Dreimal tief durchatmen, das innere "Om" aktivieren, Sonnenbrille auf die Nase und raus aus den Klamotten. Badehose oder Bikini an und vielleicht noch Flip Flops an die Füße. Wer mehr anhat, ist eindeutig overdressed.
So einfach ist der Dresscode auf den Kaiman-Inseln in der Karibik. Der Rumpunsch, den es zur Begrüßung im Ritz Carlton Hotel auf Grand Cayman gibt, tut sein übriges, auf die entspannte, karibische Lebensweise einzustimmen. Grand Cayman, Little Cayman und Cayman Brac heißen die drei Inseln, die südlich von Kuba und gut 300 Kilometer westlich von Jamaika liegen. Türkisblaues Wasser rauscht in flachen Wellen auf den hellen Sandstrand. Schäfchenwolken tummeln sich am knallblauen Himmel. Die Sonne strahlt, wärmt und bräunt die Körper, die sich auf den Liegen räkeln.
"Holaseñoras y señores!", eine Stimme wie eine Motorsäge unterbricht die Ruhe. Starkoch José Andrés flitzt auf seine Bühne. Auf seiner Stirn perlt Schweiß. Von der Sonne und den beiden Feuerstellen, aus denen Flammen hektisch züngeln. Die Bühne ist
ein abgesteckter Strandabschnitt vor einem weißen Pavillon, das die Zuschauer vor der Sonne schützt. Alle, die keinen Platz im Schatten gefunden haben, stehen barfuß im Sand und tragen einen Strohhut. "Cayman Cookout" ist darauf zu lesen.
Seven Mile Beach heißt der Abschnitt, der eigentlich nur fünfeinhalb Meilen lang ist, und den sich bekannte Hotels teilen. Andrés ist einer der weltweit gefeierten Küchenchefs, die zum kulinarischen Kräftemessen in die Karibik gekommen sind. Darunter illustre Namen wie Richard Blais, April Bloomfield und Anthony Bourdain. Der Sterne bekränzte Küchenchef Eric Ripert hat das Gourmet-Mekka vor vier Jahren ins Leben gerufen. Seine Idee war so einfach wie genial: Auf einer Trauminsel kommen die weltbesten Köche und Sommeliers zusammen, um sich auszutauschen, ihr Können weiterzugeben und mit den Gästen zu chillen.
Barfuß-Barbecue und Gala-Dinner
Abends treffen sich dann alle zum Barfuß-Barbecue oder Gala-Dinner. Aber natürlich nicht in Anzug und Krawatte, sondern in Shorts und Flip Flops. Man ist ja schließlich in der Karibik. José Andrés, heißt es, habe die Amerikaner das Kochen gelehrt, sie mit moderner Molekularküche verzaubert und vor allem: ihnen die Tapas gebracht. Deshalb verehren die so Beglückten ihn wie einen Halbgott in Kochschürze. Einschlägige Gourmet-Magazine und Organisationen zeichnen jedes Jahr seine Kochkünste, Kochshows und die Konzepte seiner Restaurants in Washington, Los Angeles und Las
Vegas aus. Der gebürtige Spanier, der im Spitzenrestaurant El Bulli unter Ferran Adrià gelernt hat, ist zudem eine echte Rampensau mit hohem Unterhaltungswert.
Tapas gibt es heute allerdings nicht, dafür Paella, gegrillte Austern und Sangria. "Die einzig wahre Paella, wie ihr sie noch nie gegessen habt", behauptet der kräftige Spanier. "Oder kann es jemand besser?", röhrt er und mustert seine Anhänger mit intensiv grau-blauen Augen. Niemand gibt Kontra, alle starren in den Sand oder blicken zur Seite. Wie damals in der Schule, wenn der Lehrer ein Opfer zum Abfragen suchte. Der Küchenchef lacht und lässt auf den Schrecken Sangria servieren. Keinen billigen Fusel aus Plastikeimern mit Strohhalm, sondern die Edelvariante aus erlesenen Trauben, frischen Früchten und altem karibischen Rum. Die Stimmung steigt.
Andrés brät und brutzelt, kommentiert jeden Handgriff. Die Sangria zeigt ihre Wirkung, die Zuschauer stochern im Feuer oder schütten Meeresfrüchte in die Wagenrad großen Pfannen. Mit Argusaugen überwacht der Starkoch jeden Handgriff und selbst die Flammen scheinen nach seiner Pfeife zu tanzen. Nach anderthalb Stunden ist alles gesagt, das Essen fertig und die Feuer gelöscht. Erschöpft verzehren die Fans die Werke des Küchenchefs. "Er hat recht", seufzt eine schlanke Frau in einem hellblauen Seidenfummel, "die beste Paella, die ich je gegessen habe."
"Life is a Cabernet"
Kochen ist eine ernste Angelegenheit, zumindest für die New Yorker Marc und Isabel Kramer. Der Neurologe und die Maklerin essen gerne und gut. Selber kochen war bis jetzt nicht so ihr Ding, doch das soll sich nach dem Cayman Cookout ändern. "Freunde haben so von der Veranstaltung geschwärmt", erzählt der sehnige Arzt, "da haben wir uns auch angemeldet". Ihr "Stundenplan" ist voll. Das erste Seminar beginnt morgens um zehn Uhr, dann Showküche und Lunch mit einem der Meisterköche bis nachmittags wieder ein Talk, eine Verkostung oder eine Kochdemonstration stattfindet.
