Back Leben Kategorie: Menschen DER KULINARIKER trifft: Mikhail Gurewitsch

DER KULINARIKER trifft: Mikhail Gurewitsch

Aus Detmold berichtet Lars Oldenbüttel
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Mit "DO.GMA#1" gelang dem do.gma chamber orchestra mehr als ein Achtungserfolg bei Publikum und Musikkritik. Mehrfach für den Klassik-Echo nominiert, legt das Kammerorchester, im Altersdurchschnitt der Musiker kaum über 30 Jahren alt, jetzt seine zweite Produktion vor. Wir treffen den Künstlerischen Leiter und musikalischen Taktgeber Mikhail Gurewitsch, um über "DO.GMA#2 – AMERICAN STRINGBOOK", die amerikanische Klassik und die neue "Generation Klassik" zu sprechen.

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Mit der ersten Produktion hat do.gma zwei bekannte Tschaikowski-Werke interpretiert. Warum?

Für uns war es wichtig, Neues im Bekannten zu entdecken. Gerade die zwei häufig gespielten Tschaikowski-Werke, die Serenade für Streicher und das populäre Souvenir de Florence, wollten wir auf moderne Art präsentieren: Texttreu, aber aus der Sicht junger Künstler unserer Zeit.

Zumindest deuten die Reaktionen des Publikums und der Musik-Kritik darauf hin, dass dies gelungen ist…

Ja, das hat uns auch sehr gefreut. Das positive Medienecho und die vielen guten Kritiken haben uns in unserem musikalischen Ansatz bestätigt. Aber vor allem die Zuschauerresonanz gibt uns als Orchester zusätzlichen Auftrieb.

Ist Mut zum Experiment ein Wesenszug klassischer Musik?

Ich denke schon. Ohne sie wären einige der großartigsten Musikstücke nie entstanden und grandiose Interpretationen wären ungespielt geblieben. Gerade das ist ja so immens spannend an der Klassik: Sie ist immer wieder neu, aufregend und bietet Freiraum für zeitgemäße Interpretation.

Schon der Titel "DO.GMA#1" weist programmatisch auf eine eigene do.gma-Reihe hin. Was erwartet uns bei jetzt?

Im Fokus steht diesmal eine spannende Reise in die neue Welt zur Entstehung und Entwicklung der amerikanischen Klassik. Wir suchten nach einer radikalen Programmveränderung unter dem Motto "Entdecke das Unbekannte". do.gma besteht aus professionellen Musikern, die vielfältige Erfahrungen – auch was das klassische Repertoire anbelangt – mitbringen. Durch das neu eingespielte Programm betreten wir ein neues musikalisches Terrain.

Können Sie Analogien zwischen Tschaikowski und der amerikanische Klassik entdecken?

Gerade bezogen auf die Entstehungsperiode der amerikanischen Klassik lassen sich durchaus Analogien erkennen, da sich viele Komponisten an europäischen Vorbildern orientierten. Hier ist der Weg zu Tschaikowski als Vertreter der Romantik nicht weit.

Wie lange denken Sie schon über das "American Stringbook" nach?

Der Name "American Stringbook" ist angelehnt an das bekannten American Songbook - einer Sammlung des amerikanischen Liedgutes. Meine Vorstellung war, dass man am Beispiel der Werke für Streichorchester die verschiedenen Motto: Entdecke das UnbekannteFacetten amerikanischer Klassik aufzeigt. Diese Idee ist dann im Laufe der letzten vier Jahre im regen Austausch mit den do.gma-Kollegen weiterentwickelt worden.

Foote, Diamond, Barber und Schuman - Warum gerade diese Auswahl der Komponisten?

Entscheidend für uns war es, weniger bekannte Werke zu spielen. Auch, um dem Publikum ein Gefühl für die vielfältigen Entwicklungen und unterschiedlichsten Richtungen der amerikanischen Klassik zu geben. Unser Anspruch ist es nicht, hierbei die unterschiedlichsten Ausrichtungen quasi musikhistorisch "abzuarbeiten", sondern schlicht eine do.gma-Auswahl zu präsentieren.

Was ist, verglichen mit der Musik des europäischen Kontinents, das besondere, das ungewöhnliche?

Wenn man die Entwicklung der amerikanischen Klassik etwas verkürzt umreißt, war sie 19. Jahrhundert noch stark europäisch beeinflusst. Das änderte sich im 20. Jahrhunderts als Jazzelemente die Klassik bereicherten.

Werden ihrer Ansicht nach – abgesehen von Barbers häufig gespieltem Adagio – amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts von Orchestern in Europa vernachlässigt?

