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Die DOCG-Weine des toskanischen Weinbaugebietes Carmignano

Gerade 0,2 Prozent der Weinanbaufläche macht die winzige, zwischen Prato und Pistoia liegende Weinbauzone Carmignano aus. Doch nur einen Katzensprung von Florenz entfernt gedeihen heute rund um die Orte Carmignano und Poggio a Caiano Spitzenweine auf Weltniveau...

Dabei verfügt dies zu den kleinsten geschützten Weinbaugebieten Italiens zählende Gebiet über gerade einmal 100 ha Anbaufläche für DOCG-Weine und weitere 100 ha für die Herstellung von DOC- und IGT-Weinen. Ganze elf Weingüter kümmern sich hier um die Erzeugung erstklassige Weine – mit Erfolg.

Auf der PrimAntepirma 2020 in der Florentiner Fortezza da Basso trumpften sie mit herausragenden Tropfen auf, den manch arrivierten Winzer aus dem Chianti Classico-Gebiet selbst gern im eigenen Keller hätte. Und sogar ein echter "hidden champion" war dabei – ihn kürten die renommierten Tester der römischen Redaktion des Gambero Rosso in ihrem Wein-Guide 2020 zu "Italiens Wein des Jahres"!

Eigentlich hatten die Winzer und Gutsbesitzer aus dem Carmignano-Gebiet nicht den besten aller Ausstellungsplätze im Pavillon Cavaniglia der alten Medici-Festung Fortezza da Basso erwischt. Ihr mit Pretiosen vollgestelltes Tischchen fand sich in der hintersten rechten Ecke dieses geräumigen Messesaals. Doch das machte rein gar nichts – die internationale Weinkritik fand am 15.2.2020 rasch zu jenen Damen und Herren, die Fabrizio Pratesi als Präsident im Konsortium Vini di Carmignano" vereint.

Auf der Anteprime: Piaggia und Poggio de`Colli.
Auf der Anteprime: Piaggia und Poggio de`Colli.

 

Toskana: 52 DOC-Weinregionen

Die Toskana vereint 52 DOC-Weinregionen, davon führen elf sogar die Auszeichnung DOCG. Sechs weitere Gebiete kommen als Gebiete für IGT-Weine hinzu. Von den 58 793 ha Weinbaufläche der Toskana entfallen 56 350 ha auf die DOC- und DOCG-Weine, 95,9 Prozent. Und unter den DOC- und DOC-Weingebieten dominieren der Chianti (52,84 Prozent) und der Chianti Classico (16,07 %).

Immerhin erreicht der großartige Brunello di Montalcino noch eine Anbaufläche von 5,70 Prozent. Und auch das hochgeschätzte Weinmekka Bolgheri repräsentiert immerhin noch 3,52 % der Rebflächen. Aber Carmignano? Es findet sich ganz am Ende der langen Liste, stellt gerade 0,48 Prozent der Fläche und ist auch beim jährlichen Wein-Output weit hinten in den Statistiken zu finden: 2018 waren es gerade einmal 2434 Hektoliter oder 0,2 % aller toskanischen Weine.

Beinahe hätte Mussolini den Carmignano-Weinen sogar den Garaus bereitet. 1932 wurde das winzige Gebiet einfach dem Chianti zugeschlagen. Von dieser Attacke erholten sich die Carmignano-Weine erst 1975 wieder. Seit 2011 ist aber alles wieder im Lot, der Carmignano wieder DOCG-Gebiet. Und nun warten die elf Winzerfreunde des Carmignano DOC im Jahr 2020 sogar mit geradezu hymnisch verliehenen Auszeichnungen auf.

Ob die Tenuta Le Farnete, Fabrizio Pratesi selbst, die schon seit 804 n. Chr. für ihre Weine und Olivenöle berühmte Tenuta di Capezzana, oder die Fattorie Ambra, Colline San Biagio oder Il Sassolo. Es regnete hochkarätige Auszeichnungen nicht nur im Gambero Rosso, sondern auch von Italiens Top-Weinkritiker Daniele Cernilli im "Guida Essenziale ai Vini d`Italia", im Weinführer von Slow Wine, in Veronellis Guida Oro oder in den Weinführern der italienischen Sommelier-Organisationen AIS und FIS.

Carmignano-Player...
Carmignano-Player...

 

Bester Rotwein vom italienischen Stiefel

Da sind erst einmal die Pratesi-Weine selbst: etwa der herrliche Carmignano Riserva DOCG 2016 "Il Circo Rosso": Der Blend aus Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Merlot überzeugte ebenso wie der Carmignano DOCG Carmione 2017. Und da sind natürlich die Weine von Piaggia: Das kleine Weingut ist der "hidden champion" unter den italienischen Weinen. Und liefert mit dem Piaggia Carmignano Riserva DOCG 2016" eben 2020 sogar den besten Rotwein vom italienischen Stiefel. Keine Frage: Die Numero Uno unter 22586 getesteten Weinen zu sein, ist schon aller Ehren wert!

