Seit 1707 residiert unter der Adresse 181 Piccadilly eine Institution, die aus der Britischen Hauptstadt nicht wegzudenken ist: das Stammhaus der königlichen Hoflieferanten Fortnum & Mason, kurz Fortnum´s oder F&M. Selbst in den Werken von Charles Dickens und Henry James begegnet man diesem Denkmal britischer Lebensart. Die Liste prominenter Kunden ist endlos. Winston Churchill orderte hier seinen geliebten Champagner und Edward VIII kalt geräucherten Hering.
Begonnen hatte alles damit, dass William Fortnum, Lakai am Hofe Queen Annes, mit dem Segen seiner Dienstherrin Kerzenreste aus dem Palast auf der Schwelle seines Vermieters, eines gewissen Hugh Mason, zu Geld zu machen begann. Und noch heute pflegt F&M – mit aller gebotenen Diskretion – intimste Beziehungen zum englischen Königshaus. Aber auch weltgewandte Connaisseurs finden hier auf sechs Etagen so ziemlich alles, was man für einen distinguierten Lebensstil benötigt. Sei es nun ein weißer Seidenschal für die Oper oder eine Expeditionsausrüstung für den Himalaya-Trip. Besonders beeindruckend: die über zwei Stockwerke ausgedehnte Food Hall, die an die Gründerjahre erinnert, als hier vor allem Tee, Kaffee, Trockenfrüchte und Gewürze verkauft wurden. Geradezu legendär aber sind die opulenten F&M Picknickkörbe. Noch heute dienen sie der British Upper Class als stilvolle Begleiter zu gesellschaftlichen Events wie der Henley Regatta oder dem Rennen von Ascott.
Mr. Heinz, Handelsreisender aus den Kolonien
Seit 2005 leistet sich das Haus eine hauptamtliche Historikerin, die damit betraut ist, die über 300-jährige Firmengeschichte aufzuarbeiten. In den Napoleonischen Kriegen zum Beispiel belieferte F&M die Offiziere der Britischen Armee mit allem was einen echten Gentleman bei Laune und Kräften hält. Zu Hause startete das Haus gleichzeitig ein gewaltige Werbekampagne für die fronterprobten Waren in der London Times, so dass sich auch die Daheimgebliebenen ein wenig wie britische Helden fühlen konnten, solange sie sich nur an Trockenfrüchten, Honig und Eingemachtem von F&M delektierten.
Während des Krimkriegs schickte Queen Victoria dann 250 Pfund des nahrhaften 'Beef Tea' aus dem Hause Fornum & Mason an das von Florence Nightingale gegründete Hospital von Scutari bei Istanbul. Und 1886 schließlich erwarb man von einem gewissen Mr. Heinz, ein junger Handelsreisender aus den ehemaligen Kolonien, als erster Lebensmittelhändler der Welt fünf Kartons Baked Beans in Dosen, die sich in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager entwickelten und wurde dadurch indirekt zum Geburtshelfer eines Firmenimperiums in den USA.
Mit einem gewissen Bedauern, gewürzt mit einer Prise typisch englischen Humors, liest man in der hauseigenen Chronik außerdem, dass der bei der Boston Tea Party von aufgebrachten Siedlern ins Hafenbecken beförderte Tee wohl nicht aus den Beständen von F&M gewesen sei, denn erstens habe man in 300 Jahren noch nie überhöhte Preise für die hauseigenen Produkte verlangt und zweitens vertrage sich Tee von F&M schlecht mit Salzwasser.
Inbegriff Britischer Kultiviertheit
Wir sind an diesem sonnigen April Nachmittag aber nicht der Baked Beans oder des Beef Tea wegen zu F&M gekommen. Wir sind hier, um im stilvollen St. James Restaurant in der 4. Etage einen klassischen Afternoon Tea zu genießen, denn ein British High Tee gehört einfach zum Pflichtprogramm während eines Londonaufenthalts. Die Tradition des verstärkten Nachmittagstees geht auf Anna, siebente Duchess of Bedford (1788-1861) zurück. Vor der Verbreitung des Nachmittagstees gab es in England während des Tages nur zwei Mahlzeiten: ein Frühstück mit wasserverdünntem Ale, Brot und – in besseren Kreisen – einem Stück Rindfleisch, dann am Abend ein üppiges Dinner, das meist gegen 20.00 Uhr serviert wurde.
Jeden Nachmittag von Hunger gequält, beschlossen Anna und ihr Bruder kurzerhand von nun an täglich gegen 16.00 Uhr eine kleine Zwischenmahlzeit einzunehmen und was lag näher, als das zu dieser Zeit unter Englands Adel beliebteste Getränk als Begleiter zu wählen. Zunächst wurde diese Disziplinlosigkeit von adligen Besuchern der illustren Teerunden als "Shocking!" diskreditiert, doch innerhalb kürzester Zeit avancierte der Nachmittagstee zum Inbegriff Britischer Kultiviertheit.
Ein traditionelles Teegedeck umfasst bei F&M neben einem Kännchen Tee (grandios: der Assam Hazelbank, der Darjeeling Bannockburn vor allem aber der extrem seltene Tregothnan Black Tea aus Cornwall) auch ein Glas F&M Champagner aus dem Hause Roederer beziehungsweise Billecart-Salmon. Die begleitenden Häppchen werden auf einer türkisfarbenen Etagere, der Hausfarbe von F&M, serviert. Als Ouvertüre starten wir mit kleinen Kartoffeltarteletts und einer Lachsterrine mit Dill.
