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Capezzana: von 3000 Flaschen, Tauben und Bio-Philosophie

Schon seit 1979 ist Fabio Picchi mit seinem längst zu einem kleinen Imperium angewachsenen "Cibreo" der unangefochtene Platzhirsch an der und um die Florentiner Piazza Sant´Agostino...

Was einst mit eher alternativen Strukturen in einem vom "Degrado", Abstieg bedrohten Bezirk begann, hat sich binnen vier Jahrzehnten zum kleinen "Picchi-Imperium ausgeweitet, in dem heute längst auch die nächste Picchi-Generation aktiv sind: Da öffnet zusätzlich die Trattoria Cibrèo, wo wie im Haupt-Ristorante traditionsreiche Florentiner und toskanische Küche angeboten wird, allerdings zu weitaus günstigeren Preisen. Und da ist seit 1989 das Cibrèo Caffè, wohin tagsüber leichtes Lunch, Pasta und Salate und abends stets etwas Leckeres mit drei unterschiedlichen Menüs (40 – 60 Euro) locken. Schließlich, und über den Namen darf man durchaus streiten, da er eher ein Tribut an asiatische Gäste in Florenz und an Fabio Picchis Wanderjahre in Asien ist, öffnet auch das Ciblèo mit Tortelli und Ravioli in Form toskanisch-asiatischer Fusion kitchen. Unangefochten und daher die Numero Uno bleibt aber die gerühmte traditionelle toskanische Küche des Ristorante, wo im Rhythmus der Jahreszeiten und wechselnder Karte Picchis Erfolgsstory ihren Anfang nahm.

Nun, 40 Jahre sind nur biblisch eine Ewigkeit. Dies beweist schon ein Blick auf die Historie des oberhalb Prato zu findenden Gutes Capezzana. Schon in der Etruskerzeit wurden hier im heutigen, schon von den Medici hochgeschätzten DOCG-Weinbaugebiet Carmignano Wein und Oliven angebaut, was Grabfunde beweisen. Auf Pergament verbürgt ist das Gut immerhin schon seit 804 n. Chr. – und zählt damit zu den vier ältesten beurkundeten der Toskana. Seit 1920 führt hier und nun in vierter und fünfter Generation die Adelsfamilie Contini Bonacossi Regie. Man kümmert sich auf dem Groß-Landgut um 80 ha Weinberge und 140 ha Olivenhaine (30.000 Olivenbäume!!!), natürlich schon seit 2009 in zertifizierter Bio-Qualität, lädt Besucher und sogar Übernachtungsgäste in den geschichtsträchtigen Rahmen vor Ort, dessen Baugeschichte eine gewisse, fast namensgleiche Monna Nera Bonnacorsi schon 1475 begründete. Großartiges ist zu erwarten, wenn zwei solche Institutionen zur Präsentation der Capezzana-Weine zueinander finden und sich Gastronomie und Önologie am Ende perfekt und wie im Schlaraffenland ergänzen.

Tenuta Capezzana.
Tenuta Capezzana.

 

Eigentlich besteht das Gut Capezzana aus drei Nachbargütern. Denn Conte (Fürst) Alessandro Contini Bonacossi (1878 – 1955) und Gattin Vittoria erwarben kurz nach dem Erwerb von Capezzana im Jahr 1920 auch "Il Poggetto" und "Trefiano". Somit gab es gleich drei "Fattorie" – samt 120 Mitarbeiterhäuschen und Wirtschaftshäusern die heutige Tenuta Capezzana. Gut auch, dass Fürst Alexander Contini Bonacossi zudem eifriger Sammler war. Davon profitierten erst einmal die Florentiner Uffizien, die bis heute den Kern seiner fulminanten Sammlung, der Collezione Contini Bonacossi, eine Schenkung, in acht Sälen zeigt: Darunter befinden sich Gemälde von El Greco und Goya, von Cimabue, Veronese und Tintoretto, von Antonio Gaddi oder Andrea del Castagno, Skulpturen von Bernini oder Bambaia. Aber Conte Alessandro hinterließ noch einen weiteren Schatz. Denn schon seit 1925 ließ der passionierte Sammler jährlich Weine zurücklegen, die heute eine einzigartige Jahrgangswein-Kollektion darstellen.

Diese Weine und noch dazu die Galerie illustrer Meister der Kunst legen natürlich auch die Messlatte für die heutigen Weine der Tenuta Capezzana hoch. Dafür sind nun in vierter Generation die Contessa Beatrice Contini Bonacossi (Vermarktung), ihre Schwester Benedetta als "Wine maker" und in fünfter Generation Serena (Übernachtung und Gastronomie) sowie der für das Land verantwortliche Gaddo verantwortlich. Die mittägliche Einladung ins Separée des Ristorante Cibrèo starteten die Gastgeberinnen, Beatrice Contini Bonacossi und Serena Contini Bonacossi, mit einem herrlich runden, im Abgang angenehm herben Trebbiano di Capezzana IGT 2017 (13 %).

