Fattoria Castelvecchi: eine tausendjährige Liebesaffäre (Chianti-Tour, Teil 2)

Gänzlich konträr zum noch jungen Castello di Radda präsentiert sich das nur wenige Kilometer weiter liegende uralte Weingut Castelvecchi.

Klar, Geschichte an sich kann man nur bedingt einkorken. Irgendwann sind auch die Aromen der besten Weine mal hin, der Rest dann nur noch "für die Götter". Aber natürlich zählt schon, dass auf diesem Weingut, dessen kastellartiges Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert sich vis-a-vis eines wunderbaren Talrundes mit der herrlichen Dorf-Skyline von Volpaia auf dem Kamm erhebt, der Weinbau stets eine herausragende Rolle spielte.

Hier hat sich die italienweit aktive Familie Paladin eingekauft, um den Weinbergen von "Le Madri del Chianti" nicht nur exzellente Weine wie den "Lodolaio" Chianti Classico Riserva D.O.C.G. 2016 abzuringen, Das gesamte dörfliche Konglomerat öffnet sich dem prosperierenden Weintourismus. Im alten Herrenhaus genauso wie in den alten Gemäuern des Dörfchens stehen – wie auch im nahen Volpaia – Wohnungen und Apartments im Stile eine Landhotels zur Verfügung. Und natürlich wurde auch an ein Ristorante (donnerstags zu) und sogar an einen kleinen Swimming Pool gedacht. Es locken Wanderungen und Radausflüge, Urlaub mit gelebter Entschleunigung. Formal sind die touristischen wie önologischen Aktivitäten fein säuberlich voneinander getrennt.

Im Weinkeller des Weinguts...
Im Weinkeller des Weinguts...

 

Doch natürlich existieren hier, im Herzen des Chianti Classico, wo über allem der Gallo Nero, der Schwarze Hahn seinen Hahnenkamm erhebt, auch Überscheidungen. So locken auch wunderbare Picknicks auf den Weinbergen hierher. Und natürlich besuchen auch Gäste des Agriturismo bzw. des ebenfalls sehr familienfreundlich ausgerichteten Landhotels im Borgo, dem alten Castelvecchi, die Verkostungen in den herrlichen, perfekt mit Kerzenschein illuminierten Kellerräumen von Castelvecchi.

Und gerade deutsche Gäste werden dabei eine Überraschung erleben. Denn mit Benedikt Maximilian "Max" Ruf" ist hier ein junger, doch waschechter Bajuware Winzermeister. Er wuchs nahebei in der Toskana auf und ging hier zur Schule. Doch seine Familie stammt ursprünglich vom Tegernsee, von wo es den Vorfahren, einen Architekten, irgendwann schnurstracks gen Italien und dann in die wohl noch schönere Toskana zog. Das Weingut selbst bewirtschaftet einige der höchstgelegenen Hügel rund um Radda in Chianti, darunter den Colle Petroso, der satte 560 m über dem Meeresspiegel erreicht.

Aber ein Gutteil der Weinberge zieht sich dann auch bis weit ins Tal hinab. Viel Arbeit für Max und seien Kollegen. Und eine Herausforderung: Denn die erstaunliche Höhendifferenz der durchschnittliche über 50 Jahre alten Weinberge ist einerseits ein Markenzeichen dieser Tenuta. Andererseits ist sie aber natürlich auch eine besondere Herausforderung für jeden Winzer.

In jedem Fall unschlagbar ist der grandiose Panoramablick rund um den Talkessel auf Castelvecchi, Volpaia und die dahinter liegenden Hügelketten des Chianti. Und allein schon aus diesem Grunde sollte sich niemand ein Picknick auf den "Madri del Chianti", das "Picnic in Vigna" (35 Euro, Kinder 12 Euro) entgehen lassen.

Tasting in der freien Natur...
Tasting in der freien Natur...

 

Rein von der Weinbewirtschaftung her beschreibt "Down to Earth" eigentlich am besten das Konzept in diesem fast 1000 Jahre alten Gut. Denn dort, wo "das Land auf die Leidenschaft trifft", entstehen diese herrlichen Weine.
Begonnen hat alles um 1043, als für diesen Ort erstmals ein "Castello et curtis", ein befestigtes Kastell mit umgürtenden Mauern erwähnt wurde. Und tatsächlich finden sich im Borgo bis heute Reste dieses Uraltmauerwerks. Noch älter als dies Kastell ist das direkt unterhalb Castelvecchi stehende Kirchlein Santa Maria Novella, um 1000 erbaut. Castelvecchi lag an einer alten Römerstraße. Und schon im 11. und 12. Jahrhundert kam es hier zu waffenklirrenden Händeln zwischen konkurrierenden Adligen.

