Ein bisschen fühlt man sich wie ein Freizeit-Monarch. Hier, im Hotel Kaiserhof Victoria, so erzählt man uns, übernachteten einst Blaublütler wie die Gräfin von Hohenembs mit ihrem Gemahl Franz-Joseph II.
Halt, tun sich da etwa menschliche Abgründe auf? Der österreichische Kaiser ging doch als viel beschäftigter Ehemann von Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, in die Geschichte ein. Hatte Joseph II. etwa einen Kurschatten in Bad Kissingen, von dem bis heute allenfalls ambitionierte Historiker wissen? So frech-frivol die Geschichte klingt, so harmlos löst sie sich – leider – auf. Natürlich war die Kaiserin Elisabeth von Österreich alias Sisi im Jahr 1863 auch an der Fränkischen Saale an der Seite des Kaisers. Unter dem Pseudonym der Gräfin von Hohenembs konnte sie hier inkognito ihre Seele baumeln lassen.
Noch heute gehört das Kaiserhof Victoria zu den ersten Adressen in Bad Kissingen, dem laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage bekanntesten Kurort Deutschlands. Könige logieren hier nur noch selten, obwohl viel vom Glanz aus alten Tagen geblieben ist. Erbaut in den Jahren 1836 bis 1840 war die Herberge von Beginn an ein repräsentatives Schmuckstück. Noch heute umgibt das Hotel, das nur einen Steinwurf von Europas größter Wandel- und Brunnenhalle entfernt ist, Eine Aura von Grandezza und Noblesse. Zwar sind die Zimmer etwas in die Jahre gekommen. Doch prunkvolle Kristallleuchter, edle Wand- und Deckenbemalungen, Stuckverzierungen und Jugendstilfenster versetzen den Gast schnell zurück ins 19. Jahrhundert.
Monarchen en Masse
Die Kulinarik des Hauses wird seit 2011 von Küchenchef Steve Blumenthal (46) geleitet, dessen internationale Karriere ihn zuvor schon nach England und auf die Bermudas geführt hat. Blumenthal setzt im Kaiserhof Victoria auf eine bodenständige, an die Saison orientierte Regionalküche. Sein marinierter fränkischer Spargel in der Parmensanhippe etwa korrespondiert überaus harmonisch mit dem 2010er Silvaner des nahe gelegenen Weinguts Baldauf.
In Kissingen mit seinen sieben berühmten Heilquellen Pandur und Rakoczy kurten und badeten gekrönte Häupter und Berühmtheiten wie Russlands Zar Alexander II., Leo Tolstoi, Theodor Fontane und Reichskanzler Otto von Bismarck. Von diesem Nimbus profitiert die Stadt bis heute. Bayerns "Märchenkönig" Ludwig II. erhob den Ort 1883 zum Bad. Heute kommen Jahr für Jahr 200.000 Übernachtungsgäste kommen in den Kurort, der nur 24.000 Einwohner zählt. Ein anderer bayerischer Monarch, Ludwig I., hatte die Stadt gezielt zum Badeort ausbauen lassen. Auch in diesem Jahr geben sich zwischen dem 21. Juni und 22. Juli internationale Weltstars der Klassik ein Stelldichein. Operndiva Cecilia Bartoli kommt bereits seit zehn Jahren in die Stadt an der Fränkischen Saale.
Weitere Weltstars wie Sol Gabetta, Arcadi Volodos oder Alfred Brendel stehen auf dem Programm – mit Top-Klangkörpern wie dem Orchestre de Paris, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem BBC Symphony Orchestra London. Im vergangenen Jahr kamen 30.000 Musikfans, um ihre Idolen zu huldigen.
Stadtführer Albin Markert freut sich wie ein Schuljunge an Weihnachten, als er uns seine Heimat zeigt. Besonders angetan hat es dem freundlichen Herrn mit dem silbergrauen Haar der Max-Littmann-Saal im Regentenbau, der dank seiner Holzvertäfelung mit Kirschbaumholz über eine außergewöhnliche Akustik verfügt. Seit mehr als 30 Jahren führt Markert seine Schäfchen durch Bad Kissingen – und scheint in all der Zeit nichts an Herzblut für seine Berufung verloren zu haben. Süße Versuchungen Albin Markert bringt uns zu Konditormeisterin Marita Martin-Büttner, die die berühmten Kissinger Tropfen herstellt – Rumtrüffeln mit Schokoladenüberzug in Tropfenform, die nach einem geheim gehaltenen Rezept hergestellt werden. Entwickelt wurde es 1968 von ihrem Vater, Manfred Riedel, der mit seiner Frau Rita die Stadtkonditorei betrieb. Ein- bis zweimal pro Woche macht sich Tochter Marita mit ihrem Team in der ehemaligen Backstube der Stadtkonditorei ans Werk und zieht Hunderte von Tropfen einzeln per Hand auf ein Blech. So entstehen Woche für Woche 200 Kilogramm der kalorienreichen Köstlichkeiten.
