Christopher steht steif an der Reling und sieht schlecht gelaunt aus. Wie Butter durchschneidet unser Großsegler das blendend blaue Ägäische Meer. Fahrt- und Schönwetterwind kühlen die brennende Mittagssonne. Da gehört schon Schneid dazu, an einem Tag wie diesem griesgrämig zu sein.
Soll er ruhig. Aufgedrehte Animateure gibt es hier ebenso wenig wie knallgrelle Ladenstraßen oder lärmende Spielautomaten. ‚Spektakularismus‘, wie der Chef der Royal Caribbean Cruises, Richard Fain, seinen schwimmenden Vergnügungspark ‚Oasis of the Seas‘ gerne nennt, kennt die Star Clipper nicht. 5400 Passagiere kann der Riesendampfer aufnehmen, der schmucke Viermaster gerade einmal 170.
Christopher kommt aus Portland und erinnert mich an einen gestrengen Hollywood-US-General mit Herz am rechten Fleck. Er trägt eine goldgefasste Pilotenbrille, deren obere Ränder parallel mit seinen Mundwinkeln nach unten verlaufen. "Wie geht’s, Christopher?", frage ich. Und es überrascht mich eigentlich nicht, als er antwortet: "Großartig!". Menschen, die ihre gute Laune unter einem Stahlmantel aus Misanthropie verstecken, sind mir per se sympathisch.
Am Abend sitzen wir im mahagonigetäfelten Speisesaal beisammen, essen Red Snapper und trinken Chablis 1er Cru. Die Star Clipper schaukelt uns sanft Richtung Samos. Wo und wann immer möglich, meidet die Star Clipper große Häfen und steuert kleine Inseln oder versteckte Buchten an. Der Windjammer kann sich das leisten, denn anders als die megalomanischen Luxuskreuzer, hat er nur einen geringen Tiefgang.
Wir haben vor dem südöstlichen Teil von Samos Anker gesetzt, gerade einmal vier Kilometer ist dieser Teil des Eilands vom kleinasiatischen Festland entfernt. Wie glattgebügelt liegt die See. Tender-Boote werden zu Wasser gelassen, die die Gäste zum nahen Küstenort Pythagorio schunkeln. Außerordentlich dünn sind die Quellen über den Gelehrten, dessen Name das kleine Städtchen seit Mitte der fünfziger Jahre trägt.
Die Theorie, dass er am Ende gar kein Mathematiker im Speziellen, sondern eine Art Schamane mit Hang zu ‚magischen Techniken‘ war, gefällt mir am besten. Gerade einmal zwei Tage hat es gebraucht und die Star Clipper hat mich zum Urlaubsschamanen gemacht. Ich höre und suche nicht, nehme und frage nicht. Wie von selbst scheinen die Dinge zu kommen.
Willi, ein Unternehmer aus dem Ruhrgebiet mit gemäßigtem Bewegungsdrang, schätzt die Lage pragmatisch ein: "Ich möchte einfach meine Ruhe". Weil alles im Fluss ist, verzichte ich bei meinem Landgang auf eine Karte. Ohnehin steigen die Kalkmassen der Insel so schnell steil auf, dass man den Großsegler nie aus den Augen verliert.
Vom Norden her weht stetig der Meltemi-Wind, der meinen Fußmarsch leidlich erfrischt. Doch er lohnt, denn von hier oben eröffnet sich ein grandioser Blick auf die blau funkelnde Ägäis und unzählige Ruinen antiker Baukunst. Bei überschaubarem Besucherandrang bietet der Tunnel des Eupalinos eine kuriose und total sinnlose Abwechslung. Die im sechsten Jahrhundert vor Christi über 1000 Meter unterirdisch in den Stein geschlagene Leitung versorgte einst die Stadt Samos mit Trinkwasser. Heute kann man sich für knapp zehn Euro 150 Meter durch sie hindurch quetschen, deren ernüchterndes Ende ein massives Eisentor markiert.
