Seetang und Seealgen am Ring of Kerry (Teil 2)

Wie selbstverständlich zeigt John Fitzgerald sein Messer, dessen Knauf nach Hirschhorn aussieht, aber aus getrockneten Algen besteht. Und sogar ein komplettes Portemonnaie hat er aus Seaweed gebastelt...

In Griechenland öffnete Stavros Tsompanidis in Patras kürzlich mit einem Geschäftspartner ein neues Start-up, das spezielles Seegras nun zu Brillengestellen für Sonnenbrillen und zu festen Smartphone-Hüllen verarbeitet. Das Verfahren ist patentiert, der Rohstoff heißt Posidonia Oceanica, Neptungras, das in Italien auch als "l`oliva di mare", "Meeresolive" bekannt ist. Es ist die einzige Posidonia-Art im Mittelmeer, der große Rest wabert im Meer rund um Australien!

Und vermutlich lässt sich noch viel mehr aus diesem in zigtausend Tonnen an die Strände gespülten Seegraswiesen, dem neuen "Ökoholz aus dem Meer" fertigen. Seetang wird in Israel zu Gel gegen Herzinfarkte verarbeitet, dient in der Landwirtschaft als Dünger. Vor allem Seegräser werden nun als Isolier- und Polstermaterial verwendet. Und Seetang als Viehfutter entzückt sogar die verwöhntesten Leckermäuler: Alljährlich ist das Restaurant Foveran (www.thefoveran.com) vor den Toren von Kirkwall, der Hauptstadt der schottischen Orkney-Inseln, Ziel von Gourmets aus allen Erdteilen: Dort bringt Top-Küchenchef gelangt das nur mit Seetang gefüttertes Lamm (North Ronaldsay mutton) auf den Tisch – eine Superdelikatesse.

Welch Superfood Seetang tatsächlich ist, entdeckte aber zuerst eine Wissenschaftlerin: Kathleen Mary Drew-Baker (1901 – 1957), die von 1922 bis zu ihrem Tode an der Uni Manchester wirkte. In Japan wird sie heute als "Mother of the Sea", "Mutter des Meeres" verehrt, Ein Denkmal am Sumiyoshi-Schrein in Uto sowie ihr jährlicher Gedenktag, der 14. April, erinnern bis heute an sie. Dies obschon sie niemals in Japan war.

Kurz nach dem 2. Weltkrieg entschlüsselte sie 1949 den Lebenszyklus der Rotalge Porphyra umbilicalis und legt dadurch den Grundstein für die industriell ausgeweitete japanische Nori-Seealgenproduktion. Und ohne diese wären kein Sushi und zig japanische Gerichte undenkbar. Denn ohne Seealgen auch kein Onigiri oder die Wakame Miso-Suppe. Heute sind Indonesien (3 Mio. Tonnen) und die Philippinen (10 Mio. Tonnen) die größten Weltproduzenten von Seetang und Seealgen.

Ohne Seealge, kein Sushi.
Ohne Seealge, kein Sushi.

 

Aber natürlich kennt John Fitzgerald nicht nur Briten und Asiaten, die etwas zur Geschichte der Seealgen beigetragen haben. Schon dem Hl. Colomban und seinen Mönchen waren spezielle Algen im 6. Jh. jederzeit eine Mahlzeit wert. Doch erst einmal kann hier mit dem Lesen stoppen, wer allergisch gegen Krustentiere ist. Denn gleiche Allergien lösen auch Seetang und Seealgen aus.

Vorsicht ist bei einzelnen Arten auch wegen hohem Jodgehalt geboten. Dann aber kann das kulinarische Fest bereits losgehen. Einfach lässt sich auch die Frage beantworten, wovon eigentlich die Mönche auf der kargen Atlantikinsel Skellig Michael lebten: wie St. Colombans Mönche vor allem von der berühmtesten der wohl 600 Rotalgenarten, von Dillisk, gälisch-irisch "duileasc/duileasg" – übersetzt "Blätter des Wassers, Wasserblätter". Der finger- bzw. lappenförmige Dillisk, lateinisch Palmaria palmata, ist auch als Dulse, Red Dulse oder Sea lettuce flakes bekannt – und diente auch den Fernfahrern wie Irlands legendärem Atlantiksegler, dem Hl. Brendan, verbürgter aber vor allem den wirklichen Amerika-Entdeckern, den Wikingern.

