Nein, einen Sessel wolle er nicht. Ein einfacher Hocker würde genügen. Denn so alt sei er mit seinen 80 Jahren nun doch noch nicht. Und außerdem hätte sein Freund Nelson Mandela, mehr als zehn Jahre älter als er selbst, bei einem Fototermin auch empört einen Sessel abgelehnt.
Der das sagt, könnte mit Blick auf sein Lebenswerk genügend Gründe finden, sich gemächlich in ein bequemes Polster zurückzulehnen. Doch der Fotograf Jürgen Schadeberg steht jetzt ohnehin lieber und erzählt Geschichten. Von seinem ersten Auftrag für dpa, 1948 war das, wo er Hermann Görings Yacht im Hamburger Hafen fotografieren sollte und prompt mit seinem kleinen Ruderboot in die Fahrrinne für die großen Frachtschiffe geriet.
Von seiner Zeit als Hitlerjunge und wie er sich den leidigen Aufmärschen entzog, indem er mit roten Kniestrümpfen und der Bluse seiner Mutter zu den Pimpf-Treffen erschien. Und Schadeberg erzählt von den ersten Erlebnissen in seiner zweiten Heimat, Südafrika, in die er mit 19 auswanderte und dort für mehr als 20 Jahre verblieb. Es sind kleine Geschichten. Mosaiksteinchen, aus denen sich das zusammensetzt, was wir mit dem großen Wort "Geschichte" vorschnell betiteln.
Der Mensch Schadeberg, 1931 in Berlin geboren, ist Teil dieser Geschichte und mit seiner Kamera zugleich akribischer, wacher und leidenschaftlicher Chronist, der Stellung bezieht. Er tut dies nicht mit großer Geste, hält mit seinem Objektiv kaum Distanz zwischen sich und den Fotografierten, sondern ist Teil der Szenerie. Sehr persönlich, sehr menschlich und ausgestattet mit einer Persönlichkeit, die eine ganze Menge mit natürlichem Anstand und Würde zu tun hat.
Bilder grandioser Einfacheit
Und genau diese Charakterausprägungen durchdringen seine Arbeiten und haben ihm mehrfach Verhaftungen eingebracht: Ein schwarzes Kind, dessen Familie von südafrikanischen Farmern von ihrem Land vertriebenes wurde, schaut uns aus dem Bild heraus direkt an. Im Hintergrund der ärmlichen Holzhütte sind eine bekleidete und eine kaum bekleidete
Puppe zu sehen. Mehr braucht es nicht, um die dramatischen Hintergründe und ihre Folgen in grandioser Einfachheit zu beschreiben und als ikonografisches Manifest im eigenen Bildgedächtnis zu verankern.
Wie das Bild des Massaker in dem knapp 50 Kilometer von Johannisburg gelegenen Township Sharpeville, bei dem das Apartheid-Regime 69 Demonstranten mordete. Er lichtet dies nicht mit Bildern der Getöteten ab, sondern zeigt einzig die offenen Gräber. Mehr braucht es auch hier nicht.
Doch es ist nicht nur der harte, brutale Alltag der Rassentrennung, den Schadeberg dokumentiert. Als Protagonist der Alltagskultur der unterdrückten schwarzen Bevölkerung, taucht er ein in eine Welt aus Musik und Tanz, aus Lebenslust und unbändiger Freunde. Ist wieder nah bei den Menschen, begibt sich in den 50er Jahren als Fotoredakteur von "Drum", einem Magazin von Schwarzen für Schwarze, mit fast kindlicher Unbekümmertheit in die Jazzclubs, Tanzlokale und Kneipen, zeigt jenseits von Armut und Elend das andere Gesicht Südafrikas. Gesichter, wie den jungen Nelson Mandela, den er über Jahrzehnte fotografisch begleitete.
Jürgen Schadeberg einzig auf seine Zeit in Südafrika zu reduzieren, greift deutlich zu kurz. Er nimmt uns mit auf eine Reise, die uns New York ebenso zeigt wie London, Berlin oder Glasgow. Eine Reise, die uns Menschen zeigt. Eine Reise, die uns durch den portraitierten Mitmenschen immer auch uns selbst zeigt. In Würde und mit Anstand.
Die Einzelausstellung "Jürgen Schadeberg - Fotografien aus sieben Jahrzehnten" ist noch bis zum 15. Januar 2012 jeweils von Dienstag bis Sonntag (12 bis 18 Uhr) im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen. Der Eintritt ist frei. Für den Einlass ist ein Ausweis erforderlich.
Katalog zur Ausstellung: Jürgen Schadeberg, Hrsg. Ralf-P. Seippel, Hatje Cantz Verlag,
ISBN 978-3-7757-2150-9, 58,00 Euro.
Weitere Informationen finden Sie unter www.freundeskreis-wbh.de und www.jurgenschadeberg.com.
Fotos: Jürgen Schadeberg, Holger Biermann





