Kulinarische Stippvisite in der Lagune von Caorle

Sie zählt zu den größten Naturschutzgebieten Norditaliens: die malerische Lagune östlich der pittoresken Adriaperle Caorle. Eine der ursprünglichsten Landschaft des Veneto, voll von Poesie, die Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway einst zu seinem Roman "Über den Fluss und in die Wälder" inspirierte. Aber auch für Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten ist die Region ein wahres Paradies.

"Du musst unbedingt Reismehl verwenden, nur dann werden sie richtig kross", erklärt Sandro Bozza, während er mit flinken Fingern die winzigen Garnelen, die heute Morgen noch in der Lagune geschwommen und kaum größer als eine Rosine sind, in dem feinen, schneeweißen Puder wendet. Vor einigen Jahren hat der ehemalige Fischer seine Netze an den Nagel gehängt und betreibt seitdem auf der Isola dei Pescatori in einem traditionellen Casone, einer der typischen, aus Schilfrohr gebauten Fischerhütten, die es nur noch in der Lagune von Caorle gibt, ein einfaches kleines Fischrestaurant, das als absoluter Geheimtipp gilt.

Auf den Tisch kommt nur, was die Lagune und die nahegelegene Adria hergeben. Flink greift Sandro mit der freien Hand zu einem Edelstahl-Thermometer und prüft mit der Ernsthaftigkeit, die ein Arzt auf das Fiebermessen bei einem malariageschüttelten Patienten verwenden würde, die Temperatur des goldgelb funkelnden Olivenöls, das er über einer offenen Gasflamme erhitzt. Seine Assistentin schlägt mit einem Rührbesen an anderen Ende der Theke derweil eine weiße Polenta – eine Spezialität der Region – die später zusammen mit den herausgebackenen und nur mit Salz gewürzten Meeresfrüchten serviert wird. Mehr braucht es nicht.

Der feine Maisbrei besitzt dabei – anders als sein gelbes, eher an Grieß erinnerndes Pendant – eine so zarte Konsistenz, dass die Polenta fast an einen Pudding erinnert. Der annähernd neutrale Geschmack und die Cremigkeit bilden den perfekten Kontrapunkt zu den wunderbar geschmacksintensiven Garnelen, die man samt Kopf und Schale verputzt. Anschließend serviert Sandro uns Sarde in saòr – gebackene, sauer eingelegte Sardinen mit Pinienkernen und süßen weißen Zwiebeln aus Chioggia, eine im ganzen Veneto beliebte Spezialität, deren süßsaure Zubereitung früher vor allem dazu diente, den leicht verderblichen Fisch länger haltbar zu machen. Einfach umwerfend sind dann die perfekt al dente gegarten Penne al pescatore, die mit Scampi, Vongole, Cozze, winzigen Sepien, frischen Kirschtomaten und reichlich Knoblauch serviert werden, bevor schließlich Sandros Spezialität aufgetischt wird – die traditionelle Frittura mista di mare. Gebackene Fische und Meeresfrüchte, zuerst, wie die kleinen Garnelen, in Reismehl gewendet und dann, keine Sekunde zu lang, frittiert. Dazu gibt es einen bunten Salat und ein eiskaltes Glas Weißwein bevor eine hausgemachte, Polenta genannte Cremeschichttorte das süße Finale einläutet.

Farbenfrohes Meeresspektakel...
Farbenfrohes Meeresspektakel...

 

Zurück nach Caorle, oft auch als Klein Venedig bezeichnet, geht es anschließend mit dem Fahrrad über gut ausgebaute Feldwege entlang eines Kanals vorbei an der üppigen Flora und Fauna der Lagune mit zahllosen bunt blühenden, wilden Orchideen und duftendem Strandflieder. Dazu zirpen, schnattern und zwitschern eine Vielzahl an Vögeln, darunter stolze Purpurreiher, majestätische Schwäne, putzige Zwergtaucher und bunte Stockenten um die Wette. Tatsächlich erinnert die malerische Altstadt des bunten Ferienörtchens mit ihrem romanischen Dom, dem stolz aufragenden, runden Glockenturm, den bonbon- und pastellfarbenen Fischerhäuschen, den prachtvollen Patrizier-Residenzen, engen Gässchen und weiten Plätzen, allen voran die wunderschöne Piazza Vescovado, ein wenig an die etwa 60 Kilometer westlich gelegene Serenissima. Freilich in einer Art Miniaturversion. Nicht umsonst gehört Caorle zu den Borghi Storici Marinari – der italienischen Vereinigung historischer Fischerorte. Nur sind die meisten Kanäle, die auch Caorle einst wie ein Spinnennetz durchzogen, heute trockengelegt und dienen mittlerweile als Straßen und Fußgängerzone. Übrig geblieben ist nur der Rio Interno, die Zufahrt zum Fischerhafen.

