Äpfel und Birnen lassen nicht miteinander vergleichen, lautet eine Redensart. So recht will dieser Spruch allerdings nicht einleuchten, gehören doch beide Arten zu den Kernobst- und Rosengewächsen, werden bei Aroma-Blindproben immer wieder gern verwechselt und stehen bei Beschreibungen von Weißweinen unangefochten an der phantasielosen Spitze.
Einige Gemeinsamkeiten gibt es da also schon. Und wissentlich oder nicht, Master Sommelier Frank Kämmer tat gut daran, eine Chassagne-Montrachet versus Pechstein-Vertikale mit jener Redensart einzuleiten. Am Ende steht der Apfel der Birne genauso nah wie der Pfälzer Riesling dem Chardonnay der Côte d’Or. Überdies ist eine Vergleichsprobe, die über den Tellerrand einer Region oder Sorte schaut, a priori ein gleichwohl provokativer wie interessanter Ansatz.
Den Raum für konstruktive Streitereien stellte Iris Giessauf (Gasthaus Essers) zur Verfügung, den Gesprächs-Stoff Albert Kierdorf (Kierdorf Wein). Die versammelte Runde ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Weder das Thema noch die beteiligten Güter Dr. Bürklin-Wolf und die Domaine Amiot Guy et Fils sorgten für Aufregung unter den Fachkollegen. Man gab sich zunächst betont lässig. Immerhin: Das Große Gewächs 'Pechstein' stellte sich in sechs Jahrgängen (2006 – 2001) gegen den Premier Cru 'Les Caillerets' gleicher Reifestufen. Oder umgekehrt oder gar nicht? "Es geht ja gar nicht um Vergleich, sondern vielmehr um zwei große Appellationen, die sich durchaus Seite an Seite präsentieren lassen", erläutert Kämmer, "einerseits sind die Rebsorten so unterschiedlich, dass ein Vergleich gar nicht möglich ist. Andererseits gibt es aber doch viele Gemeinsamkeiten, die eine solche Probe umso spannender machen." Und die wurde es dann auch. Denn ob Riesling oder Chardonnay, Pfalz oder Burgund, Basalt oder Kalk, 'Pechstein' oder 'Les Caillerets', das alles ist Terroir. Und jeder Wein zeigte das, war von seiner Heimat geprägt, seinem Klima, seiner Kultur und den Menschen, die ihn begleitet haben. Terroirweine sind streitbare Weine. Sie zeugen vom Mut und der Überzeugung des Winzers, das Wechselspiel der Natur und die bestimmte Herkunft eines Weines in jedem Jahr aufs Neue zu bewahren. Weinunikate, deren größte Gemeinsamkeit in ihrer Unterscheidbarkeit liegt. "Beide Appellationen sind stark von ihren jeweiligen Gesteinen geprägt und werden für ihr mineralisches Rückgrat gerühmt", erklärt Kämmer. Dass solcherlei Weine in ihrer Jugend verschlossen seien und einige Zeit bis zur vollen Entwicklung bräuchten, läge dabei in der Natur der Sache.
Der Äpfel und Birnen-Vergleich ist sehr alt, seine Bedeutung gesetzt. Wem allerdings nach einer freien Interpretation zumute ist, sei ein Zitat von Christina Fischer ans Herz gelegt, die einmal sagte: "Pinot Noir ist der Riesling unter den Rotweinen." Darin steckt das Paradoxon der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen. Wir haben es hierzulande anscheinend gerne etwas komplizierter. Der Engländer lässt es soweit gar nicht kommen und formuliert exakter: "Compare apples and oranges", sagt er, wenn er Dinge vergleichen möchte, die nicht miteinander vergleichbar sind. Und wir setzen noch eins drauf und postulieren: "Man soll die Äpfel erst zählen, bevor man sie aufteilt." Denn nach alledem wurde freilich schon verglichen, und der 'Pechstein' stand hernach eine halbe Stufe über dem 'Les Caillerets'. Marginalie einer mutigen Probe.
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Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Laurent Delarbre, Chefkoch Restaurant La Tour d'Argent, Paris.: Der Honig vom La Tour d'Argent wird nur in unseren Küchen und für den Service
vom Tee-Salon verwendet, ist aber auch verfügbar für den Verkauf über unseren
Online-Shop und in unserer Boutique Les Comptoirs de La Tour d'Argent. Foto: Stephan Gabriel

