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Kommentar: Nespresso – oder das Lächeln der Alu-Prinzessin

Wie verkaufe ich ein Produkt, das eigentlich kein Mensch braucht? Das Rezept ist eine geschickte Marketingmaschinerie, gemischt mit einer Person des öffentlichen Lebens – und dem politischen Segen, natürlich. 1-2-3: Nespresso.

Vor knapp einem Jahr hielt Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) öffentlichkeitswirksam eine Kapsel aus Nestlés Werksproduktion in die Kameras der wartenden Journaille. Ein strahlendes Lächeln bot die 40-Jährige Politikerin den geneigten Fotografen bei einer Werksführung in Schwerin.

Schwesig, Mutter eines Kindes und zuvor von 2008 bis 2011 Ministerin für Soziales und Gesundheit, kennt sich aus damit, was gut und richtig ist für die Gesundheit. An Schwesigs Seite: Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Der 65-Jährige ehemalige Richter der Verwaltungsgerichte Gelsenkirchen und Greifswald lächelte ebenfalls in die wartenden Kameras.

Gründe zum Lächeln hatten Schwesig und Sellering genug. Gelockt mit 20 Millionen Euro Subventionen, hatte Nestlé in das strukturschwache Bundesland Mecklenburg-Vorpommern investiert und rund 450 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Kaffee für Generation Y

Dafür, dass das Lächeln nicht nachlässt, sorgt sich bei Nestlés "Vorzeige-Kapsel" Nespresso eine Heerschar von PR-Aktivisten und Produktmanagern. Menschen wie Karsten Ranitzsch zum Beispiel, dem "Head of Coffee" bei Nespresso. Der bekennende BVB-Fan führte jüngst vor Journalisten, Nespresso-Mitarbeitern und Partnern im L’Atelier Nespresso in Antwerpen den Gesprächsball zielsicher durch das Mittelfeld und umdribbelte kritische Fragen elegant, ohne den "tödlichen Pass" zu spielen. Spätestens am Nespresso-Strafraum endete dann die Eloquenz. Kritische Anmerkungen und öffentliche Auseinandersetzung mit resultierenden Problemen für die Umwelt: Fehlanzeige. Und folglich stets ein Verweis in Richtung Presse- und Marketingabteilung. Aufklärerisch tätig zu sein, das ist nicht seine Aufgabe. Dafür wirft Nespresso die PR-Nachwuchsgeneration in den Ring.

Vielleicht aber auch passgenau, denn das Produkt Nespresso ist irgendwie "jung". Zumindest scheint die Zentrale in der Schweiz eben dies zu denken. Ausgerichtet auf die klassische "ich-habe-keine-Ahnung-wie-ich-auch-ohne-Kapsel-einen-Kaffee-brühe"-Generation Y, dürfte für die alternde Werbeikone George Clooney langsam auch der Werbe-Alterssitz am Genfer See erreicht sein. Noch strahlt sein Konterfei von der Nestlé-Homepage in die weite Welt. In die Welt, die Nestlé – und damit unweigerlich auch Nespresso – für ihr naturgegebenes Kunststoff-Ökosystem hält.

Zwei Milliarden Kapseln 2016

Und für so jung es sich hält, so holprig ist und war sein Weg in die Küchen, Büros und Hotezimmer dieser Welt. Bereits 1970 aus den Gedankenexplosionen Eric Favres in Nestlés Forschungs- und Entwicklungsabteilung geboren, entwickelte sich das einstige Kapsel-Problemkind in der letzten Dekade zu einer omnipräsenten Kulinarik-Botschaft.

Es ist chic, es ist hip – und es ist teuer. Ein Vielfaches kosten die Kapseln im Vergleich zum Kaffee aus dem 500 Gramm Pack. Und mehr Schein als Sein ist Programm. Ein Beispiel? 20 Kapseln im Palermo-Milano-Verbund: Netto 100 Gramm, mit Verpackung 168 Gramm. Das sind die ungeschönten Verpackungstricks des Schweizer Unternehmens.

Doch das interessiert in der strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommerns wenig. Das scheint auch weit außerhalb des politischen Radars der Volksvertreter zu liegen. Vielleicht rückt es in den Fokus, wenn die potenten Heiligendamm-Gäste am Strand durch Kapselmüll spazieren oder aber auch die Millionen Euro an Subventionen, die das Bundesland beigesteuert hat, an anderer Stelle fehlen.

Nicht alles liegt im Verantwortungsbereich des Schweizer Unternehmens Nestlé, keine Frage. Aber einen Teil dazu tragen sie sicherlich bei: Eine Milliarde der kleinen Kapseln produziert das Werk in Schwerin voraussichtlich in diesem Jahr. 2016 sollen es schon zwei Milliarden sein.

Da wird das Lächeln dann zum breiten Grinsen.

Foto: Michael Schabacker

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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