Den Palmaria palmata war und ist gut gegen Skorbut – und auf Island bis heute als Söl bekannt. In Frankreich als "Dulce" berühmt, heißt die braunrote bis purpurrote Wunderalge im Deutschen eher schnöde "Lappentang" – und schmeckt leicht nussig. Gut also auch als Nutella-Ersatz für alle Star Wars-Protagonisten und ihre Fans! Und Rezepte und Gerichte gibt es reichlich, schon auf ihre Webseite geben John und Kerryann einige sehr gute preis. Manche Forscher glauben heute, dass sogar die Besiedlung Amerikas von Sibirien über die Beringstraße vor 15.000 oder mehr Jahren nur dank des Seewegs und nur dank Seetang und Kelp möglich war. Denn dort befindet sich von Alaska bis Kalifornien der "Kelp Belt", der Tangwald-Gürtel, der die permanente Ernährung wandernder Neusiedler ermöglichte.

Mit John unterwegs: auf Seaweed Suche.
Mit John unterwegs: auf Seaweed Suche.

 

Fettfrei und faserreich, dazu mit zehnmal mehr Mineralien als Landpflanzen ausgestattet, besteht manch Seetang aus bis zu einem Drittel Proteinen, manche sind eine große natürliche Quelle für Omega 3-Öle, besitzen Eisen, Zink und essenzielles Vitamin B. Seegras, Ulva intestinalis, hat sogar den höchsten Vitamin B12-Gehalt auf Erden. Mancher Kelp wächst bis zu fünf Metern Länge. Da nimmt es nicht Wunder, das Irland nun auch zwei Kelp-Farmen besitzt, die vorwiegend nach Frankreich exportieren. Und wem das nicht reicht: Noch im 1. Weltkrieg diente Tangwald, Kelp als Ersatz für – Pottasche.

Man kann mit Kelp süßen und sogar Wein produzieren, denn die Natur besitzt Saccharina latissima, den Zuckertang bzw. Sugar kelp, auch vor Irlands Küste. Ein essbarer Seetang ist auch der japanische Kombu, lateinisch Saccharina japonica, dem schon 797 n. Chr. erste schriftliche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Viele dieser Köstlichkeiten hat John Fitzgerald auf dem Tisch im Oberstübchen ausgebreitet – auch den Trüffel unter den Algen: den vor allem in Gezeitenzonen zu findenden Pepper dulse, Pfeffertang, lateinisch Osmundea pinnatifida. Die nur bis acht Zentimeter lange Rotalge kostet pro Kilo über 2000 Euro!!! Und ideal für Sushi und Sashimi!

Am besten ist es natürlich, den Seetang direkt vor Ort zu finden und zu ernten. Das macht John Fitzgerald, perfekt mit Gummistiefeln ausgerüstet und mit einer US-amerikanischen Sammeltasche am Oberschenkel ausgestattet, die eigentlich einmal für Farmer zum Säen entwickelt wurde. Und so verdrängt am Strand, in Sichtweite der Klosterinsel, das Praktische die akribische Wissenschaft aus dem Oberstübchen: John kreiert ein wenig Rock & Roll-Atmosphäre, die einen irischen Journalisten zum Beatles-Wortspiel-Bonmot "With a little kelp from my friends…". Dem Hit von 1967 könnte sogar ein weiterer Megasong von 1965 übertreffen. Denn da komponierte Bob Dylan "Suzanne":

Now, Suzanne takes your hand and she leads you to the river
She's wearing rags and feathers from Salvation Army counters
And the sun pours down like honey on our lady of the harbor
And she shows you where to look among the garbage and the flowers
There are heroes in the seaweed, there are children in the morning...

Leonard Cohen verband damals eine eher platonische Liebe zur Tänzerin Verdal, die er am Sankt Lorenz-Strom besuchte ("For you`ve touched her perfect body with her mind"). Und natürlich war Suzanne auch Expertin für Seetang, Seaweed, wie er im Song festhielt.

Seetang und Irish Beef.
Seetang und Irish Beef.

 

Wir aber genießen es, von all den vorgestellten Seealgen hier und da "fresh nibbles", kleine Kostproben zu genießen. Am besten war dann am Strand wie in Kerryanns Küche Sea Spaghetti, Meeres-Spaghetti, eigentlich Himanthalia elongata, eine Braunalgenart, die bei uns schlicht "Riementang" heißt. Aber was man daraus alles zaubern kann, beweist Kerryann Fitzgerald dann mit ihren zehn wunderbaren Probegerichten direkt im Anschluss im Blind Piper. Ihre frische Algenküche ist ein Feuerwerk an Ideen!

