Alles wird teurer. Ganz gleich wohin ich gehe, egal was ich mache: Der monetäre Spiegel mit der nach unten stets offenen Geldskala in meinem Portmonnaie senkt sich scheinbar täglich - und damit kontinuierlich. Gehe ich essen, kann es schon mal etwas besonderes sein. Das gilt natürlich auch bezüglich der notwendigen Getränkemenge oder Getränkeart. Halte ich mich - und das kommt durchaus des Öfteren vor - in Häusern gehobener Kategorie auf, sind Rechnungsbeträge zwischen 150 bis 200 Euro keine Seltenheit und heute ohnehin schnell erreicht. Aber: Das ist alles noch bezahlbar.
Doch wie erreicht man das eine oder andere Ziel? Ab und an ist sicherlich das Flugzeug eine Alternative. Fliegen ist ja so billig. Oder aber auch die Fahrt mit dem wohl derzeit teuersten Fortbewegungsmittel, dem Auto. Stehe ich an der Tankstelle, vergeht mir oft schon die Lust größere Strecken zurückzulegen. Der Literpreis in Euro überschreitet mittlerweile den durchschnittlichen Weinpreis, den man in Studententagen geneigt war – damals noch in harter D-Mark – zu zahlen. Die Liste, welche parat steht, um der Lebensart die Richtung zu diktieren, umfasst gut und gerne gefühlte 1000 Meter und ist symbiotisch - oder doch parasitär? - mit meinem Bankkonto verbunden. Die gefühlte Teuerungsrate aller der für mein Leben ausschlaggebenden Produkte scheint erdrückend. Wie mein alter Ressortleiter bei der Zeitung immer sagte: Das Einzige, was die deutschen Bürger interessiert, ist der Preis von Kaffee und Benzin. Doch ist das wirklich so?
Bewohner der Industrienationen befinden sich in der glücklichen Lage, Lebensmittel und Konsumgüter im Überfluss erwerben zu können. Wurden noch vor wenigen Jahrzehnten 60 Prozent des Haushaltseinkommens zur Beschaffung von Nahrungsmitteln ausgegeben, sind es heute gerade noch einmal 10 Prozent. Anzunehmen wäre, dass die freie Wahl der Nahrungsmittel und die damit einhergehende Minimierung des aufzubringenden Haushaltseinkommens das Bedürfnis nach hochwertiger Nahrung ansteigen ließe. Die jüngste Studie der Heidelberger Dr. Rainer Wild-Stiftung, welche sich der Geschmacksforschung widmete, kommt jedoch zu einem überraschenden Ergebnis. Über 80 Prozent der befragten Bundesbürger sind bereit Speisen zu verzehren, die ihrem persönlichen Geschmacksempfinden nicht entsprechen. Deutlich wurde in dieser Studie, dass nicht allein der Geschmack als Bewertungskriterium zur Auswahl von Nahrungsmitteln wichtig ist.
Fast 40 Prozent der befragten Bürger in Deutschland gaben an, täglich etwas zu essen, was sie generell nicht mögen würden. Zumeist, so ergab die Studie, stammten die meisten nicht wohlschmeckenden Speisen aus Restaurants, Imbissen, Kantinen oder Fast Food Lokalen. Soweit vielleicht auch noch nachvollziehbar,
jedoch dürfte das folgende Studienergebnis mehr überraschen: Über 70 Prozent gaben an, sie würden die servierte Mahlzeit, obwohl nicht dem persönlichen Geschmack entsprechend, weiter essen. Die Relevanz von Geschmack bezüglich der Nahrungsaufnahme scheint folgerichtig gering zu sein.
Was aber, so fragen wir uns, entscheidet über die tägliche Nahrungsaufnahme? Neben der Zwanghaftigkeit, unter Zeitdruck essen zu müssen, ist die schnelle Erreichbarkeit ein Parameter der Entscheidungsfindung. Oder sind Sie bereit in ihrer kurzen Mittagspause lange Wartezeiten oder Wege auf sich zu nehmen? Wohl kaum. Hinzu kommt, dass die dem Menschen eigene Bequemlichkeit dazu verleitet, der "Anstrengung Nahrungsbeschaffung" Einhalt zu gebieten. Es ist doch so bequem, vielleicht einfach mal den Pizzaservice anzurufen.
Und ein Anruf ist wahrlich noch bezahlbar. Mit wenigen Cent liegt solch ein Anruf jedoch auch schon im Bereich eines Liters Benzin auf der Isla Margarita. Dort scheint, zumindest nach europäischen Maßstäben, das Benzin bezahlbar und zeigt – entgegen obiger Behauptung – das Auto ist wohl doch nicht das teuerste Fortbewegungsmittel. Andere Länder, andere Sitten. Oder besser: andere Länder, andere Geschmäcker. Doch ist das wirklich so?
Ein befreundetes Aussiedler-Paar in Venezuela fragte vor wenigen Wochen an, ob sie nicht eine Kaffeemaschine zugeschickt bekommen könnten. Die ihrige, ein treuer und jahrelanger Begleiter, hatte den technischen Geist aufgegeben und sollte nun einer neuen Maschine weichen. Gesagt, getan. Die Maschine verpackt und für enorm hohe Postgebühren versendet. Die große Kaffeemaschine mit integriertem Mahlwerk fand Gesellschaft in einem Karton nebst einem Paket Kaffee. Die Spur der Warensendung an das andere Ende der Welt verlor sich zeitweise, fand sich aber nach etwa vier Wochen wieder. Diverse Stationen und diverse Kontrollen ließ das Paket über sich ergehen. Die Spuren der Durchsuchungen waren zahlreich. Die Kartonage war ramponiert, Teile der Kaffeemaschine ebenso. Und der beigefügte Kaffee? Die Verpackung des Kaffees war aufgerissen, die Bohnen lagen verteilt im "Restkarton". Er war scheinbar nicht nach des Zöllners Geschmack.
Quod erat demonstrandum: Geschmack steht in keiner Wechselbeziehung zur marktüblichen Wertigkeit von Benzin. Oder anders herum: in einem Land mit billigem Benzin interessiert auch der Kaffeepreis niemanden.
Fotos: msc





