Back Leben Kategorie: Reisen Palast auf Rädern

Palast auf Rädern

Aus Schottland berichtet Dr. Thomas Hauer
  • PDF
Beitragsseiten
Palast auf Rädern
Seite 2
Alle Seiten

Eine Fahrt im Royal Scotsman, einem der exklusivsten Luxusreisezüge der Welt, gleicht einer Zeitreise zurück in eine goldene Ära. In eine Zeit, als Großbritannien unter König Edward noch ein weltumspannendes Empire war. Damals galt es bei der Londoner High Society als schick, für die beschwerliche Reise zur Sommerfrische in die schottischen Highlands, dem Vorbild des prunkverliebten Monarchen folgend, verschwenderisch ausgestattete Privatzüge zu chartern, die jeden nur erdenklichen Komfort zu bieten hatten.

  • Zurück
  • 1 of 5
  • Weiter

1985 kehrte mit dem Royal Scotsman eine dieser Legenden auf die Schienen zurück. Heute beginnt eine Reise im Royal Scotsman in der eleganten First Class Lounge der Waverley Station von Edinburgh. Angeführt von einem Dudelsackpfeifer in Kilt und Bärenfellmütze, werden wir von dort die wenigen Meter zu Gleis 9 begleitet, wo unser fast 200 Meter langer Palast auf Rädern bereits auf uns wartet. Vorbei am in Reih und Glied angetretenen Servicepersonal gehen wir über einem roten Teppich an Bord, wo Zugmanager Michael Andrews jeden Gast persönlich willkommen heißt. Neugierig werden wir dabei von zahlreichen Passagieren auf den anderen Bahnsteigen beobachtet. Mit exakt fünf Minuten Verspätung rollt der Zug dann um 13.46 Uhr in Richtung der imposanten Firth-of-Forth-Bridge aus dem Bahnhof.

Unsere dreitägige Highland-Tour führt uns über Perth zunächst vorbei an Blair Castle und Aviemore in Richtung Inverness, geht Richtung Westen nach Keith, und dann zurück über Aberdeen und Dundee nach Edinburgh. Insgesamt rund 540 britische Meilen. Unterwegs stehen zahlreiche Stopps für Ausflüge in die nähere Umgebung auf dem Programm. Doch als sich unser buntes Häufchen zum ersten Mal im eleganten Salonwagen, dem sogenannten Observation-Car, versammelt, sind wir noch kaum über die Stadtgrenze von Edinburgh hinausgekommen. Auf eleganten, samtbezogenen Polstermöbeln und bei einem eiskalten Glas Laurent-Perrier komme ich schnell mit meinen Mitreisenden ins Gespräch.

Illustre Reisegesellschaft

Atemberaubende Fahrt vorbei an Seen

Da sind zum Beispiel Michel und Laurie aus Minnesota, die mindestens sechs Monate im Jahr auf Reisen sind. Oder Genevieve aus Sydney, die sich mit der Reise die Wartezeit auf einen Chirurgenkongress in Aberdeen verkürzt. Gregory und Virginia aus Südkalifornien begehen  mit der Reise ihren 35. Hochzeitstag, während Peter und Claire aus Pretoria den ganzen Zug im Herbst für eine Privatpartie chartern wollen und jetzt schon mal eine "Probefahrt" machen. Außerdem ist Familie Whitmore aus Newcastle mit an Bord, die einen 80. Geburtstag zu feiern hat und Familie Gauquier aus Dunkerque, die schon in fast jedem Luxuszug des Planeten unterwegs war.

Maximal 36 Gäste fasst der Royal Scotsman mit seinen 16 Doppel- und vier Einzelkabinen in insgesamt fünf State-Cars, die so klingende Namen wie Amber, Pearl oder Topaz tragen. Dazu kommen noch die beiden Dinner-Cars Raven und Victory (mit Baujahr 1945 der älteste Waggon) und eine Wagen für die Crew. Macht mit dem Salonwagen insgesamt neun Waggons. Wagen für Wagen werden wir von unseren persönlichen Stewarts zu den Kabinen begleitet. Ich habe Glück, denn meiner liegt gleich im ersten Wagen hinter den Dining-Cars, die sich an den Salonwagen anschließen. So spare ich mir im Verlauf der Reise etliche hundert Meter in den engen Korridoren.

