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Die Königin von Tropea bittet zur Audienz

Die rote Tropea-Zwiebel gilt als die Königin der Zwiebeln. Was liegt also näher, als Ihrer Hoheit in ihrem eigenen Reich im Herzen Kalabriens einen Besuch abzustatten?

Wer sich der kalabrischen Küstenstadt Tropea von Süden her nähert, kommt über die etwas holprige Strada Provinciale SP 23, die vorbeiführt an kleinen Zitrus- und Gemüseplantagen und immer wieder fantastische Blicke auf das Tyrrhenische Meer eröffnet. Am Straßenrand verkaufen die lokalen Bauern ihre Erzeugnisse: Olivenöl, Zitrusfrüchte, an langen Schnüren aufgereihte Peperoncini, Knoblauchknollen. Und dazwischen schimmert rötlich die Cipolla Rossa di Tropea, die als die Königin der Zwiebeln gilt.

Die Grenzen ihres Reiches sind seit 2008 offiziell festgelegt. Denn damals erhob die Europäische Union die rote Zwiebel in den Rang eines „IGP“-Produkts. Die Herstellung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit dem IGP-Label ist auf einen bestimmten geografischen Raum festgelegt. Als Cipolla Rossa di Tropea dürfen nur Zwiebeln dieser Sorte angeboten werden, die in einem genau abgegrenzten Küstenstreifen des Tyrrhenischen Meers um des Capo Vaticano angebaut werden. Traditionell wird die Zwiebel von dem etwas weiter nördlich gelegenen Tropea aus auch in andere Regionen und Länder exportiert. Wohl vor allem aus diesem Grund hat sich die Bezeichnung Cipolla di Tropea durchgesetzt. Für die lokalen Bauern steht es außer Frage, dass die wasserreiche Zwiebel ihren charakteristischen, süßlich-milden Geschmack nur hier an der Küste Kalabriens entfalten kann: „Das Mikroklima zwischen dem Meer und den Bergen und die Bodenbeschaffenheit sind das Geheimnis“, erklärt uns ein Verkäufer an einem der Straßenstände.

Die Tropea-Zwiebel verdankt ihr leuchtendes Rot dem Naturfarbstoff Quercetin. Foto: Jochen Hägele
Die Tropea-Zwiebel verdankt ihr leuchtendes Rot dem Naturfarbstoff Quercetin. Foto: Jochen Hägele

Zwischen den kleinen Straßenmärkten und einem überdimensionierten Zwiebelplakat geht das Ortsschild Tropeas fast unter. Dabei weist bei genauerem Hinsehen bereits der Zusatz „I Borghi più belli d‘Italia“ darauf hin, dass wir gerade eine der schönsten Städte Italiens erreichen. Das hat Tropea sicher auch seiner atemberaubenden Lage zu verdanken: Die mittelalterliche Altstadt krallt sich auf einem gigantischen Felsen-Cliff fest, das sich rund 50 Meter hoch über die Bucht mit ihren weißen Sandstränden hinausschiebt. Darunter ragt auf einem vorgelagerten Felsen die jahrhundertealte Kirche Santa Maria dell’Isola in die Bucht. Tropea ist einer jener Orte, von denen das Unterbewusstsein irgendwann und irgendwoher Bilder abgespeichert hat, so dass man das Gefühl hat, sie zu kennen, selbst wenn man noch niemals hier gewesen ist. Auch im Gewirr der engen Altstadtgassen ist die Zwiebel allgegenwärtig. Kleine Läden bieten sie in verschiedensten Variationen: als süßes Zwiebelmus, süßsauer eingemacht oder getrocknet.

