Mehr als drei Stunden dauert die wohl beeindruckendste Variante der Anreise mit der Räthischen Bahn von Zürich aus nach St. Moritz. Am Ende ist es die über 100 Jahre alte, von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Albulabahn, die sich durch Kehrtunnel und über Landwasserviadukte, bis in knapp 1.800 Meter Höhe des Kantons Graubünden hinaufschlängelt.
Fernab der Metropolen und in den luftigen Höhen des Oberengadin verwandelt in diesem Sommer erneut der Jazz das mondäne Urlaubsdomizil für vier Wochen in ein musikalisches Mekka.Was 2007 als kleine Konzertreihe begann, ist bis zur diesjährigen Ausgabe zu einem stattlichen Festival von rund 50 Konzerten angewachsen. Es sind Konzerte der ganz besonderen Art, denn im legendären, 1974 von Günter Sachs gegründeten Dracula Club wird ein drei mal vier Meter großer Teppich zur Bühne für herausragende Talente des Jazz. Hier spielen sie gemeinsam mit Stars wie Paul Kuhn, McCoy Tyner, Till Brönner, Ahmad Jamal und Al Di Meola vor maximal 150 Menschen.
Den Künstlern direkt über die Schulter geschaut
Und auch die Schweizer Szene ist prominent vertreten: Mit Irène Schweizer, Pierre Favre, Georg Gruntz und Tobias Preisig wird die "Swiss Week" des Festivals zu einer kleinen, hochkarätigen Landes-Werkschau, bei der der urige Club ganz im Zeichen intimer Atmosphäre mit einem Maximum an Publikumsnähe steht. Ob das Auditorium von der rustikalen Bar direkt den Künstlern über die Schulter schaut oder, direkt neben dem Schlagzeug sitzend, den Stöcken auch mal ausweichen muss - immer ist das Publikum Teil des Settings. "Das durch die Nähe bedingte Zusammenspiel zwischen Publikum und Künstlern ermöglicht eine Unmittelbarkeit, die in keinem großen Saal zu finden ist", so der 32-jährige Festivalgründer Christian Jott Jenny.
Das Publikum sieht und hört direkt, wie beispielsweise McCoy Tyner mit seiner berühmten Linken die Bassläufe hämmert oder Irène Schweizer mit ihrem Langzeit-Duo-Partner Pierre Favre nur mit Blicken die musikalische Kommunikation zur Perfektion bringt. Jenny: "Es gibt einfach keine bessere Möglichkeit Musik zu transportieren."
Großveranstaltung versus intimes Ambiente
Und aus genau diesem Grund wohnen die Zuhörer auch noch nach fast zwei Stunden gebannt der frühen musikalischen
Geburtstagesfeier eines George Gruntz und seinen Gästen bei - er wird im nächsten Jahr achzig – oder lassen sich gern auch beim Eröffnungskonzert von Till Brönner trotz geringem Platz, zum Tanzen verführen.Wen verwundert es da, dass Schweizer Medien den klassischen Festival-Giganten Montreux und den Jungrivalen aus St. Moritz in einem Feuilleton-Duell mit Augenzwinkern gegenüberstellen. Tenor der Vergleiche: Großveranstaltung versus intimes Ambiente.
Jenny selber schmunzelt über diesen Vergleich, sieht sich aber trotz partieller Gleichzeitigkeit nicht als Konkurrenten zum Montreux-Chef Claude Nobs. Für Jenny, der selber Jazzmusiker ist, spiegeln die vier Festivalwochen im Sommer das Leben in St. Moritz wieder. Einerseits strotze die Stadt von zahlreichen Hotels, deren Eingänge von wenigstens vier Sternen geziert werden, andererseits bestünde der Alltag, so fernab des Großstadt-Flairs, aus steter Improvisation. "Da ist der Jazz genau die richtige Musik". Und die große Zahl von lokalen und nationalen Unterstützern und Sponsoren scheint Jenny und seinem Konzept Recht zu geben. Inmitten der diesjährigen Veranstaltungen, die noch bis zum 14. August 2011 laufen, beginnen bereits die Planungen für 2012. Dann feiert das Festival sein fünfjähriges Jubiläum.
Weitere Informationen finden Sie unter www.festivaldajazz.ch.
Fotos: Festival Da Jazz





