Back Leben Kategorie: Menschen Zürich: Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Zürich: Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Aus Zürich berichtet Lars Oldenbüttel
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Der Selbstauftrag ist klar definiert: "Entdecke für unsere Leser die spannendsten Restaurants in Zürich." Keine sonderlich leichte Aufgabe, wie sich schon auf der Hinfahrt in unsere zeitbegrenzte Heimat, der in unmittelbarer Nähe zur exklusiven Bahnhofstraße gelegenen Hotellegende, dem Fünf-Sterne-Hotel Baur au Lac, recht bald herausstellen sollte.

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Die Nase am Seitenfenster der Limousine plattgedrückt, die Augen weit aufgerissen, ziehen dutzende Restaurants, Bars und Bistros vorüber. Eine unmögliche Aufgabe eingedenk der fast zweitausend Restaurants in Zürich und Umgebung. Und die Zeit drängt. Nur zwei Tage stehen für den kulinarischen Rundumschlag zur Verfügung.

Also, erst einmal in aller Ruhe ankommen im Hotel, auspacken, zehn Minuten das Recherche-Material sichten, in den Anzug schlüpfen und einen ersten Drink an der Hotelbar nippen. Auftakt der kulinarischen Entdeckungsreise durch die mit rund 380.000 Einwohnern größte Schweizer Stadt ist ein Abendessen im 2009 umgestalteten Restaurant "Pavillon". Hier kocht der experimentierfreudige Laurent Eperon modern interpretierte Haute Cuisine auf internationalem Spitzenniveau. Zwar bewegen sich die Preise für seine Kreationen auch auf Spitzenniveau, dafür bekommt der geneigte Esser jedoch auch eine Menge Küchen-Kreativität und ausgezeichnetes Handwerk geboten.

Wunderbar seine nur leicht angebratenen Jakobsmuschel mit Honig, Zitrone und Pekannussöl oder sein selbstbewusst mit "Bar de Ligne de Laurent Eperon" betiteltes Wolfsbarschfilet, das ob seiner wahnwitzigen Kombination mit Kümmel, Sauce von Yuzu- und Passionsfrucht sowie Kohlrabi mit Ahornsirup, Chancen auf eine "Küchenklassiker" über das Baur au Lac hinaus hat. Mit einer guten Flasche Cognac Frapin, Standardausstattung im Gepäck des KULINARIKER, geht es für einem geselligen Mitternachtsabsacker im Kollegenkreis an den nur wenige hundert Schritte vom Hotel entfernten Zürichsee. Der See liegt ruhig - und ruhiger noch ist die Stadt, die abgesehen von knutschenden Pärchen ringsum, längst schon schläft.

Das volle Programm

Genau dieser Schlaf fehlt jetzt, am frühen Morgen, an dem es nach einem grandiosen Frühstück und noch immer reichlich verkatert auf kulinarische Entdeckungstour gehen soll. Es warten traditionelle Zunftstuben, die obligatorische Trendgastronomie und neue Lifestyle-Restaurants. Das Programm: Zeughauskeller, Hiltl, Lake Side, Greulich, mesa, Conditorei Schober, Zunfthaus Zum Widder in Zürich Zunfthaus zur Waag, Widder und dann wieder zurück ins Baur und sein Gourmet-Restaurant Rive Gauche. So weit so gut.

Nach einem kurzen Schlenkergang durch die Unterstadt, in der sich Restaurant an Restaurant reiht und selbst in versteckten Innenhöfen gedeckte Tische warten, wird jedoch schnell deutlich: Der Selbstauftrag war höchst vermessen, die Recherche nicht sonderlich gründlich und das kulinarische Angebot der Stadt schlicht zu groß. Also munter den gestrengen Plan umgeworfen und einfach dem Prinzip Zufall folgen, sich einlassen. Schon von der Sesamstraße haben wir hierfür den passenden Reim gelernt: "Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu sehn. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehn."

