Zu Besuch im Herzen der polnischen Toskana

Die Winnica Turnau, erst 2010 gestartet, hat die westpommersche Zwischenoderlandschaft binnen kurzem zur zauberhaften Weinberglandschaften gewandelt!

Nur 26 km östlich der deutschen Grenzstadt Schwedt und knapp 30 km südlich von Szczecin, dem alten Stettin, wagte der polnische Maschinenbauingenieur Zbigniew Turnau das vielleicht nicht größte, doch sicher waghalsigste Projekt seines Lebens. So sahen es jedenfalls die Banken, bei denen er um Kredite nachfragte, um den Weinbau ausgerechnet hier heimisch zu machen. Die von den Finessen des Weinbaus gänzlich unbeleckten polnischen Banker verweigerten ihm, der bis dato ebenfalls nichts mit den Kniffen und Fallstricken der Önologie zu tun hatte, schlichtweg die Gelder.

Heute reißen sich Investoren darum, im Weingut Turnau einzusteigen, das zudem prächtig expandiert. Denn nicht einmal eine Dekade später hat die Familie Turnau das Kunststück geschafft, aus dem Nichts Polens größtes Weingut zu schaffen. Doch trotz Online-Handel und Vertrieb in Deutschland ist es so einfach nicht, an einen dieser Premiumweine zu gelangen. Nur ein Prozent gehen in den Export!

Zbigniew Turnau.
Zbigniew Turnau.

 

Eigentlich ist das Weinwunder von Westpommern so groß auch nicht. Denn, so Zbigniew Turnau, auch die Chroniken des winzigen Weilers Baniewice, das bis 1945 Marienthal hieß, berichten von erfolgreichen Versuchen mit Weingärten und Weinbergen hier und im der heutigen Großgemeinde Banie, zu der Baniewice gehört. Die hieß früher einmal Bahn, das Gebiet war als Bahner Land bekannt. Und sogar noch weiter nördlich, rund um Szczecin (Stettin), wurden früher schon erfolgreich Weinstöcke gezogen – insgesamt waren dies auf dem Gebiet des heutigen Polen vor 1945 immerhin 110 Hektar Weinberge. Noch dazu – und da ist der Agraringenieur Experte, ist das Gebiet hier ideal für den Obstanbau. Er selbst war es dann um 2010 leid, sich weiterhin – wenn auch höchst erfolgreich – nur mit Getreide- und Rapsanbau auf Riesenflächen von 500 oder 1000 Hektar Land und mit Obstwiesen zu befassen. Nach einigen Spanienaufenthalten reifte der Plan, es hier an diesem noch dazu klimatisch prekären Ort mit dem Weinbau zu versuchen.

Erst einmal setzte die Familie Turnau nur 500 Pflanzen – man weiß ja nie! 2011 folgten zwei Hektar, 2012 acht Hektar, 2013 weitere zehn Hektar. Und dann, nach kurzer Atempause, ging es Schlag auf Schlag weiter: 2017 folgten nochmals 9,3 Hektar, 2019 kamen erneut vier Hektar Zuwachs hinzu. So sind nun knapp 34 Hektar beisammen – was die Winnica Turnau zu Polens größte Weingut macht.

Winnica Turnau: insgesamt 34 Hektar Rebfläche…
Winnica Turnau: insgesamt 34 Hektar Rebfläche…

 

Erfolg der Winnica Turnau / Sogar Eiswein geht…

Seit 2015 aber ist die Winnica Turnau auf dem Markt und Banken und Investoren reißen sich darum, dem Weingut die Stahltanks und slawonischen Eichenfässer mit 4800 l Fassungsvermögen zu finanzieren. Überhaupt gibt es drei gute Gründe, warum das Weingut Turnau so erfolgreich ist. Da ist erst einmal die Lage der Weingärten rund um den 6,5 Hektar großen namenlosen See. Und der sorgt für das ideale Mikroklima, wie wir vor Ort nach kurzer Fahrt auf der 200 Jahre alten Lindenallee selbst erleben können. Noch dazu weht stets eine leichte Brise, in dem sich die an Schnüren befestigten Plastik-Greifvögel eifrig hin und her bewegen. Denn Zbiegniews größter Feind ist hier nicht der Frost – es sind die Staren.