Anders als das wenige Kilometer, ebenfalls westlich gelegene Jesolo gibt es in Caorle keine monströsen Bettenburgen, ist man eher auf Familien- statt Partyurlaub im gehobenen 3*-Bereich spezialisiert, ist alles etwas ruhiger und beschaulicher. Schließlich sind die Zeiten, als der Ort auf dem Höhepunkt des Italienfiebers der 70er Jahre teilweise bis zu neun Millionen Gästeübernachtungen pro Jahr zählte längst vorbei – aktuell sind es noch rund 4,5 Millionen. Stolz sind die Einheimischen dabei vor allem auf insgesamt 18 Kilometer Strand, teilweise mehrere Hundert Meter breit, das kristallklare Wasser – und natürlich die exzellente Fischküche, die im Centro Storico und entlang der belebten Viale S. Margherita in Dutzenden von Spezialitätenrestaurants und Trattorien aufgetischt wird.

Exzellente Fischküche in der Region.
Exzellente Fischküche in der Region.

 

Tatsächlich spielt die Berufsfischerei neben dem Tourismus in Caorle, das außerhalb der Saison gerade mal knapp 12.000 Einwohner zählt, bis heute eine zentrale Rolle im Wirtschaftsleben, denn in dem beschaulichen Städtchen am Meer haben viele Einheimische die Fischerei einfach im Blut. Mehr als 100 Fischerboote fahren deshalb noch heute jeden Tag vor dem Morgengrauen vom kleinen Fischereihafen im Herzen Caorles in die Lagune und hinaus auf die Adria, speziell in die Meeresregion zwischen Punta Tagliamento und Chioggia. Die Rückkehr der Fischer in den Hafen, meist zwischen 14 und 16 Uhr, wenn ein Boot nach dem Anderen an der Mole festmacht und die Kisten mit dem fangfrischen, glänzenden Fisch auf die Kaimauer gehievt werden, ist ein buntes und lohnendes Spektakel – sofern man Fisch mag jedenfalls. Anschließend wird der Fang sofort in der nagelneuen, gleich nebenan liegenden Auktionshalle versteigert, wo sich Restaurantbesitzer und Händler um den Auktionator scharen, um ihm ihr Gebot direkt ins Ohr zu "flüstern". Der traditionelle Weg, wie an der Adria einst Fisch verkauft wurde.

Einer der Veteranen des Fischmarktes ist Renzo Dorigo. Der heute 60-Jährige war 28 Jahre Fischversteigerer. "Die hohe Kunst des Jobs besteht darin, sich genau zu merken, wer welches Angebot abgegeben hat, wer noch einmal nachgelegt oder sich beim Flüstern womöglich nur einen üblen Scherz erlaubt hat.", erklärt Renzo. Denn es kam durchaus vor, dass anstelle einer echten Offerte ein eher unmoralisches Angebot ans Ohr des Versteigerers drang, wie sich Renzo schmunzelnd erinnert. Doch der Profi ließ sich davon nie beirren, sondern setzte in solch einem Fall einfach sein gut einstudiertes Pokerface auf – und das beherrscht der smarte Auktionator bis heute perfekt.

Fischauktionator Renzo Dorigo.
Fischauktionator Renzo Dorigo.

 

Während am Nachmittag nur Profis kaufen dürfen, können Einheimische und Touristen morgens zwischen 8.30 und 11.30 Uhr an den Ständen des Fischmarkts an der Riva delle Caorline zuschlagen. Die Vielfalt der auf dem Markt und je nach Saison angebotenen Fische, Muscheln und Krustentiere ist schlicht atemberaubend, darunter finden sich z.B. Goldbrassen, Wolfsbarsch, Schwertfisch, Thunfisch, Tintenfisch, Kalmare, Kraken, Scampi, Seezungen, Furchengarnelen, Hummer, Langusten, Aal, Meeräschen, Sardinen, Sardellen, Miesmuscheln, Vongole, Schwertmuscheln und noch vieles mehr. Ungekrönte Könige unter den lokalen Meeresspezialitäten sind aber vor allem die kleine, braune Moschuskrake – Moscardini genannt - und die Pilgermuschel, eine kleine und besonders feine Schwester der Jakobsmuschel.

