Nebbiolo aus Valtellina

Nicht nur die vinophilen Hauptschlagadern Italiens sind eine Reise wert. Auch der Norden der Lombardei hat einige Überraschungen zu bieten! Stichwort: Nebbiolo.

Seit 2007 betreiben Luca (44) und Joana Faccinelli (38) im norditalienischen Chiuro Weinbau. Unweit von Sünders und Tirano in der Lombardei, ist es bis zur Schweiz nur einen Steinwurf entfernt. Und wer die Region kennt, weiß, dass Weinbau hier nicht die einfachste Tätigkeit zum Lebensunterhalt ist. "Wir haben lediglich drei Hektar eigene Rebfläche", verrät uns Luca im Gespräch, während wir im kleinen aber sehr gemütlichen Keller des Weinguts sitzen und er vor uns ein paar Weinflaschen aufstellt.

Die edelste rote Rebsorte

Und wie sollte es anders sein in dieser Region, setzt auch das kleine Weingut hier in Valtellina voll auf die Nebbiolo-Rebe – wie so viele in dieser Region. Denn als edelste rote Rebsorte Italiens findet Nebbiolo nicht zu Unrecht eine Menge Fans. Gerade im benachbarten Piemont ist die Rebsorte heimisch, schafft es aber immer wieder in Gebiete, die kalkhaltige Mergelböden bereitstellen. In der Lombardei wird auch der Begriff Chiavennasca für die Nebbiolo Rebe verwendet, die gerne steile Südlagen bevorzugt und eher zu den langreifenden Rebsorten gehört.

Nicht nur die Tatsache, dass Nebbiolo anspruchsvoll ist, war in der Vergangenheit problematisch für die Faccinellis. Jüngst mussten sie 500 neue Rebstöcke pflanzen, da viele der Pflanzen am Ende ihres Produktionszyklus angekommen waren. "Viele unserer Pflanzen sind schon um die 80 Jahre alt. Das bedeutet natürlich auch, dass der Ertrag relativ gering ist", erklärt Luca Faccinelli. Mit etwa 6,5 Tonnen Ertrag pro Hektar und resultierenden 15 bis 20.000 Flaschen Produktionsmenge stehen sie dennoch recht solide da.

Luca und Joana Faccinelli.
Luca und Joana Faccinelli.

 

Viel Arbeit im Weinberg

Ihre beiden Weine der "Ortensio Lando" (2015) und der "Matteo Bandelo" (2017) kommen mit 13 bzw. 12,5 Prozent in die Gläser. Weine, deren Rebflächen auf einer Höhe zwischen 450 und 700 Metern eine Menge Arbeit erfordern. Im Schnitt investieren die Faccinellis etwa 1200 Arbeitsstunden pro Hektar. Zum Vergleich: in der Ebene werden gerade mal 100 bis 150 Arbeitsstunden pro Hektar investiert. Und natürlich kommt die Steillage der Rebflächen hinzu. Selbsterklärend, dass in Handlese geerntet wird.

"Für uns waren die ersten zehn Jahre schon recht schwer, aber danach sahen wir die ersten Erfolge und versuchen diese natürlich jetzt auszubauen", so Luca. Und auf die klimatischen Bedingungen und den Klimawandel angesprochen, antwortet er: "Die Lese ist in den letzten Jahren stets vorgezogen worden. Es regnete im vergangenen Mai und Juni mehr, im Oktober hingegen gab es kaum Niederschlag. Durch das veränderte Klima verschieben sich auch die Reifungsprozesse der Traube – es gibt also auch veränderte technologische Anforderungen und phänologische, also witterungs- bzw. klimaabhängige Änderungen der Prozesse. Gerade im vergangenen Jahr konnten wir dies gut beobachten. Die Ernte erfolgte zwischen dem 10. und 15. Oktober. Wir hätten zwar noch warten können, hätten dann aber weniger Säure in den Trauben gehabt."

