Der Schlummer des Helden war süß, aber auch so tief wie der Tod. Traumlos die Nacht und mit dem Erwachen flohen die schweren Winterwolken davon, als fürchteten sie, für immer ausgelöscht zu werden von einer grellen Sonne.Er hatte auf seinen Wegen mehr Leid ertragen, mehr Schätze gesammelt, mehr Glück erfahren, als dass ein Leben ausreichte, allein, um davon zu erzählen. Odysseus reckte sich träge und rieb die Augen.
Als früher Kaffeeduft den Raum über dem Schlafgemach flutete, dachte er kurz daran, einfach liegenzubleiben, die Augen zu schließen, sich erneut fortzuträumen, sich still fortzuschleichen aus der grausamen Realität, die nur wenige Meter entfernt auf ihn wartete. Denn ein gestrenger Geruch drang zu ihm, der alles, nur nichts Gutes verhieß. Das Schiff schwankte und der Reisende wankte mit zitternden Knien die Stiegen hinauf, mit einem kurzen Nicken begrüßt von seinem Reisegefährten an der Mikrowelle. "Dann fangen wir doch gleich mit der ersten Currywurst an!", hörte er wie von weit sich sagen, mit einer Stimme, die ihm heute fremd vorkam, fremder noch als die Stimmen der kleidlosen Meernymphen des Vortages. Auch hoffte er innerlich nicht grundlos, doch, auch eingedenk der Morgenstund', sein Gegenüber überhörte diese Aufforderung ebenso, wie das zögerlich nachgeschobene "Vielleicht noch ein Schlückchen Fiege-Bier anbei".
Aus den tiefsten Tiefen der vielzahligen Kühlgrotten des Supermarktes nebenan, war auf Wegen, die dem Uneingeweihten auf immer versperrt bleiben müssen, der "Meica-Curry-King", ein weitestgehend geschmacksneutrales Currywurstsubstitut, nun auf dem Frühstücksteller gelandet. Eine harte Prüfung für unsere beiden Protagonisten, galt es doch, den wenig liebreizenden Duft, der aus nun der geöffneten Packung entwich, mutig zu ignorieren und die in Darm gepresste Sau durch ein Bad in konsistenzloser Tomatentunke erneut zu morden, dann freudlos in den Mund zu stopfen, zu schmecken, zu kauen und, durch gezielte Ausschaltung des Vagusnerves, final dem Sympathikus freien Schlucklauf zu gewähren. Neutralisiert durch ein kühles "Fiege", dessen Bügelverschluss zuvor durch ein "Plopp" in a-Moll verheißungsvoll den Flaschenhals freigab, sind die Gefährten nun startbereit für den zweiten Akt der Tour de Currywurst. Wohlan, auf gen Wattenscheid!
"Zwei Curry, zwei Halbe"
Hier, in der Bochumer Strasse 96, hat Raimund Ostendorp nach Stationen wie Parkhotel "Krefelder Hof", "Chez Alex" in Köln oder als Obermaat im "Schiffchen" des Sterne-Kochs Jean Claude Bourgueil in Düsseldorf, sein Feldlager aufgeschlagen. Das Eingangsportal zum Wurst-Tempel kaum durchschritten, freudig begrüßt von einer Heerschar in Rot und Schwarz gewandeten Fußvolkes, die, eigens angereist aus den südlicheren Gewässern um Nürnberg, Stärkung suchten vor der bevorstehende Schlacht in der nahen Arena, entfuhr dem Helden ein bestimmtes "Zwei Curry, zwei Halbe".
Oh, ihr Mitreisenden, ihr Getreuen, ihr guten, guten Freunde! Welch’ tiefe Trauer stellte sich doch ein bei den ersten Bissen! Hoch gelobt und mit Lorbeer im Vorfeld von den Auguren bekränzt, zeigten sich schon im Augenschein erste Risse. Risse, um so tiefer, je weiter die Helden eindrangen in das Labyrinth des Geschmackes, dem Irrgarten, der statt Blattgold einzig blankes Eisen offenbarte und in dem Minotauros schon darauf wartete, die Reisenden mitsamt vorpanierter Schnitzelparade zu verschlingen. Gleich einem Pfeil, der schon halb auf dem Weg zum Ziel mit Macht strebt in den Köcher, schnellte die Vorfreude zurück und wich tiefer Betrübtheit. Was, oh Poseidon, hälst du noch bereit, welche Prüfungen gilt es noch zu meistern für unseren Helden!
