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Sechs Stunden Stellenbosch

Aus Südafrika berichtet Lars Oldenbüttel
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Hineingepresst in die Dünenlandschaft steht Hütte an Hütte. Unter der sengenden Sonne sind die Holz-, Karton- und Blechverschläge eng zusammengerückt, ganz so, als könne man sich durch gemeinsames Ducken der Hitze entziehen.

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Kaum ein Baum steht hier, der Schatten spendet. Gleich hinter der Stadtgrenze von Kapstadt beginnen die Townships, die sich fast bis an die Distriktgrenze der Cape Winelands als ein nicht enden wollendes Band längst verlassener Schrebergärten ohne Garten ziehen. Doch hier leben Menschen. Fast zwei Millionen sollen es nach inoffiziellen Schätzungen in der Umgebung von Kapstadt sein. Viele verdingen sich als Saisonarbeiter im knapp 50 Kilometer östlich von Kapstadt gelegenen Weingebiet um Stellenbosch, dem Ziel unserer Fahrt. Und die Zeit drängt, bleiben doch nur knapp sechs Stunden, um Südafrikas Weinbaugebiete zu inspizieren.

Hier, am äußersten Rand des afrikanischen Kontinents, schaffen der Atlantische und der Indische Ozean ein gemäßigtes maritimes Klima mit entspannten Temperaturen, deren mittlere Höchstwerte im Sommer knapp 25° C erreichen und selbst im Winter selten die zehn Grad Grenze unterschreiten. Die meisten Niederschläge fallen während der Vegetationsruhe im Winter. Massive Bergketten und geschützte Täler sorgen zudem für die unterschiedliche Mikroklimata und ermöglichen den Anbau vieler international gefragter Rebsorten.

Südafrika ist traditionell ein Weißweinland und der Anteil weißer Rebsorten, hauptsächlich Chenin Blanc, Chardonnay und Sauvignon Blanc, liegt bei heute 55 Prozent. Der Weltmarkt giert nach kräftigen wie alkoholreichen Rotweinen im Pitbull–Format - das haben auch die Kap-Winzer längst erkannt. Heute wachsen auf knapp der Hälfte der Rebflächen Cabernet Sauvignon, Merlot, Shiraz und das südafrikanische Eigengewächs Pinotage, das in den 20er Jahren aus einer Kreuzung zwischen Pinot Noir und Cinsault entstand. Da verwundert es kaum, dass sich seit dem politischen Umschwung 1994 Südafrikas Weinwirtschaft prächtig entwickelt hat und mittlerweile weltweit über 400 Millionen Liter exportiert werden.

Stellenbosch in "drei D"

Endstanden ist vor allem in den letzten zehn Jahren ein munteres Durcheinander unterschiedlichster Weinstile, das zudem durch eine sehr flexible Weingesetzgebung unterstützt wird. Fast alles geht also. Und für das, was da geht, stünden allein um Stellenbosch rund 120 Weingüter als Testkandidaten zur Verfügung. Mit Delaire-Graff, Delheim und Dornier haben wir drei Weingüter auf dem Programm, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Allein für den atemberaubenden Ausblick vom Helshoogte Mountain Pass ins weitgestreckte Tal hinein, lohnt ein Auf dem Weingut Delaire-GraffAusflug zum Weingut Delaire-Graff. Hier hat 2003 der findige Diamantenhändler und Juwelier Laurence Graff mit etlichen hundert Millionen Rand seine Vorstellungen von einem modernen Weingut umgesetzt.

In einer Mischung aus Frankfurter Kunsthalle und Puff in Moskau werden  hier die Weine  bis an die  Grenze des guten Geschmacks in Szene gesetzt. Schon am Eingang mannshohe Feuersäulen, ganz viel Glas und Chrom, zudem ein munteres Kunstsammelsurium an den Wänden. Da versteht es sich fast von selbst, dass vor der Tür drei PS-Boliden aus dem Hause Ferrari stehen, deren Besitzer sich ausgesprochen gern von den Tagestouristen ablichten lassen. Natürlich werden auch zur Probe keine einfachen Gläser auf die Tische gestellt – die neue Riedel-Kollektion mit einem gravierten "D" für Delaire sollte es dann doch schon sein.

Wer jedoch einzig Designer-Weine von diesem überdimensionalen Spielzeug eines Multimillionärs, der dem Vernehmen nach auf dem Weingut seit knapp eineinhalb Jahren nicht gesichtet wurde, erwartet, sieht sich getäuscht. Ja, auch diese ...von hier geht es auch nach Syltleblosen und auf Massengeschmack ausgerichteten Weine werden bei Delaire-Graff produziert. Doch Kellermeister Morné Very, seit 2009 Geschmacksbeauftragter des Weinguts, gelingen auch echte Überraschungen: Sein 2011er Sauvignon Blanc ist schon als Jungspund eine kleine Aromenbombe  mit fein ausbalancierter Struktur. Elegant und dennoch mit dezenten Säurekanten, die richtig Potential versprechen.