Keller des Weinguts.
Keller des Weinguts.

 

Der Wein mit Noten von Vanille und Mandel ist seit 2000 im Programm, jährlich werden ca. 7500 Flaschen abgefüllt. 50 Prozent werden im Barrique, 50 Prozent im Tonneaux aus französischer Eiche ausgebaut, ehe weiter sechs Monate in der Flasche folgen. Optimal ist er bei 12 bis 14°C. Gereicht wird dazu neben dem angebotenen herausragenden Olivenöl von Capezzana eine schier nicht enden wollende Serie einzigartiger auch historischer toskanischer Antipasti aus der Küche des Cibrèo – ein Genuss, ob nun klassische Crostini, Florentiner "Austern", frischer Ricotta oder auch gesalzener Joghurt in Zitrone. Das Ristorante backt seit 2014 auch selbst Brot – wunderbar. Das wunderbare Bio-Olivenöl findet man nicht nur in den besten Restaurants weltweit, sondern direkt nach der Ernte auch vielfach in den USA, wo es zu Thanksgiving geordert ein Geschenkerenner ist.

Mit dem sehr, sehr guten Villa di Capezzana Carmignano DOCG 2016, dessen Herstellung schon auf das Jahr 1925 zurückgeht, taucht als Nächstes bereits das Flaggschiff aus Capezzana (14 % Alk.) auf. 80 % Sangiovese und 20 % Cabernet Sauvignon, dazu ein Jahr im Tonneaux und 12 Monate auf der Flasche geben dem eleganten, rubinroten Wein den unverwechselbaren Carmignano-Geschmack. Bis zu 70 000 Falschen werden jährlich produziert, und man verbleibt gern länger bei diesem großartigen Wein, der nicht Terroir und Territorium von Capezzana, sondern auch die Familiengeschichte widerspiegelt. Ein kleines Wunder wird später der Villa di Capezzana "10 anni" Carmignano DOCG 2009 sein. Denn seit 2006 werden von jedem Jahrgang, Fürst Alexander hat es vorgemacht, nun jährlich 3000 Flaschen für zehn Jahre – daher "10 anni" – zurückgelegt, ehe diese Spezialedition zehn Jahre nach der Ernte auf den Markt gelangt – eine Wucht, die natürlich auch die absolute Langlebigkeit dieses Weins eindrucksvoll demonstriert. Dazwischen nimmt der sehr eloquente Sohn des Hauses aber erst einmal die Bestellungen von der grandiosen Tageskarte des Cibrèo an. Es folgen – wahlweise – die klassische Minestrone alla Nonna (Großmutters Art), Ribollita, Passatelle oder Flan mit Ricotta. Es darf aber auch eine Fischsuppe, schön spicy und mit Knurrhahn sein. Danach fällt die Wahl schwer zwischen Meatballs, Ricotta und Huhn, Kaninchen in Zwiebeln und Karotten, gekochtem Ochsenschwanz, Lamm Fisch oder dem heutigen Tageshit, der gebratenen "Taube".

Gleich acht wunderbar braune Exemplare hat die Cibrèo-Küche vorrätig, da beginnt unter den ca. 20 Gästen ein munteres Feilschen, wer denn nun zum Zuge kommen darf. Denn so eine Schlaraffenland-Delikatesse, früher eine Zierde jeder toskanischen Speisekarte, wird heute nur noch selten angeboten. Aber natürlich kommt man auch mit dem mit äußerster Finesse zubereiteten Kaninchengericht voll auf seine Kosten, genießt vor allem dazu den schon tags zu vor bei einer Vergleichsverkostung bester toskanischer 2015er herausragenden Sieger, den Trefiano Riserva Carmignano DOCG 2015. Der seit 1979 hergestellte Topwein passt natürlich perfekt zum gleichen Eröffnungsjahr des Cibrèo: Aus den 80 % Sangiovese, 10 % Cabernet Sauvignon und 10 % Canaiolo, 24 Monate im Fass, 12 Monate in der Flasche, gelangen 13 000 Falschen pro Jahr auf den Markt, bestechen durch Aromen von frischer Kirsche, Wildbeeren, Noten von Zimt und balsamischer Schokolade. Der Wein, gut und gerne 20 Jahre haltbar bringt es auf satte 14 % und ist der perfekte Botschafter der Weingebietes Carmignano. Und natürlich purzeln hier die Punkte: Der Wine Spectator lobte 93, Veronelli sogar 95 Punkte aus.

Einmal der Hit des Tages...
Einmal der Hit des Tages...