Die Kraken werden traditionell entweder mit Kirschtomaten geschmort, mit Kartoffeln und Stangensellerie zu einem Salat verarbeitet, zu Spaghetti oder in einer grünen Kräutersauce serviert. Allen Rezepten gemeinsam: man isst stets das ganze Tier, was dazu führt, dass einem die niedlichen Kreaturen mit der knuffigen Nase vom Teller aus öfter mal den ein oder anderen vorwurfsvollen Blick zuwerfen. Nichts für Menschen mit schwachem Magen – immerhin: den schmackhaften Weichtieren werden geradezu sagenhafte Anti-Aging-Wirkungen nachgesagt. Die Pilgermuscheln werden dagegen oft einfach gedämpft oder mit Olivenöl, Knoblauch und Petersilie in der Pfanne geschwenkt und oft als Teil der in Caorle beliebten Fisch-Antipasti serviert, die in praktisch allen Lokalen auf der Karte stehen. Weitere typische Spezialitäten der Region sind die Broéto caorlotto, eine üppige, heute nicht mehr ganz billige, dafür aber umso köstlichere Fischsuppe, die einst die Grundlage der Ernährung der Fischerfamilien bildetet, oder Aal, vor allem als Bisatò al spèo – Aal am Spieß.

Kraken mit Kartoffeln und Stangensellerie.
Kraken mit Kartoffeln und Stangensellerie.

 

Einer von Caorles Restaurateuren der ersten Stunde war Duilio Bortlussi, der sich hier 1958 niederließ und dessen Fischrestaurant sich binnen weniger Jahre einen exzellenten Ruf bis nach Venedig und ins mehr als 100 Kilometer entfernte Triest erwarb. Hier spielt auch eine Schlüsselszene eines legendären Klamaukstreifens mit Heinz Erhardt auf Italienurlaub aus dem Jahre 1970, in der Bortlussi als schnauzbärtiger Oberkellner einen Gastauftritt hat. Heute wird das Lokal – erweitert um ein schickes 4*-Hotel - von Duilios Sohn Fernando und dessen Ehefrau betrieben, die wie einst seine Mutter in der Küche das Kommando führt, und es zählt noch immer zu Caorles ersten Adressen in Sachen Fisch.

Lachend erinnert sich Fernando beim Aperitif mit einem spritzigen Franciacorta und knusprigen Crostini mit Stockfischcreme an die ersten Touristen, die in den 60er Jahren in großen Autobussen über den Brenner kamen: "Die meisten Gäste wussten damals mit Muscheln und Meeresfrüchten nicht allzu viel anzufangen und es kam immer wieder zu lustigen Szenen, wie in dem Film. Heute kommen unsere internationalen Gäste dagegen bewusst wegen der ungeheuren Vielfalt und Frische des Angebots." Aufgetischt werden im Restaurant neben Klassikern auch moderne Interpretationen traditioneller Fischgerichte und Rezepte die Duilio und Fernando persönlich entwickelt haben, darunter z.B. Fettucine mit frischen Kräutern und Vongole, deren Sauce ihre Sämigkeit und intensive Meeresaromatik passiertem Venusmuschelfleisch verdankt. Bekannt ist das Restaurant aber auch für seine hervorragende Weinkarte. Doch die Küche des Veneto und speziell Caorles besticht nicht nur mit Meeresgetier in allen Facetten – auch das dem Meer im Rahmen großangelegter Trockenlegungen im Laufe des 19. Jahrhunderts abgetrotzte Hinterland hat einiges zu bieten. So wird hier u.a. Carnaroli-Reis der Top-Kategorie "Superfino" angebaut – Grundlage zahlreicher Reisgerichte. Eine ganz besondere Spezialität ist außerdem der stark jodhaltige Honig, den die Bienen auf den Sandbänken der Lagune von den Blüten des Strandflieders sammeln. Und natürlich hat die Region auch einen waschechten DOP Käse – den vergleichsweise milden Montasio – im Angebot.

Fernando Bortlussi.
Fernando Bortlussi.

