Print this page


Natur, Geschichte und Avantgarde in der Technologie: Usiglian del Vescovo

Es begab sich aber im Jahre 1078, dass Matilde von Canossa dem Bischof von Lucca ein Lehen nahe dem Dörfchen Palaia in der heutigen Provinz Pisa angedeihen ließ. Dies bis heute kleine Dörfchen mit nur 200 Seelen namens Usigliano di Palaia sollte fortan als Usiglian del Vescovo, Usigliano des Bischofs, bekannt werden...

Und ist es, etwa 950 Jahre später, noch heute. Eigentlich ist diese Gegend 60 km westlich von Florenz und ca. 30 km östlich von Pisa eher für weißes und schwarzes Gold bekannt. Das nahe, gerade 11 km entfernte San Miniato gilt als Trüffelhochburg der Toskana. Und neben der stets überaus erfolgreich betriebenen Landwirtschaft und der Herstellung legendärer Motorroller und Transportfahrzeuge wie Vespa (Wespe) und Ape (Biene), die im ebenso nahen Piaggio-Museum in Pontedera ausgestellt und zu Symbolen des italienischen Wirtschaftswunders der 1950er Jahren wurde, haben Usigliano wie Palaia eigentlich nie sonderlich auf sich aufmerksam gemacht.

25 Hektar Weinstöcke und 15 Hektar Olivenhaine

Bis heute ist Usigliano ein bäuerlich geprägter Ort, ebenso die Burg mit dem 160 Hektar großen Anwesen Usiglian del Vescovo. So richtig berühmt war der Ort in der sanften Hügellandschaft des Tals des Era-Flusses eigentlich nie, auch nicht für den Weinbau. Dies änderte sich allerdings, als im Jahr 2000 eine Römerin auf den idyllischen Landstrich aufmerksam wurde und das Anwesen kaufte. Heute ist Usiglian del Vescovo ein Aushängeschild für ambitionierte Weine, prächtiges Olivenöl und – eine kleine Überraschung – auch für die Produktion von gleich vier Biersorten!

Freie Auswahl...
Freie Auswahl...

 

Rund um das villenähnliche Herrenhaus von Usiglian del Vescovo stehen heute 25 Hektar Weinstöcke und 15 Hektar Olivenhaine, deren Früchte dank des hervorragenden sandig lehmigen Bodens voller reicher Meeresfossilien prächtig gedeihen. Ein Gutteil zum Erfolg trägt auch das besondere Mikroklima an diesem Ort bei. Konstanter Wind vom nahen Meer und warme Sommertage mit kühleren Nächten helfen auch den sich durch Frische und vollmundiges Aroma auszeichnenden Reben.

Kein Wunder daher, dass bei so gutem Terroir, bestem Klima und dazu noch einer beinahe tausendjährigen Geschichte dieses Ortes eigentlich nur noch die entsprechende Technologie her musste, um in die Herstellung exzellenter Weine einzusteigen. Dies geschah mit dem Bau des neuen Weinkellers, der sich harmonisch in die grüne Landschaft einfügt. Weitere technische Innovationen, die Lese von Hand, akribische Qualitätskontrolle dank einer zweiten Auslese und die Wahl von Barrique-und Tonneau-Fässern für die mit idealer Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufwartenden Fasskeller taten ein Übriges. Und so stellte sich das Weingut, das heute wie selbstverständlich Weine auch für 90 Euro die Flasche im Angebot hält, während der Anteprime 2020 in Florenz auch einem breiteren internationalen Publikum vor.

Zu italienischem Tatar (Battuta di manzo) mit Senf und Spargeln, Risotto mit schwarzen Trüffeln, auf Niedrigtemperatur gegartem Schweinebauch mit Kartoffelpüree und Broccoli, der Käseplatte mit frischen und gereiftem Käse sowie der Torta Caprese mit Vanillesauce zum Dessert wurden eine Reihe von Weinen aus dem großen Portfolio der Fattoria vorgestellt.

Usiglian del Vescovo hat noch viel vor

Erst einmal galt aber alle Aufmerksamkeit dem Sparkling wine des Hauses: Der nach klassischer Methode hergestellte Schaumwein "Il Bruvé", eine Brut Rosé und purer Sangiovese, mundete perfekt zu den gereichten großartigen klassisch toskanisch geprägten, doch stilvoll modern zubereiteten Häppchen. Der hellrosa Wein mit zarter Perlage und Bouquet von roten Früchten und Blumen wie Veilchen und Er ist die gelungene Ouvertüre für ein noch gelungeneres Mahl, passt aber auch zu Desserts oder einfach nur zu frischem Obst. 4000 Flaschen jährlich gelangen auf den Markt.

