"…wenn Gift und Galle in mir so Überhand nehmen, dass ich all meine moralischen Grundsätze aufbieten muss, um nicht auf die Straße hinauszulaufen und den Leuten mit vollem Bedacht die Hüte herunterzuschlagen – dann halte ich’s für die allerhöchste Zeit, zur See zu gehen, und zwar sofort." Herman Melville, Moby Dick.
Ein klein wenig erinnert mich Roland an einen Piraten. Mit seiner gewaltigen Gold-Creole im Ohr fehlen dem muskulösen Seebären von der Karibikinsel St. Lucia nur noch Augenklappe, Kopftuch und ein Papagei auf der Schulter - dann wäre die Illusion perfekt. In den letzen zwanzig Jahren hat Roland nur wenig Zeit an Land verbracht. Sein wahres Zuhause ist die Star Flyer. Wie ihr baugleiches Schwesterschiff Star Clipper eine Vier Mast Brigantine, 115 Meter lang, 15 Meter breit, 2298 Bruttoregistertonnen schwer und mit einer Segelfläche von 3.365 Metern im Quadrat.
Gemeinsam mit dem Fünfmaster Royal Clipper, dem aktuell größten Segelschiff der Welt, bilden sie das Herzstück der kleinen aber feinen Flotte der monegassischen Reederei Star Clippers. Während die Royal Clipper in weiten Teilen ein Nachbau der "Preußen" ist, bis zu ihrem tragischen Verlust vor der englischen Küste im Jahr 1910 ganzer Stolz der kaiserlichen Marine, knüpft Reeder Michael Krafft mit Star Flyer und Clipper an die Tradition der wendigen Frachtschiffe aus der Mitte des 19. Jahrhunderts an. Die Bezeichnung "Clipper" für diesen Schiffstyp mit markanten Sichelbug leitet sich vom englischen "clipping the waves" (die Wellen durchschneiden) ab, was auf die – für damalige Verhältnisse – enorme Geschwindigkeit von bis zu 20 Knoten hindeuten sollte, die diese schnittigen Schiffe erreichen konnten.
Von Monaco nach Malta
Mit der Star Flyer war Roland schon in der Südsee unterwegs, hat die Karibik bereist, den Panamakanal durchschifft und viele Male den Atlantik überquert, das Mittelmeer kennt er wie seine Westentasche. Und auch im nächsten Jahr, wenn die Star Flyer zum ersten Mal in Nord- und Ostsee kreuzt, wird Roland mit von der Partie sein. Ein Leben ohne "sein" Schiff: unvorstellbar! An Bord ist Roland für die Rohrleitungen zuständig und den ganzen Tag in seinem Blaumann in den Eingeweiden des Schiffs unterwegs, nur selten sieht man ihn an Deck. Viel spricht er ohnehin nicht, aber man sieht ihm an: er ist zufrieden, denn er hat seinen Platz in der Welt gefunden.
Ähnlich geht es Klaus Müller, der an Bord der Star Flyer auf unserer siebentägigen Fahrt von Monaco nach Malta das Kommando führt. Mit fast 75 Jahren ist er der weltweit dienstälteste Kapitän eines Kreuzfahrtschiffs. Nun ja, nicht ganz, sein Zwillingsbruder
Jürgen, ebenfalls bei Star Clippers unter Vertrag, ist immerhin sieben Minuten älter. Doch der hat gerade Landurlaub. Jeden Tag lädt Kapitän Klaus, wie ihn hier alle nennen, zur Story Time in die Bordbibliothek im Stil eines edwardianischen Herrenzimmers mit offenem Kamin und edler Mahagonivertäfelung. Dort unterhält er seine Gäste mit einer Mischung aus Seemannsgarn und Vorträgen zu nautischen oder maritimen Themen – immer gewürzt mit einem guten Schuss Lebensweisheit, feiner Ironie und Müllers Lieblingsredewendung: "Kein Flachs!"
Und dann gibt es da noch Elisabeth aus Dresden mit ihrem hübschen Gesicht voller Sommersprossen. Sie ist 3. Offizierin der Star Flyer und hat nach einem Nautikstudium in Bremen mit gerade einmal 24 Jahren schon ihr Kapitänspatent in der Tasche. Oder den 1. Offizier Dominique, ein hünenhafter Belgier, immer ein wenig brummig und mit großer Ähnlichkeit zu Bluto, dem besten Freund von Popeye dem Seefahrer. Nur vier von insgesamt 70 Besatzungsmitgliedern, alle mit ihren ganz eigenen Geschichten, die
einen Törn auf der Star Flyer zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Alle Menschen an Bord verkörpern, wie das Schiff selbst, auf ihre jeweils ganz eigene Weise die Sehnsucht nach der Weite des Ozeans, das Versprechen von Freiheit und Abenteuer. Aber sie alle kennen ebenso den Schmerz, den jeder Abschied unweigerlich bedeutet.
