzone des Chianti Rufina ist die höchstgelegene DOC-Region der Toskana erreicht. Seit 1967 geschützt und seit 1989 zur DOCG-Region aufgewertet, imponiert auch der Ludié Vecchie Vigne Chianti Rufina Riserva DOCG 2015 aus der Bio-Fattoria Lavacchio. Die Trauben wuchsen auf dem 1963 in Ost- und Südlage in 400 m Höhe angelegten Weinberg "La Vecchia in salita". 24 Monate in französischer Eiche und mindestens 18 Monate in der Falsche machen auch diesen Wein superb: Er ist stark, konzentriert, trocken, mit Aromen von schwarzer Kirsche, ohne jede Bittertannine und somit nur zu empfehlen!

Donatella Cinelli Colombini, Präsidentin des Weinkonsortiums Val d`Orcia.
Donatella Cinelli Colombini, Präsidentin des Weinkonsortiums Val d`Orcia.

 

Schließlich setzt die unterhalb des Uraltvulkans Monte Amiata seit 2011als DOCG-Gebiet etablierte, oft übersehene Weinzone Montecucco den letzten großen Akzent der sieben präsentierten Weine. Immerhin 0,5 % der toskanischen Weine stammen aus diesem Gebiet. Es stellt sich mit dem Montecucco Sangiovese Riserva DOCG 2015 Parmoleto vor. Mit 15 % Alkoholgehalt ist er indes kein Leichtgewicht. Die Trauben wachsen auf Lehmböden in Ost-Südlage in 250 m Höhe. Dann geht es für 24 Monate in große französische Eichenfässer, ehe weitere 24 Monate Reifung in der Flasche folgen. Das Resultat ist wunderbar, mit Aromen von roter Kirsche und roten Früchten. Und der noch immer junge Wein wartet mit herrlichen Tanninen auf, die ihn wohl in einigen Jahren noch attraktiver machen.

Selbstverständlich bestimmten auch Nachhaltigkeit und der immer wichtigere Enoturismo, der Weintourismus in die herrlichen toskanischen Weingebiete den Eröffnungstag. Insbesondere tat sich hierbei das zum UNESCO-Welterbe zählende Val d`Orcia hervor. Donatella Cinelli Colombini, Präsidentin des Weinkonsortiums Val d`Orcia beim Pressegespräch zum Thema "Vom Önotourismus zum Marketing des Weingebiets am Modell Orcia DOC". Und man erlebte erstaunt auch am Stand des prestigeträchtigen Tals, dass hier möglicherweise zwar nicht er Beste, wohl aber der "schönste" Wein der Welt herstammt. Also durfte auch ein Gläschen auf "il piu bello vino del mondo" nicht fehlen. Bellissimo!

Und natürlich machte erneut das jüngste toskanische DOC-Gebiet "Terre di Pisa" auf sich aufmerksam. Seit 2011 DOC-Gebiet, wurde sein Weinkonsortium aber erst 2018 gegründet. Neben den Terre di Pisa als Reiseziel und den Top-Weinen der Badia di Morrona sollte man auch ein Auge auf die Bioweine und die besonders stark nach Deutschland exportierten Bio-Lebensmittel des Weingutes Tenuta di Ghizzano in Ghizzano di Peccioli (Provinz Pisa) haben.

Die Eignerin ist auch Präsidentin des DOC-Konsortiums Terre di Pisa: Ginevra Venerosi Pesciolini verweist auf die Terre di Pisa als perfekter Standort für toskanische Ferien auf dem Gutshof. Und natürlich sind auch ihre Bioweine der besonders erlesen, etwa der Blend "Veneroso Terre di Pisa 2015" aus 70 % Sangiovese und 30 % Cabernet Sauvignon (13,5 % Alkohol), oder der "Nambrot" IGT Costa Toscana 2016 aus Merlot, Cabernet Frank und Petit Verdot. Das 320 ha große Gut (davon 20 ha Weinberge, 20 ha Olivenhaine, 180 ha Getreide, 100 ha Wald) existiert schon seit 1985 und arbeitet seit 2008 vollzertifiziert biodynamisch. In Deutschland sind die Weine z. B. im Weinkeller Köln und in vielen Restaurants erhältlich. Und die landwirtschaftlichen Produkte in vielen Bioläden.

 

Impressionen:

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2020

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