Sylt ist anders. Davon sind alljährlich weit über 800.000 Besucher überzeugt, die es für einen Wochenendtrip oder den Jahresurlaub auf die größte der nordfriesischen Inseln zieht.
Und Sylt lebt nicht schlecht von einem Image, in dem prominente Gäste ebenso eine Rolle spielen, wie Luxusherbergen, Edelmarken, Sportwagen oder ausgelassene Champagner- und Austernschlachten in und vor der Sansibar. Doch Sylt ist wirklich ganz anders. Denn jenseits des Jetsets und seiner Trabanten bietet das Eiland vor allem in den Wintermonaten, wenn die Warmduscherfraktion unter den Syltfanatikern auf den Kanaren weilt und nur noch echte Liebhaber und Einheimische die Insel bevölkern, eine unschlagbare Mischung aus sprödem friesischen Charme und ruhigen Ecken fernab der Touristenströme.
Die Erholung beginnt schon mit der Anfahrt. Im halbleeren Zug geht es ohne angesüffelt-lärmende Blondiertinnenschar über Hamburg und durch die verregnete norddeutsche Landschaft an die "Waterkant" bis zum Hindenburgdamm, der seit 1927 die Insel mit dem nordfriesischen Festland verbindet. Der Zug zuckelt nun gemütlicher über den Damm dahin und gibt den Blick zur Einstimmung frei auf die Nordsee und das Wattenmeer, auf Dünen und Deiche, auf abgeerntete Felder und windschiefe, blattlose Bäume. Ziel ist das Romantik-Hotel Benen Diken Hof in Keitum.
Benen Diken, also hinter dem Deich, liegt der ehemalige Aussiedlerhof der Inhaberfamilie Johannsen in exponierter Lage, eingebunden in ein idyllisches Dorf, dass für seine 200 Jahre alten Kapitänshäuser im klassischen "Friesenstil" bekannt ist. Würden nicht Automobile neueren Datums vor den Häusern stehen, zweifelsfrei wäre dies eine perfekte Filmkulisse für vor Schmalz triefende Heimatfilme
der späten 50-er Jahre. Vor dem Hauptgebäude angekommen, müssen wir unwillkürlich an die Eingangssequenz der TV-Serie Dallas denken und wären nicht sonderlich überrascht, Bobby Ewing höchstselbst beim Streichen des Zaunes zu entdecken. Vor dem Hotel liegen mit weißen Zäunen eingefriedet große Wiesen, auf denen im Sommer jedoch anstelle stattlicher Longhorn-Rinder eben Schafe und Lämmer grasen. Doch die sind nicht da, sondern vermutlich schon seit dem Herbst auf den Tellern gelandet.
Wie mehr als 90 Prozent aller Gebäude in Keitum trägt auch dieses Anwesen ein imposantes Reetdach - unser Domizil für die nächsten Tage liegt aber nicht im Hauptgebäude, sondern in einem der umliegenden Apartmenthäuser. Dem Uasterhüs, um korrekt zu bleiben, in dem das Kaminfeuer schon wohlige Wärme verbreitet und eine große Kanne Friesentee auf die durchfrorenen Gäste wartet. Also erst einmal heißt es "abwarten und Tee trinken". Entschleunigen, zur Ruhe kommen und sich Zeit nehmen. Und die braucht es wirklich, geht es doch zunächst bei einem Spaziergang durch ein Labyrinth von Bäumen und Buchten in den beschaulichen und jetzt menschenleeren Ort hinein.
Natur voller Gegensätze
Dessen Geschichte, jahrhundertelang durch die raue Wirklichkeit der Seefahrt geprägt, macht das Besondere dieses Dörfchens aus. Denn hinter so mancher feinen Fassade der ehemaligen Kapitänshäuser verbergen sich tragische Schicksale, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, von bitterer Armut, hoher Kindersterblichkeit, kurzem wirtschaftlichen Aufblühen durch die Seefahrt und dem damit einhergehenden hohen Preis an Menschenleben künden. Doch es offenbart sich hier auch das größte Kapital der Insel: die Natur. Eine Natur voller Abwechslungen und schroffer Gegensätze, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Maler und Dichter nach Sylt lockte. Emil Nolde, Robert Musil, Hermann Hesse, Stefan Zweig, aber auch Thomas Mann und Carl Zuckmayer suchten hier Ruhe vor dem Großstadttrubel und fanden in den elementaren Naturerlebnissen Inspirationen für ihre Werke.
Und davon gibt es auch heute noch eine Menge: Feine Sandstrände im Westen, ausgedehntes Wattenmeer im Osten. Idylle zwischen Dünen und Deichen. Sattgrüne
Wiesen, blühende Heide und imposante Kliffe. Bereits ab 1923 wurden einzelne Gebiete nach und nach unter Schutz gestellt. Heute ist jeder siebte Quadratmeter Sylter Boden Landschaftsschutzgebiet, und jeder dritte Quadratmeter steht unter Naturschutz. Insgesamt machen die Schutzgebiete gut 50 Prozent der gesamten Inselfläche aus.
Doch wir sind nicht auf der Insel, um uns einzig in Naturbetrachtungen zu verlieren. Es geht - natürlich - ums Essen und die Küche des Benen Diken Hofes. Hier kocht im Restaurant Kökken bereits seit Mai 2004 der nordfranzösische Küchenchef Julien Dherbecourt. Der 32-jährige setzt bei seinen Kreationen weitestgehend auf regionale Produkte und kombiniert munter wie gekonnt norddeutsche Klassiker mit Elementen der französichen Küche. Konsequenterweise hat sich das Hotel den FEINheimischen, einem Verbund von über 100 Restaurants, Hotels und Produzenten die sich der Nutzung hochwertiger, heimischer Produkte verpflichtet haben, angeschlossen. "Wir schätzen die kurzen Lieferwege und vor allem den persönlichen Kontakt zu den Produzenten. So können wir unseren Gästen erstklassige Qualität und absolute Frische garantieren. Unverfälscht und naturbelassen", unterstreicht Hotel-Inhaber Claas-Erik Johannsen.
Großartiges Sylter Deichlamm
Austern aus dem Lister Wattenmeer, Galloway von den Tinnumer Salzwiesen, Kräuter der Morsumer Wiesen, Makrelen aus der Nordsee und Käse aus Keitum: ein Fundus, aus dem sich Dherbecourt virtuos bedient. Heraus kommen dabei kreative und handwerklich gut gemachte Gerichte, wie sein Carpaccio von der getrüffelter Wachtel mit Apfel-Birnen-Speck-Marinade, Sylter Dorsch im Tempurateig, "Heimisches Chorizo" als Risotto mit Hummerschaum oder confierter Steinbutt mit Sternanisöl. Herausragend: Der perfekt auf den Punkt gegarte Rücken vom Sylter Deichlamm.Von den Restaurantführern bislang wenig beachtet, ist das Kökken ein echter Geheimtipp, für den allein ein Abstecher zum Benen Diken Hof lohnt. Danach ein klassisches norddeutsches Herrengedeck mit einem Bier nebst Aquavit an der Hotelbar und der Tag ist dein Freund.
Irgendwo weit hinter den Dünen, dort wo Wolken und Wasser zu einem grauen Nichts verschmelzen, sitzen Menschen in der Sonne und köpfen die ersten Champagnerflaschen. Doch das ist weit weg. Ganz weit.
Weitere Informationen finden Sie unter www.benen-diken-hof.de oder www.romantikhotels.com/Sylt.
Fotos: lol, Romantik Hotel, Benen Diken Hof





