World Cheese Award 2018

Bjarne lacht. Er feiert heute seine 80. Geburtstag, sitzt im Flug von Oslo nach Bergen neben mir, flirtet mit seiner Frau und ist fit wie ein junger Gouda. Das muss er auch sein: "Wir sind eine große Familie und feiern zwei Tage lang...

Bjarne,not Björn! Der Name bedeutet Bär, Brauner, Brun. Warum fliegen Sie nach Bergen?" Ich erzähle von meinem Vater, der auch 80 ist und genauso fit wie er, dass ich aus Berlin komme und zum World Cheese Award gehe. "Oh – have you heard about the 'Brun Geitost' from Norway?" Brun wie Bjarne. Der für mich unbekannte braune Ziegenkäse wird die nächsten Tage noch eine große Rolle spielen. Am Flughafen warten am Ausgang die ersten Käse-Kostproben auf einem silbernen Tablett. Eine Willkommens-Geste des World Cheese Award 2018.

3572 Käse, 41 Länder, 235 Juroren, eine nüchterne Veranstaltungshalle mit Null Atmosphäre und eine stimmungsvolle Preisverleihung um die besten 16 Käse der Welt mit emotionalen Ausbrüchen. "Dieser Käse hat eine Seele" haucht es aus Südafrika. Pause. Applaus. Das wird getoppt von "It's a VERY good looking cheese." Die Jurorin aus Italien verdreht die Augen, als ob sie den Hersteller kennen würde. Offiziell dürfte sie es nicht.

Es wurden schon viele Preise in den letzten Tagen vergeben. Eigentlich ist jeder, der für knapp 60 Euro eingereichten Käse, ein Gewinner. Zum Beispiel für die 'Orchard Valley Dairy Supplies Trophy' – Awarded to 'The Best Wax Cheese in Show' (Class DP 148) oder den 'En Route International Ltd Award' für "The Best Cheese product for the Travel Industry, Catering & Food Service (Class DP382)" - Käse, der flugzeugtauglich ist!

Wer bei gefühlten 3570 Preisen ohne Auszeichnung nach Hause fährt, sollte besser einen kurzen Heimweg haben, um nicht zu lange enttäuscht zu sein. Die ganz große Nummer findet am Freitagabend statt. Der Beste, der Beste der Besten wird gekürt. Vor dem Saal, eine Etage über der "Verkostungshalle", begrüßen sich respektvoll die Produzenten, Juroren und Liebhaber. So entspannt wie ein französischer Weichkäse ist hier niemand, die Stimmung ist eher hart, hart wie ein sehr, sehr alter Gouda – der ja nicht unbedingt aus Holland kommen muss, wie dem aufmerksamen Zuschauer am Abend noch beigebracht wird.

Die Türen gehen auf, die Masse stürmt in den Saal, auf der Bühne formieren sich die Juroren. Es geht los. Und das sehr amüsant. Die beiden Moderatoren Nigel Barden und Charlie Turnbull liefern eine massentaugliche Unterhaltung mit Vergleichen zum Eurovisions Contest bis zu Wortspielen mit den Namen der internationalen Jury "TWO from Mr MUH from Japan." Zwei Punkte sind eigentlich ein vernichtendes Urteil! Mr Muh's ganzer Name ist unaussprechlich, so wie viele Käse-Sorten an diesem Abend. Anonym werden sie umschrieben. "Ich möchte jetzt alleine sein, ganz alleine. Nur mit diesem Käse", meint der Juror aus Südamerika. "Dieser Käse hat zu mir gesprochen...", haucht es aus den USA und die höchste Punktzahl 5 wird fast an die Decke der niedrigen Halle gestreckt.

And the winner is...
And the winner is...

 

Selbstverständlich geniesst der russische Juror seinen Favoriten mit Wodka, Italien mit Wein und ein Franzose sieht "eine Seele" und nimmt einen Schluck Wasser. Mr. Muh lächelt. Ein Übersetzer erklärt ihm zeitversetzt was die 15 Kollegen sagen. Er lächelt weiter. Nach Tagen des Probierens, jeder Juror hatte bis zu 35 Käse verköstigt, sehnt der Besucher sich ein wenig in eine kleine Bar, einem guten Rotwein aus Frankreich, oder Cidre aus Norwegen, eine Käseplatte und "The Cheese I was waiting for", wie Peru meinte.

Die Besucher warten auf ein Ergebnis. Im zweiten Drittel des Abends kommt die Überraschung. Ausgerechnet ein Gouda aus Norwegen überzeugt, verwirrt und überrascht die Jury. Beim Fanaost von cheesemaker Jørn Hafslund flippt das Publikum im Saal aus. "Gouda ist keine eingetragene Herkunftsbezeichung", wird schnell erklärt. Der Saal tobt – noch ohne zu wissen wer der Produzent ist. Nur das Herkunftsland wird genannt. Ein paar Käse weiter ist das Ergebnis klar. Norwegen, ein hervorragender Gastgeber und ein Gewinner mit Jørn Hafslund, der ausgerechnet auch noch aus Bergen kommt, nur zwölf Kühe hat und dies sein angeblich erster Käse ist. Immerhin hat er seinen Gewinner-Käse wohl sehr, sehr lange gelagert. Ein alter Gouda aus Norwegen gewinnt also. Und auf dem dritten Platz: ein Brun Geitost von Stordalen Gardsbruk, Norwegen!

Ach Bjarne! Ich habe den "Braunen" probiert: Als Desert mit Eis im Restaurant Enhjørningen und auf dem Markt in Bergen. Ganz ehrlich: bisschen wie Lakritz. Falls wir uns einmal wieder im Flugzeug, oder wo auch immer, treffen: vielleicht sind wir auf dem Weg nach Deutschland und ich versuche Dir einen Harzer, Klützer Gold oder Bavaria Blu schmackhaft zu machen.

Bergen eine entspannte Stadt, in der ja auch das Wort Regen versteckt ist, war ein wunderbarer Gastgeber. Nächstes Jahr wandert die Käse-Karawane nach Nantwich zwischen Liverpool und Nottingham.

Fotos: Odd Mehus – HANEN, Flickr

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Zuletzt bearbeitet am 13/11/2018

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Autor

Robert Doerk

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