 

Was dann folgt, ist die Kür: Denn es folgen ein Trefiano Carmignano DOCG 1995 und der noch viel bessere Trefiano Carmignano DOCG 1985 –eine bleibende Erinnerung! Und natürlich hat Capezzana nach oder zum Dessert auch einen erstklassigen Tropfen zu bieten, den Vinsanto di Carmignano Riserva DOC 2011!

Ebenfalls zur Verkostung stand der Barco Reale di Carmignano DOC 2016 bereit, der seit 1984 hergestellt wird und aktuell mit 170 000 Flaschen auf den Markt gelangt. 75 % des Weins bestehen aus Sangiovese, der Mitte September geerntet wurde. 15 % sind Cabernet Sauvignon (Anf. Okt. geerntet), 5 % Cabernet Franc sowie 5 % auch Canaiolo.

Eine Novität ist der reine Sangiovese UCB Ugo Contini Bonacossi IGT 2015, der auch die neue, seit 2013 festgelegte Bio-Philosophie des Gutes samt nachhaltigem Wirtschaften repräsentiert. Wichtigstes Stichwort dabei ist das Wörtchen "Semplice", einfach, das das Respektieren des Bodens und schonender Landwirtschaft als integralen Bestandteil auch des Weinbaus formuliert. Respekt verlangt auch der Ghiaie della Furba IGT 2015. Zum 40. Geburtstag dieses Weins veranstaltete Capezzana auf der Vinitaly 2019 sogar eine vertikale Verkostung! Der Grund: Der Ghiaie della Furba war seinerzeit der erste Bordeaux-Blend in der Toskana. Ihn kreierte Ugo Contini Bonacossi 1979. Zur Verkostung gelangten die Jahrgänge 1981, 1999, 2004, 2010, 2013 und eben 2015.

Capezzana Bottiglie 2008.
Capezzana Bottiglie 2008.

 

Schließlich sollte man in jedem Fall einem Besuch vor Ort einplanen. Denn erstens kann der Wein hier als Außer-Haus-Verkauf erworben werden. Zweitens bieten sich diverse Touren samt Degustation zur Erkundung des Weingutes samt Medici-Villa an. Sie dauern zwischen 30 Min und 150 Minuten. Und natürlich ist der sog. Agriturismo eine hervorragende Möglichkeit, alles ohne Stress in bester Gesellschaft kennenzulernen. Acht herrlich möblierte DZ und ein EZ, jeweils mit Bad, stehen März bis November in der Fattoria di Capezzana mit Garten und Blick auf die Medici-Villa zur Verfügung. Nicht genug damit: Die von Contessa Lisa Contini Bonacossi schon in den 1980er Jahren gegründete Kochschule von Capezzana bietet erstklassige Kurse zur toskanischen Küche. Und schließlich öffnet mit La Vinsantaia auch eine gastronomische Einrichtung mit Weinbar, in der man zu edlen Speisen aus kreativer Küche auch sämtliche Capezzana-Weine probieren kann.

Information:
Tenuta Capezzana, Via Capezzana 100, 59015 Carmignano, Provinz Prato, Region Toskana, Italien, Tel. +39 055 870 60 05, www.capezzana.it
Direktverkauf: Mo – Sa 10.00 – 18.00 Uhr
Buchung Weintouren und Degustation: https://gottowientour.com/it/booking-tour/?winery=129
Buchung Agriturismo: Tel. +39 055 87 06 005, Tel. +39 331 175 79 18, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
Kochkurse: Tel. +39 055 87 06 005, Tel. +39 331 175 79 18, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
La Vinsantaia: Tel. +39 334 949 94 02; D, Fr 18.30 – 24.00, Sa, So 12.30 – 15.00, 19.00 – 24.00 Uhr geöffnet
Info zu Capezzana in Deutschland für Gastronomie und Fachhandel: Smart Wines GmbH, Brückenstr. 21, 50667 Köln, Tel. +49 221 12 04 47, www.smart-wines.de

Cibrèo Ristorante, Via del Verrocchio 8r, Florenz, Toskana, Italien, Tel. +39 055 234 11 00, www.cibreo.com ; Öffnungszeiten: mittags ab 12.50, abends ab 18.50 Uhr;
Cibrèo Trattoria, Via de’ Macci 122r, Florenz, Toskana, Italien, www.cibreo.com  (keine Vorbestellung möglich); Öffnungszeiten: mittags ab 12.50, abends ab 18.50 Uhr; Menü inkl. Dessert 25 – 30 Euro
Cibrèo Caffè, Via del Verrocchio 5r, Florenz, Toskana, Italien, Tel. +39 055 234 58 53, www.cibreo.com ; Öffnungszeiten: tgl. 8.00 – 1.00 Uhr
Ciblèo, Via del Verrocchio 2r, Florenz, Toskana, Italien, Tel +39 055 247 78 81, www.cibreo.com ; Öffnungszeiten: Di – Sa ab 19.00 Uhr

Fotos: J. Sorges, Tenuta Capezzana

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