Back Leben Kategorie: Menschen DER KULINARIKER trifft: Justina Hoegerl

DER KULINARIKER trifft: Justina Hoegerl

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Wenn sich ein Sternekoch einer nicht wirklich leichten Aufgabe stellt, dann muss er von ihrer Lösung überzeugt sein. So scheint es Michael Hoffmann aus dem Margaux in Berlin gegangen zu sein. Denn er arbeitete fast zwei Jahre lang an einem Buchprojekt, das wirklich etwas besonderes ist: Trust in Taste, das erste Kochbuch im Buchhandel für Blinde und Sehende. Ein Werk in zwei Bänden, das sowohl in Schwarz- als auch in Punktschrift rezeptiert ist.

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In enger Zusammenarbeit mit Hans Maier und Manuela Schemm, zwei blinden Hobbyköchen, entwickelte der Spitzenkoch Rezepte, die alltagstauglich sind, geschmacklich mehr als überzeugen – und zu einem großen Teil "im Dunkeln nachzukochen sind". Der Kulinariker traf Verlegerin Justina Hoegerl. Ein Gespräch über andere Wege des Kochens.

Frau Hoegerl, wäre es nicht einfacher gewesen, ein "normales" Kochbuch zu machen?

Sicher! Aber das ist nicht die Verlags-Philosophie. Wir setzen uns seit jeher für Themen ein, die vielen zu kompliziert oder schwierig sind. Dabei versuchen wir mit Herz, Verständnis und einer gehörigen Portion positiver Energie durch unsere Bücher eine Brücke zu bilden und zu verbinden, was noch nicht verbunden ist: Wir wollen Bücher machen, die mit Kreativität und Lust einen Spagat zwischen Gesunden und Menschen mit einer Gesundheitsstörung schlagen.

Aber wie kamen Sie auf die Idee ein Kochbuch für Blinde und Sehende zu machen?

Während meiner Schulzeit habe ich ab und zu in einer Behindertenwerkstätte gearbeitet. Dort begegnete ich öfters blinden Menschen, die für mich Großartiges vollbrachten. Es ist diese Faszination an der anderen Wahrnehmung – und ein Thema, dass mich seitdem beschäftigt. In Deutschland gibt es über eine Million blinde und sehbehinderte Menschen. An sie und ihre Familien, Freunde und Kollegen richtet sich dieses Buch. Und an jeden Genießer.

Kochen, wenn man blind ist, muss eine große Herausforderung sein!?

Nicht nur das: Für einen Blinden birgt Kochen durchaus Gefahren! Der Umgang mit der Hitze, man muss oft schnell reagieren, dann muss man abmessen, schneiden und würzen. Doch, wie bewerkstellige ich dass alles, wenn ich nichts sehe? Die Lösung: Michael Hoffmann hat zum einen eigene Maßeinheiten entwickelt, die diese Schritte erleichtern. Zum anderen spalten sich die Rezepte in zwei Kategorien: "Solo" für den geübten, blinden Hobbyköche. Kompliziertere Gerichte, die mit für einen Blinden unlösbaren Abläufen zuzubereiten sind (wie zum Beispiel das Trennen von Eiern), wurden mit "Team" ausgewiesen. Michael Hoffmann aus dem MargauxHier sollten Sehende mitkochen. Doch das ist ja auch das Ziel: Der gemeinsame Genuss beim Kochen und Essen.

Sicherlich gab es bei der Produktion Momente, in denen Sie regelrecht "im Dunkeln" standen?

Desöfteren" (lacht herzlich auf)… und das nicht nur, wenn wir gemeinsam mit Hans tatsächlich im Dunkeln kochen übten. Die ganze Gestaltung und Produktion war sehr aufwendig und voller Hürden, die wir aber letztlich alle nehmen konnten. Ein Buch für Blinde darf zum Beispiel nicht einfach zuklappen. Dafür musste eine Lösung her – und die war mit das Teuerste an der ganzen Produktion: Eine Drahtkammbindung, optisch eine Art Spiralbindung. Als das gelöst war, folgte die Brailleschrift. Diese wurde in Handarbeit, Seite für Seite geprägt, auf den Food-Fotografien des jeweiligen Rezeptes eingearbeitet. Dafür war es aber notwendig, sämtliche Buchseiten zu zellophanieren, damit sie stabiler werden, die Blindenkurzschrift erhaben bleibt und auch abwischbar ist.

Und das Rezeptieren…

Keine leichte Aufgabe, selbst für einen Profi wie Michael Hoffmann. Er musste wahrlich zurück an die Basis des Kochens und entwickelte Rezepte, die blinden wie sehenden Feinschmeckern eine neue Genusswelt offenbaren. Dafür bearbeitete er jedes einzelne Rezept mit Hans Maier. Immer wenn sich ihm Fragen stellten, telefonierten oder mailten die zwei hin und her. Hans hat als Blinder auch jedes einzelne Gericht nachgekocht und so auf Herz und Nieren geprüft. Dabei sind eigens entwickelte Gerichte entstanden, die ein kulinarisches Ereignis sind – ob blind oder sehend.

"Trust in taste – Kochbuch für Blinde und Sehende" (264 Seiten, ISBN 978-3-9812602-4-3, 125 Euro) ist erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Verlag unter www.justina-verlag.de

Fotos: Janine Guldener

 

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