Der Rosé Cabernet Franc, vier entspannte Stunden auf der Schale, überzeugt mit  Aromen von Stachelbeere und reifen Pfirsichen. Fruchtig, trocken und harmonisch mit leichter Restsüße ein munterer Spaß im Glas und ein idealer Sundowner obendrein. So richtig legt der Mittdreissiger, der sein Handwerk bei Hazendal gelernt hat und auch in Frankreich, Deutschland und Neuseeland arbeitete, bei der Roten-Weine-Fraktion los: Herausragend der im klassischen Bordeaux-Stil ausgebaute Botmaskop 2008. Very gelingt es, Cabernet Sauvignon, Merlot, Shiraz, Petit Verdot, Cabernet Franc und Malbec als echte „Teamplayer“ zu präsentieren, die trotz der heftigen 14,5 Prozent Alkohol gekonnt auf der Aromen-Orgel aus dunklen Früchten, Cassis, Pflaumen und leichter Vanille-Note spielen. Seinen guten Stoff liefert Delaire-Graff, wen wundert’s, nicht irgendwohin aus – 14.000 Flaschen landen auf Sylt in der Sansibar.

Kraftpakete treffen Eleganz

Ebenfalls nahe Stellenbosch, an der Blaauwklip Road gelegen, befindet sich das Weingut Dornier.  Dornier Wines ist eines der jüngsten Familienunternehmen in Stellenbosch und füllt eigene Weine erst seit 2002 ab. 1995 kaufte Christoph Dornier, Sohn  des Flugzeugkonstrukteurs Claude Dornier, zwei alte Weingüter und erweiterte sein Weingut durch den Zukauf einiger Obst- und Rinderfarmen auf heute knapp 180 Hektar. Die Die Bodega bei DornierMittagssonne saugt mittlerweile die letzte Lust auf Weinverkostung aus dem Hirn. Schatten bietet das dem Weingut angegliederte Restaurant, auf dessen Außenterrasse die ersten wenig überaschenden Weißweine eingeschenkt werden. Chenin Blanc und Semillon von der Stange.

Richtig munter wird es allerdings bereits mit dem Pinotage, der nach zwölf Monaten im Eichenfass neben Pflaumenaromen und sehr reifer Brombeernote überraschenderweise auch die Geschmacksnote "Mokka, kräftig." aufweist. Ein richtiger Wachmacher für den Gaumen, der einstimmt auf das Spitzenprodukt des Hauses, den Dornier Donatus Red 2008. Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc sind hier wunderbar zusammengeführt und bestechen durch frische Johannisbeere, Tabak, einer guten Portion Cassis und Schwarztee. Wer da, auch Dank der enormen Länge, noch an ein Mittagsschläfchen denkt, ist auf der komplett falschen Veranstaltung.

Im Vergleich zu den beiden vorangestellten Weingütern ist das Weingut Delheim in jeder Hinsicht ein echtes Kontrastprogramm und allemal einen Besuch wert. Idyllisch an den südwestlichen Hängen des Simonsberges gelegen, fühlt man sich zurückversetzt in die Weingeschichte der 60er und 70er Jahre und denkt spontan an den ersten Besuch in  Rüdesheim/ Drosselgasse. Das kommt nicht von ungefähr, wurde das Weingut doch Nora Sperling von Delheim1939 von der deutschstämmigen Familie Hoheisen gegründet und heute von der ebenfalls deutschstämmigen Familie Sperling betrieben.

Weindynastie-Gründer Michael "Spatz" Sperling hat hier seit den frühen 50er Jahren Pionierarbeit für den Weinbau in Südafrika geleistet und den Weg geebnet für Nora und Victor Sperling, die in den letzten Jahren versuchen, das leicht angestaubte Image von Delheim zu verjüngen. Vor allem die Weißweine, darunter der Kap-Riesling, sind noch waschechte "old school".

Doch Delheim einzig hierauf reduzieren zu wollen, greift deutlich zu kurz. "Wir entwickeln uns weiter, haben unser Konzept an die heutigen Marktbedingungen angepasst, ohne unsere alten Kunden aus den Blick zu verlieren", sagt Nora Sperling. "Wir experimentieren auch, beispielsweise mit Pinotage. Nach anfänglichen Schwierigkeiten sind wir auch hier deutlich weitergekommen". Überzeugend sind der kraftstrotzende Cabernet Sauvignon, der tanninlastige Shiraz vom Simonsberg und vor allem der ausdrucksstarke Grand Reserve Cabernet Sauvignon, der, mit einem geringen Anteil Merlot abgerundet, durch subtile Kirscharomen, Johannisbeere und deutlichen Lakritz-Noten besticht.

KULINARIKER-Tipp: Mondäner Ausgangspunkt für einen Abstecher von Kapstadt in die Winelands ist das zur Orient-Express-Gruppe gehörende  Mount Nelson Hotel. Im 19. Jahrhundert ein Hotel für betuchte Kreuzfahrtgäste, ist das Traditionsreiche Mount Nelson heute eine der Top-Adressen in Kapstadt.  Gegründet wurde das Haus im Jahr 1899 als Hotel der Union Castle Dampfschiff-fahrtsgesellschaft, und noch heute sind Teile des Schiffsmobiliars in manchen Bereichen des Hotels zu finden. Doch das Mount Nelson bietet mehr als eine romantische Reminiszenz an die große Zeit der Grand Hotels: Durch behutsame Renovierungen wurde das Flair, die wundervolle historische Patina,  erhalten und gekonnt mit modernen Elementen verbunden.

Weitere Informationen finden Sie unter www.suedafrika-wein.de, www.delaire.co.za, www.delheim.comwww.dornier.co.za und www.mountnelson.co.za.

Fotos: lol

 

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