Das machen wir dann auch. Nur, wie in aller Welt erkennt man unter den Touristenströmen, die sich schon am Vormittag durch Ober- und Unterstadt wälzen, Schweizer - geschweige denn echte Züricher, die profunde Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsrestaurant geben können? Vertrauen wir einfach der Intuition. Das Erstaunliche: es funktioniert! Von den sechs angesprochenen sind wirklich vier original Züricher, ein Zugezogener aus dem Kanton Graubünden und, ein Pärchen, Echte Schweizer? das so "schweizerisch" aussah, dass nur noch ein Alphorn über der Schulter zur perfekten Klischee-Umsetzung gefehlt hätte. Doch ausgerechnet diese "Vollbrust-Schweizer" sind Touristen aus Australien, auf der Suche nach einem Burger King. Dennoch eine verdammt gute Quote, die verblüfft.

Wo also bitte isst der Züricher? Keine Ahnung. Denn ab dem ersten "Testimonial" rückt die Kulinarik in weite Ferne. Im Vordergrund stehen die Menschen, die dem fragenden Fremden mit einer Freundlichkeit begegnen, die einfach nur als unwerfend zu bezeichnen ist. Mit kräftigem Akzent erklären Birgit und Hans: "Wir gehen nicht so oft aus. Wenn, dann meist in die Bierhalle Kropf oder zum Zeughauskeller. Aber ich kann Ihnen mal meinen alten Schulweg zeigen". Und schon geht es los auf eine Gratis-Stadtführung, die mit vielen kleinen Anekdoten gewürzt wird.

Gelebte Gastfreundschaft

Nächster Kandidat ist Peter, der gerade seine Hunde ausführt. "Restaurant? Ja, ich gehe häufiger mal ins "Sein". Warum frägst Du denn?" Wir gehen noch ein gutes Wegstück mit den Hunden und Peter schärmt von der guten Alten Zeit, als viele illegale Bars und Diskotheken das Nachtleben prägten. "Heute ist das kaum noch zu finden. Aber Zürich ist dennoch schon eine geile Stadt." Caasper zuckt mit den Schultern. "Lieblingsrestaurant? Nö. Aber ich kann Dir zeigen, wo heute Abend der Fuchs abgeht", und tut es dann auch. Auf dem Mittelaltermarkt - davon scheint es im Mittelalter eine Menge gegeben zu haben - lacht Filip auf dem Mittelaltermarkt Filip in die Kamera. "Verrate dir doch nicht, wo ich hingehe. Du schreibst das und nachher sind da nur noch Touristen." Wo er Recht hat, hat er Recht. "Aber probier' das hier mal" und reicht mir seinen Teller mit über dem offenen Feuer gebratenem Fleisch nebst Gabel herüber.

Bei so viel Gastfreundschaft brauchen wir erst einmal eine Pause. Dafür geht es in die Münstergasse, ins Café Schwarzenbach. Der distinguiert ältere Herr am Nebentisch lacht. "Ja, wohin geht der Züricher zum Essen? Bei meiner Frau. Interessieren Sie sich für Fußball? Kennen Sie die Grashopper Zürich?" Nach der Bejahung beider Fragen rückt mein Gegenüber näher heran. "Wissen Sie, wir sind der älteste Fußballclub der Stadt. Von 1886. Ich unterstütze den Verein seit Jahrzehnten. Wenn Sie wollen, schauen Sie doch mal im "Heugümper", unserem Clubrestaurant vorbei und sagen Sie einen schönen Gruß von mir." Sagt er, verabschiedet sich und winkt noch einmal beim Herausgehen. Als ich meine Rechnung begleichen will, schüttelt die Bedienung den Kopf. "Schon erledigt."

Noch immer weiss ich nicht, welches nun das spannendste Restaurant in Zürich ist. Ich weiss nur, dass mir hier in wenigen Stunden offenbar die nettesten Menschen der Stadt begegnet sind. Allein das zählt und beglückt. Für alles andere: Vertrauen Sie einfach mal nicht auf Empfehlungen und gefilterte Informationen aus zweiter Hand. Fahren Sie hin und fragen sich selbst durch Zürich. Sie werden sich wundern.

Weitere Informationen finden Sie unter www.zuerich.com und www.bauraulac.ch.

Fotos: lol

 

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