Zum ersten Mal auf der Prowein

Aber zurück zu den beiden Produkten des sympathischen Winzerpaares. Die Namen der beiden Weine kommen aus der italienischen Renaissancezeit und waren Resultat einer Überlegung des "Neuanfangs". Und ein Neuanfang wird es für sie auch werden, da sie in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Prowein in Düsseldorf sein werden, um ihre Weine der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Natürlich gibt es da auch den "Matteo Bandelo" zu probieren. Der Wein hat zwischen sieben und neun Monate Holzfass aus frz. Eiche hinter sich und wurde dann noch ein Jahr in der Flasche gelagert. Ein sehr erdiger Wein, dessen Reben auf Sand-, Kies- und Gesteinsboden gewachsen sind. Vanillearomen, eine präsente Frucht, Kirscharomen, Kakaonoten bei leicht präsenten Tanninen und geringer Säure. Ein Tropfen, der mit elf Euro mehr als bezahlbar ist.

Verschiedene Jahrgänge von Luca Faccinelli im Show-Room.
Verschiedene Jahrgänge von Luca Faccinelli im Show-Room.

 

Der "Ortensio Lando" hat 16 Monate Holzfass hinter sich, die Trauben kommen aus einer Höhe von etwa 700 Metern. Sechs Monate auf der Flasche wurden dem Wein noch spendiert. Das Resultat sind Schoko- und leichte Pfeffernoten – und final ein durchaus rundes Produkt, dass für 18 Euro gehandelt wird.

Nino Negri im GIV

Die Region hat viele kleine Weinbauern – das ist es ja auch, was Veltellina so sympathisch macht. Es ist die Liebe zum Land und oftmals auch die harte Arbeit dahinter, die hier im Norden der Lombardei so charakteristisch ist für tolle Produkte. Nicht weniger harte Arbeit steckt aber natürlich auch hinter den Weinen der größeren Anbieter. Einer von ihnen ist Nino Negri. Fairerweise muss man aber sagen, dass wir hier im Endeffekt von einer ganzen Gruppe sprechen, nämlich der Gruppo Italiano Vini, der Nino Negri "nur" angehört. Insgesamt sind es 14 Mitglieder, die in ganz Italien verteilt auf 1400 Hektar Wein anbauen. Das nördlichste Mitglied im Reigen von GIV ist eben die Nino Negri.

Und diese hat ihren Sitz auch in Chiuro. Dort treffen wir Danilo Draco (53), seines Zeichens Önologe und Leiter des Unternehmens Nino Negri. Auf die Besonderheit des Terrains angesprochen, antwortet er: "Nun, wir sind hier im Bereich der Alpen, dennoch herrscht hier ein mediterranes Klima. Das Gebiet erstreckt sich genau von Ost nach West, das bedeutet, dass der Nordhang den ganzen Tag sonnig ist, die Nordluft dringt durch die Berge kaum in das Tal ein."

Önologe und Unternehmensleiter Danilo Draco.
Önologe und Unternehmensleiter Danilo Draco.

 

Ohnehin ist dieses Areal besonders, denn Granit und Vulkangestein bestimmen klassischerweise die Böden in der Region. Und dies lässt sich auch erdgeschichtlich nachvollziehen, denn eben hier treffen die tektonischen Platten aus Afrika und Europa aufeinander. Das Vulkangestein der afrikanischen Platte gibt den Reben einen salzigen Charakter, die europäische Platte hingegen resultiert durch das Granitgestein stärkere und strengere Weine. Und charakteristisch für Stein- bzw. Granitböden: die Wärme der Sonnenstrahlen am Tag wird im Stein Gespeichert und gibt auch im Verlaufe der Nacht, wenn die Umgebungstemperaturen sinken, noch Wärme an die Pflanzen ab.

