Anna Sgroi hat es geschafft. Wir sitzen beisammen in der schnuckeligen Bar des noblen Hotel Kronenschlösschen im Rheingau. Draußen geht der Tag zielstrebig zu Ende. Sgroi bestellt Champagner. Für sich und für ihre zwei kochenden Mitstreiter.
Sie und ihr Team haben gerade beim Rheingau Gourmet Festival so unprätentiös aufgekocht, dass es bei manch einem Gast sogar untergegangen sein mag, wie präzise das war. Und wie stark die Gerichte ihre sizilianische Heimat abgebildet haben – diese Selbstverständlichkeit, gut und zwanglos zu essen. Ganz ohne Chichi. Es gab keine Gaumengewitter, keine dekonstruierten Nahrungsmittel und auch keine neomoderne Architektur mit rachitischer Beilage auf den Tellern. Ob es sein könnte, dass solch Minimalismus heutzutage nicht mehr goutiert würde, frage ich. Sgroi nimmt einen kleinen Schluck Champagner und sagt: "Ich koche und bastle nicht."
Sgroi ist keine Selbstdarstellerin. Sgroi ist Köchin. Eine von ganz wenigen in Deutschland, deren Restaurant einen Stern trägt. Ihr Deutsch klingt sizilianisch oder ihr Sizilianisch deutsch. Einerlei. Sie kocht, was sie erlebt hat. Und das ist ihre Heimat. Das ist Sizilien. Das ist ein bisschen auch die Welt. Sie tut das kompromisslos. Und ist dabei eine emanzipierte Kosmopolitin am Herd. Sie sagt: "Es ist das Grundprodukt, das zählt." Als hätten wir das nicht schon tausendfach gehört. Doch: Es ist uns an diesem Mittag drastisch vor Augen und an Gaumen geführt worden. Dargereicht in einem unscheinbaren kleinen Suppenteller, schwammen im Zwischengang die weltbesten Kaninchenravioli in ihrem Sud. Und sonst nichts. Brot gab es noch. Und Wein. Chianti war’s in diesem Falle.
Gekonnte Askese auf dem Teller
Wir hätten wohl viel trinken mögen, doch ein Stakkato von vier völlig unterschiedlichen Weinen auf diesen Gang abzufeuern, tat der köstlichen Askese auf dem Teller nicht gut. Allzu beliebig schien die Auswahl, sodass keiner der Weine eine wirkliche Harmonie hervorzubringen imstande war. Dabei machte Sgroi doch gerade vor, dass viel eben nicht viel hilft. Die hauchdünnen Ravioli waren, neben dem Kaninchen, mit getrockneten Tomaten, Thymian und Gemüsestreifen gefüllt. Alles wie mit dem Mikrotom geschnitten, ergab sich dennoch ein intensiv-mediterranes Geschmackserlebnis. Ich frage Sgroi, wie man so etwas wohl bewerkstelligt, und sie antwortet charmant: "Mit zwei Männern und mir."
Aus Hamburg angereist, haben sie im Rheingau alles frisch zubereitet. Auch den Teig für die Ravioli, versteht sich. Grandios dagegen das Verständnis von Wein und Vorspeise: Ein kluger Zug war das, dem Carpaccio von Langostinos mit Salat von Butternut-Kürbis und Limonenvinaigrette einen saftigen Rheingauer zur Seite zu stellen. Obgleich trocken etikettiert, spielte die feine Restsüße des 2009er Rüdesheimer Bischoffsberg vom Bischöflichen Weingut in Rüdesheim dem asiatisch angehauchten Gang förmlich in die Hände. Bravo!
Über Hamburgs Grenzen hinweg ist Sgroi für ihr Zicklein aus dem Ofen bekannt, das auch an diesem Mittag nicht fehlte. In ihrem Restaurant serviert sie es mit Herz, Leber und Nieren. Die Frage, ob sie dem Publikum im Rheingau so viel Bodenständigkeit auf dem Teller am Ende nicht zutraute, muss offen bleiben. Jedenfalls offenbarte die Kombination aus Schulter, Keule, Rücken und Leber abermals Sgrois rigorosen Purismus. Nichts weiter als eine exquisite Jus und sizilianisches Peperonata gesellte sich zu dem Fleisch.
Säureanschlag aufs Zicklein
Wie schon beim Zwischengang blieb auch hier der Rebensaft hinter den Erwartungen zurück. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, ein solches Gericht mit einem Wein zu pointieren. Doch statt sich auf eine Harmonie von Wein und Speise zu besinnen, gab es wiederum eine Kakophonie aus vier Chianti Riservas diverser Stilrichtungen. Das waren beileibe keine schlechten Weine. Ganz im Gegenteil: Der 2004er Poggio Rosso von San Felice bestach durch Klarheit und Raffinesse, doch die typische Sangiovese-Säure wollte sich mit dem Zicklein partout nicht vertragen und wurde von dem mediterranen Ratatouille gar noch verstärkt.
Zur Apfeltarte mit Kardamom- und Vanilleeis durfte wieder ein Rheingauer ran. Doch die 2009er Auslese vom Bischöflichen Weingut hatte ihre liebe Not mit dem Dessert, dessen Süße die des Weines um einiges überstieg und derart nicht viel mehr hinterließ als ihre messerscharf gesetzte Säure. Am Ende konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, an zwei Veranstaltungen teilgenommen zu haben: An einer Leistungsschau des Chianti-Classico, erfrischt mit ein paar kompetenten Gastbeiträgen aus dem Rheingau. Und einer auf den puren Geschmack reduzierten Küche einer Anna Sgroi.
Das klingt fast so, als hätte man ein gutes Geschäft gemacht. Mag sein. Doch der Genuss wäre gleichwohl größer gewesen, hätten Küche und Wein schon vor ihrem Aufeinandertreffen im Rheingau voneinander gewusst.
Weitere Informationen finden Sie unter www.sgroi.de.
Fotos: abi