Ein Grund ist sicher, dass das kleine Familienweingut seit einer Dekade jährlich die begehrten "Tre Bicchieri", die höchste Auszeichnung "drei Gläser" vom Gambero Rosso erhält. So viel kontinuierlich dargebotene und verifizierte Spitzenklasse musste einfach auch mal belohnt werden. Erst einmal musste der Sommelier aber in den Tasting Room der allzu begehrlichen Weinkritik, um zumindest mal zwei der herrlichen Piaggia-Flaschen für die Verkostung am Stand zu sichern.

Die Piaggia-Weine sind fast schwarze, tiefrote, superbe Weine, klassisch produziert, mit viel Frucht, toller Struktur und herrlichen Tanninen. Und so ist auch der Sangiovese Riserva DOCG Piaggia 2017 (Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot) top. Besondere Aufmerksamkeit verdient indes auch der IGT Toscana Rosso Poggio die Colli 2017: Er ist ein Hundertprozentiger Cabernet Franc!

Großartig ist auch der der Carmignano DOCG 2017 (Sangiovese, Cabernet Sauvignon) des Podere Alloco. Dann geht es weiter zum eigentlichen Aushängeschild der Carmignano-Weine, dem auch international höchst bekannten Weingut Tenuta di Capezzana. Selbstverständlich ist alles von diesem Uralt-Weingut heutzutage in höchster Bioqualität, allen voran auch die sensationellen Olivenöle!

Schöne verstaubte Tropfen...
Schöne verstaubte Tropfen...

 

Medici-Villa La Ferdinanda

Und Selbstverständlich besitzt man mit dem IGT Toscana Rosso Ghiaie della Furba einen Wein, der Weinhistorikern auch als Vorläufer des berühmten Tignanello gilt. Und der 2016er ist einfach herausragend! Ebenso der Carmignano Riserva DOCG Trefiano Vittorio Contini Bonacossi. Und wer in der Toskana weilt, sollte es sich nicht nehmen lassen, diesem Weingut einen Besuch abzustatten, dort zu übernachten, die komplette Wein-Degustation zu absolvieren und das fabelhafte Essen im Ristorante zu kosten. Und niemals sollte man versäumen, auch den Vin Santo di Carmignano Riserva DOC (Trebbiano, San Colombano) zu probieren. Aktuell wird der Jahrgang 2012 entkorkt.

Schließlich ist da auch die ebenso renommierte Tenuta di Artimino. Hier hatte man sogar extra in die berühmte Medici-Villa La Ferdinanda nahe dem Dörfchen Artimino eingeladen. Gesagt, getan: 30 Autominuten später stehen wir vor dem Prachtbau mit den angeblich 100 Schonsteinen, die seinerzeit, als Großherzog Ferdinand die Villa erbaute, den ganzen Reichtum der Medici symbolisierten. Alle Zimmer wurden offenbar beheizt – welch ein Luxus in damaliger Zeit. Nun, es sind wohl nur 47 Schlote, die da gen Himmel ragen.

Aber dass die 1596 erbaute Villa La Ferdinanda heute Teil des UNESCO-Welterbes der Medici-Villen ist, darf getrost auch der Familie Olmo zugeschrieben werden. Denn sie führt seit 1989 die Villa samt dem in den einstigen Wirtschaftsräumen eingerichteten Hotel Paggeria Medicea (37 Zimmer), den 65 Mietappartements und dem sehr guten Ristorante Biagio Pignatta. Den Besitzern, allen voran Giuseppe "Gepin" Olmo (1911 – 1992), der in den 1930er Jahren ein berühmter italienischer Radrennfahrer war und 1935 den Stundenweltrekord auf 45,090 km/h schraubte, ist vor allem der Wiederaufbau der im zweiten Weltkrieg beschädigten Villa zu danken, die heute wieder tausende Besucher jährlich bewundern.

Medici-Villa La Ferdinanda.
Medici-Villa La Ferdinanda.

 

Und die Geschäfte setzen nun Gepins Neffen Annabella Pascale und Francesco Olmo fort. Wie sehr auch Großherzog Cosimo III. Artimino schätzte, mag man daran ermessen, dass er den Weinen aus Carmignano schon 1716 mit dem Chianti Classico als älteste existierende Schutzmarke auswies. Dieser "Bando" zeigte, warum die Medici die Carmignano-Weine zu ihren Lieblingstropfen zählten und hier ihre Villen errichteten.

Heute besitzt das 732 ha große Anwesen 80 ha Rebfläche und eine neue, 2500 m große Cantina, in der die zweite Generation der Olmo sich nun nach den gewaltigen Restaurierungsmaßnahmen wieder auf die Herstellung edelster Weine konzentriert. Und da Artimino schon seit 1596 einen besonderen Ruf genießt, erzählt ein jeder Wein auch eine eigene Geschichte.

