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Ein Wein will leben und gelebt werden

Aus Kalifornien berichtet Anja Hanke
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Was einmal in den Köpfen der Menschen ist, bekommt man schwer wieder raus. Ungefähr so ist es auch mit kalifornischem Wein. Gibt es ihn überhaupt, den guten kalifornischen Tropfen? Sind das nicht einfach nur schwere Alkoholbomben, die im Holzfass ertrunken und dann in Flaschen gebannt wurden? In den vergangenen zehn Jahre hat sich viel verändert.

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Der Wein aus dem goldenen Staat ist in Bewegung geraten. Eines der Zauberworte lautet sustainability – Nachhaltigkeit, die sich nicht nur im vielfältig "grünen" Anbau widerspiegelt, sondern auch im Keller und im Qualitätsanspruch. Der Trend geht weg von den old fashioned Holz-Schwergewichten hin zur Schlankheit, Frucht und Eleganz. Bestes Beispiel sind die beiden benachbarten und doch ungleichen Täler Napa und Sonoma, die maßgeblichen Anteil am Kaleidoskop des Weines des Landes haben.

"Overoaked?", hakt Eric Wente skeptisch irritiert nach. Für den Winzer im Livermore-Valley, dessen Familie vor knapp 130 Jahren aus Hannover einwanderte und nun mittlerweile in der fünften Generation Wein macht, ist das eine individuelle Frage. Wobei man schnell spürt, dass ein "Ja" zur massigen Eiche für ihn gleichwertig mit "nicht gut" gesetzt wird. "Das ist wie mit Salz und Pfeffer. Man kann es im richtigen und geschmackvollen Maß verwenden – oder man überwürzt. Viele Winzer  - auch wir - haben das Jahre lang gemacht. Doch heute erkennen wir, dass es zu viel des Guten war."

Er spricht von einer Trendwende, einem Wechsel in der Ausrichtung des Weines, von mehr Geschmack, mehr Beere und mehr Charakter. Ein Mittel, dies zu erreichen, ist die neugewählte Anbaumethode des Vertical Shots, den die meisten Weingüter mittlerweile praktizieren. Dabei wachsen die Trauben in einer Höhe und Wind und Sonne treffen gleichmäßig auf das Beerengut. "Die Früchte sind dadurch gesünder und wir können den Geschmack des einzelnen Weines viel besser herauskitzeln", erklärt Wente.

"Ein Wein will leben und gelebt werden."

Auch Walter Schug spürt diesen Wandel um sich herum ganz massiv, wobei der deutschstämmige Winzer schon immer nach guter alter Manier seine Weine machte. "Man muss sich in den Wein hineindenken", meint der heute 74-Jährige, der 1961 aus Asmannshausen im Rheingau ins Sonoma Valley kam. Aufgewachsen in einer der größten Weinregionen Deutschlands und als Schug: Ein Wein will leben und gelebt werdenAbsolvent der bekannten Weinakademie in Geisenheim war er von Anfang an fest von seinem erlernten Stil überzeugt. "Ein Wein will leben und gelebt werden. Ihn mit zu viel Würze zu überdecken ist nicht das Ziel." Lediglich zwanzig Prozent seiner 600.000 Flaschen-Produktion wird in neuer Eiche ausgebaut – und das auch nur in einem geringen Maß. "Vor ein paar Jahren noch waren wir mit unseren Weinen noch Exoten. Heute werden wir für unseren Weitblick und unseren Stil gelobt", schüttelt der Winzer den Kopf und lacht.

Doch woher kommt dieser Wandel? Schug erklärt ihn sich so: "Es treffen zwei entscheidende Faktoren aufeinander. Der eine ist der Export in die alte Welt, nach Europa, der heute noch immer in den Kinderschuhen steckt. Hier ist kein Markt für diese schweren, parfümierten Bomben. Der andere ist, dass die Amerikaner endlich erkannt haben, dass Essen und Wein eine Verbindung eingehen und die Weine für diese Kombination zurückhaltender und eleganter sein müssen."

Eine Erklärung, die auch im Napa Valley, dem weltweit wohl bekanntesten Anbaugebiet für kalifornischen Wein, bestätigt wird. Hier werden 90 Napa ValleyProzent des amerikanischen und vier Prozent des kalifornischen Weines angebaut. Ein Gebiet, dass nicht nur für große Weingüter, teure Weine und extremen Reichtum steht. Zwischen den beiden Bergketten, in die das Tal gebettet ist, werden Weintrends geschaffen. Robert Mondavi, Vorreiter des Tales, hatte bereits in den frühen 70-er Jahren erkannt, dass Wein und Essen ein "Match" sind. Schon damals kamen namhafte Köche auf das über 1.000 Hektar große Weingut und bekochten Gäste des Hauses, die in die Welt des besonderen Weingenusses eingeführt wurden. Nicht zuletzt seine Weinkooperation mit dem Baron Philippe de Rothschild, die in den 80-er Jahren den "Opus one" zu Folge hatte, bewies er, dass man in Kalifornien qualitativ hochwertigen und bordeaux-ähnlichen Wein produzieren kann, der eine Freude zu jedem gelungenen Menü ist.

