Castello di Radda: mit Weitsicht zu Riesenerfolg (Chianti-Tour, Teil 1)

Eine Spritztour ins Gebiet des Chianti Classico ist zu allen Jahreszeiten ein besonderes Erlebnis. Schön, dass so ein kurzer Ausflug auch während der Anteprime 2020 von Florenz aus möglich war.

Perfekt erschloss sich so auch die einzigartige Schönheit der ebenso wald- wie weinbergreichen Landschaft im Februar! Ziel der Fahrt war ein Ort im magischen Dreieck des Chianti Classico: Radda in Chianti! Sonst sommertags oft überfüllt und gerade bei deutschen Toskana-Reisenden äußerst beliebt, präsentiert sich das 1600-Seelen-Dorf zu dieser Jahreszeit eher wie im Winterschlaf. Allenfalls einige geöffnete Restaurants und das Museum des Chianti Classico bewahren nun die hiesige große Weintradition. Doch in den Weingütern ringsum ist man natürlich das ganze Jahr über rege. Etwa nur einige Kilometer weiter östlich und mit Blick auf die Silhouette des Dorfes im Castello di Radda.

Im Jahr 2003 beschloss die nahe Brescia in der Lombardei beheimatete Familie Beretta, ihr in der Gesellschaft Agricole Gussalli Beretta vereintes, über den gesamten italienischen Stiefel ausgebreitetes Weinimperium erneut auszubauen. Bekannt sind die Beretta für ihr ihr historisches Gut Lo Sparviere, wo prestigeträchtige Franciacorta-Schaumweine hergestellt werden. Nun also sollte es auch eine Dependance im Chianti Classico sein. Gesagt, getan: Frei wurde ein ca. 45 ha großes Areal, schon im Hinterhof des berühmten Castello di Volpaia vor den Toren von Radda. Der Boden ist hier natürlich perfekt für den Anbau der Rebsorten Sangiovese und Canaiolo: Lehm und Kalkstein mittlere Textur mit einem hohen Anteil an Meeresfossilien. Heute werden hier 36 ha Weinberge bewirtschaftet, fünf weitere Hektar kommen in Kürze hinzu.

Und natürlich musste auch gebaut werden. Bis 2008 entstanden aber weder eine Burg im traditionellen Sinn noch ein postmodernes Schloss. Architekt Spartaco Mori entschloss sich, den spektakulären Bau in den Fels zu bauen, den Weinkeller ganz in den Untergrund zu legen und die oberirdischen Gebäude samt stylischem Verkostungsraum, Terrasse, Gartenanlage und großem Portikus mit herrlichen Steinfassaden zu versehen.

Weingut Castello di Radda.
Weingut Castello di Radda.

 

Dass in diesem sehr ansprechenden, zeitgenössischen italienischen Architekturambiente auch herrliche Weine entstehen, davon überzeugten dann Gutsdirektor Stefano Peruzzi und seine junge Kommunikationschefin Eleonora Maoddi nach der Kellerbesichtigung. Insbesondere Signora Maoddi, eine gebürtige Sardin, glänzte mit exzellenter Kompetenz. Kein Wunder, denn sie ist auch studierte Önologin und natürlich bestens auch praktisch mit allen Spezifika des Weinbaus vertraut. Welche mittlerweile schon häufig prämierten Weinwunder dies noch recht junge Weingut mittlerweile besitzt, zeigte dann die Präsentation.

Doch erst einmal die nackten Zahlen: Das Castello di Radda produziert aktuell ca. 135 000 Flaschen pro Jahr. 90 Prozent der auf den in Südwest- bis Südostlage perfekt gelegenen Weinberge tragen Sangiovese-Rebstöcke. Allerdings: Sie liegen recht hoch, tatsächlich 450 bis maximal 480 m über dem Meeresspiegel. Dies bedeutet: die Ernte fällt meist erst Anfang Oktober an! Weißweine werden übrigens gar keine produziert. Und auch Olivenhaine sucht man vergeblich. Im Castello di Radda setzen die 14 festen Mitarbeiter – zur Erntezeit sind es 30 – voll und ganz auf den klassischen Roten aus dem Chianti Classico, gestaffelt bis hin zum Gran Selezione. Aktuell ist das Gut in Konversion. Ab 2021 ist es ein voll zertifizierter Biobetrieb.

Dabei, so Eleonora Maoddi, gehe es bei der Entscheidung für "Bio" eher nicht um den Geschmack des Weins, sondern um die Gesundheit der Menschen an sich. Auch deshalb geht im Castello die Radda Qualität konsequent stets vor Qualität. So musste – natürlich auch aufgrund der prekären Witterungsbedingungen etwa 50 Prozent der Ernte 2017 aufgegeben werden. Was dann jedoch in die Fässer aus slawonischer Eiche gelangt, kann sich im Resultat jederzeit mit den Besten der Besten messen.

Weinkeller des Weinguts.
Weinkeller des Weinguts.

 

Los geht es mit dem neuen jungen Rosato 2019 Toscana I.G.T.. Die Trauben dieses Rosé-Weins stammen von den noch etwas jüngeren Pflanzungen auf den Weinbergen. Der Wein überzeugt sofort durch seine Frische und Leichtigkeit, ist mit 12,5 % Alkoholgehalt ideal für Sommerabende und, wie Signora Maoddi sich herrlich ausdrückt: "Esattoli!", "Genauchen!" Er ist ein perfekter "Terrassenwein" zu allen Anlässen. Und er ist dank geringem Zuckergehalt auch nicht zu süß. Als heiter frischer Aperitif oder zu Huhn, Fisch und einmalig zu Salaten ist er mit 10 Euro auch in einem äußerst passablen Preis-Leistungsverhältnis angesiedelt.

