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| Wales: Wahrer Geschmack feiert Jubiläum |
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Gemeinhin verziehen eingefleischte Gourmets bei Gesprächen über die kulinarischen Meriten des Vereinigten Königreichs meist leicht indigniert die Miene, gehören Shepherrd´s Pie oder Fish&Chips doch gemeinhin auf die gastronomische No-Go Liste "wahrer" Feinschmecker.
Und tatsächlich trug merry old England im europäischen Vergleich über viele Jahrzehnte scheinbar unbeirrbar und fast ein wenig trotzig meist die rote Laterne in Sachen Genuss vor sich her. Das hat sich in den vergangen 20 Jahren allerdings grundlegend geändert. Längst gehört das stolze Inselreich zur kulinarischen Avantgarde der alten Welt – auch wenn diese Tatsache von einigen unbelehrbaren Kontinentaleuropäern noch immer hartnäckig geleugnet wird.
Spitze der kulinarischen Reformbewegung
Die Spitzenposition innerhalb dieser gastronomischen Reformbewegung hat sich dabei Wales erkämpft. Die autonome Region mit knapp drei Millionen Einwohnern ganz im Westen der britischen Inseln hat sich innerhalb nur eines Jahrzehnts zu einem wahren "Musterländle" in Sachen Esskultur entwickelt. Der grüne Landstrich bietet seinen Besuchern heute eine kulinarische Vielfalt und Qualität, die hierzulande vielleicht allenfalls vom Genussdreieck im Deutschen Südwesten zwischen Schwarzwald, Kaiserstuhl und Markgräflerland übertroffen wird.
Grund genug für den Kulinariker den Rucksack zu schnüren und einigen Protagonisten der Gastro- und Erzeugerszene dieses kulinarischen Schatzkästleins einen Besuch abzustatten. Die Gelegenheit war günstig, standen Ende Oktober doch die mittlerweile zehnten True Taste Awards an, die diesmal in Llandudno unweit vom Küstenstädtchen Convy vergeben wurden, das für seinen herrlichen Muscheln berühmt ist.
Im Rahmen einer festlichen Gala im vollbesetzten Kongresszentrum konnten mehr als Einhundert lokale Erzeuger und Produzenten eine der begehrten True Taste Trophäen in Bronze, Silber oder Gold entgegennehmen. Gleichzeitig hatten die geladenen Gäste die Gelegenheit sich bei einem festlichen Dinner, das ausschließlich auf Produkten der Preisträger basierte, von der erstaunlichen Qualität der lokalen Lebensmittelwirtschaft zu überzeugen.
Oskarreifer Auftritt
In weiten Teilen erinnerte die von zwei bekannten Walisischen Fernsehmoderatoren präsentierte Veranstaltung eher an eine Oskarpreisverleihung, als an eine gastronomische Leistungsschau und trotzdem war der feierliche Rahmen
durchaus angemessen. Schließlich haben einige der Produkte früherer Preisträger, wie beispielsweise das mittlerweile weltbekannte, flockige Meersalz von Halen Môn, längst die Küchen zahlreicher 3-Sterne Restaurants erobert und sind aus dem kulinarischen Arsenal ambitionierter Hobbyköche nicht mehr wegzudenken. Natürlich mit dem angenehmen Nebeneffekt dabei den Namen Wales in die Welt hinauszutragen.
Viele der ausgezeichneten Betriebe bzw. Produkte starteten dabei einmal als echte One-Men- oder One-Women-Show, der eine Auszeichnung im Rahmen der Awards zum Durchbruch verholfen hat. Denn natürlich hilft das True Taste-Siegel, mit dem die Preisträger ihre Produkte schmücken dürfen, auch kräftig mit den Verkauf anzukurbeln, denn längst hat es zu einem verlässlichen Qualitätsindikator gemausert.
