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Zwischen Thrakien und Vinprom

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Hierzulande hat er sich eine Zeitlang ganz gut als hipper Pirat in Blindproben Bordelaiser Provenienzen gemacht. Ein bisserl Ostalgie lockert die ernsten Mienen der Connaisseurs einen Wimpernschlag lang auf. Manchmal schockiert sie gar, sorgt für ungläubiges Kopfschütteln, erregt jedenfalls Aufmerksamkeit und Gemüter.

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Aufmerksamkeitsfenster jedoch sind heutzutage klein gezimmert und taugen kaum dafür, dass sich Erlebnisse länger im Bewusstsein der Verkoster eingraben. Schmale Schießscharten sind’s, aus denen eben mal auf den Rest der Welt geschossen wird. Doch bleiben die meisten Pfeile in den Köchern der Schützen. Das Erlebnis verrinnt, nachdem der Pfeil den Bogen verlassen hat. Die Schützen ziehen weiter zur nächsten Scharte. In solch verdrießlicher Lage steckt der bulgarische Wein. Es gibt ihn, doch dann auch wieder nicht. Er hat kein Gesicht, versteckt sich im Durchschnitt der Massenweinproduktion und kommt doch allzu angestaubt daher, um neben der Konkurrenz aus der Neuen Welt bestehen zu können. In Bulgarien wirken agroindustrielle Betriebsstrukturen der Sowjetzeit bis heute nach: Kleine, klimatisch begünstigte Rebflächen an Hängen und Hügeln wurden zugunsten gigantischer Weinfelder – gleich neben Kartoffeln und Weizen – aufgegeben, hochwertige Lagen gerodet oder sich selbst überlassen.

Kleinstbetriebe verschwanden und gingen im Staatsmonopol Vinprom auf. Dabei erstaunt es wenig, dass das notwendige Know-how von großen amerikanischen Kellereien kam. Bis zum vollständigen Zusammenbruch der Sowjetunion galt bulgarischer Wein als gleichermaßen modern wie austauschbar und damit gesichtslos.

Industrieanlagen australischen Zuschnitts

Qualitätsfanatiker Graf von Nipperg

Und auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machte das kleine Land keine Anstalten, sich auf seine Traditionen zu besinnen (dabei ist es derer unvergleichlich reich), sondern errichtete – nun in privater Hand – in kürzester Zeit Industrieanlagen australischen Zuschnitts. Industrieweine haben ihre Berechtigung, ein Blumentopf in der oberen Weinliga lässt sich mit ihnen allerdings nicht gewinnen und Identität gleich zweimal nicht. Es reicht auch nicht aus, die antike Vergangenheit Bulgariens mit dem Namen eines thrakischen Führers auf dem Etikett zu bemühen, wenn das, was da am Ende aus der Flasche läuft, hätte ebenso gut aus Kalifornien kommen können.

Ins Glas läuft ein 2006er Enira, ein Wein aus dem Bessatal. Etwa 120 Kilometer südöstlich von Sofia gelegen, ist dies das jüngste Projekt des Qualitätsfanatikers Graf Stephan von Neipperg. Das Tal ist nach seinen frühesten Bewohnern, den Bessen, benannt. Die wiederum entstammen einer Stammesaufspaltung der Thraker. Enira, ein kleiner Teil im Bessatal, war ihre Heimat. 300 Hektar Land haben der Graf und sein Partner Dr. Karl-Heinz Hauptmann hier gekauft.

Keine Bordeaux-Kopien

Enirawein aus Bulgarien

140 davon sind mit den Sorten Merlot, Syrah, Petit Verdot und Cabernet Sauvignon bepflanzt. Für die Agrarindustrie der Sowjetzeit war das Land aufgrund der schlecht zu rationalisierenden Flächen schlicht uninteressant. Mitte der Achtziger Jahre zwang Gorbatschows Prohibitionskampagne Land und Winzer zu weiteren Rodungen. Dem Terroir tat das gut. Zwanzig Jahre konnte sich der sandig-lehmige Boden mit hohem Kalksteinanteil im kontinentalen Klima des Tals ausruhen. Von Neipperg hat ihn aufgerüttelt. Dass sowohl Klima als auch Bodenbeschaffenheit Gemeinsamkeiten mit Neippergs Toplagen im Saint-Emilion aufweisen, macht das Projekt noch schlüssiger. Bordeaux-Kopien indes, entstehen hier keineswegs. 

Das Weingut Enira wurde im Jahre 2001 gegründet; es könnte richtungsweisend für den Qualitätsweinbau Bulgariens sein. Nicht die Cape Canaveral Air Force Station stand bei seiner Architektur Modell, sondern antike thrakische Baukunst. Das sagenumwobene Volk beherrschte in der Antike den gesamten Balkan und war berüchtigt für seinen Wein und wurde von den Griechen gleichermaßen als Wadenbeißer und hochtalentiert  beschrieben. Vom Wein der Thraker gab Homer seinem Helden Odysseus reichlich mit auf Reisen, der damit bekanntlich nicht allein sich, sondern auch den Zyklopen Polyphem erfolgreich abfüllte.

Deutlich ätherischen Noten

Neippergs 2006er Enira ist eine überaus gelungene Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot, die sich aromatisch durch milde Gewürze und eleganten Trinkfluss sowohl an der osmanischen als auch antiken Vergangenheit Bulgariens orientiert. Noch deutlicher macht dies der 2006er Reserva: Er riecht verführerisch nach getrockneten Datteln und Rosinen, untermalt von deutlich ätherischen Noten, baut am Gaumen enorme Konzentration auf und hätte sicher einen Mordseindruck auf den Zyklopen gemacht und den Osmanen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Odysseus, so steht allerdings zu vermuten, hätte sich solch üppiges Gewächs als eiserne Reserve für seine Penelope zurückgelegt. Und die Osmanen durften ohnehin nur dran schnuppern.

Fotos: bessavalley.com

 

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