Und so hat er einige Verbrämungsanlagen aufstellen lassen, deren unregelmäßiges Plopp lautstark über den Weingärten zu hören ist, aber wohl erfolgreich die Eindringlinge und Rebenräuber vertreibt. Und hier kommt nun auch der zweite Trumpf der Turnaus ins Spiel. Einerseits gibt es da mit Tomasz Kasicki den ehemaligen Obstgärtner, der seit 2013 auch Önologe ist. Und dann gibt es das Know-how aus Deutschland, exakt aus dem Rheingau.

Jacek Turnau, Herr der Finanzen und Zbigniew Turnau, Eigentümer.
Jacek Turnau, Mitinhaber, und Zbigniew Turnau, Eigentümer.

 

Der Experte heißt Frank Faust, ist Jahrgang 1978 und stammt in vierter Generation vom Familienweingut Faust. Und es war ein Glücksfall, dass Frank Faust, Winzer aus Leidenschaft, sich von Zbigniew überreden ließ, mal im Bahner Land und in Baniewice/Marienthal vorbeizuschauen. Anfangs, so Zbigniew lachend, habe Frank wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen als er ihm überaus stolz von den rasant wachsenden Rebstöcken erzählte. Der Grund: zuvor gedieh in den Weingärten Weizen, der Anteil an Stickstoff im Boden war viel zu hoch – daher das exorbitante Wachstum des Weins.

Ein hoher Stickstoffanteil ist aber der Garaus für guten Wein. Also musste alles wieder heraus und neu geordnet werden. Schließlich – nach vielem hin und her – ließ sich Frank Faust auch darauf ein, hier vor Ort regelmäßig nach dem Rechten zu schauen. Bis heute, und nun sogar als Partner. Hinzu kam auch die Wahl der Rebsorten – denn dazu mussten passende Rebsorten her. Gut daher, dass man in Germersheim und vor allem in Freiburg im Breisgau bereits gezüchtete Hybride besaß.

Und so gedeihen hier nun Solaris und Johanniter, Riesling, Hibernal, Seyval Blanc auf der weißen, Rondo, Regent und Cabernet auf der roten Seite aufs Prächtigste. Sogar an Eiswein haben sich Faust und Turnau schon versucht. 2017 wurde am 6.1. bei minus 8°C geerntet, 2016 erst am 16.2., bei minus 7°C.

Auf zur Verkostung…
Auf zur Verkostung…

 

Zur Verkostung im Gutshaus

Natürlich darf es Polens bester Wein 2019, der Turnau Riesling Barrique 2018 sein. Nach einem runden, aber heißen Jahr ist hier ein frischer, herb trockener, mit Apfelaromen versehener Spitzenwein entstanden, der zurecht den Spitzenplatz unter Polens Weinen einnimmt. Zwar werden aktuell nur 500 bis 600 Hektar Weinberge bewirtschaftet. Aber, so Herr Turnau, schon bald werden es ca. 400 Weingüter mit mindestens 1500 Hektar Rebfläche sein.

Denn Polen, bisher nur für Wodka, Bier und eher schlechten Apfelwein bekannt, wird zum Land der Weinliebhaber. Tranken die Polen bis vor kurzem maximal nur zwei Liter Wein pro Jahr, sind es heute bereits sechs Liter. Tendenz jährlich stark steigend! Dass der Turnau Riesling (13 %; die Flasche ca. 23 €) dabei eine Ausnahmestellung inne hat, versteht sich von selbst.

Das Aushängeschild ist indes der süffige Solaris 2018, unser zweiter Wein. Mit satten 13,5 % ist dieser äußerst runde, dem Chardonnay ähnelnde Wein der erklärte Favorit nicht nur der polnischen Weintrinker Frisch, klar und süffig – eben ein Topwein. Gut das die Rebsorte Solaris bereits 1975 erfunden wurde. Es sind Klone aus Riesling und Muskateller.