Der kleine Bruder vom Pinot Noir

"Nebbiolo soll ursprünglich aus dieser Region gekommen sein und wurde schon im 13. Jahrhundert nachweislich erwähnt. Es ist eine widerstandsfähige und gegen kalte Temperaturen und Luftfeuchtigkeit gewappnete Rebsorte. Nebbiolo ist so ein wenig der Bruder des Pinot Noir", behauptet Danilo weiter. "Das bezeichnende des Nebbiolo ist nicht seine Farbe, die ist nicht besonders, dafür aber der Duft. Der ist intensiv", so der Önologe weiter. Hier in der Region erfolgt der Anbau der Reben auf bis zu 600 Meter. 31 Hektar hat Nino Negri an eigenen Rebflächen, über eine Kooperative beziehen sie allerdings Trauben aus weiteren 150 Hektar. Hinzu kommen die freien Winzer, die noch einmal Trauben einer Gesamtrebfläche von etwa 50 Hektar anliefern. Damit ist Nino Negri schon ein Big Player in der Region, keine Frage. Denn von den 750 Hektar im gesamten Tal, "steuert" die Kantine schon in etwa ein Drittel der Fläche, produziert jährlich zwischen 700 und 800.000 Flaschen.

Heute verwendet Nino Negri französische Eiche für ihre Fässer, in der Vergangenheit sah das noch ganz anders aus. Früher waren die Holzfässer aus Kastanie, weil eben diese in der Region wuchsen. Insgesamt befinden sich in ihren Kellern 1500 Barriquefässer; schon eine sportliche Menge.

Fässer im Keller von Nino Negri.
Fässer im Keller von Nino Negri.

 

Zum Tasting kommen vier Weine des 1897 gegründeten Produzenten auf den Tisch. Der Inferno Valtellina Superiore 2013 mit seiner orange/braunen Kolorierung ist ein 100%iger Nebbiolo. Ein Duft nach reifem Obst mit feinen Gewürzen entfaltet sich, 13 % vol. sind im Glas. Ein vollmundiger Wein, der Noten von Zedernholz zeigt. Die Lese der Trauben erfolgt von Mitte Oktober bis Anfang November und diese werden dann mit einer 10-tägigen Hülsenmaischung zu Rotwein verarbeitet. Zwei Monate Tank, 18 Monate 80-hl-Fässer (slawische Eiche) und Flaschenreifung formen diesen wohlschmeckenden Inferno. Übrigens: der 2015er ist schon kein 100%iger Nebbiolo mehr, in den hat Nino Negri fünf Prozent Pignola und Merlot zum Abrunden beigefügt!

Beim Le Tense Sassela 2015 kommt wieder ein 100%iger Nebbiolo in die Gläser. Dunkelrot mit festen Tanninen, elegant und harmonisch ein passgenauer Partner für starken Käse oder auch Pastagerichte. Und ähnlich wie der Vigneto Fracia Valgella 2015 bringt der Wein 13,5 % vol. in die Gläser. Das war es dann aber schon fast mit den Gemeinsamkeiten... neben 100% Nebbilo natürlich. Denn der Vigneto ist schön spicy, frisch dabei und hat schön seidene Tannine. Ein hochwertiger Wein, der auch preislich einiges höher orientiert ist.

Hochdekoriert

Der letzte Wein im Tasting ist der 5 Stelle Sfursat 2015. Natürlich wieder 100%iger Nebbiolo, mit stolzen 16% vol. hat dieser Wein 12 bis 16 Monate Barrique hinter sich. Die Trauben werden drei Monate getrocknet. Dabei verlieren sie etwa 30 Prozent ihres Gewichts. Resultat sind in der Flasche 2,7 g/l Restzucker bei 6,1 g/l Gesamtsäure.

Vier Weine zum Tasting.
Vier Weine zum Tasting.

 

Zwischen Ende Dezember und Januar erfolgt hier die Pressung der Trauben. Nicht ohne Grund. Denn in den kalten Monaten erfolgt eine langsamere Gärung, Glycerin wird bei dem Prozess freigegeben, welcher eben den fein-süßlichen Geschmack resultiert. Ein spezieller Wein und ein hochdekorierter Tropfen dazu: Wine Spectator: 94 Punkte, Gambero Rosso 2019: drei Gläser.

Tipp: Valtellina ist für seine Nebbiolo Weine bekannt und sollte auf der Reiseroute von Wein-Touristen und -Kennern nicht fehlen!

Weitere Informationen unter:

Kantine Luca Faccinelli
www.lucafaccinelli.it  
Kantine Nino Negri
www.gruppoitalianovini.it/index.cfm/it/brand/nino-negri/ 

 

Impressionen:

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 11/02/2019

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