Freiwillig im Knast – Brabant zwischen Mugshots und Sternegastro

Sie sind bekannt, die "großen" Kulinarik-Regionen der Niederlande. Von der Provinz Zeeland bis nach Amsterdam und hoch bis zur Küste nach Texel: viele Sternegastronomien und lokale Küchen locken die Genießer. Und dazwischen? Auch da gibt es einiges zu entdecken!

Gerade die gehobene kulinarische Küche – oft verbunden mit den fast stringenten Zügen der Nachhaltigkeit und der engen Zusammenarbeit mit dem Landstrich – ist in der südlichen Region der Niederlande, in der Provinz Zeeland, vielfach anzutreffen. Es sind Namen der Vergangenheit wie Sergio Hermann, oder auch Chefkoch Edwin Vinke aus dem "De Kromme Watergang", die feinste und regional orientierte Menüs auf die Teller zauberten und zaubern.

Doch auch jenseits der klassischen Sterne-Spots und kulinarischen Speerspitzen unterschiedlichster gastronomischer Konzepte Amsterdams, einem weiteren Pol der Kulinarik, lässt die eine oder andere Region der Niederlande durchaus aufhorchen. Dabei sind es vielleicht nicht immer neue Konzepte, aber durchaus ungewöhnliche Wege, die teilweise gegangen werden. Eine dieser Regionen dürfte unumwunden Brabant sein.

Kunst und Kulinarik im De Zwaan (*)

Kunst und Kulinarik: Genussreise im De Zwaan für Mund und Augen.
Kunst und Kulinarik: Genussreise im De Zwaan für Mund und Augen.

 

Das meist unscheinbare und im Schatten der großen Regionen gelegene Brabant, allen voran die Gemeinde Breda, die mit ihren 180.000 Einwohnern auch nicht gerade zu den kleinsten Ortschaften der Niederlande zählt, steht zumeist nicht im Fokus der Genießer. In der Provinz Nordbrabant gelegen, setzt sich die Gemeinde Breda aus der Stadt Breda, Bavelk, Teteringen, Prinsenbeek, Ulvenhout und Hazeldonk zusammen. Vielleicht gerade mal 15 Minuten von Breda entfernt, findet sich auch schon der erste Genusstempel, der mehr als nur zu empfehlen ist. Warum? Nun, wie so oft in den Niederlanden, ist die gehobene Gastronomie alles andere als steif und "unnahbar". So auch im "De Zwaan" in Etten-Leur.

Nicht nur, dass die Atmosphäre des Restaurants außergewöhnlich schön, gemütlich und "greifbar" ist, sind es auch das Team und allen voran Gastgeber Roland Peijnenburg, die Abende und Menüs unvergesslich und zu einem besonderen Erlebnis machen. Und auch die fast unzähligen Kunstwerke an den Wänden des Restaurants, die zum Teil schon der Vater des Gastgebers erstand, stehen – oder besser: hängen – Pate für eben den gewissen Wohlfühlcharakter des "De Zwaan".

"Das Haus ist ein wirklich historisches Gebäude. Es wurde 1650 erbaut", erzählt uns Geschäftsführer Roland Peijnenburg im Gespräch, während er uns durch die Küche, vorbei an Chefkoch Carlo Chantrel, in den Weinkeller führt. Und der hat es durchaus in sich. "Gut 1400 Flaschen haben wir hier im Keller", erzählt uns der Niederländer weiter. Da dürfte so ziemlich für jeden Geschmack etwas dabei sein. Vom teuren Franzosen bis hin zu ungewöhnlichen Tropfen aus seinem Heimatland.

Amuse: Rote Bete Chips.
Amuse: Rote Bete Chips.

 

Das im Sternebereich Menüs nicht zwingend Schnäppchen sind, dürfte wenig überraschen. Und so ist auch das "De Zwaan" unter dem kulinarischen Zepter Chantrels nicht der billigsten einer. Aber ein Abend im Gastraum, umgeben von Gemälden unterschiedlichster Künstler, ist schon aufgrund des Ambientes ein Garant für ein vielleicht nicht unvergesslichen, aber zumindest recht beeindruckenden Abend. Und eines wird, auch wenn schon fast inflationär gebraucht, hier im "De Zwaan" hochgehalten: der Versuch regional zu sein. Dass dies sicher nicht immer zu 100 Prozent gelingt, dürfte klar sein. So sind es Produkte wie Kokosnuss, Erdnusscreme oder auch Guatemala Kaffee, die eben dies widerlegen. Allerdings kommen mit Seealgen und Co. durchaus regionale Produkte auf den Teller.

Zwei-Sternekoch im Knast und Prison Escape

Von Etten-Leur ist es vielleicht nicht zwingend ein Katzensprung nach Nuenen (ca. 80 Kilometer), aber eben dort befindet sich das "De Lindehof" Restaurant von Zweisterne-Koch Soenil Bahadoer. Und dort sieht es dann schon ganz anders aus. Die Atmosphäre des Restaurants ist eher als nüchtern, dafür aber durchaus als recht stylisch zu bezeichnen. Der in Surinam geborene Bahadoer, das zeigt schon ein Blick auf die Menükarte, sorgt durch seine Wurzeln für eine Art Cross-Over-Küche auf den Tellern – durchaus also immer ein wenig mit Akzenten der Schärfe "garniert".

Zweisterne-Koch Soenil Bahadoer beim Servieren hinter Gefängnismauern.
Zweisterne-Koch Soenil Bahadoer beim Servieren hinter Gefängnismauern.

