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| Kulinarik-Reise an Marokkos Atlantikküste |
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Rund 100 Kilometer südlich von Casablanca liegt El Jadida. Die ehemalige portugiesische Handelsenklave, die historisch unter dem Namen Mazagan bekannt wurde, hatte im 16. Jahrhundert rund 5000 Einwohner und zählt vor allem wegen der spektakulären unterirdischen Zisterne seit 2004 zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Heute erleben Besucher hier authentisches Marokko-Flair mit einer Vielzahl an Märkten und Restaurants, die mit traditionellen Spezialitäten der maghrebinischen Küche glänzen. Gepaart mit den endlosen Sandstränden bietet der touristisch noch weitgehend unberührte Küstenabschnitt experimentierfreudigen Kulinarikern eine traumhafte Kulisse für einen entspannten Kurzurlaub.
Zugegeben, gedämpfter Kalbskopf – selbstverständlich am Stück – ist vielleicht nicht jedermanns Sache, doch das freundliche Angebot des Verkäufers, einmal zu kosten, können wir nicht ausschlagen. Das zarte, feinaromatische Fleisch zergeht auf der Zunge. Doch schon lockt der nächste Marktstand mit herrlich duftendem Gemüse- und Geflügel-Tajine – Marokkos Nationalgericht, zubereitet und serviert in traditionellen Lehmgefäßen und warmgehalten über Holzkohlenglut. Im Innern des spitz zulaufendem Deckels eines Tajine kondensiert während des Garens der Dampf und die mit viel Knoblauch, Cumin, Ingwer, Safran und einem halben Dutzend weiterer Gewürze geschmorten Zutaten bleiben dadurch schön saftig. Gegenüber flattern in einem kleinen Stall aufgeregt weiße Hühner umher. Man muss nur mit dem Finger auf eines der bedauernswerten Tiere zeigen, schon steckt das im Eiltempo ausgenommene und gerupfte Huhn am Spieß. Eine halbe Stunde später bekommt man es dann knusprig und goldbraun im Imbiss um die Ecke serviert.
Am nächsten Stand werden Pastillas verkauft. Meist runde Fladen, die optisch ein wenig an spanische Tortillas erinnern. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um knusprigen Filo-Teig, der traditionell mit Taube oder Wachtel, heute jedoch eher mit Hähnchen oder auch Meeresfrüchten gefüllt wird. Die Füllung einer Pastilla enthält, neben fein zerpflücktem Fleisch, das zunächst mit Zwiebeln und einer Vielzahl an Gewürzen in Öl angebraten und anschließend in aromatischer Brühe gegart wird bis es vom Knochen fällt, auch feingemahlene geröstete Mandeln. Abgerundet mit Zimt, Orangenblütenwasser und reichlich Zucker schmeckt sie so süß, dass man das Ganze im ersten Moment für ein Dessert hält. Zur Krönung wird die fertige Pastilla nochmal dick mit Puderzucker und Zimt bestreut, dann beim Essen in eine scharfe Chilisauce getunkt. Was seltsam klingen mag, schmeckt fantastisch. Tatsächlich ist gerade diese Mischung aus süß, salzig und pikant eines der wesentlichen Charakteristika der marokkanischen Küche.
Auf dem benachbarten Gewürzmarkt duften inzwischen Baharat und Ras el Hanout um die Wette. Die beiden berühmten Universalgewürzmischungen sind aus der marokkanischen Küche nicht wegzudenken und bestehen, je nach überlieferter Rezeptur, aus bis zu 100 Einzelgewürzen. Am wichtigsten sind dabei Kardamom, Nelken, Zimt, Chili, Koriander, Cumin, Muskat, Mönchs-Pfeffer, Kubeben-Pfeffer, Paradieskörner, Erdmandeln und Rosenblüten. Daneben leuchten Piment, gemahlener Ingwer, edler Safran und Kurkuma. Außerdem ganze Berge von zuckersüßen Datteln, riesigen Walnüssen, gelben Rosinen, getrockneten Feigen und blanchierten Mandeln. In kleinen Plastikflaschen glänzt dazwischen goldgelbes Arganöl – ein wahres Göttergeschenk, das nur im Süden Marokkos produziert wird, da sich der Arganbaum allen Kultivierungsversuchen in anderen Ländern und Regionen erfolgreich widersetzt hat. Sowohl in der Küche als auch zu kosmetischen Zwecken ist das Öl unverzichtbarer Bestandteil der marokkanischen Alltagskultur.
Bei den Obst- und Gemüseshändlern gibt es bereits die ersten Wassermelonen der Saison, überdimensionale Orangen aus Agadir, gewaltige Papayas, marokkanische Bananen, kleine, hocharomatische Avocados, frische Erbsen und grüne Bohnenkerne. Ein alter Mann bietet auf einem umfunktionierten Fahrrad mit Ladefläche derweil dicke Bündel herrlich duftender Nana- und Zitronenminze feil – die wichtigste Zutat für Marokkos Nationalgetränk: süßer schwarzer Tee mit einem Sträußchen frischer Minzblätter. Um die Ecke warten eingelegte Oliven auf Kundschaft, dazwischen liegen konfierte Zitronen. Unverzichtbare Ingredienz für marokkanische Fisch- und Geflügelgerichte. Die Zitronen werden dazu einfach mit reichlich Salz bedeckt, dann mit Wasser übergossen. In dieser Lake reifen sie 20 bis 30 Tage. Verwendet wird nur die aromatische Schale, die während der Prozedur ein ganz besonderes Aroma entwickelt. Mit ungespritzten Bio-Zitronen kann man das auch problemlos selber machen.
Die Preise auf dem Souk von El Jadida sind – für westeuropäische Verhältnisse – ausgesprochen günstig, die Produkte dabei von herausragender Qualität. Touristennepp ist hier noch weitgehend unbekannt. Freilich wirkt man als Europäer im Freizeitdress wie ein echter Exot, der neugierig, aber stets freundlich, beäugt wird. Nachdem wir beim Bäcker noch schnell ein wenig frisches Spritzgebäck eingekauft haben, kehren wir erst einmal schwer beladen ins Hotel zurück.
Als komfortables und auch in kulinarischer Hinsicht lohnendes Domizil während eines Aufenthalts in El Jadida, bietet sich das Mazagan Beach Resort an. Die vor zwei Jahren neu eröffnete 5-Sterne-Anlage an einem sieben Kilometer langen Sandstrand, neben einem Pullman-Resort das einzige Hotel entlang dieses Küstenabschnitts, bietet vor allem ein halbes Dutzend hochkarätiger Restaurants und verfügt darüber hinaus über einen von Gary Player entworfenen anspruchsvollen 18-Loch-Golfplatz, sowie über ein großzügiges ESPA-Spa. Besonders bemerkenswert ist das Morjana, dessen marokkanische Küchenchefin auf behutsam modernisierte Klassiker wie Couscous, Tajine (beispielsweise mit einer dunklen Schokoladensauce) oder die allgegenwärtige Pastilla setzt. Dazu gibt es eine hervorragende Auswahl lokaler Weine, die zum Teil internationales Format besitzen, wie die Rotwein-Cuvée Eclipse, die ein wenig an die Weine von Chateau Musar aus dem Libanon erinnert. Bierfreunde sollten ein eiskaltes Casablanca zum Essen bestellen.



Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Nicolas Géant, Imker: Die Schädlingsbekämpfungsmittel sind eine wichtige Ursache für das
Bienensterben. Foto: Stephan Gabriel