Mein Reich für die nächsten 48 Stunden ist eine Single-Estate-Cabin und misst rund fünf Quadratmeter. Sie bietet auf engstem Raum alles, was man braucht: ein 1,90 Meter langes Bett mit herrlich luftigem Damast-Duvett, einen kleinen Schreibtisch, einen schmalen Wandschrank und ein komplettes Badezimmer mit Dusche, Toilette und Waschbecken - mit luxuriösen Details wie beheizten Handtuchhaltern und flauschigen Badetüchern, die doppelt so groß sind wie das gesamt Bad. Die Doppelkabinen sind mit rund neun Quadratmetern  etwas geräumiger.

Auf dem Schreitisch stehen frische Blumen, daneben liegt eine handgeschriebene Begrüßungsnote auf goldgeprägtem Karton von Michael. Die Wände sind mit edlem Mahagoni und aufwendigen Intarsien verziert. Das dezente Tartanmuster der Tagesdecken, dicker, flauschiger Teppich, seidenbezogene Kissen und mit floralen Mustern bedruckte Vorhänge vermitteln die gemütliche doch gleichzeitig luxuriöse Atmosphäre eines Landhauses im edwardianischen Stil. Schnell räume ich meine Reisetasche aus, nehme eine heiße Dusche, was bei meiner Leibesfülle ein wenig artistisches Geschick erfordert, und mache mich auf den Weg zurück in den Salonwagen, wo um 15.30 Uhr der Afternoon-Tee serviert wird.

Whisky hebt die Stimmung

standesgemäß reisen

Bei Lachs-, Roastbeef- und Gurkensandwiches, saftigem Chocolate-Cake und luftigen Scones mit Clottet Cream aus Devonshire zieht die zunehmend rauer werdende Landschaft langsam vor den großen Panoramafenstern vorbei, während wir uns gemächlich  bereits der ersten Station unserer Reise nähern: Schottlands höchstgelegener Destillerie in Dalwhinnie. Damit Gäste des Royal Scotsman auch auf dem Weg zu den diversen Ausflugszielen standesgemäß reisen, wird dieser von einem luxuriösen Reisebus in den Farben des Zuges –  edlem braunrot und gold – begleitet, der uns am Bahnhof von Dalwhinnie bereits erwartet und in nur fünf Minuten zu unserem Ziel bringt.

Obwohl mitten im Juli, liegt auf den umliegenden Gipfeln noch Schnee und das Thermometer zeigt kaum mehr als 14 Grad. Nach einer privaten Führung verkosten wir im Probenraum diverse Whiskies begleitet von würzigem Scottish Blue Cheese. Und die Stimmung der Gesellschaft steigt beträchtlich – analog zu der Anzahl verkosteter Whiskies. Kaum zurück an Board setzen wir die Probe mit diversen Single Malt Raritäten aus der Bordbar fort, in der Barmann Nicholas rund 40 Sorten für uns bereithält. Darunter auch Exemplare der Dewar Rattray Collection in Fassstärke, die das Herz jedes Single Malt Afficinados höherschlagen lassen.

Mittlerweile ist der Zug in Boat of Garden eingetroffen, Endhaltestelle einer privaten Eisenbahnlinie und für heute Endstation, denn um den Gästen eine möglichst ungestörte Nachtruhe zu ermöglichen, bleibt der Royal Scotsman über Nacht in der Regel auf einem Nebengleis oder in einem Bahnhof stehen. In Boat of Garden findet zufällig gerade eine Ausstellung historischer Dampfmaschinen statt und rund herum zischt und brodelt es gewaltig, als ich vor dem Abendessen noch schnell einen kleinen Rundgang vorbei an rußgeschwärzten Lokomotiven, uralten Traktoren und Straßenwalzen unternehme.



 

Buchtipp

Smokin‘ Switzerland

Buchtipp

Das ist ja wohl der Gipfel: Ein ganzes Magazin voll mit Schweizer Seiten. Schweizer Panoramen, Schweizer Künstler, Schweizer Musiker, Schweizer Cigarren. Und: Wussten Sie, dass Deep Purples "Smoke on the Water" am Genfer See das Licht der Musikwelt erblickte? Steht alles in der neuen Schweiz-Ausgabe von "Alles André" … weiter...