Weine schon im 7. Jahrhundert v. Chr.

Weine stellten schon die Etrusker im 7. Jahrhundert v. Chr. im Carmignano-Gebiet her. Und schon 1369 waren manche Carmignano-Weine viermal so teuer wie die der Umgebung. Und nicht zuletzt den Medici ist zu verdanken, dass in dieses Gebiet erstmals Cabernet-Trauben aus Frankreich eingeführt und angepflanzt wurden.

Bis heute wird der Cabernet vor Ort "uva francesca" (französische Traube) genannt. Und natürlich sehen sich Chef-Agronom Alessandro Matteoli und Chefönologe Filippo Paoletti, die dem Weingut zu neuen Höhenflügen verhelfen, in dieser Medici-Tradition. Am wichtigsten ist ihnen daher das Jahr 1596. Es gilt nun als leicht identifizierbares Markenzeichen erstklassiger Artimino-Weine.

1596er: ab ins Glas...
1596er: ab ins Glas...

 

So eröffnet die Degustation ein Rosato, der 1596 Vin Ruspo Barco Reale di Carmignano DOC 2018, ein herrlicher Blend aus Sangiovese, zehn Prozent Cabernet Sauvignon und etwas Merlot: "Easy to drink" und wunderbar im Geschmack. Der 1596 Ser Biagio ist eine Hommage an den ersten Butler und Hausmanager von Großherzog Ferdinand I.: Auch dieser Wein ist ein "Barco Reale di Carmignano", was eigentlich erst einmal nur für "Königlicher Park (barco = parco) von Carmignano" steht.

Erneut ein wunderbarer Blend (Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Merlot), dem die Weinkritik ebenso 91 Punkte verlieh wie dem folgenden 1596 Poggilarca Carmignano DOC 2016 (Sangiovese, Cabernet, Merlot). Der Wein entsteht spektakulär: Eine Hälfte lagert zehn Monate in großen 30 bis 50 hl-Fässern aus slawonischer Eiche, die andere Hälfte in Barrique-Fässern, ehe die weitere Reifung in der Flasche erfolgt. So entsteht ein sehr leckerer, harmonischer Wein mit Noten von roten Früchten.

Auf alte Medici-Rezepte spezialisiert

Und schließlich darf auch nicht das Schlachtschiff des Hauses, der 1596 Grumarello Carmignano Riserva DOCG 2015 unerwähnt bleiben. Dieser prächtige Wein (80 % Sangiovese, 10 % Cabernet Sauvignon, 5 % Merlot, 5 % Syrah) ist der Favorit der Winzer, imponiert sowieso schon als Superjahrgang 2015 und reift 24 Monate im 30 bis 50 Hektoliter fassenden Fässern aus slawonischer Eiche, ehe weitere 12 Monate in der Flasche folgen. Ein Gedicht.

Zwischendurch eine kleine Stärkung.
Zwischendurch eine kleine Stärkung.

 

Unbedingt sollte man eine Hausführung durch die Villa La Ferdinanda mitmachen, etwa, um das wunderbar dekorierte Bad der Großherzoginnen zu bewundern oder um im Keller den Riesendrehgrill in der Küche zu bewundern, dessen Konstruktion wohl auf eine Erfindung von Leonardo da Vinci zurückgeht. Und wer dann noch Zeit findet, sollte dem nahe der Villa öffnenden Restaurant Biagio Pignatta die Aufwartung machen. Es ehrt den ersten Butler und Hausmanager von Medici-Großherzog Ferdinand I. mit vollem Namen und bietet u. a. als Signature dish schlechthin "Entenbrust Caterina de` Medici", natürlich mit Orangen, aber auch mit Chicorée und Fenchelsalat.

Chefköchin Michela Bottasso hat sich auf alte Medici-Rezepte spezialisiert, insbesondere von Caterina de` Medici, die ja durch ihre Hochzeit 1533 Frankreich zum kulinarischen Aufstieg verhalf. Und ein Muss ist auch das Dessert: Beim "L`elmo di Caterina", "Caterinas Helm", handelt es sich um einen mit dunkler Schokolade überzogenen Windbeutel, in dem sich auch leckeres Eis verbirgt – einfach köstlich.

Information:
Artimino/Villa la Ferdinanda: www.artimino.com
Tenuta Capezzana: www.capezzana.it
Piaggia: www.piaggia.com
Fabrizio Pratesi: www.pratesivini.it
Podere Allocco: www.podereallocco.it

Consorzio Vini di Carmiganno: www.consorziovinicarmignano.it
Region Toskana: Toscana Promozione Turistica, www.toscanapromozione.it, www.visittuscany.com/de/

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 20/04/2020

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