Die Sehnsucht nach dem Meere
Und vielleicht sind manche unbewusst auf der Flucht vor dem, was man jenseits des Horizonts an Land zurückgelassen hat und einen doch immer wieder zurück in den Heimathaften treibt. "Jeder Seemann kennt das", resümiert der Kapitän, "ist man auf See vermisst man nichts mehr als sein
Zuhause, ist man an Land wünscht man sich mit aller Macht zurück auf sein Schiff. Und so gibt es in unserem Leben nur eine Konstante: ständige Veränderung." Eine Reise auf der Star Clipper wird so – trotz allem modernen Komfort bis hin zur Whirlpoolbadewanne in den Kabinen der Kategorie 1 – auch für die Passagiere unweigerlich zu einer Reise zu sich selbst. Manche entdecken auf dem offenem Meer und unter geblähten Segeln völlig neue, vielleicht lange verdrängte Gefühle oder fassen einen Entschluss, der bis dahin völlig jenseits aller persönlichen Möglichkeiten schien.
Mit normalen Kreuzfahrten auf anonymen Ozeanriesen hat das also in etwa so viel zu tun, wie ein All-Inklusive-Urlaub am Ballermann mit meditativem Fastenwandern in der Toskana. Und das spürt man auch am Publikum: Rund zehn bis 15 Jahre jünger sind die Gäste der Star Clippers Schiffe im Vergleich zum meist recht betagten Publikum klassischer Kreuzfahrtanbieter. Schon als ich das Schiff zum ersten Mal im Hafen erblicke, beschleicht mich ein tiefgehendes, seltsam warmes und doch fast ein wenig unheimliches Gefühl der Vertrautheit. Viel kleiner kommt sie mir vor, als ich mir das vorgestellt habe und doch bietet das Schiff seinen maximal 170 Passagieren mehr Privatsphäre und Freiraum als mancher Luxusliner.
Die Atmosphäre an Bord ist von der ersten Sekunde an ungezwungen und persönlich. Kleiderzwänge gibt es nicht. Sofort komme ich mit meinen Mitreisenden und Mitgliedern der Mannschaft beim Begrüßungscocktail an der Tropical Bar, dem zentralen Treffpunkt an Bord, ins Gespräch. Überall blinken Messing, Mahagoni und Teak, die scheinbar Tag und Nacht auf Hochglanz poliert werden. Die meisten der insgesamt 99 Gäste stammen aus Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Da ist beispielsweise Dan, ein New Yorker Investment Banker, der schon sämtliche Weltmeere auf Kreuzfahrtschiffen bereist hat, oder Tim, der 31jährige Cruisedirektor aus den Niederlanden, der am Ende dieser Reise von Bord gehen wird und dem die Anstrengungen der letzten Monate, die er pausenlos auf dem Schiff verbracht hat, ins Gesicht geschrieben stehen. Eine strikte Trennung der Crew von den Passagieren – auf einem so kleinen Schiff ohnehin unmöglich – gibt es nicht und ist auch nicht gewollt. Gerade dieses Miteinander macht viel von der Faszination einer Reise auf den Star Clippers Schiffen aus.
Mit ein paar Brocken Englisch wird jeder an Bord zum Kosmopoliten
Da Monaco Sitz der Star Clippers Reederei ist, kommen Michael Krafft, der sch mit seinen Schiffen einen Kindheitstraum erfüllt hat und seine Tochter Marie auch kurz persönlich an Bord und plaudern mit den Stammgästen. Alle sind hier per "Du". Es gibt eine ganze Reihe von Passagieren, die es auf weit mehr als zwei Dutzend Reisen mit den Star Clippers Schiffen bringen – und auch diesmal ist einer mit dabei, der gerade zum 55. Mal an Bord geht. Fast gewinne ich den Eindruck ich sei in ein Familienfest hineingeplatzt.