Weiter geht es in die Kirchgasse zur Bäckerei Röttinger. Wir treffen im kleinen angeschlossenen Café Tanja Röttinger, die das Geschäft zusammen mit ihrem Mann seit 1996 leitet. Ihre besondere Spezialität sind Gläser mit 250 und 190 Gramm schweren Kuchen, die bis zu vier Monate lang haltbar sind. Ein originelles Schmankerl ist der Prinzregent-Luitpold-Kuchen. "Den stelle ich mit Wasser aus dem Luitpold-Sprudel her," sagt die 40-jährige mit einem zufriedenen Lächeln. Ihr Leben ist sehr arbeitsreich: Sechstagewochen sind normal, den Sonntag nutzt sie für die Büroarbeit und den Hausputz. Ein Urlaub mit der Familie bleibt nur ein Traum, Röttingers finden keine Vertretung, die sie in allen Belangen ersetzen könnte. So verwundert es kaum, dass die Bäckereichefin froh ist, dass keines ihrer drei Kinder Alexander, Justin und Laura in die Fußstapfen der Eltern treten will. "Sie sollen es einmal besser haben," meint Tanja Röttinger. Umso mehr erstaunt ihre ansteckende Zufriedenheit.
Romantik trifft Gourmet-Gastronomie
In Laudensacks Parkhotel empfängt uns der Chef des Hauses auf der schönen Außenterrasse mit Blick in den gepflegten Garten und lädt zu Amuse Gueule und Vorspeisen ein. Hervorragend das Cassoulet von Pulpo und die Pastete aus Gänseleber mit Schokolade. Kein Wunder, dass Chef de Cuisine Frederik Desch dem Gourmet-Restaurant den einzigen Michelin-Stern in Bad Kissingen und 16 Punkte im Gault Millau erkocht hat. Das Restaurant zählt zu den 100 besten in Deutschland. Im offenen Hemd und unrasiert räsonniert der Patron bei einem erlesenen Riesling aus der Region über seine Romantik-Villa aus der Gründerzeit. Alle Zimmer, geprägt von naturbelassenen Materialien und warmem Licht, sind geschmackvoll und hochwertig eingerichtet. Man sieht, dass die Inhaberfamilie ein Faible für Inneneinrichtung hat. Teils lässt Hermann Laudensack das Mobiliar aus Portugal anliefern.
Die Farben der in Wischtechnik gestalteten Wände changieren in jedem Raum. Frau Laudensack lässt sich die stilvolle Dekoration des Hauses nicht nehmen. Während unseres Gesprächs läuft sie mit frisch geschnittenem Flieder aus dem 4000 Quadratmeter großen Hotelpark vorbei. Der Chef selbst gibt sich bodenständig. Er weiß genau, was er will und verfolgt unbeirrt seine Strategie. Schade, dass er nicht auf nachträglich per E-Mail gestellte Fragen des KULINARIKER antwortet. So bleibt es sein Geheimnis, wie er sich von der Konkurrenz absetzen will, was er für die nahe Zukunft planen und wer seine wichtigste Zielgruppe ist.
Ein Frühstücksbuffet, dessen breite Auswahl selbst für Vielreisende Seltenheitswert haben dürfte, bietet Feinkost Faber am Ostring. Freunde des guten Geschmacks finden hier neben den Klassikern des morgendlichen Genusses auch hausgemachtes Vital-Müsli, gluten- oder lactosefreie Gerichte, kesselfrische Weißwürste, diverse Salate, Pasta, Wurst und Schinken aus der eigenen Handwerksmetzgerei, Kuchen und vieles mehr – zum Preis von entspannten 8,50 Euro. Im Jahr 1898 als einfache Metzgerei gegründet, stieg Faber Feinkost bis zum königlich-bayerischen Hoflieferanten auf und spielt heute bis weit über den Freistaat hinaus ganz vorne mit – als Full-Service-Caterer, Gastronomiebetrieb oder Feinkosthändler.
Kulinarische Entdeckungsreise
Auf der "Genussreise durch das Saaletal" lernen die Gäste für 99 Euro an einem Abend die fränkische Gastfreundschaft gleich in fünf der beliebtesten Restaurants entlang der Fränkischen Saale kennen. Jeder Gang des fünfteiligen Menüs wird in einem anderen Restaurant eingenommen, so dass Schlemmer gleich mehrere Restaurants kennenlernen können – darunter das Weingut Baldauf in Ramsthal, das Hotel Ullrich in Elfershausen und Schuberts Wein und Wirtschaft sowie das Restaurant Legere in Bad Kissingen. Hervorzuheben sind das Fingerfood vom fränkischen Spargel im Restaurant Legere und die Perlhuhnbrust mit Gremolata im Hotel Ullrich. Im Preis enthalten sind die fünf Gänge inklusive Weine sowie der Bustransfer. Die nächste "Genussreise"“ wird am 6. Oktober dieses Jahres stattfinden.
Um unsere kulinarische Reise genüsslich abzurunden, genehmigen wir uns am Ende eine Domina. Sie ist sehr dunkel, in guten Lagen auch voll und extraktreich. Was einmal mehr frivol anmutet, löst sich auch dieses Mal schnell in Wohlgefallen auf: Die Domina präsentiert sich im Glas, ganz ohne Peitsche oder bizarres Latex-Kostüm. Man kann sie trinken – als eine vorwiegend in Franken angebaute Rotweinsorte, die aus einer Kreuzung von Blauem Portugieser und Spätburgunder entstanden ist.
Weitere Informationen finden Sie unter www.kaiserhof-victoria.de, www.laudensacks-parkhotel.de und www.badkissingen.de.
Fotos: Werner Bücheler



Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Nicolas Géant, Imker: Die Schädlingsbekämpfungsmittel sind eine wichtige Ursache für das
Bienensterben. Foto: Stephan Gabriel