 

Zu guter Letzt noch ein kleiner Geheimtipp für alle, die nach all dem Fisch Appetit auf ein gutes Stück Fleisch und hausgemachte Salumi und Schinkenspezialitäten bekommen: die Antica Trattoria Alla Fossetta in Musile di Piave, rund eine dreiviertel Autostunde von Caorle entfernt, bietet nicht nur traditionelle Trattoriaküche zu sehr erschwinglichen Preisen, sondern auch eine hervorragend sortierte Weinkarte mit Dutzenden unterschiedlicher Spumante... unbedingt einen Abstecher wert!

Guten Appetit!

Adressen:
Allgemeine Infos rund um Caorle und seine Fischküche, sowie die Lagune – außerdem kann man hier direkt Hotelzimmer buchen
www.caorle.eu/de 

Tourismusbüro Caorle:
Caorle IAT*
Ufficio Informationi
Rio Terrà delle Botteghe 3
30021 Caorle
Tel.: +39 (0) 421 81 085
This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 
Hier gibt es auch die neue Broschüre La nostra Cucina (I-D-E)
Fischfest (14.9-16.9. und 22.9.-23.09.2018): An zwei Wochenenden im September feiert Caorle traditionell sein legendäres Fischfest direkt am Strand neben der Kirche Madonna dell´Angelo. Beim Grillwettbewerb "Sardee in Grea" wetteifern Hobbyköche, wer die besten Sardinen braten kann.

Märkte in und um Caorle:
Caorle - Via Aldo Moro, jeden Samstag Morgen
Fischmarkt Itticaorle - Riva delle Caorline, vormittags
Porto Santa Margherita - Via Pigafetta, Dienstag Abend vom 15. Mai bis 15. September
Duna Verde - Piazzale Madoneta, Mittwoch Morgen vom 15. Mai bis 15. September

Restaurant und Ausgehtipps:
Casone von Sandro Bozza mit traumhafter Fischküche –
die Rigatoni a la Pescatore und die Fritto misto di Mare sind einfach himmlisch:
Cason Grottolo – Pescaturismo e Ittiturismo
Via dei Casoni, 30021 Porto Falconera -Caorle
Tel.: +39 33 82 68 46 86

Hervorragendes Fischrestaurnt mit exzellentem Service direkt auf der Touristenmeile
Ristorante Ae do Rode
Viale Santa Margherita, 8-10,
30021 Caorle
Tel.: +39 (0) 421 21 03 72
de-de.facebook.com/aedorode 

Eines der ältesten und besten Fischrestaurants von Caorle – seit mehr als 40 Jahren eine Instituion
Hotel Aqa Palace –Ristorante Duilio
Via strada Nuova 19
30021 Caorle
Tel.: +39 (0) 421 81 087
www.aqapalace.com 

Gemütliches Fischlokal unweit des Doms
Ristorante all`Anguilla
Calle Falconera 5 – Centro Storico
30021 Caorle
Tel.: +39 (0) 421 84 222
ristoranteanguillacaorle.com 

Beleibtes Spezialitätenrestaurant zum Sehen und gesehen werden – unbedingt reservieren!
Ristorante Al Postiglione
Viale Santa Margherita 42
Tel.: +39 (0) 421 81 520
30021 Caorle
www.alpostiglione.com 

Hervorragende Enoteca und eine der wenigen Adressen Caorlesan bei denen Fleisch im Mittelpunkt der Karte steht
Enoteca Enos
Via Della Serenissima 5
30021 Caorle
Tel. +39 (0) 421 212199
www.enotecaenos.com 

Von außen unscheinbar, aber vielleicht beste Eis der Stadt, nur mit natürlichen Zutaten zubereitet
Gelateria Artiginale "La Galleria” di Matteo Brichese
Via Roma 2 - Centro Storico
30021 Caorle
Tel.: +39 348 273 4834
facebook.com/gelaterialagalleria 

Gemütliche Strandbar mit fantastischen Panoramablick auf den Strand und die Adria
Rotonda Beach Bar
Lungomare Trieste
30021 Caorle
Tel.: +39 329 745 0614
de-de.facebook.com/pages/biz/topic_bar/La-rotonda-beach-bar-1492795117612596 

Für Liebhaber von Fleisch und hausgemachter Trattoriaküche
Antica Trattoria Alla Fossetta
Via Fossetta 31
30024 Musile di Piave
Tel. +39 (0) 421 33 02 96

 

Lage Caorle:

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Fotos: Comune di Caorle, Thomas Hauer

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Zuletzt bearbeitet am 17/07/2018

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Autor

Thomas Hauer

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