Und natürlich hat die rote Majestät auch Einzug gehalten in die Küchen der vielen ausgezeichneten Restaurants der Stadt. Nino e Marcella bieten in ihrem Garten-Ristorantino im Zentrum Tonno in Agrodolce con Cipolla di Tropea und das Pimm‘s serviert zum Ausblick über die Bucht Antipasti wie Gambas mit Tropea-Zwiebeln und Thunfischrogen sowie Secondi wie etwa den Thunfisch in Sesam und süßsauren Tropea-Zwiebeln („agrodolce“). Aber die traditionellen Klassiker bleiben die Pizza Tropeana mit Thunfisch und roten Zwiebeln und der Insalata Tropeana mit den saftigen Tomaten der Region, Oliven und – natürlich – Zwiebeln. Dabei gilt wie überall in Italiens Süden bei der Wahl der Pizzeria auch hier die Grundregel, dass einfacher oft besser ist.

Lokaler Obst- und Gemüseverkauf bei Tropea. Foto: Jochen Hägele
Lokaler Obst- und Gemüseverkauf bei Tropea. Foto: Jochen Hägele

Ganz genau kann man heute nicht mehr sagen, wer die Zwiebel nach Tropea brachte. Wahrscheinlich waren es aber die Phönizier, die vor mehr als 2500 Jahren als Händler von der Levante das Mittelmeer durchquerten und auch die Küste Kalabriens erreichten. Ihnen folgten die griechischen Siedler, die an der Küste Siziliens und Süditaliens ihre Koloniestädte gründeten. Und nach ihnen schätzten auch die Römer den Geschmack der roten Zwiebeln. Die Bewohner des Landes kamen und gingen, die Zwiebel überdauerte. Ausländische Reisende berichten im 18. Jahrhundert von der roten Zwiebel Kalabriens. Etwas später gab es sogar einen regelrechten Nachfrageboom aus den nordeuropäischen Ländern. Noch heute soll, Gerüchten zufolge, das britische Königshaus jedes Jahr 200 kg der Cipolla Rossa di Tropea bestellen.

Die Tropea-Zwiebel kommt in verschiedenen Varianten vor. Als Cipolla di Consumo Fresco bezeichnen die Bauern die frisch geerntete und besonders saftige, rötlich-violette Zwiebel. Die bei uns meist verwendete rot leuchtende, längliche Vorratszwiebel heißt hier Cipolla da Serbo und im Herbst wird die der Frühlingszwiebel ähnliche weiß-rosa Cipollotto geerntet. In den Zwiebeln steckt bis heute viel Handarbeit: Von der Aussaat im Spätsommer über die Pflanzung zwischen November und Februar bis zur Ernte und dem Flechten der schönsten Exemplare zu den traditionellen Zwiebelzöpfen. Ihre rötliche Farbe verleiht ihr übrigens der Naturfarbstoff Quercetin, der als wichtiges Antioxidans gilt. Doch damit nicht genug: Die Zwiebel soll sogar als Aphrodisiakum wirken, eine schier endlose Liste an Krankheiten von Rheuma bis Kopfschmerzen bekämpfen und selbst bei einem zu hohen Cholesterinspiegel soll sie helfen.

Tropea-Zwiebeln in allen Variationen bieten die kleinen Läden der Altstadt. Foto: Jochen Hägele
Tropea-Zwiebeln in allen Variationen bieten die kleinen Läden der Altstadt. Foto: Jochen Hägele

Die schönste Tageszeit in Tropea ist der Abend: Wenn die Sonne am Horizont im Tyrrhenischen Meer versinkt und die Altstadt in tief leuchtendes Rot taucht – noch roter als die Zwiebel, mit der diese wunderbare Stadt eine unauflösbare Symbiose bildet. Nach Sonnenuntergang steht noch ein Besuch bei der Gelateria Tonino am Corso Vittorio Emmanuele auf dem Programm: Bei Tonino gibt es neben zahlreichen exotischen Eissorten nämlich auch sein legendäres Zwiebeleis – natürlich aus Tropea-Zwiebeln.

Fotos: Pixabay, Jochen Hägele / Text: Jochen Hägele

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Zuletzt bearbeitet am 13/09/2022

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