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Grosse Gewächse 2010: Passion und Präzision

Aus Wiesbaden berichtet Axel Biesler
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Grosse Gewächse 2010: Passion und Präzision
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Sie kennen Dr. med. rer. Elisabeth Moser nicht? Das ist freilich keine Bildungslücke, doch für uns professionelle Weintrinker ist die Dame das reine virtuelle Fegefeuer. Mal ganz abgesehen davon, dass sie von Zähnen als Naturwissenschaftlerin am Ende überhaupt keine Ahnung hat, mahnte sie doch unermüdlich im Werbefernsehen vor dem Verlust von Zahnschmelz durch Säuren.

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Knallhart hat die Frau das rübergebracht, mit dem europäischen Währungsernst einer Angelika Merkel und der grauinternierten Attitüde einer Ursula von der Leyen. Und wenn Frau Doktor dann konstatierte, dass "der Zahnschmelz, der einmal weg ist, unwiederbringlich weg ist", wurde einem schon angst und bange. Aus der dentalen Perspektive ist der regelmäßige Weingenuss eine ziemlich unheilvolle Angelegenheit. Sei’s drum. Wenn der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) Ende August nach Wiesbaden einlädt, um seine vermeintlich besten trockenen Weine (einige restsüße von Mosel und Saar waren auch darunter) einer ausgesuchten Gruppe von Weinprofis vorzustellen, heißt es Zähne zusammenbeißen.

Und das tut man nur allzu gerne, denn diese Probe ist nicht nur exzellent organisiert, sondern zudem ein Leistungsnachweis Deutschlands Weinelite, und da probiert man doch gerne einmal Korrektur. Von den rund 300 präsentierten Weinen werde ich während dieser zwei Tage etwa 200 probiert haben. Danach tauschte ich Zahnbürste gegen Wattestäbchen. 2010 hat es in sich. Und doch, bei allem Schmelzverlust, das Jahr hat trotz seiner klimatischen Unbilden und den damit verbundenen furiosen Säurewerten grandiose Weine hervorgebracht.

Schnittige acht Gramm Säure je Liter

Gewiss nicht in der Vielzahl wie das in den Jahrgängen 2007 oder 2009 möglich war, doch 2010 ist in der Spitze brillant und so meisterhaft gelungen, dass wir (fast) nicht meckern, sondern unseren Kelch erheben wollen auf seine famosen Winzer. Auf  Paul Weltner etwa, der einen messerscharfen Franken-Silvaner aus der steinigen Winzer Paul WeltnerCru-Lage Küchenmeister im Steigerwald hinlegte, dass es die reinste Freude war. Es sei an der Zeit, sagte mir später die amerikanische Weinautorin Julia Sevenich, Inhaltsstoffe und Analysewerte dem Kunden auf dem Rückenetikett einmal detailliert offenzulegen. Ich kann nur abraten.

Weltners kristalliner Silvaner hat schnittige acht Gramm Säure je Liter und ist mit weniger als zwei Gramm Restzucker steintrocken. Das dürfte auf den einen oder anderen Weinfreund mitunter abschreckend wirken, was doch schade wäre für solch ein spannungsgeladenes und überbordend mineralisches Gewächs. Auch Weltner legt wenig Wert auf Zahlen: "Die einzige Analyse, die die Weine durchlaufen, ist die der Qualitätsweinprüfung." Als er die Ergebnisse las, habe er aber schon erst einmal schlucken müssen.

Der Küchenmeister markierte die Spitze einer guten, wenngleich etwas brav geratenen Kollektion fränkischer Silvaner. Dass die Weinberge des Weinguts Zehnthof  in Sulzfeld nicht als Erste Lagen klassifiziert sind, ist indes betrüblich, denn Wolfgang und Ulrich Luckert haben dem Jahrgang ebenfalls eindrucksvolle Silvaner Vater und Tochter Dielabgerungen, die zweifellos zur deutschen Spitze zählen. Viel dichter dagegen ging es an der Nahe zu. Die Region stellte eine Phalanx exzellenter Grosser Gewächse vor und hält bei den trockenen Rieslingen ein bemerkenswert hohes Niveau. Gewiss hat die Nahe den Vorteil, ihre Weine aus einer großen Vielfalt unterschiedlichster Gesteinsformationen schöpfen zu können.

Doch keine Schöpfung ohne Schöpfer. Und die hatten im vergangenen Herbst allerhand damit zu tun, die hohen Säuren in den Griff zu bekommen. Beim Schlossgut Diel ist das vorzüglich gelungen, weil man sich bei der Lese in Geduld übte und penibel selektierte. Die hohen natürlichen Säuren wurden durch individuelle Maischestandzeiten und einer langen Lagerung auf der Feinhefe lediglich behutsam nach unten reguliert, was den Weinen eine bemerkenswerte Spannung verlieh (oder beließ). Niemals zuvor kam mir das Große Gewächs aus der Schieferlage Pittermännchen rassiger und mineralischer vor. Er könne sich an keinen Jahrgang mit solch hoher Reife und knackiger Säure erinnern, sagt Armin Diel.

Weine mit Charakter

Dabei stehen Diels Rieslinge aus den Lagen Burgberg und Goldloch dem Pittermännchen nicht nach. Die Weine sind klar voneinander unterscheidbar, zeigen Eigenständigkeit und Charakter. Und das ist ein Glück für den Verkoster. Denn es braucht jene Abwechslungen, um bei solcher einer Mammut-Verkostung sensorisch auf Trab zu bleiben. En passant: Durch die rigorose Auslese fiel dem Zweitwein 'Eierfels' ein bemerkenswert hoher Anteil Trauben aus Burgberg und Goldloch zu. Damit tut das Schlossgut Diel einen konsequenten Schritt hin zu einer klaren Lagenklassifizierung, der Schule machen sollte und den Zecher am Ende mit einem exzellenten 'Premier Cru' erfreut. Ungemein stimulierend auch die Rieslinge vom Weingut Schäfer-Fröhlich aus Bockenau.



 

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