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Liebe macht geschmacksdoof

"Die Liebe ist wie ein Gewürz. Es kann das Leben versüßen, aber es auch versalzen", wusste schon der chinesische Philosoph Konfuzius. Und wenn ein Gericht einmal so richtig versalzen ist, liegt schnell der Verdacht nahe, "der Koch ist wohl gerade verliebt".

Vielleicht hat er aber auch einfach nur einen schlechten Tag gehabt. Auch das ist möglich. Doch die "Liebe" als temporäre hormonelle Verwirrung, deren äußere Symptome meist - und das an unterschiedlichen Körperstellen und höchst individuell - mit einem Kribbeln beginnen, schnell in elektrisierende Euphorie übergehen und nicht selten in herzhaften Delirialzuständen und Kurzatmigkeit enden, rückt vermehrt in den Fokus der Wissenschaft.

Der Begriff Liebe ist in der Biologie nicht weiter definiert und damit auch keine wissenschaftliche Kategorie. Die naturwissenschaftliche Methodik kapituliert vor hochkomplexen emotionalen Prozessen und deren Wechselwirkung mit unserer Biochemie. Wir wissen schlicht noch zu wenig von diesen Prozessen und haben lediglich eine grobe Ahnung davon, was in unserem Gehirn so alles los ist. Das verwundert kaum, beträgt die Länge aller Nervenbahnen im Gehirn eines erwachsenen Menschen doch rund 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang, und etwa 100 Milliarden Nervenzellen mit über 100 Billionen Synapsen wollen erst einmal untersucht sein.

Mittlerweile wissen wir jedoch gesichert, dass Hormone die Schmiermittel der emotionalen Achterbahnfahrten sind, in unseren Hirnen in Liebesdingen Bereiche aktiviert werden, die über die höchste Dichte an Rezeptoren für die Hormone Oxytocin und Vasopressin verfügen. Ein einfacher Kuss unter Verliebten setzt zudem eine ganze Reihe unterschiedlicher Botenstoffe frei: Dopamin sorgt für Euphorie, Adrenalin bringt den Körper auf Trab, Endorphin und Cortisol sorgen für rauschartige Zustände und Glücksgefühle. Die Kombination von Testosteron und Sexualduftstoffen, den Pheromonen, steigert zudem unsere Lust auf spontane Arterhaltung.

Wo das Ganze im Gehirn abgeht, haben Wissenschaftler mittlerweile eingegrenzt: Verliebtheit (Limerenz) findet dort statt, wo unsere Triebe sitzen. Das klingt wenig romantisch und ist es bei näherer Betrachtung auch nicht. Doch was in aller Welt hat das mit Kulinarik zu tun? Eine ganze Menge! Denn Liebe macht nicht nur blind, sondern, wie aktuelle Untersuchungen des Sensoriklabor ttz in Bremerhaven belegen, führt zu signifikanten Geschmacksverirrungen."Denken Sie häufig an Ihren Partner oder Ihre Partnerin, wenn sie getrennt sind? Macht es Sie glücklich, wenn Sie Ihrem Partner eine Freude machen können?" Mit Fragen dieser Art haben sich die Wissenschaftler des ttz anhand der "Passionate Love Scale", einer international anerkannten Skala für die Ermittlung von Verliebtheit, zum Kern ihrer Untersuchung vorgetastet.

Liebe, ein Geschmacksphänomen

Sie wollten wissen, ob die 59 Probanden (43 Frauen und 16 Männer), die einen passenden Wert auf der Verliebtheitsskala erzielten und sich selbst als verliebt bezeichneten, Geschmack anders wahrnehmen als nicht verliebte Probanden. 31 Testpersonen fielen in die Kategorie "Frisch verliebt", weil sie die geliebte Person weniger als sechs Monate kannten. Die restlichen 28 Teilnehmer befanden sich schon länger in einer, nach Eigenaussage, glücklichen Beziehung. Der Wert 105 auf der Liebesskala wurde als Grenzmarke für die Einteilung der Gruppen in "sehr verliebt" und "weniger verliebt" gewählt. Deutliche Unterschiede zeigten sich in der Wahrnehmung einzelner Geschmacksrichtungen: Die sehr verliebten Probanden reagierten auf den Bitterreiz auffallend unempfindlich. Auch den Süßreiz erkannten sie vielfach erst in höherer Konzentration als die andere Gruppe. Allerdings nahmen sie saure und salzige Geschmäcker tendenziell besser wahr, als die weniger verliebten Probanden.

Den Grund für die reduzierte Bitter- und Süßerkennung sehen die ttz-Wissenschaftler darin, dass Serotonin an der Geschmacksausbildung der Eindrücke süß und bitter beteiligt ist. Je weniger Serotonin die Tester im Blut haben, desto schwächer fällt der geschmackliche Impuls bei der Wahrnehmung dieser Ausprägungen aus. Aus zahlreichen Studien geht hervor, dass bei der Übermittlung von sauren und salzigen Geschmackseindrücken eine völlig andere biochemische Signalkaskade abläuft, die möglicherweise weniger abhängig von der Serotoninkonzentration ist. "Dies wäre eine Erklärung, warum die Erkennung dieser Grundgeschmacksarten bei den Verliebten nicht beeinträchtigt ist", sagt der Biochemiker Mark Lohmann. Um das Phänomen umfassend zu deuten, sind jedoch noch detaillierte Folgestudien in Zusammenarbeit mit Medizinern und Neurowissenschaftlern notwendig, zumal einige Erscheinungsformen wie Appetitlosigkeit und verminderte geschmackliche Wahrnehmung Ähnlichkeiten mit psychischen Krankheiten, Depression beispielsweise, aufweisen. Auch bei dieser Gruppe ist der Serotoninspiegel im Vergleich zu gesunden Personen meist niedriger.

Allerdings erhöhen sich mit der Zeit die Serotoninwerte bei den Verliebten dann ganz von selbst wieder, die Aufregung klingt ab, der Körper findet zu seinem Normalzustand zurück. Sollte bei der Zubereitung des Lieblingsessens für den Partner dann etwas viel Salz im Spiel sein, wird er es aufgrund einer gesunkenen Schwelle der Wahrnehmung von salzig deutlich merken. Aus dem Grad der geschmacklichen Unzurechnungsfähigkeit auf den Grad der Verliebtheit, die Größe der Liebe, zu schließen, wäre also eine selbstgefällige Täuschung. Doch mit der Zeit des Zusammenseins in einer Partnerschaft wächst zumeist das diplomatische Geschick, Fehldosierungen im Essen galant zu übergehen.

Quellen: ttz, Wikipedia

Foto: Archiv

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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