Zügig weiter ging es mit einem Weißwein weiter...
Zügig weiter ging es mit einem Weißwein weiter...

 

Zügig weiter ging es mit einem Weißwein. Der "Il Ginestraio" ("Ginsterähnliche") ein I.G.T. Toscano Bianco aus Chardonnay und Viognier, passt sehr gut zu Pasta mit leichten Saucen, ab er auch zu Trüffeln, wie sie eben nur San Miniato und auch Palaia kennen. Selbst Fischgerichte munden zum sattgelben, auch goldgrün leuchtenden Wein mit Noten von Pfirsich, Aprikose sowie Linden- und Akazienblüten. 10.000 Flaschen werden jährlich hergestellt. Und der Ginestraio geht dank seiner Frische auch als Aperitif durch.

Usiglian del Vescovo hat noch viel vor. So befindet sich der gesamte Betreib derzeit in Konversion. 2021 soll alles zum voll zertifizierten Biobetrieb gewandelt sein. Und auch die Orts- und Gutsgeschichte spielt eine große Rolle – insbesondere beim Marketing. So steht das Schenkungsjahr 1078, es ist auch das Jahr der Ersterwähnung, der Matilde von Canossa Pate beim Costa Toscana I.G.T. 2017 "MilleSettantotto" ("1078"). Der Wein aus Chardonnay und Viognier entsteht halb im Barrique, halb in Amphoren und wirkt komplex.

Der rote "MilleEottantatre" ("1083") markiert hingegen jenes Jahr, in dem der Bischof von Lucca anordnete, auf Usiglian del Vescovo den Weinbau zu starten. Auch hier entstehen maximal 2600 Flaschen. Der Wein, ein reiner Petit Verdot I.G.T. Toscana Rosso, wird 24 Monate im Fass ausgebaut, ehe er weitere 18 Monate in der Flasche ruht. Er passt perfekt zu Wildsaucen, Hartkäse, dunklem Fleisch und sogar Wildschweingulasch. – ein idealer Genusswein.

Ein weiterer Höhepunkt, der "Grullaio"

Dann folgt ein weiterer Höhepunkt, der "Grullaio". Dieser I.G.T. Toscano Rosso 2016 ist ein frischer, attraktiver roter aus Cabernet Sauvignon (65 – 70 Prozent) und Merlot, von dem jährlich 30.000 Flaschen abgefüllt werden. Der Wein bezieht seinen Namen eigentlich von einem Florentiner Scherzwort: "grullo" ist am Arno jemand, der eher "witzig bis leicht verrückt ist". Der "Grullaio" ist hingegen jener historische "Doktor der verrückten Leute", der kam, als man noch keine Psychologen kannte.

Ein weiterer Höhepunkt...
Ein weiterer Höhepunkt...

 

Der Wein besticht durch sein intensives Rot mit violetten Reflexen, viel Tanninen und interessantem Früchte-Bouquet von Erdbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren. Dieser Wein zum "Chillen" für etwa 12 bis 15 Euro passt gut z. B. auch zu Risotto mit Trüffeln, Fisch oder Käse. Nach dem Chianti Superiore D.O.C.G. 2017 folgt dann mit dem "Il Barbiglione" 2015, einem I.G.T. Toscano Rosso aus Syrah (80 %) sowie Cabernet Sauvignon und Merlot das wunderbare Aushängeschild der Fattoria. Diesen Wein sollte man sich unbedingt merken (30 000 Flaschen pro Jahr). Ein echtes Schmankerl ist dann – keine Überraschung – der Vin Santo "L`Occhio di Pernice" (Rebhuhnauge) des Jahrgangs 2011. Der 16,5-Prozenter ist ein Gedicht. Und auch der Grappa des Hauses, der Cuvée Riserva "Il Barbiglione", besticht durch Farbe, Weichheit und Eleganz.

Information:
Societá Agricola Usiglian del Vescovo, Loc. Usigliano, 56036 Palaia, Provinz Pisa, Toskana, Italien, Degustation: Tel. +39 0587 46 80 00, generell Tel. +39 0587 622138, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.usigliandelvescovo.it
Degustation: 6 Weine (1 Std.) 15 Euro, 6 Weine plus Käse/Salami plus Fasslagerbesichtigung (2 Std.) 25 Euro

Fotos. Jürgen Sorges

Submit to FacebookSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 29/04/2020

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):