Die nächste wartet bereits in Wanne-Eickel und lockt verheißungsvoll mit einem Sirenengesang, der von der "schärfsten Currywurst der Welt" kündete. Doch heute ist das Meer ruhig, kein Sturm braust auf, kein Feuer brennt vom Genusshimmel in die Münder hinab: "Die Currywurst" hat geschlossen. Hierauf setzen sich die Gefährten taten- und wortlos wieder ans Ruder des eisenen Volksschiffes und fahren ihrer Heimat zu, unter vollen Segeln zwar, jedoch betrübt.
Currywurst, für die jede beschwerliche Reise lohnt
"Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt - 'ne Currywurst", dichtete einst der Bochumer Homer Herbert Grönemeyer und meinte gewiss die "Echte von Dönninghaus", von der dem Vernehmen nach allwöchentlich bis zu 50.000 Stück in die hungrigen Mägen wandern. Zwischen Tand und Marktwaren eingefasst, reicht eine weißgewandete Hohepriesterin aus dem Inneren der Dönninghaus-Feste eine kleingehäckselte Currywurst, für die allein die beschwerliche Reise, jede beschwerliche, lohnte. Die Gefährten schauen sich kurz an, nicken beglückt und vollenden das Festmahl mit einer weiteren Kaltschale auf Hopfen- und Malzbasis.
Doch nur unweit wartet eine weitere Verlockung: Mit einem Dreizack aus Plastik bewaffnet, machen sich unsere Freunde auf zum "Bratwursthaus". Ihr Mitreisenden, oh, ihr Getreuen und unendlich Geduldigen! Der Held blickt um sich, sieht Holz, Stehtische, Pappschälchen, eine Vielzahl Gleichgesinnter, alles in bester Ordnung umherstehen und liegen, fängt an zu mustern und zu kosten: und siehe da, ihm mangelte an nichts. Rein gar nichts. Zart die Wurst, kross die Haut, eingebettet alles in einen roten Traum, gekrönt von güldenem, scharfen Currypulver. Die Reise hätte hier ihr glückliches Ende gefunden, gelte es nicht, noch eine letzte Schlacht, die letzte Schlacht vor der Heimkehr, zu schlagen, zu der Göttin Athene in Gestalt von 22 zarten Jünglingen und dreier Halbgötter in Schwarz, die Gefährten befahl.
Schon auf dem Hinweg, oh ihr guten, alten Freunde, begegnete unserem Helden im sechsten und damit finalen Akt, eine Heerschar fein und gleich gewandeter Streiter. Eine Currywurst als Wegzehrung, ein weiterer Gerstensaft, und einer noch und einer mehr, dann hält der Held Einzug in des Kampfes Topos. Das versammelte Volk auf den Rängen stimmt beim Eintritt unseres Helden und seines Getreuen ein Loblied an und steigert sich bei "Bochum, ich komm' aus dir" in extatische Zustände, begleitet von einem bengalischen Feuermeer und die Wettkampfstätte flutendes Rauchwerk, entfacht von den gegnerischen Kombattanten. Der Streit hebt an, und endet tor- wie ereignislos ebenso, wie er begann: dichotom. Friedlich beileibe nicht, doch schiedlich. Mit einer Currywurst in der einen Hand, einem kühlen Blonden in der anderen, und den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne im Gesicht.
Als der Held am Ende des Tages angelangt war, lächelte Pallas Athene, fuhr ihm zart streichelnd über die Wange und verwandelte sich plötzlich in eine schöne, schlanke Currywurst. An Ithakas Strand war Odysseus indes vom Schlummer vollends erwacht.
Foto: lol





