Auf Moschusochsen-Safari in Norwegen

Die Wanderschuhe versinken in weichem Moos. Der Boden ist morastig, durchzogen von kleinen Bächen, die den Weg immer wieder kreuzen...

"Ich kann euch nicht versprechen, dass wir heute Moschusochsen sehen, dieser Hochgebirgspark umfasst immerhin fast 1.700 Hektar", sagt Kim van Kooten. "Aber die Chancen stehen gut, sehr gut. Die Tiere bewegen sich meist in einem relativ kleinen Terrain." Kim muss es wissen. Die 28-Jährige kennt die Region wie ihre Westentasche. Die Niederländerin hat Naturmanagement in Norwegen studiert, wollte danach einfach nicht wieder weg und arbeitet nun im Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. Sie ist unser Guide, mit dem wir einigen der wenigen, wildlebenden Moschusochsen Europas auf der Spur sind. In Norwegen kann man die Tiere nur in diesem Nationalpark antreffen. Wenn man sie antrifft! Werden wir sie sehen? Kein Abenteuer ohne Ungewissheit!

Im Reich der zotteligen Urzeit-Riesen

Von unserem Hotel in Oppdal in der mittelnorwegischen Provinz Trøndelag per Wagen gestartet, wagen wir uns in Grønbakken zu Fuß in das Reich der zotteligen Urzeit-Riesen. Ihr Fellhaar ist bis zu 70 Zentimeter lang, Rekord im Tierreich! In einer kleinen Gruppe pirschen wir auf dem Moschusochsen-Trail durch eine beinahe unberührte, karge Natur. Zwei Stunden sind wir schon in der bergigen Tundra unterwegs, scannen ununterbrochen die Landschaft ab, immer auf der Suche nach dem arktischen Urvieh. Der Rundumblick ist großartig.

Unterwegs schon in der bergigen Tundra.
Unterwegs schon in der bergigen Tundra.

 

Dann, plötzlich der Aufschrei. "Da stehen sie!", schreit einer der Mitwanderer. Stecknadelgroß. Moschusochsen! In der weiten Landschaft des Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalparks, einem der abwechslungsreichsten Hochgebirgsparks Norwegens, sind in zirka 800 Meter Entfernung doch tatsächlich schwarze Punkte auszumachen. Das Herz beginnt zu pochen.

Nasse Füße, Nieselregen – alles vergessen

Das Fernglas bestätigt es. Dort steht einer. Und da, einige Meter daneben noch einer und noch einer. Eine Herde mit neun Tieren ist in Sicht, auch Kälber sind darunter. "Rund 50 Jungtiere haben wir dieses Jahr", sagt Kim und ihre Augen strahlen. Und unsere gleich mit. Da hatte die Safari-Leiterin also recht. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Nasse Füße, Nieselregen – längst vergessen. Bis auf 200 Meter pirschen wir uns an die stattlichen Gesellen mit dem Flauschefell heran.

Strenger Schutz

Näher ist nicht erlaubt. Die rund 300 Tiere im Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark stehen unter strengem Schutz, sie dürfen nicht gestört werden. Dieses weitgehend intakte Ökosystem ist ihr Terrain, seit Tausenden von Jahren. Denn diese Art ist ein regelrechter Methusalem. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Moschusochsen in dieser Region mit großer Wahrscheinlichkeit bereits vor der letzten Eiszeit lebten. Der arktische Winter macht ihnen nichts aus. Im Gegenteil. Sie mögen es nicht zu warm. Und mit ihrem langen, dichten, wolligen Fell sind sie perfekt gegen die bittere Kälte gewappnet.

Auf dem Moschustrail mit Kim van Kooten.
Auf dem Moschustrail mit Kim van Kooten.

 

Wer sich über den Namen wundert: Die Tiere verdanken ihn einer Substanz in ihrem Urin, die moschusartig süßlich riecht. Sie wird von den Männchen zur Paarungszeit abgegeben. Das berühmte Parfüm indes wurde nie von Moschusochsen, sondern aus einer Drüse der sehr viel kleineren, hirschähnlichen Moschustiere gewonnen.