Das muss man differenziert betrachten. Heute werden durchaus einige Werke, besonders im symphonischen Bereich gespielt. Dennoch gibt es aber kaum die Möglichkeit, ein amerikanisches Programm für Kammer-Streichorchester zu hören. Das wollten wir ändern.

Sind junge Orchester für unbekanntere Werke und Experimente offener?

Ich denke schon. Vor allem sind die Auswahlkriterien für die Stücke einfacher, da wir nur die Werke ins Repertoire Aufnehmen, die uns gefallen. Ohne groß auf Marketing-Aspekte oder „Verkaufen um jeden Preis“ Rücksicht zu nehmen. Da haben wir nicht den gleichen Druck, wie beispielsweise die traditionellen Orchester.

Worin liegt der Reiz der amerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts?

Musik entsteht nie im luftleeren Raum sondern ist immer auch im Kontext der historisch-politischen Zeitströme zu sehen. Das findet sich auch in der amerikanischen Musik wieder. Musik entsteht nie im luftleeren RaumHinzu kommt, dass die wirklich "Amerikanische" Musik erst im 20. Jahrhundert entsteht. Mit unterschiedlichen Musikströmen, die, wie vor allem der Jazz, auch die Klassik beeinflussten.

do.gma versteht sich weitestgehend als Kollektiv gleichgesinnter Musiker. Wie beeinflusst das die Arbeitsweise auch für die neue Produktion?

Die besondere Atmosphäre, das Zwischenmenschliche, der freundschaftliche Umgang miteinander sind besonders in den harten Aufnahmetagen besonders wichtig. Da unterstützt jeder jeden. Für mich als Orchesterleiter, als Teil des Ensembles, immer wieder eine eindrucksvolle Erfahrung.

Was ist für eine zeitgemäße Interpretation wichtig?

Jenseits der ganzen, teils müßigen, Diskussionen über die Zukunft der klassischen Musik, ist eine Generation junger Musiker herangewachsen, die Ihre täglichen Auseinandersetzungen mit der vielfältigen musikalischen Klangwelt um sich herum nicht von Ihrer Tätigkeit als klassische Musiker trennt. Wir sind Teil der neuen "Generation Klassik" und lassen genau dies in die Interpretationen einfließen.

Wie haben sich die Stücke im Werdungsprozess verändert?

Durch das Aufnehmen der Stücke entdeckt man immer wieder neue Facetten, neue Nuancen in den Werken, die man auch gleich ausarbeitet. Alle Orchestermitglieder wissen um die Wichtigkeit dieser Arbeitszeit, bringen sich kreativ ein und arbeiten kreativ und Zielgerichtet. Nur so kann eine Endfassung entstehen, hinter der alle zu 100 Prozent stehen.

Wie sah das Konkret bei der Proben- und Aufnahmearbeit aus?

Generell ist die Zeit im Studio ja arg begrenzt. Wir sind gegenüber "DO.GMA#1" sicher noch zielführender geworden, sind noch schneller auf den entscheidenden Punkt gekommen, ohne uns ob des Zeitdruckes in eine Stresssituation zu bringen. Diese Erfahrung ist eindeutig in die Produktion eingeflossen, auch weil wir gelernt haben, unsere Kräfte immer besser und effektiver einzuteilen.

do.gma spielt, ungewöhnlich genug, ohne einen Dirigenten. Wie sehen Sie ihre Rolle als Orchesterleiter?

Ganz einfach: Ideengenerator und Motivator für die Eigeninitiative der Musiker.

Die CD ist die eine Seite - Wie wichtig ist das Live-Erlebnis für das Publikum?

Extrem wichtig. Denn beides beeinflusst einander. Es macht uns glücklich, wenn wir es schaffen, die Energie der Live-Atmosphäre eines Konzertes auf die CD zu übertragen. Andererseits ist die harte Arbeit während der Produktion Grundlage für unsere emotionsgeladenen Konzerte. Die CD ist eingespielt - jetzt freuen wir uns darauf, die Ergebnisse unsere Arbeit dem Publikum vorzustellen.

Was erwartest Sie ganz persönlich von "DO.GMA#2"?

Das diese Musik ihren begeisterten Hörer findet - verdient hat sie es allemal.

Mit welchem Künstler würden Sie gerne im Kontext do.gma arbeiten?

Tom Waits.

Weitere Informationen sowie atuelle Konzerttermine des do.gma chamber orchestra finden Sie unter www.dogmaorchestra.com.

Fotos: Berthold Records

 

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