Wie ein König sieht Hafes nicht gerade aus. Der junge Mann, der mit vollem Namen Mansur Seivie Wibie Jeger Jegerman Jensen Lausepa heißt, gibt sich ganz irdisch, wenn er seinen Gästen als Reiseführer die Molukkeninsel Ambon präsentiert.
Seit sein Vater vor vier Jahren gestorben ist, ist er die Nummer eins seines Dorfs – in siebter Generation. Doch jetzt ist die Erbfolge in Gefahr, denn King Hafes hat zwar zwei Töchter gezeugt, aber noch keinen Stammhalter. "Meine Frau", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, "möchte jetzt eine Pause und erst einmal keine weiteren Kinder." Doch noch ist nicht aller Tage Abend und die Hafes-Linie kann sich fortsetzen: Elfa ist erst 23 Jahre alt. Hafes ist König von Larike, das dank seiner handzahmen 1,5 Meter großen Süßwasser-Aale immer wieder ein paar der wenigen Touristen anzieht, die sich auf die Molukkeninsel verirren.
Im kleinen Bach, der durch den Ort fließt, planschen Kinder, Frauen waschen ihre Wäsche. Hafes sieht glücklich aus, wenn er von seinem Dorf spricht, seine Untertanen verbeugen sich hochachtungsvoll. Wenn der junge König nicht mit der Verwaltung seines Dorfes beschäftigt ist, zeigt er sich volksnah und arbeitet im eine Stunde entfernten Maluku Divers Resort. Von dort begleitet er erlebnishungrige Touristen persönlich über die Insel. Näher dran geht nicht, Hafes inszeniert seine Heimat aus der Sicht eines Insiders. Dazu gehört auch der Besuch einer Schule. Lehrerin Surya unterbricht eigens den Biologieunterricht, damit ihre Zöglinge der vierten Klasse mit dem Fremden aus dem fernen Europa in gebrochenem Englisch auf Tuchfühlung gehen können. Molukken leitet sich von "Maluku" ab, dem arabischen Wort für "Land der Könige". Nomen est Omen: jedes Dorf seinen eigenen König.
Religiöse Spannungen und Ritt auf dem Vulkan
Dank seines Gewürzreichtums genoss Ambon schon vor einem halben Jahrtausend einen sagenhaften Ruhm. 1511 gründeten die Portugiesen als erste europäische Nation Siedlungen auf der Insel, um den einträglichen Handel mit Muskatnüssen und Gewürznelken nach Europa zu kontrollieren. 1663 wurden sie von den Holländern verdrängt, die in den folgenden Jahren mit ihrer Ostindischen Handelskompanie die Geschäfte kontrollierten. Heute führen religiöse Spannungen immer wieder zu Rückschlägen in der Entwicklung. Am 10. September vergangenen Jahres genügte bereits ein Gerücht, dass Muslime und Christen mit Macheten und Steinen aufeinander losgingen. Dabei half modernste Technologie im sonst so wenig erschlossenen Region. Unbekannte hatten via SMS und Twitter verbreitet, ein
Taxifahrer sei von Christen zu Tode gefoltert worden. Die Polizei bestätigte dagegen kurz darauf, der Mann sei an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. Zwischen 1999 und 2002 hatten religiös motivierte Unruhen auf dem Archipel mehr als 5000 Tote gefordert und Touristen über Jahre hinaus abgeschreckt.
Die relative Abschottung der nur mit viel Zeit erreichbaren Inselgruppe konserviert archaische Riten: Auf Seram, der zweitgrößten Insel im Molukken-Archipel, nicht einmal 20 Kilometer von Ambon entfernt, jagen die Menschen in den tropischen Wäldern noch heute mit Pfeil und Bogen. Fische werden in manchen Teilen des Archipels mit Bomben gefangen – ein Vabanquespiel, das die besten Tauchgründe auf der Insel Saparua ruinierte. Mehr als 1000 Inseln der Molukken, manche nur ein paar Kokosbäume, erstrecken sich über 851 000 Quadratkilometer, von denen nur zehn Prozent Land ist. Drei der weltgrößten tektonischen Platten stoßen hier direkt aufeinander. Auf diese Weise entstand der 6000 Kilometer lange pazifische Feuerring, der immer wieder auf sich aufmerksam macht. Kleine Zuckungen der Erde sind an der Tagesordnung und überraschen hier allenfalls Fremdlinge – bisweilen mitten in der Nacht, wenn ein leichtes Wackeln den wohligen Schlummer unterbricht.
Die rund 50 Kilometer lange Insel Ambon bildet zusammen mit der weit größeren Nachbarinsel Seram das Zentrum des Molukken-Archipels. Viele Ambonesen, die ihre Heimat nie verlassen haben, sprechen noch heute fließend Holländisch. 40 niederländische Festungen aus dem 17. Jahrhundert zeugen von der Herrschaft der Oranier. Noch heute gibt es viele Niederländer auf der Insel. Einer von Ihnen ist Marcel Hagendijk, Manager des Maluku Divers Resort. "Wir wollen zurück auf die Weltkarte der angesehensten Reiseziele", lautet sein Credo, für das er alles gibt. Auch die Umwelt liegt ihm am Herzen: „Früher waren die Lebensmittel in Bananenblättern verpackt, die die Molukker einfach ins Meer warfen. Mittlerweile gibt es Plastikverpackungen, aber die Art der Entsorgung hat sich nicht verändert“, ärgert sich der begnadete Unterwasserfotograf über die Unzahl von Plastiktüten, die mancherorts das Ufer säumen.