Von Höhenlage und Mikroklima der Weinberge des Castello di Radda profitiert auch der elegante Granbruno Toscana I.G.T. 2018, ein wunderbarer Blend aus 60 Prozent Merlot und 40 Prozent Sangiovese. Dabei stammen die Merlot-Trauben vorzugsweise aus den kühleren Weinbergarealen. Die Sangiovese-Trauben hingegen stammen von den jüngeren Pflanzungen und bewahren so ihre typische Frische und die raffinerte Eleganz. Kein Wunder daher, das gerade dieser Wein im Export reüssiert: Jung, frisch, fruchtig mit Noten von roten Früchten und grünem Pfeffer, innovativ, sehr lecker, wohl fünf Jahre haltbar und mit einem Preis von ebenfalls nur 10 Euro gerade auch für jüngeres Publikum wehr attraktiv, setzt er seinen Siegeszug fort. Er reift in Stahl und teils auch im Tonneaux. Perfekt ist er zu frischem Käse, aber auch rotem und weißem Fleisch.

Dass in einem schwierigen Jahr trotzdem eine herrlicher Wein entstehen kann, beweist der 2017er Chianti Classico D.O.C.G.: 90 Prozent Sangiovese und zehn Prozent Canaiolo machen diesen von Hand gelesenen, in 20 kg-Körben gesammelten Wein zum kleinen Ereignis. Die Reifung erfolgt teils im Tonneaux, teils in 20 Hektoliter-Fässern aus slawonischer Eiche, bevor weitere sechs Monate Warten in der Flasche anstehen. Mit ca. 14 Euro ab Cantina ist auch dieser Wein im sehr guten Preisniveau angesiedelt. Und natürlich hat die Witterung der Quantität eher übel mitgespielt. Doch Gutsdirektor Peruzzi meint, ein größeres Übel als das schwankende Jahresklima sei der Verbiss durch Wildschwein und auch Ziegen. 5 bis 7 Prozent der Ernte verlöre man, wären nicht die sehr kostspieligen, bis 60 cm tief in den Boden gesetzten Umzäunungen. Pro laufenden Meter verschlingen sie Unkosten zwischen 12 und 15 Euro.

Auf zum Tasting...
Auf zum Tasting...

 

Welche Klasse dann das Castello di Radda zu liefern hat, beweist der sehr, sehr, sehr gute 2015er Chianti Classico Riserva D.O.C.G., ein Sangiovese-Hundertprozenter, der 20 Monate in Eiche ruht, sowohl in alten Tonneaux als auch in ovalen Fässern aus slawonischer Eiche (20 Hektoliter). Zur fantastischen Farbe, einem lumineszierenden Rubinrot, gesellen sich herrliche ausgewogene Aromen (schwarze Waldfrüchte, Vanille) und ein wunderbares Finish. Mit 25 Euro hat dieser Klassewein allerdings auch seinen Preis.

Schließlich stehen die großen Spezialweine an. Da ist erst einmal die Gran Selezione, ein Chianti Classico D.O.C.G. 2014, dessen Trauben exklusiv vom 20 Jahre alten, in 400 m Höhe liegenden Weinberg "Das Horn", der Vigna Il Corno stammen. Er reift in 5 Hektoliter-Fässern und wurde vom Gambero Rosso schon mit der höchsten Auszeichnung "Drei Gläser" prämiert. Mit 35 Euro ebenso teuer doch noch viel besser und gleich hoch prämiert ist allerdings der Chianti Classico D.O.C.G. Gran Selezione 2015 "Vigna Il Corno". Er besitzt nicht nur ein phantastisches Bukett und eine ehrausragende Farbe. Dank des dem Superweinjahres 2015 darf er auch für die Zukunft alle Extras dieses Jahrgangs für sich in Anspruch nehmen und zukünftig sogar locker 20 bis 25 Lebensjahre vor dem Entkorken auf dem Glasbuckel haben.

Noch einen Tick auch preislich drauf setzt dann die Spezialedition des Supertoskaners "Guss". Benannt ist er nach dem Spitznamen des Firmengründers Gusalli "Guss" Beretta. Tiefschwarze Farbe, ein Super-Bukett und doch sanft und weich, ist der "Guss" Toscana I.G,.T. 2015, ein hundertprozentiger Merlot (14,5 %), eine extravagante Alternative für große Festtage und unvergessliche Dinner. Schließlich: Am Ende überzeugten mindestens drei Weine über alle Maßen: Der herrlich süffige Rosato 2019, der Granbruno 2018 und schließlich natürlich auch der "Guss" – obschon der Vigna Il Corno 2015 weit eher die Chianti Classico-Region repräsentiert und ebenfalls zu den Klasseweinen zählt. Signora Maoddi würde fröhlich kommentieren: "Esattole" "Genauchen!"

Information:
Societa Agricola Castello di Radda, Agricole Gussalli Beretta, Loc. Il Becco, 53017 Radda in Chianti, Provinz Siena, Region Toskana, Italien, Tel. +ü39 0577 73 89 92, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.castellodiradda.com , www.agricolegussalliberetta.com ; Öffnungszeiten mit Degustationen: Mo – Fr 10.30 – 17.30 Uhr, 28.4. – 13.10. auch Sa 10.30 – 17.30 Uhr

 

Impressionen:

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 09/05/2020

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