Eine der diesjährigen Preisträgerinnen ist Katy Evans, die die Jury mit ihren hausgemachten Suppen und leckeren Pies überzeugen konnte, die als hochwertiges Convenience-Produkt in lokalen Lebensmittelmärkten und Delikatessengeschäften verkauft werden. Ihre "Fertiggerichte" haben so gar nichts mit den berüchtigten britischen Tiefkühl TV-Dinners gemein, sondern präsentieren sich als verfeinerte Hausmannskost auf höchstem Niveau im Kühlregal. Ihr saftiger Shepherd´s Pie lässt dabei sogar eingefleischten Feinschmeckern Tränen der Rührung in die Augen steigen – und das für gerade mal 3,99 britische Pfund. Nachhaltigkeit muss nicht immer teuer sein.
Ihr winziges Küchenatelier liegt in kleinen Dörfchen Pentrefoelas. Gleich neben der alten Dorfkirche und dem Friedhof hat sich Katy hier in einem Verschlag neben ihrem windschiefen
Häuschen eine Küche eingerichtet und bereitet in reiner Handarbeit und ohne Zusatz von Geschmacksverstärkern oder Konservierungsmitteln ihre kleinen Köstlichkeiten zu, die sie dann persönlich an die Händler in der Umgebung ausliefert.
Doch diese "Idylle" zeigt auch die Schattenseite des walisischen Küchenwunders – zumindest aus der Sicht kontinentaler Feinschmecker. Die meisten Produzenten sind nämlich so klein, dass Ihre Produkte niemals den Weg über den Kanal in oder auch nur in die Metropole London finden werden. Das könnte nur funktionieren, wenn man die Produktion kräftig ankurbeln würde, aber das ginge dann wohl auf Kosten der Qualität. Ein echtes Feinkost-Dilemma.
Doch zumindest Katy denkt nicht daran etwas zu ändern, sie ist glücklich nach vielen Jahren abhängiger Beschäftigung im Catering-Business endlich den Schritt in die Selbständigkeit gewagt zu haben. Und das gilt für viele Inhaber der manufakturähnlichen Kleinstbetreibe, auf denen das walisische Küchenwunder gründet. Da hilft es also nur sich selbst nach Wales aufzumachen und die kulinarischen Preziosen vor Ort zu verkosten. Und Wales macht es seinen Besuchern wahrlich leicht sich zu verlieben.
Wie eine Filmkulisse
In weiten Teilen erinnert Wales an eine Ideallandschaft romantischer Landschaftsmaler des frühen 19. Jahrhunderts. Scheinbar endlos erstrecken sich hier die saftig grünen Wiesen und Auen auf denen friedlich Schafe und Rinder grasen – Wales ist Heimat eines Drittels aller auf den britischen Inseln lebenden Schafe und eines Viertels aller Rinder. Dazwischen flattern aufgeregt Fasane, Schnepfen, Reb- und Schneehühner im Dutzend – Liebhaber von
Wildgeflügel kommen hier also ebenfalls voll auf Ihre Kosten.
Überall durchschneiden idyllische, leise murmelnde Bachläufe die Landschaft und am Horizont erheben sich sanft geschwungene Hügelketten, die in Snowdonia in eine dramatische Berglandschaft übergehen, über deren Kämme im stürmischen Wind Wolkenfetzen streichen, während die Küste mit unberührten einsamen Ständen lockt. Fast erinnert das Setting an eine Filmkulisse. Wäre man in Schottland würde man jeden Moment erwarten Mel Gibson käme im Gewand des Highlanders um die nächste Wegbiegung geritten.
Wir bleiben zunächst aber noch in der Ebene und machen einen Abstecher nach Tyddyn Llan zu einem der besten lokalen Chefs: Bryan Webb. Der betreibt in einem historischen Landhaus bei Corwen ein Restaurant an das einige Gästezimmer auf 5-Sterne Niveau angeschlossen sind. Webb präsentiert sich als Klassiker unter den walisischen Küchenchefs – seine Karte präsentiert lokale Produkte ohne viel Schnickschnack. Zum Beispiel saftiges Rebhuhn auf Weißkraut mit Brotsauce, gesottenen Atlantikhummer mit Koriander, Limone und Ingwerbutter oder Rib Eye vom trocken gereiften Black Welsh Beef mit grob zerstoßenem Pfeffer und handgeschnittenen Chips.