"Wir gleichen uns der alten Welt immer mehr an."

Bei Beringer, nicht unweit von Mondavi, spielt der Zusammenhang zwischen Essen und Wein eine besonders große Rolle. Hier wird mit dieser Erkenntnis sogar effektiv Geld verdient. Für die Weintouristen, die das Tal im Jahr zu Hundertausenden besuchen, werden Seminare angeboten, die genau dieses "neu entdeckte" Geheimnis lüften. Sechs Weine, ein Apfel und viele Weisheiten stehen dabei auf dem Programm. Schnell merkt auch der Laie, dass die Süße des Apfels die Frucht des Pinot Noirs abtötet, beim Cabernet Sauvignon hingegen die Weinsäure neutralisiert. Oder das Salz mit Zitrone kombiniert die Süße des weißen Zinfandels herauskitzelt.

Das Erleben begeistert und stärkt die Verkaufszahlen im hauseigenen Weinshop. "Auch wir lernen bei diesen Seminaren dazu", meint Peter Willmert, Marketingdirektor, und spielt dabei auf den großen Stilwandel bei Beringer an. "Unsere Weine haben sich in den vergangenen Jahren ganz massiv verändert. Die Sonoma ValleyEiche wird viel sensibler eingesetzt und der Stahlausbau hat überproportional zugenommen. Wir gleichen uns der alten Welt immer mehr an."

Angleichen, anpassen, ausprobieren – Wörter, die man auf einer Reise durch die nordkalifornische Weinwelt zwischen Napa und Sonoma öfters hört. Ist der Wunsch, mit der alten Welt mithalten zu können, vielleicht auch ein Grund für den Stilwandel? "Es ist klar, dass wir auf der Suche sind", erklärt Jeff Stewart, Winemaker bei Buena Vista im Sonoma Valley. "Auch wenn wir mit 150 Jahren das älteste Weingut Kaliforniens sind, haben wir alle keine allzu lange eigene Geschichte. Die meisten Ursprünge unserer Weine liegen verstreut in der ganzen Welt. Unsere Gründer haben das Wissen ihrer Herkunft hier hergebracht, doch das Klima in Kalifornien ist ganz anders. Die Sommer heißer und trockener. Doch wir sind alle ehrgeizig, neugierig und wollen unseren eigenen Weg finden." Einen Weg, der dahin geht, runde Weine zu machen, die auf der Welt akzeptiert und geschätzt werden. Bei Buena Vista heißt das, einen höheren Anspruch in die Qualität des Traubengutes zu haben, die Weine individuell zu lesen und kleine Tanks zum gezielten Ausbau von feinen, sensiblen Weinen zu nutzen.

Was die kalifornischen Winzer auf alle Fälle erkannt haben, ist, dass der Konsum im eigenen Land und der Export nach Kanada nicht mehr ausreichen. Neue Märkte gilt es anzugehen. Asien steht bei den Winzern hoch im Kurs und auch die Marktpräsenz in Europa wird erhöht. Doch viele Weine haben Europa bislang nie erreicht – und wenn, stammen sie meist von den ganz großen Namen wie Gallo, die eigens für den Export in die alte Welt eine Linie entworfen haben, die dem europäischen Geschmack angepasst ist, oder aus Massenproduktionen, die im Supermarkt zu günstigen Preisen die Exotik des weiten Amerikas repräsentieren sollen.

Doch gerade an Napa und Sonoma – den ungleichen Brüdern, die mit ihren vielen Mikroklimen und unzähligen kleinen Winzern punkten können, liegt es nun, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Denn eines ist klar: Natürlich gibt es sie - die schweren Weine, die Pfeffer im Hintern haben und - im übertragenden Sinn – vor Salz den Mund zusammen ziehen. Die Bomben mit viel Holz, viel Alkohol, die wie flüssige Marmelade über die Zunge gleiten. Jedoch steht die Veränderung im Vordergrund. Winzer, die sich ausprobieren und mit ihrem Wein auseinandersetzen. Winzer, die neue Wege einschlagen und das Wein-Spektrum erweitern. Das Ergebnis sind viele positive Überraschungen, die Spaß am Entdecken machen und dem kalifornischen Wein eine neue, elegante und spannende Identität geben.

Weitere Informationen finden Sie unter www.wineinstitute.org, www.robertmondaviwinery.com, www.schugwinery.com, www.buenavistacarneros.com, www.wentevineyards.com und www.ejgallo.com.

Fotos: aha, wente vineyards

 

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