Paradies für Taucher
Das Maluku Divers Resort ist die einzige Unterkunft für Taucher auf der Insel, obwohl Fans dieses Sports aus der ganzen Welt anreisen. Schließlich gilt Ambon trotz aller Umweltsünden oder religiöser Spannungen als Hotspot einer unglaublichen Artenvielfalt. Fische wie der erst 2009 bestimmte Psychedelische Anglerfisch gibt nur in dieser Region. Auch Frogfish, Geisterpfeifenfische, Flügelrossfische, Wunderpus, Mimic und Blauring-Oktopus ziehen selbst erfahrene Taucher in ihren Bann, die bereits alles gesehen haben.
An Land fällt die Orientierung aber auch Kennern der Unterwasserwelt schwer, selbst das Maluku Divers Resort ist nicht beschildert. Taxis gibt es nur am Flughafen Pattimura, und für die als Bemo bezeichneten Kleinbusse gibt es weder Fahr- noch Streckenpläne. Wer keinen kundigen Begleiter bei sich hat, muss hinsichtlich seines Reiseziels höchst flexibel sein. So bleiben vor allem Ojecs, wie die Indonesier ihre
Mietmotorroller mitsamt Fahrer nennen, als gängiges und viel benutztes Transportmittel. An der Straße stoppt man sie durch laute "Ojec, Ojec"-Rufe in die knatternde Menge – angesichts der Unzahl von Mopeds meist ein schwieriges Unterfangen. Wird man fündig, darf man zumindest sicher sein, früher oder später am Ziel anzukommen. Doch die Trips sind nichts für schwache Nerven. Wenn die Fahrer nur knapp am Gegenverkehr vorbeirauschen oder in gewagten Manövern tiefen Schlaglöchern ausweichen, bleibt manchem Sozius fast das Herz stehen. Mitten drin, im knatternden und hupenden Gewühl, in dem alle brausen wie sie wollen und in dem Fremde kein System erkennen, wird schnell klar: Niemals alleine auf den Motorroller – zumal Polizisten, die den Trubel in geordnete Bahnen lenken könnten, nirgends zu sehen sind.
Also doch lieber rein in den klimatisierten Geländewagen von Hafes, der seinen erwartungsvollen Besucher zum Natsepa Beach bringt, einem der schönsten Strände der Insel. Hier treffen sich vor allem einheimische Familien, Touristen verlieren sich dort kaum. Trotzdem fühlt man sich nicht als Außenseiter, auch die sonst an Asiens Stränden üblichen Betteleien oder Tand-Verkäufe gibt es nicht. Umso größer ist die Versuchung, die regionale Küche zu testen.
Feuer für den Gaumen
"Unser Rujak ist ein Muss“, empfiehlt Hafes und spielt auf den würzigen Fruchtsalat an, der aus Tamarindenmark, frischen Früchten wie Mango, Ananas und Guave, viel braunem Zucker, Nüssen und Sambal Oelek zubereitet sowie mit zwei bis fünf feurigen Chilis abgerundet wird. Die genaue Anzahl der brennenden Schoten dürfen die neugierigen Besucher je nach Gusto und körperlicher Verfassung vor der frischen Zubereitung festlegen. Gegessen wird die undefinierbar schmeckende Melange in zeltartigen Straßenrestaurants, dicht gedrängt auf Bänken voller ungläubig dreinschauenden Einheimischen.
Hygiene spielt am Natsepa Beach nur eine Nebenrolle. Das Geschirr spülen die Frauen in Eimern am Straßenrand. Ob das Wasser mehr als einmal am Tag gewechselt wird, erschließt sich dem Besucher allerdings nicht. Kein Problem: Rujak ist so scharf, dass möglichen Bakterien schon der Garaus gemacht wird, bevor sie zu Schlimmerem führen. Mehr oder minder gestärkt geht es wieder zurück ins Tauchresort, wo man sich nach dem doch sehr eigentümlichen Rujak auf die kulinarischen Köstlichkeiten von Chefkoch Pak Dewa freut.
Am Ende der Inseltour mit dem Molukken-König mit dem erhabenen Begleiter gibt es einen Duriansaft – standesgemäß: Die nährstoffreiche Frucht wird von Kennern trotz ihres unappetitlichen Geruchs als "Königin der tropischen Früchte" bezeichnet. Es ist der vollkommene Abschluss eines wahrhaft königlichen Abenteuers in dem gleichermaßen touristisch unberührten wie exotischen Winkel dieser Welt.
Weitere Informationen finden Sie unter www.tourismus-indonesien.de und www.divingmaluku.com.
Fotos: ceu, Tony Wu



Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Laurent Delarbre, Chefkoch Restaurant La Tour d'Argent, Paris: Wir verwenden speziell diesen Honig, weil er auf dem Dach unseres Restaurants
produziert ist - aber auch im Herzen von Paris, der ihm eine außergewöhnliche
Reinheit verleiht, da es keinerlei Schädlingsbekämpfungsmittel noch verwendete
Insektenvertilgungsmittel gibt. Foto: Stephan Gabriel