Dann wurde Castelvecchi ein extrem wichtiger Stützpunkt jener militanten Lega del Chianti, der das heutige Konsortium des Chianti Classico sein Markenzeichen, den schwarzen Hahn, zu verdanken hat. 1384 war Radda in Chianti Hauptstützpunkt der Lega, die hier im Verbund mit einer mächtigen alten, doch ungewöhnlich jung wirkenden und sehr reichen Dame, der Stadtrepublik Florenz, gegen die Ansprüche einer ebenso ewig jungen, doch nicht ganz so reichen Konkurrentin, der Stadtrepublik Siena antrat. Hier war Grenzgebiet, das Kastell diente militärischen Zwecken. Die jahrhundertelange Rauferei endete schließlich mit der Neiderlage von Siena.

Im 17./18. Jahrhundert avancierte das Gut um das Kastell zu einem der reichsten im Chianti. Neuer Besitzer wurde Don Urbano de Vecchi, ein Priester und guter Freund des Papstes wie auch der Großherzöge der Toskana. Und ergab dem Gemäuer schließlich seien heutigen Namen: Castel de`Vecchi war geboren!
Die Kellerräume unter dem Herrenhaus datieren sogar bis ins 16. Jahrhundert zurück. Und den besten Beweis für die lange Tradition der Landwirtshaft an diesem Ort – trotz der dauerhaften Fehden – beweist das Restaurant in der alten Ölmühle, deren Ursprung sogar ins Mittelalter zurückdatiert. Alles wird weiterhin akribisch von Archäologen und Denkmalschützern untersucht – doch die Weinproduktion geht natürlich weiter.

Eingebettet in die schöne Natur...
Eingebettet in die schöne Natur...

 

Die Degustation startet dann mit dem Castelvecchi Capotondo 2017, einem Sangiovese (80 %) mit 20 Prozent Canaiolo-Trauben, der zum Teil in Stahl, teils auch im Fass reifte. In die Flaschen kam er 2019. 2017 war ein trockenes, sehr schwieriges Jahr. Nur ein Viertel der sonstigen Regenmenge errichte die Hügel ringsum. Doch das Resultat kann sich weiterhin sehen lassen. Vielleicht liegt das Geheimnis im erhöhten Canaiolo-Anteil. Denn der 2016er besaß 88 % Sangiovese und nur 12 Prozent Canaiolo.

Erster Höhepunkt ist dann der Chianti Classico Riserva D.O.C.G. Lodolaio 2016. Der Sangiovese (100 %) imponiert mit extrem gelungener Harmonie, ist sehr rund, angenehm im Geschmack und besitzt sogar leicht rauchige Noten. Er wirkt noch sehr jung, könnte etwas kräftiger sein und darf somit noch ein wenig warten. Dennoch ist er eine Auszeichnung für Winzer Max Ruf. Noch eindrucksvoller ist die Chianti Classico D.O.C.G. Gran Selezione Madonnino della Pieve 2016.

Die Trauben dieses puren Sangiovese stammen vom am tiefsten gelegenen Weinberg der Fattoria. Der Wein lagerte zwei Jahre im Fass, eher er für weitere zehn Monate in der Flasche reifte. Mit herrlich roter, profunder Farbe und fruchtigen Noten imponiert er fast so perfekt wie der großartige Toscana I.G.P. Solana 2015. Der Blend aus 25 Prozent Merlot, 25 Prozent Syrah und 50 % Sangiovese wird nur in den allerbesten Weinjahren im Barrique hergestellt und kam gerade auf den Markt.

Auf ein Glas...
Auf ein Glas...

 

Er ist eine Hommage an den früheren Besitzer, dem Markgrafen Abelardo Gutierrez de la Solana, der schon früh die hohe Qualität der Castelvecchi-Weine garantierte und sie vor 100 Jahren in alle Welt exportierte. Der Solana wurde schon mit 96 Punkten bewertet, aber auch eine niedrigere Punktzahl von etwa "nur" 91 Punkten wäre Grund genug, ihn jederzeit zu empfehlen.

Information:
Premiata Fattoria di Castelvecchi in Chianti Le Madri del Chianti, Carlo und Roberto Paladin Società Agricola, Località Castelvecchi, 53017 Radda in Chianti, Provinz Siena, Toskana, Italien, Weinhandel Tel. Tel. +39 0422 76 81 67, Weinkeller Tel. +39 0577 73 56 12, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.chianticastelvecchi.it 
Degustationen: normal 15 Euro, mit Pecorino-Käse, Brot, Olivenöl 30 Euro, Tasting Gran Selezione, Chianti Classico Riserva etc. "Antica Essenza del Chianti" 20 Euro, Picknick 35 Euro,
Agriturismo/Übernachtung/Restaurant: www.castelvecchi.com 

 

Impressionen:

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 09/05/2020

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