Wenn ein Sprichwort auf eine Reise mit der Star Clipper nicht zutrifft, dann ist es das, dass Müßiggang aller Laster Anfang sei. Doch nicht alle Reisenden können mit diesem ungeheuren Angebot an Muße gleichermaßen gut umgehen. Claude, eine französische Managerin mit chronischem Zeitmangel, tut sich schwer mit dem 'ruhenden Jetzt'. Die letzten zwei Jahre habe sie pausenlos gearbeitet, erzählt sie, kontrollierte und modulierte riesige Ereignismassen in immer kürzerer Zeit. Ein großer Schaukelstuhl, wie dieses Segelschiff, das dann mit acht oder neun Knoten vor sich hin dümpelt, mache sie nervös und ein wenig mehr Konsum dürfe es auch sein, sagt sie und zieht elegant an ihrer Zigarette.
Claude ist nicht müßig, sondern gelangweilt zumute. Das abendliche Speisenangebot schauen wir uns dann gemeinsam an. Appetit macht diese Schau nicht, zumal es die Gäste auf der Star Clipper mit den avisierten Zeiten nicht zu genau nehmen. Und auch nicht müssen. Aus einem Aperitif an der Bar können es gerne auch mal zwei werden. Oder drei, während der Wind in den Segeln flattert und die Sauce Bernaise unter Lampenschein gerinnt. Was dann tatsächlich serviert wird, schmeckt ordentlich, wenngleich man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Koch stets etwas mutiger mit der Gewürzmühle hätte hantieren dürfen. Ja, es darf von allem etwas mehr sein an Bord eines (Segel)Schiffes. Auch was den Wein betrifft, sollte man beherzt nach den opulenten Gewächsen fragen.
Der Ausgleich des Körpers auf stete Bewegung scheint ganz eindeutig auf Kosten des Geschmackssinns zu gehen. Filigrane Weine genießt man doch besser mit festem Boden unter den Füssen, der mir am nächsten Tag vollends entzogen wird: Carlo behalte ich immer im Blickwinkel. Er schreibt etwas auf eine Tafel und hält sie mir dann entgegen: "Breath slowly", lese ich. Und tatsächlich haben mich die ersten Minuten unter Wasser in sanfte Panik versetzt. Vor lauter Blasen kann ich schon fast nichts mehr sehen. Ich führe Daumen und Zeigefinger zusammen und gebe ihm das Zeichen für O.k. "Ganz ruhig Brauner", denke ich und versuche meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Es ist mein erstes Mal in der 'Welt der Stille'.
Carlo ist mein Tauchlehrer. Kleine Schwärme fast transparenter Fische passieren uns. Carlo macht ein Handzeichen und taucht voran. Ganz langsam eröffnet sich mir eine Welt, die nicht nur still, gleichwohl von solch überwältigendem Blau ist, dass es mir fast wieder den Atem verschlägt. Nicht aus Panik diesmal, sondern aus stiller Begeisterung. Die Langsamkeit ist zur Gegenwart geworden. Wo immer es etwas zu sehen gibt, zeigt Carlo darauf, legt mir kleine Schwämme und feuerrote Seesterne auf die Hand und kritzelt ihre Namen auf seine Tafel. "O.k.", denke ich und führe Daumen und Zeigefinger abermals zusammen. Unversehens tauche ich wieder auf, dass wir uns der Wasseroberfläche genähert haben, floss schlicht an mir vorbei.
Ich blinzele in die hoch stehende Sonne. Handlungen kosten wieder Zeit. Und Kraft, als ich mich und die Ausrüstung in das Zodiac hieve. Innerlich bin ich noch ganz außer mir, während Carlo das kleine Motorboot mit Karacho Richtung Star Clipper lenkt. Eine große Dosis Euphorie, die noch den ganzen Tag anhält.
Michael Kraft, der Besitzer der Star Clipper Reederei, hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über eine Reise auf einem seiner drei Segelschiffe einmal gesagt: "Du stehst abends in Leinenhosen mit Freunden an der Reling, mit einem Gin Tonic in der Hand und spürst den warmen Passat. Das ist ein wundervolles Gefühl von Freiheit." Bei uns bläst milde der Meltemi, und ich trinke Pastis. Aber sonst passt das schon.
Fotos: abi