Nur noch wenige 1.000 Tiere weltweit

Rar sind die Moschusochsen geworden, diese besondere Spezies mit den dünnen, kurzen Beinen. Weltweit gibt es nur noch einige Populationen. Experten gehen von wenigen Tausend Tieren aus, die in Kanada, Alaska, Grönland, Sibirien, Schweden und eben Norwegen leben. Und auch dort sind sie erst nach erfolglosen Wiederansiedlungsversuchen in den Jahren 1932 und 1953 endlich wieder heimisch geworden. Ein großer Erfolg für die Naturschützer. Ein außergewöhnliches Erlebnis für alle, die Wildsafaris der etwas anderen Art lieben.

Wenn die Zeichen auf Angriff stehen

Die Paarhufer sind ganz schöne Kolosse: Bei einer Größe von bis zu 1,50 Metern bringen es Moschusochsen in Freiheit auf immerhin 400 Kilo. Doch die urtümlichen Rinder haben normalerweise die Ruhe weg. Sie gehen nicht: Sie schreiten! Sie sind friedfertige Naturen, ihres Zeichens Pflanzenfresser und nicht darauf bedacht, über Menschen herzufallen. Vorausgesetzt, man lässt sie in Ruhe. Kommt man ihnen allerdings zu nahe und sie fühlen sich bedroht, stehen die Zeichen auf Angriff. Erst schnauben sie noch und scharren mit den Hufen. Dann müssen unbequeme Besucher mit blitzschnellen Attacken rechnen.

Moschusochse im Oppdal Turisthotell.
Moschusochse im Oppdal Turisthotell.

 

Selber schuld!

Denn dass sie sich normalerweise eher gemächlich fortbewegen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tiere richtig gute Sprinter sind: Bis zu 60 Kilometer pro Stunde sind kein Problem für sie! Alles reiner Selbstschutz. Ein Schild am Rande des Dovrefjell-Parks weist denn sogar auf Deutsch darauf hin: "Verhalten Sie sich ruhig, defensiv und mit Respekt. Halten Sie Abstand. Das Moschusrind greift nur zur Selbstverteidigung an. Sie sind also selber schuld, falls ein Unfall passiert." Wo sie recht haben, haben sie recht, die Norweger.

Informationen:
• Es wohnt sich fein im Oppdal Turisthotell, einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt, eine ideale Unterkunft für alle, die umweltfreundlich reisen möchten. Das Hotel ist ein guter Ausgangspunkt für Moschusochsen-Safaris oder auch Wandertouren. Im Eingangsbereich steht ein wachechter, präparierter Moschusochse. Damit man die Tiere auch hautnah erleben kann. Um die Herde gesund zu halten, werden nach strengen Richtlinien einzelne Tiere entnommen.
www.oppdalturisthotell.com 

• Das wunderbaren Bortistu, eine jahrhundertealte Bilderbuch-Bergfarm im märchenhaft schönen Dorf Storligrenda rund 40 Kilometer von Oppdal ist die Adresse für eine außergewöhnliche Einkehr. Die Küchenchefs Lene und Lars Ivar servieren Hausspezialitäten wie selbst gepökelte und geräucherte Lammhaxen mit Mandelkartoffeln und Roter Bete. Oder warten mit Delikatem aus dem Meer wie Jakobsmuscheln mit Heringskaviar, Hummer, Miesmuscheln, Krabben und Kabeljau auf. Einzigartige, urige Atmosphäre, etwa im Bankettraum, den die beiden im alten Schafstall eingerichtet haben – mit rustikal weiß getünchten Wänden, Stein- und Eichenböden, Kamin, Bar, Klavier und herrlich langer Tafel zum Schmausen. Wer mag, kann im Bortistu auch gleich übernachten.
www.bortistu.no 

• Oppdal Safari ist eines der Unternehmen, das geführte Moschusochsen-Touren anbietet, mit Führern, die viele interessante Informationen zu Flora und Fauna, Geologie und Erdgeschichte parat haben.
www.moskussafari.no/de 

• Oppdal und Umgebung gehört zu Norwegens beliebtesten Bergregionen auch für alle, die das Hiken und Skilaufen lieben.
www.oppdal.com 

• Allgemeine Informationen zu Norwegen:
www.visitnorway.de   

Fotos: Kirsten Lehmkuhl

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Zuletzt bearbeitet am 25/12/2020

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