Beim ersten Abendessen, das als 5-Gang-Menü serviert wird, im Gegensatz zu Frühstück und Lunch in Buffetform, gibt es wie bei allen Mahlzeiten an Bord freie Platzwahl und im Lauf der Reise bilden sich ständig neue Grüppchen und Konstellationen. Sprachgrenzen spielen hier keine Rolle – mit ein paar Brocken Englisch wird jeder an Bord zum Kosmopoliten. Gegen
22.00 Uhr lösen die Matrosen dann die Taue und die Star Flyer sticht in südlicher Richtung zu den Klängen von Vangelis Conquest of Paradis, dem Signature Song der Cruise Line, der bei jedem Auslaufen gespielt wird, in See. Während die Segel gehisst werden gleitet das Schiff sanft in die Nacht. Über uns steht ein fast voller Mond während die Lichter Monacos am Horizont verschwinden. Am Heck bläht sich die Flagge mit dem weißen Malteserkreuz auf rotem Grund im Wind. Gänsehautfeeling garantiert.
Unsere Route führt uns über das idyllische Calvi an der Nordwestküste Korsikas, die sardische Millionärsenklave Porto Cervo und die umtriebige Inselhauptstadt Cagliari sowie die beiden sizilianischen Häfen Trapani und Porto Empedocle nach Valetta auf Malta. Doch das spielt im Grunde überhaupt keine Rolle. Natürlich bietet das Team von Star Clippers in jedem Hafen Landausflüge an oder man kann auf eigene Faust die nähere Umgebung erkunden – doch darum geht es den meisten Passagieren nicht. Der Weg ist das Ziel oder wie Kapitän Klaus formuliert: "Die Welt fährt an mir vorbei."
Außerdem bietet die Star Flyer jede Menge Möglichkeiten authentisches Seefahrerflair zu erleben und die Stopps sind für manche deshalb nur eine lästige Unterbrechung ihres Segelabenteuers. So ist zum Beispiel die Brücke der Star Flyer völlig offen – bei großen Kreuzfahrtschiffen gleicht dieser Bereich einer Hochsicherheitszone.
Gemeinsam an einem Strang
Ein Plausch oder eine Tasse Tee mit dem Kapitän oder einem der wachhabenden Offiziere: kein Problem. Kein Marine-Offizier dürfte unter strengerer "Bewachung" stehen. Wer mag, kann – unter sachkundiger Anleitung des Steuermanns – selber das Ruder übernehmen, sich erklären lassen, wie man Seekarten ließt oder mit Hilfe von allerlei Gerät seine Position auch ohne GPS bestimmen kann. Und auch wenn heute motorgetriebene Seilwinden das Hissen und Einholen der Segel übernehmen und niemand mehr in die Tagelage aufentern muss – all das funktioniert auch mit reiner Muskelkraft.
Ich erfahre am eigenen Leib, gemeinsam mit rund 15 anderen, krebsrot angelaufenen Leidensgenossen am Rande des Kreislaufkollaps mit denen ich wie von Sinnen im Gleichtakt an einem scheinbar endlosen Tau zerre, wie ungeheuer anstrengend es ist,
selbst bei Windstärke drei ein Segel aufzuziehen; spätestens danach sind alle sozialen Barrieren an Bord gefallen. Wir sind das Schiff. Übrigens: Auch wenn die Star Flyer ein Dieselaggregat besitzt, dienen die Segel keineswegs rein dekorativen Zwecken – wann immer möglich wird komplett auf die Maschine verzichtet und das Schiff alleine von der Kraft des Windes fortbewegt.
Doch der ist, wie Kapitän Müller weiß, gerade im Mittelmeer unberechenbar: "Das Meer ist hier wie eine Katze auf dem Sofa: Du kannst sie den ganzen Tag streicheln und plötzlich springt sie dir ins Gesicht." Und wir bekommen auch gleich den Beweis: beim Auslaufen aus dem Hafen von Caligari reißt in einer extrem starken Böe eines unserer Jib Segel am Bug und muss mühsam eingeholt werden. Am nächsten Tag liegt es ausgebreitet vor der Tropical Bar, daneben einen monströse Adlernähmaschine an der unser russischer Segelmacher sitzt und das Segel in mühevoller Kleinarbeit Stich für Stich wieder zusammenflickt.
Ganz gleich wo die Star Flyer in einen Hafen einläuft werden Kameras gezückt, bleiben Menschen am Pier stehen, winken oder blicken bewundernd auf, was das eigene Ego zugegebenermaßen nicht unerheblich steigert. Das eigentliche Highlight der Tour ist aber der Seetag. Von der scheinbar unendlichen Weite offenen Wassers umgeben, gleitet die Star Flyer fast lautlos über die glatte Wasserfläche, die im Sonnenlicht glänzt wie ein blank polierter Spiegel. Der schönste Platz auf dem Schiff ist heute das Bugsprietnetz. Mit ein wenig akrobatischen Geschick und leicht mulmigem Gefühl schwingt man sich vom Oberdeck in diese überdimensionale Hängematte.