Zuvor hatte uns John noch gewarnt. "Ihr müsst alles probieren. Sonst ist Kerryann ungehalten und ich muss heute Nacht im Auto schlafen." Aber so weit kommt es gar nicht erst. Wir haben alles verputzt – einfach köstlich, auch der frische Ananassaft mit Seetang, der wie auch Fruchtkefir und Kombucha dazu gereicht wird. Und Kerryann kocht nicht dogmatisch. Sie beweist sogar, welch großartige Kompositionen man mit Seetang und Irish Beef entwickeln kann. Perfekt und ein Muss!

Hier geht es zum ersten Teil des Artikels...

Workshop:
Walk, Talk & Taste Workshop Atlantic Irish Seaweed (Kerryann und John Fitzgerald), c/o The Blind Piper, Caherdaniel, Co. Kerry, Tel. +353 87 655 14 85, Tel. +353 86 106 21 10, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.atlanticirishseaweed.com 
Kurs (3 Std.)-Voucher 45 €, Workshop (zu zweit, 5 Std.; mit 10 verschiedenen Gerichten) 250 Euro

Information:
Irland Information/Tourism Ireland, Gutleutstr. 32 - 60329 Frankfurt/Main, Tel. 069 9 23 18 50, www.ireland.com/de-de/ 
Wild Atlantic Way: www.wildatlanticway.com 

Regionale/Lokale Tourismusinformationen:
Tralee:
Tralee Tourist Office, Ash Memorial Hall, 18 Denny Street, Tralee, Co. Kerry, Tel. +353 66 712 12 88, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.tralee.ie , www.discoverireland.ie/Activities-Adventure/tralee-tourist-office/48359 

Ring of Kerry:

Mid Kerry Tourism Centre, Library Place/Iveragh Road, Killorglin, Co. Kerry, Tel. +353 66 9761451 This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. http://killorglinringofkerry.com, www.killorglintidytowns.com/uploads/1/1/0/2/11026159/killorglin_town_historytrail_1.pdf 
The Old Barracks, Bridge Street, Caherciveen, Co. Kerry, Tel. +353 66 401 04 30, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.theoldbarrackscahersiveen.com , http://cahersiveen.ie
The Skellig Experience Visitor Centre, Valentia Island (gegenüber Portmagee), Co. Kerry, Tel. +353 66 947 63 06, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.skelligexperience.com 
Waterville Visitor Information Point, c/o Charlie Chaplin Visitor Centre, Waterville, Co. Kerry, Tel. +353 66 947 88 18, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://chaplinfilmfestival.com
Gemeinde Waterville: Tel: +353 66 947 43 66, www.visitwaterville.ie 
Kenmare Tourist Office, c/o Kenmare Heritage Centre, Kenmare, Co. Kerry, Tel. +353 64 664 12 33, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.discoverireland.ie/Activities-Adventure/kenmare-tourist-office/48311 
Discover Ireland Tourist Information Centre, Beech Road, Killarney, Co. Kerry, Tel. +353 64 663 16 33, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://killarney.ie/de/, www.discoverireland.ie/Activities-Adventure/killarney-discover-ireland-centre/48316 
Killarney National Park Tourist Information, Muckross House Visitor Centre, Killarney, Co. Kerry, Tel. +353 64 663 14 40, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.killarneynationalpark.ie , www.npws.ie , www.heritageireland.ie 

Anreise:
Top-Verbindung: Ryanair www.ryanair.com  fliegt ab Frankfurt-Hahn und Berlin-Schönefeld zum Kerry Airport. Weitere Flüge bieten z. B. Ryanair, Aer Lingus www.aerlingus.com  oder Lufthansa www.lufthansa.com  ins nahe Cork sowie nach Dublin. Mit Dublin bestehen nationale Anschlussflüge (Aer Lingus) zum Kerry Airport, der 2019 für 2 Mio. Euro ausgebaut wird und Autovermietung, Bar/Restaurant, Shop und Ticketverkauf bietet.
Kerry Airport: Castleisland Road, Farranfore, Tel. +353 66 976 46 44, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.kerryairport.ie 

Gourmet- und Foodfestivals in West-Kerry (Sommer/Herbst 2018):

Valentia King Scallop Festival (Valentia Island): www.valentiaisland.ie  (Juli)
Féile an Phráta (Kartoffelfest) Ballyferriter (Dingle-Halbinsel; Juli)
Flavour of Killorlin, www.flavourofkillorglin.com  (September)
Dingle Food Festival: www.dinglefood.com  (September)
Tralee Food Festival: www.tralee.ie  (September)

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 06/12/2018

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