 

Wir brauchten den Weg nicht auf uns nehmen. Denn unweit von Etten-Leur, in Breda, kochte Bahadoer jüngst während eines Essens in einem ehemaligen Gefängnis, das mittlerweile als Event-Location umfunktioniert wurde, zwischen Zellen und Stahltüren. Einst das einzige Gefängnis der Niederlande, welches nach dem Zweiten Weltkrieg zur Inhaftierung deutscher Kriegsverbrecher genutzt wurde, bot sich eine doch recht skurrile Atmosphäre für ein Sternemenü.

Vorbei an dicken Mauern mit Stacheldraht darauf, betrat man einen Gefängnistrakt, in dem eine lange und bereits gedeckte Tafel im Rahmen eines Vier-Gang-Menüs von Bahadoer und einigen Kollegen zu einem Knast-Erlebnis der ganz besonderen Art wurde. In diesem Ambiente und dem bedrückenden Charme kalter Betonmauern und Fangnetze ein wohl recht einmaliges Event. Und auch kulinarisch, betrachtet man die reduzierten Möglichkeiten der Chefköche, eine mehr als gute Vorstellung.

Das ehemalige Gefängnis in Breda ist allerdings nicht nur Austragungsort solcher Menüs, vielmehr ist es in den Fokus der Öffentlichkeit durch "Prison Escape" gerückt. Das Spiel in dem 130 Jahre alten Gefängnis wird inklusive Mugshots (Fahndungsfotos) in orangenen Overals und mit bis zu 350 Mitspielern hinter verschlossenen Toren durchgeführt. Zweimal monatlich findet Prison Escape statt, allerdings heißt es schnell sein, wer ein Ticket für die begehrte Veranstaltung erwerben will. Die Preise für die Veranstaltungen liegen zwischen 60 und 80 Euro.

Event-Location mal anders: hinter den Mauern des ehemaligen Gefängnisses in Breda...
Event-Location mal anders: hinter den Mauern des ehemaligen Gefängnisses in Breda...

 

Bergen op Zoom: Gastronomie im ältesten Hotel der Niederlande

Etwa 40 Kilometer westlich von Breda, erreicht man das im Mittelalter aus drei kleinen Siedlungen entstandene Städtchen Bergen op Zoom. Aufgrund der Historie findet man hier über 800 alte Häuser und Gebäude: Diverse Sehenswürdigkeiten wie das Stadttor Gevangenpoort, mit kleinem Museum der Stadtarchäologie, die Sankt-Gertrudis-Kirche, der Markiezenhof-Palast aus dem 15. und 16. Jahrhundert und der weiße Rathauskomplex locken Besucher in den äußersten Westen der Provinz.

Das älteste Hotel in Bergen op Zoom, das "Grand Hotel Draak", ist gleichzeitig auch das älteste Hotel der Niederlande. Direkt am Marktplatz gelegen, verfügt das Hotel über 62 Zimmer und Suiten, die meisten davon aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Das Hotel ist eines von nur zwei Gebäuden im Zentrum, dass den Stadtbrand von 1397, der fast gesamt Bergen op Zoom vernichtete, überstand. Zu diesem Zeitpunkt soll das Gebäude bereits gut 100 Jahre alt gewesen sein. 1984 kaufte die Familie Hazen das Hotel de Draak. Das Nebengebäude, "De Rink", in dem sich das Restaurant "Hemingway" befindet, war bereits Teil des Gebäudes.

Das kulinarische Zepter im "Hemingway" schwingt Ibolya Kokke. Unter Sergio Hermann sammelte sie Erfahrungen im höchsten Sternesegment (Old Sluis***) – und das kulinarische Sterne-Gespür ist durchaus zu erkennen. Auch wenn das Restaurant nicht den Michelin Stern an der Tür hat, ist es eine durchaus zu empfehlende Gastronomie. Die Menükarte des Mitglieds im JRE ist saisonal und regional orientiert: unter anderem Winter-Spargel, Austernpilze (gezüchtet im Ort), Kürbis oder Kingfish belegend dies nachweislich.

Dessert im Hemingway.
Dessert im Hemingway.

 

Im "Hemingway" können die Menüs als durchaus bezahlbar empfohlen werden. Vier-Gang-Menüs liegen bei 47 Euro, das Sechs-Gang-Menü bei lediglich 67 Euro. Und für die gebotenen Speisen ist das durchaus ein guter und fairer Preis, keine Frage.

Die hier vorgestellten kulinarischen Spots sind natürlich lediglich ein kleiner Einblick in die Gastro-Welt Brabants. Wer sich noch mehr Eindrücke - speziell von Breda - holen will, dem sei der "Restaurantgids Breda" anempfohlen. Hier finden sich 125 gastronomische Betriebe mit Kurzerklärung und Adressen. Ebenfalls empfehlenswert: "Brabants beste Restaurants" und "JRE" (www.jre.eu/nl).

Weitere Informationen unter:

Restaurant De Zwaan
Markt 7 / 4875 CB Etten-Leur
https://www.restaurant-dezwaan.nl 

Restaurant De Lindehof
Beekstraat 1 / 5671 CS Nuenen
http://www.restaurant-delindehof.nl/ 

Restaurant Hemingway
Grote Markt 36 / 4611 NT Bergen op Zoom
https://www.restauranthemingway.nl 

Breda Gefängnis Events:
Kloosterlaan 168
4811 EE Breda
https://prisonescape.nl 

Restaurantführer Breda:
https://restaurantgidsbreda.nl/ 

 

Impressionen:


Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 22/05/2019

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