Turnaus orangener Rosé.
Turnaus orangener Rosé.

 

Besser ist der Turnau Riesling Barrique, aber der Solaris rutscht eben perfekt! Dritter Tropfen ist der Seyval Blanc 2016. Die Rebsorte ist eher für Sekt geeignet und wird nun rege auch im englischen Cornwall angebaut. Der französische Hybrid wurde in deutschen Landen weiter entwickelt und machte dann seinen Siegeszug. Wie bei allen Turnau-Weinen liegt hier der Schwefelanteil bei nur 60 bis 80 mg pro Liter. Nach dem leichten, runden Hibernial 2018 (11 %) und der Spezialität des Szlachetny Zbior 2018 aus Solaris-Trauben (9 %) folgt der deutlich nach Rhabarber und Honig mundende Eiswein (0,375 l) aus der Johannitertraube.

Schließlich folgt noch Turnaus "orangener", tatsächlich natürlich ein Rosé. Aber die Farbe dieses Ambre genannten Weins aus Solaris ist eben Bernsteinfarben – und vielleicht die Entdeckung der Verkostung. Die kann übrigens jedermann unter der Woche mitmachen – oder an einem der Konzerte teilnehmen, die hier ebenfalls regelmäßig stattfinden. Ebenso finden BBQs am Weinberg statt. Gut auch, dass nur 700 m vom Weingut Turnau auch fünf Gästezimmer zur Übernachtung bereithält. Sogar das Catering kann übernommen werden.

Und gut auch, dass sich direkt gegenüber dem Weingut Turnau einige ältere Aussteiger niedergelassen haben. Es sind Juristen, die nun lieber ausgezeichneten Käse machen. Und es natürlich auch gut, wenn juristisch sehr versierte Männer nun lieber akribisch auf Ziegen starren, als sich im Auf und Ab des aktuellen Warschauer Demokratiedschungels politisch die Leviten lesen zu lassen. Und schließlich: Der auch im Dorf zu hörende, verbrämende Staren-Plopp setzt erst kurz nach sieben Uhr morgens ein. Und bis dahin ist auch die Welt für Langschläfer in Baniewice noch sehr in Ordnung.

Information zum Weingut Turnau:
Winnica Turnau, Tel. +48 91 307 91 31, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.winnicaturnau.pl ; Besichtigung/Laden Mo – Sa 11.00 – 17.00 Uhr; Besichtigung: 2,5 Std., Minimum 5 Pers., 80 PLN (Zloty); Übernachtung im Gästehaus (5 DZ): DZ 140 NPL (Zloty pro Nacht); Buchung Besichtigung oder Übernachtung: Tel. +48 91 307 91 31, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

Information generell:
Polnisches Fremdenverkehrsamt, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.polen.travel
Infoline bei Sicherheitsfragen in Polen: Tel. +48 608 59 99 99, Tel. +48 22 278 77 77
Regionale Tourismusorganisation West Pomerania/Westpommern ZROT (Zachodniopomorska Regionalna Organizacja Turystyczna ZROT), This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.zrot.pl

Lokal:
Tourismusinformation Gryfino, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.gryfino.pl, www.gdk.com.pl
Touristische Informationen zu Banie (einst Mariental bzw. Bahn), Bahner Land und Umgebung: http://neumark.pl/main.php?miasto=chojna&lang=de

Natur und Kultur:
Internationalpark Unteres Odertal: z. B. auf www.unteres-odertal.de
In Polen: Landschaftsschutzpark Zehden (Cedynski Park Krajobrazowy), https://pomorzezachodnie.travel/de/Kenne_lernen_-Natur-Landschafts_Parken/a,4947/Der_Landschaftspark_Cedynski_Park_Krajobrazowy_DE, www.nationalpark-unteres-odertal.de/de/landschaft-orte-wege/landschaften/der-landschaftsschutzpark-zehden-cedynski-park-krajobrazowy
In Deutschland: Nationalpark Unteres Odertal, www.nationalpark-unteres-odertal.eu/de/

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 18/11/2019

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