Das Programm ist bunt und vielfältig. Die Veranstaltungen heißen "Welcher Champagner-Typ bist Du?", "Life is a Cabernet", "In Wein investieren", eher biblisch "Die Schokoladen-Offenbarung" oder pragmatisch "Die besten Drinks
für Boot, Beach & BBQ". Es ist Samstagmorgen. Geräuschlos gleitet die Flügeltür ins Schloss, der dicke Teppich dämpft die Schritte. An den Wänden schimmern grüne Seidentapeten und goldene Vorhänge reichen von der drei Meter hohen Decke auf den Boden. Der Ballsaal des Ritz Carlton. Getanzt wird heute nicht, sondern verkostet.
W.O.W. - Wines of Washington steht auf einem Aufsteller beim Eingang. Gut 30 Einzeltische stehen in Reih und Glied vor der kleine Bühnen, auf der sonst die Bands spielen. Statt mit Blumen ist sie mit künstlichem Weinlaub geschmückt. Der amerikanische Weinexperte Ray Isle lehnt an einem Weinfass und begrüßt seine Zuhörer: "Ich verspreche Ihnen den 'Wow-Effekt' beim Trinken dieser genialen Tropfen aus der Neuen Welt." Die Kramers inspizieren mittlerweile acht gefüllte Weingläser vor sich. Es ist nicht ihre erste Weinprobe.
Wie auf Befehl heben beide gleichzeitig Glas Nummer eins an, drehen den Stil zwischen den Fingern und stecken die Nase in den Kelch, um mit gekräuselter Stirn die Aromen zu erschnuppern. "Pflaume, Zeder, Lakritz und ein Hauch Pfeffer", beschreibt Ray Isle seine Wahrnehmung. Er erklärt, wie unterschiedliche Böden, die Ausrichtung zur Sonne und die Nähe zum Meer den Geschmack beeinflussen. Die Zuhörer schreiben alles brav mit. Die Erfahrenen kritzeln in ihre selbst angelegten Weinbücher, die Novizen auf Papierservietten. "Uff, ich kann nicht mehr", flüstert Isabel und spuckt den letzten Schluck Wein in den dafür vorgesehenen Pappbecher. Das ambitionierte Paar hat eine halbe Stunde Pause, dann geht es weiter.
Steuer-Oasen und andere Paradiese
Küchenchef Eric Ripert zeigt in seinem Restaurant "Blue", wie Kochen auf höchstem Niveau funktioniert. Andere Teilnehmer des Kochfestivals gönnen sich eine Auszeit am Strand, einen Tauchausflug oder einfach einen Bummel durch die Hauptstadt Georgetown. Pastellfarbene Holzhäuschen beherbergen Luxusboutiquen. Designermode, Uhren, Schmuck und Alkohol werden hier zollfrei verkauft. Die Zollfreiheit hat Insel reich gemacht. Internationale Banken und Firmen haben eine Filiale in Georgetown. Zu
sehen ist davon allerdings nichts. Es gibt keine glitzernden Hochhäuser, blinkenden Werbetafelnoder gestresste Broker in dunklen Anzügen. Eine internationale Finanzmetropole stellt man sich anders vor. Ein unscheinbares, vierstöckiges Haus, das Ugland House, dient knapp 19.000 Firmen als Briefkastenadresse. Das ist dann auch alles.
Stolz sind die Kaimaner darauf nicht. Schweigsam werden sie bei den Themen Schwarzgeld, Steuer optimierte Anlagen oder dem Wirtschaftskrimi "Die Firma" mit Tom Cruise. Lieber erzählen sie von der Artenvielfalt, von Fauna und Flora, die größer als auf den Galapagos Inseln sein soll. Sicher ist, dass zwei der seltensten Orchideen hier heimisch sind, wie auch der weltkleinste Schmetterling, der Pygmy Blue. Für Taucher sind die Reviere rund um die Inseln ein Paradies. Neben den bunt flirrenden Fischen können sie rund 100 Schiffswracks erkunden, die dem Korallenriff zum Opfer gefallen sind. Absichtlich wurde das amerikanische Kriegsschiff USS Kittiwake versenkt, um ein künstliches Riff zu erschaffen. Kleine Korallen haben sich schon am Rumpf festgesetzt und wachsen langsam. Auch sie haben es nicht sonderlich eilig. Karibische Gelassenheit eben.
KULINARIKER-Tipps:
Blue, das Restaurant von Eric Ripert im Ritz Carlton ist bekannt für seine exklusiven Fischgerichte – superfrisch und perfekt zubereitet. Over the Edge, echte karibische Küche im Norden von Grand Cayman, sehr lecker ist auch der Rumpunsch
Casanova, gilt als der beste Italiener der Insel.
Anreise: British Airways fliegt über London und Nassau nach Grand Cayman oder verschiedene Fluglinien steuern von Deutschland Miami an und von dort weiter nach Grand Cayman.
Weitere Informationen finden Sie unter www.caymanislands.ky und www.ritzcarlton.com.
Fotos: sha



Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Laurent Delarbre, Chefkoch Restaurant La Tour d'Argent, Paris: Wir verwenden speziell diesen Honig, weil er auf dem Dach unseres Restaurants
produziert ist - aber auch im Herzen von Paris, der ihm eine außergewöhnliche
Reinheit verleiht, da es keinerlei Schädlingsbekämpfungsmittel noch verwendete
Insektenvertilgungsmittel gibt. Foto: Stephan Gabriel