Das Glücksgefühl segelt mit
Unter sich das türkisfarbene Meer, über sich ein tiefblauer Himmel und die strahlendweißen Segel, um die Nase eine frische Brise – so schön, dass es fast kitschig wirkt. Mit ein wenig Glück zeigt sich von Zeit zu Zeit eine Delphinschule. Die silbern glänzenden Leider schnellen beim Versuch mit dem Schiff mitzuhalten immer wieder aus dem Wasser, bis die Tiere nach einigen Minuten erschöpft abdrehen. Wer mag, kann auch die Vogelperspektive einnehmen – gut gesichert mit Steiggurt und Leine erklimme ich über eine Strickleiter den Ausguck, rund 20 Meter über der Wasseroberfläche.
Von hier bietet sich ein fantastischer Blick über das gesamte Schiff und weiter bis zum Horizont. Als der Wind weiter abflaut, lässt Kapitän Müller die Beiboote zu Wasser und wir haben die Gelegenheit unser Schiff aus gebührendem Abstand zu bewundern. Dabei präsentiert sich die Star Flyer unseren Kameralinsen trotz annähernder
Windstille mit straffen Segeln, nervig wie die geblähten Nüstern eines Rennpferdes. In diesem Moment wünsche ich mir, ich müsste nie mehr von Bord gehen.
Am Abend glitzert dann das Licht des Vollmonds über dem nachtschwarzen Meer. Und wir haben sogar besonderes Glück, denn in dieser sternklaren Nacht färbt eine totale Mondfinsternis unseren Erdtrabanten blutrot. Und gerade das macht die Magie einer Reise auf den Star Clippers Schiffen aus: Eine unendliche Reihe kleiner Glücksmomente, ein Blick, ein Gedanke, ein freundliches Wort - für sich genommen vielleicht nicht spektakulär, in der Summe aber atemberaubend! In der Glücksforschung nennt man das "Flow". Ein anhaltendes Glücksgefühl.
Wer schon früh morgens auf den Beinen ist, hat das Oberdeck – bis auf die wachhabenden Offiziere, ein paar Matrosen und ein oder zwei versprengte Passagiere mit leichten Anzeichen von Seekrankheit, meist ganz für sich. Mit einer Tasse heißem Tee in der Hand und über die Reeling gebeugt, kann man den vergangenen Tag Revue passieren lassen und genießt die ersten Sonnenstrahlen. Wer dieses Gefühl offenen Wassers und der Einsamkeit liebt, für den bieten die Schiffe von Star Clippers übrigens ein ganz besonderes Erlebnis. Oder um es in den Worten des britischen Autors John Masfields auszudrücken: "Zur See muss ich mich wieder aufmachen, zur einsamen See und dem Firmament, und ich bitte einzig um ein großes Schiff und einen Stern, der es lenkt…" (Sea Fever, 1902)
KULIARIKER-Tipp: Jeweils im Oktober/November bzw. April werden die Schiffe von Europa in die Karibik bzw. umgekehrt verlegt. Bei diesen Transatlantikpassagen, die je nach Route zwischen zwei und vier Wochen dauern, sind Passagiere ebenfalls an Bord willkommen.
Weitere Informationen finden Sie unter www.starclippers.com.
Fotos: Star Clippers



Natürlich sind Agrar-Spekulanten längst auf der untersten moralischen
Stufe angekommen. Spekulationsgeschäfte mit Nahrung töten. Genau wie
Monokulturen, Biodiesel aus Soja oder Spekulationen mit Wasser. Indirekt
geschieht dies, selten dokumentiert, mit zeitlicher Verzögerung. Die
verantwortlichen Akteure süffeln von Provisionen und Boni längst schon
Cocktails an der Bar, wenn für Apinke und Sowande der Todeskampf erst
beginnt. Außerdem liefern Hungertote einfach weniger spektakuläre Bilder
als beispielsweise durch Kleinwaffen zerfetzte Leiber. Deutschland ist
an der Verbreitung der "Massenvernichtungswaffen des 21. Jahrhunderts"
(Kofi Annan) immerhin mit einem Exportvolumen von 76,15 Millionen Euro
(2012) beteiligt. Und was bitteschön hat (legaler) Waffenhandel mit
(legalen) Warentermingeschäften zu tun? Eine ganze Mange. Das Primat des
Ökonomischen bestimmt längst die Grenzen des Politischen und Moral taugt
nur bedingt als ökonomisch messbare Größe. Der mehrfach chemisch
gereinigte EU-Gesetzentwurf zur Eindämmung der Nahrungsmittelspekulation
ist hierfür nur ein weiterer Beleg, meint DER KULINARIKER.




