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Immer auf Fassstärke

Pierre Marchais steht in der Auffahrt von "Tonnellerie Vicard", unweit des geschichtsträchtigen Ortes Cognac, und wartet auf uns. Hier, nahe der Atlantikküste Frankreichs und in einer Region, in der Wein lediglich als Vorstufenprodukt zum Cognac betrachtet wird, empfängt uns der Marketing- und PR-Chef des Unternehmens.

An diesem sonst sonnigen Donnerstagmorgen, regnet es leicht. Das ist kein Zufall. Periodisch und zentral gesteuert ergießt sich ein ums andere Mal ein Wasserstrahl über die meterhoch zu Pyramiden getürmten Holzstämme, als wir das Außenareal von Vicard - mit 14 Hektar Betriebsfläche die größten Küferei Frankreichs - passieren. Und das nicht etwa um das Holz für den Verarbeitungsprozess vorzubereiten, "sondern um Insekten und Schädlinge von Stämmen fernzuhalten", wie uns Marchais erzählt. "Die vor uns liegenden Holzstämme kommen aus verschiedenen Regionen Frankreichs, einige auch aus der Region des Schwarzwaldes und der Pfalz in Deutschland".

Kurz bevor wir die Produktionshalle betreten, reißt uns der ohrenbetäubende Lärm einer Kettensäge aus Tagträumereien. Ein Arbeiter, mit Maßlehre und einer Spraydose bewaffnet, setzt Male zur Schnittfindung an die Holzstämme. Kaum geschehen, kracht abermals ohrenbetäubender Lärm zu uns herüber. Mit einer Motorsäge riesigen Ausmaßes wird die Rohform für die Dauben zur weiteren Verarbeitung hergestellt. Späne spritzen, der beißende Geruch von Benzin liegt in der Luft. Der Mann an der Säge schwitzt, das ärmellose Shirt ist über und über mit Holzresten und umher wirbelndem Staub. Die tägliche Arbeit an "vorderster Front" hat ihn gezeichnet: Die Haut ist sonnengegerbt durch die Arbeit im Freien, seine riesigen Hände sind rissig und von dicker Hornhaut überzogen.

Zehn Prozent für die Cognac-Lagerung

Kaum sind die Stammportionen geboren, verlieren sie sich hinter einer Öffnung in der Weite der ersten Produktionshalle. Wir durchschreiten eine klapprige Tür, dann links, dann rechts. Es gibt viel zu sehen - und zu hören. Die Stämme werden zerteilt, riesige Bandsägen sorgen für die erste Formgebung. Etwas weiter wird gesägt, gehämmert und geschliffen, bis die finale Form der Dauben erreicht ist. Die Lautstärke in der Fabrikhalle erinnert mittlerweile an ein Motörhead-Konzert zu deren allerbesten Zeiten. Plötzlich dröhnt eine Hupe in durch die Halle: Pause. In wenigen Sekunden herrscht in der eben noch so umtriebigen Halle Totenstille und gähnende Leere. Die Maschinen verstummen. Kein Mensch mehr weit und breit. "Schnell raus", denke ich - und mit mir wohl auch der Holzpapst Pierre, welcher uns nach draußen vor die Werkshalle beordert. Die Sonne hat uns wieder.

"Die hier produzierten Fässer werden zu zehn Prozent für die Cognac-Lagerung verwendet. Diese dürfen ausschließlich aus französischer Eiche bestehen. Jährlich verarbeiten wir hier etwa 16.000 Kubikmeter Eichenholz, wobei permanent drei Jahresvorräte auf dem Gelände lagern. Der Durchschnittspreis für französische Eiche, welches nur in den Monaten Dezember und Januar geschlagen wird, liegt bei etwa 500 Euro den Kubikmeter", erzählt uns der PR-Mann, als wir die Tür durchqueren und die nächste Werkshalle betreten.

16.000 Kubikmeter Eichenholz werden mit Wasser besprüht, um Insekten und Schädlinge fernzuhalten.
16.000 Kubikmeter Eichenholz werden mit Wasser besprüht, um Insekten und Schädlinge fernzuhalten.

 

Die fertigen Dauben aus der ersten Produktionshalle haben mittlerweile den Weg und ihre Bestimmung gefunden: Zwei Arbeiter stapeln sie hochkant in vorgefertigte kreisrunde Gebilde und werfen gewichtige Fassringe zur Befestigung der nun schon erkennbaren Form auf die Daubenformation. Riesige Kessel senken sich, auf Knopfdruck bekommt das Holz ein vierminütiges Bad in siedend heißem Dampf. Der Aufguss bleibt aus, die Glocke hebt sich wieder und das Fass ist als Form jetzt für den nächsten Prozess gewappnet. Nach diesem Saunagang rollen die Fässer zum entscheidenden Punkt: dem Toasten.

Export bestimmt das Geschäft

30 kleine Brennanlagen sorgen computergesteuert für das Ausbrennen der Fässer. Früher noch mühselig von Hand mit einem Brenner in der Hand vollzogen, sorgen heute einem Salino gleich geformte Mini-Hochöfen für den gleichmäßigen Ausbrennungsprozess. Es piept und kracht, wenn die Computer das Signal zum Fasswechsel oder zum Öffnen der Brenner geben. Zwei Arbeiter sorgen für den reibungslosen Ablauf an dieser Produktionseinheit.

"Wir haben ein eigenes Patent für das Toasting: Durch eine etwa einen Zentimeter lange und 0,5 Zentimeter tiefe Perforierung an der Fassinnenseite, wird die Oberfläche, welche mit dem Wein oder Cognac in Berührung kommt, deutlich erhöht. Das Holz gibt Aromen und Tannine schneller ab. Auch, weil insgesamt tiefere Holzschichten erreicht werden können. Dadurch ist eine schnellere Produktionen möglich", unterstreicht Pierre. "Einige Cognac-Häuser sind noch zögerlich, die neuen Fässer einzusetzen, da noch keine Erfahrungen mit sehr langer Lagerung gemacht werden konnten", verrät er uns weiter.

Wieder durchschreitet Marchais eine Tür und winkt uns herüber. Den Gestank und Rauch hinter uns lassend, befinden wir uns in der letzten und größten Produktionshalle von Vicard. "90 Prozent unserer Fässer gehen ins Weinsegment mit den Schwerpunkten Frankreich - für Bordeaux, Burgund, Rhone - nach Spanien Übersee, wobei Argentinien, Chile und Südafrika zu den Hauptabnehmern zählen. Unser größter Exportmarkt sind jedoch die USA", berichtet er stolz. Ein Grund könnte in der enormen Bandbreite bei den Fässern zu finden sein: Cognacfässer mit einem Fassungsvermögen von 350 und 400 Litern, Bordeaux- (225 Liter) und Burgundfässer (228 Liter) werden hier in Serie produziert. An den Wänden hängen Fassdeckel mit den Brandmalen von Grand Marnier, Remy Martin, Camus, Frapin  - und gut zwei Dutzend der renommiertesten Weinproduzenten weltweit. Das Küferhandwerk hat offenbar goldenen Boden.

Fotos: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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