Daneben gibt es eine bunte Auswahl klassischer Sandwiches, mit Frischkäse und Gurke, pochiertem Lachs, Eiermayonnaise und Kresse oder Schinken mit Senfrelish. Keine Angst, die Sandwiches haben eher die Größe von Canapées. Außerdem werden am Tisch zusätzlich verschiedene Petit fours angeboten. Doch die eigentliche Hauptsache sind die frischgebackenen Fortnum´s Scones, serviert mit Clotted Cream und Strawberrypreserve. Spätestens jetzt wird es auch Zeit für ein zweites Glas Champagner.
Stil wird hier schließlich groß geschrieben
Der aus dem Niederländischen entlehnte Begriff Scones steht für ein luftiges Gebäck aus besonders feinem Auszugsmehl mit reichem Buttergeschmack. Der traditionelle Begleiter der Scones ist die Devonshire oder Clotted Cream, ein eingedickter, gelblicher Rahm mit mindestens 55 Prozent Fettanteil, der aus Rohmilch hergestellt wird. Dazu wird die Milch in große flache Pfannen gegeben und über einem Wasserbad erhitzt, dann muss sie mehrere Stunden ruhen, bis sich der Rahm an der Oberfläche in Form feiner Klümpchen (englisch: Clots) absetzt und eine leichte Kruste entsteht. Wahre Genießer bevorzugen für die Herstellung der Clotted Cream Milch aus den Grafschaften Cornwall und Devon. Natürlich kommt auch die Clotted Cream bei F&M aus dieser Region – der Ivy Housefarm in Bath. Seit kurzem gibt es sogar eine geschützte Herkunftsbezeichnung (englisch: PDO) für Clotted Cream aus Cornwall.
Das großzügige St. James Restaurant, das neben dem Nachmittagstee zum Lunch auch hervorragend zubereitete, typisch Britische Spezialitäten anbietet, besticht durch eine stilvolle doch entspannte Atmosphäre. Die Tische und herrlich bequemen Polstersessel sind großzügig platziert, so dass man zwischen Champagner und Scones auch intime Details austauschen kann, ohne dass der Nachbar jedes Wort mitbekommt. Überhaupt ist die Klientel weitaus bunter als im Savoy, Ritz oder Dorchester – weiteren Top-Tee-Adressen Londons. Und einen Schlips muss der Herr, anders als bei vorgenannten Häusern, hier auch nicht tragen. Ein Sakko darf es aber schon sein – Stil wird hier schließlich groß geschrieben. Eine Alternative zum Afternoon Tea ist der etwas üppigere High Tea, zu dem zusätzlich eine kleine Zwischenmahlzeit, zum Beispiel Eggs Benedict oder sautierte Pilze mit getoasteter Brioche, serviert werden.
Ein preiswertes Vergnügen ist der Afternoon Tea trotz kollabierendem Pfundkurs allerdings noch immer nicht: zwischen 30 und 44 britische Pfund Sterling (33 bis 48 Euro) muss man, je nach Variante, pro Person rechnen. Dazu kommt noch eine Servicezuschlag von 12,5 Prozent. Frei nach Goethe aber bleibt auch hier einmal mehr festzuhalten: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Tee zu trinken.
Weitere Informationen erhalten Sie unter www.fortnumandmason.com.
Fotos: Fortnum & Mason, Archiv



Wenn man nur mehr Zeit hätte. Beispielsweise könnte dann der Frage
nachgegangen werden, ob ein Zusammenhang zwischen ökonomischer und
kulinarischer Entwicklung bestünde. Eine Frage in diesem Kontext könnte dann
sein, ob in schlechten Zeiten - was vordergründig logisch erscheint - weniger
auf den Tisch kommt und in guten eben deutlich mehr. Das Gegenteil scheint
jedoch der Fall zu sein. Ein nur oberflächlich durchgeführter Vergleich von
Wirtschaftsentwicklung anhand von Wachstumskennzahlen und Food-Fotografien der
Vergleichszeiträume zeigt, dass gerade in Boom-Zeiten die präsentierten
Gerichte deutlich reduzierter ausfallen (Ausnahme: die 50er Jahre, in denen
nach kriegsbedingtem Darben kräftig zugelangt wurde) und kubistisches
Schnitzwerk die Berge von Nahrung verdrängt. Das mag an der Zielgruppe liegen,
die sich längst qua ererbten oder erarbeiteten Grundvermögen abgekoppelt hat
von ökonomischen Entwicklungen und einfach nur gerne gut isst. Reine
Spekulation, keine Erklärung. Auch geht es in postindustriellen Zeiten um
deutlich mehr denn die simple Nahrungszufuhr - es darf halt auch in der Küche
das moderne Design der Standard-Einrichtungshäuser nicht fehlen. Zudem ist das
Streben nach Profitmaximierung schon längst bei den Köchen angekommen. Die
einfache Gleichung: Weniger auf dem Teller heißt mehr in der Kasse. Hübsch
angerichtet und verpackt, fällt uns das nicht sonderlich auf. Vielleicht ist
es aber auch nur ein Zeichen von Zeitmangel. Reduktion, schneller Konsum, acht
Gänge in einer Stunde, Mund abputzen und dann wieder raus in die Welt und
Mehrwert schaffen. Ist deshalb das japanische Fast Food Sushi so beliebt?
Werden deshalb Pitbull-Weine mit 14,5 Volumenprozent gelupft? Ach, wenn man
nur mehr Zeit hätte,
meint DER KULINARIKER.
Laurent Delarbre, Chefkoch Restaurant La Tour d'Argent, Paris.: Der Honig vom La Tour d'Argent wird nur in unseren Küchen und für den Service
vom Tee-Salon verwendet, ist aber auch verfügbar für den Verkauf über unseren
Online-Shop und in unserer Boutique Les Comptoirs de La Tour d'Argent. Foto: Stephan Gabriel

