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Die Weine der Bündner Herrschaft

Aus der Schweiz berichtet Axel Biesler
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Die Weine der Bündner Herrschaft
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"…dunkle Tannen, grüne Wiesen im Sonnenschein, Heid, Heidi, brauchst du zum Glücklichsein." Der Heidi-Roman, der Schweizer Autorin Johanna Spyri, spielt am Ende des 19. Jahrhundert.Falscher Mehltau und die Reblaus brachten den Weinbau der Bündner Herrschaft, wie überall in Europa, in dieser Zeit nahezu zum Erliegen.

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Vom Roman sind ein niedlicher Japan-Anime aus den siebziger Jahren in der Erinnerung und ein ganzes Heidi-Touristendorf samt klobigem Heidi-Hotel in Maienfeld übrig geblieben.Und das nervige Liedchen natürlich.

Dass die meisten Weine aus der mit etwas über hundert Hektar und damit größten weinbautreibenden Gemeinde Maienfeld dann auch ein bisserl arg gefällig daherkommen, passt in das kitschig-touristische Bild. Doch abseits von Heidi-Reminiszenzen entstehen in dem kleinen Anbaugebiet, zwischen der Landquart im Süden und Liechtenstein im Norden, gleichfalls hochfeine wie leider auch rare Weinpersönlichkeiten.

Und gar nicht selten sind es ehrgeizige, junge Frauen, die ihrer Leitsorte, dem Blauburgunder, ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Beschenkt von einem günstigen Klima und flankiert von majestätischen Dreitausendern, wächst hier ein einzigartiger Facettenreichtum auf gerade einmal 420 Hektar Rebfläche.

Trial and Error

Annatina Pelizzatti bewirtschaftet gerade einmal drei Hektar. Das klingt zunächst überschaubar. Ihre Rebfläche jedoch verteilt sich auf sage und schreibe siebzehn Parzellen rings um Jenins und Malans. Da muss man auf Zack sein. Pelizzatti ist eine drahtige, junge Dame. Ihr Weingut liegt etwas versteckt im oberen Teil des Städtchens Jenins. Auf 630 Metern ist es das höchstgelegene und mit rund 80 Hektar Rebfläche drittgrößte Weindorf der Bündner Herrschaft. Pelizzatti ist Autodidaktin, auf die Frage, wo sie das Wissen vom Weinmachen gesammelt hat, antwortet sie schnörkellos: "Trial and Error."

Schnörkellos geraten auch ihre Weine, die sie seit 1997 selbst vermarktet. Allen voran ihr Schillerwein, einer Bündner Spezialität, der ob seiner knackigen Mischung aus achtzig Prozent Blau- und zwanzig Prozent Weißburgunder in Württemberg seinesgleichen suchen dürfte. Pelizzatti pipettiert ihre Fassproben in Schoppenmaßen ins Glas. Feingliedrig und mit feinem Säurebiss ist der großzügig ausgeschenkte Blauburgunder aus dem großen Holzfass allerdings bestens bemessen. Ihre rare Spezialität ist eine Rotweincuvée namens 'Sorso', bei der sie alle Sorten gemeinsam vergären lässt. Sorso bedeutet Schluck. Was in etwa der Menge entspricht, die Pelizzatti von diesem vielschichtigen Experiment aus Merlot, Cabernet Sauvignon, Blauburgunder und Zweigelt produziert. Experimentierfreude und Unvoreingenommenheit sind Eigenschaften, die viele der innovativen Winzerinnen und Winzer der Bündner Herrschaft auszeichnen.

Sein Flaggschiff nennt er Monolith

Christian Obrecht, Weingut zur Sonne (ebenfalls Jenins), dreht eine Flasche seines Pinot noirs auf. Dass das nicht der Wein ist, den der junge Winzer erwartet hat, ist seinem Gesichtsausdruck unschwer abzulesen. Obrecht fackelt nicht lange und schenkt den gleichen Wein aus einer mit Naturkork verschlossenen Flasche aus. Mit dem gewöhnungsbedürftigen Geruch seines Vorgängers hat dieser Wein nun nichts mehr gemein. Im Gegenteil, seine präsente Kirschfrucht macht ihn zu einem harmonischen und doch markigen Pinot noir. "Das ist mein Basis-Blauburgunder wie er sein sollte", lacht Obrecht und erklärt, dass er den Stelvinverschluss bei einem Teil seiner einfachen Roten mal ausprobiert hätte.

"Der Drehverschluss ist für frische Weißweine sicher eine gute Sache. Den reduktiven Charakter kann ich bei meinen Roten jedoch nicht gebrauchen." Sprichts und springt traumwandlerisch sicher über seine Barriques und zieht Proben in atemberaubender Geschwindigkeit. Obrechts Pinot noirs sind purpurrot, würzig und konzentriert im Geschmack. Sein Pinot noir-Flaggschiff nennt er Monolith. Die Bezeichnung ist gut gewählt: Ein massiver Wein und tatsächlich wie aus einem Guss.

Markante Gewächse

Es sollen Söldner gewesen sein, die nach ihrer Rückkehr aus dem Dreißigjährigen Krieg, den Pinot noir der Côte d’Or im Gepäck hatten und in Bündner Erde pflanzten. Wo immer man heute mehr oder minder erfolgreich diese kapriziöse Sorte pflegt, es ist die Côte d’Or, die als Vorbild herhalten muss. In der Bündner Herrschaft tut sie das zu Recht. Denn bei aller Frucht und Struktur bringen ihre besten Weine stets eine alpine Strenge mit sich. Diese Kombination aus Kraft und Eleganz ist es, die sie mit ihren berühmten Vorbildern aus dem Burgund teilen.

Irene Grünenfelder ist eine geradlinige, analytisch denkende Frau. Doch bei allen Entscheidungen muss ihr Bauchgefühl stets gleiches Stimmrecht gehabt haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie 1993 ihren krisensicheren Job als Grundschullehrerein aufgegeben hat, um zweieinhalb Hektar Jeninser Acker- und Wiesenland in einen Weinberg umzuwandeln. Und was für einen. Die Pinot noirs ihrer Lage 'Eichholz' gehören heute zu den gesuchtesten Weinen der Schweiz. Und das erst sechszehn Jahre nach der Eintragung dieser Weinbergslage. Grünenfelders Blauburgunder kommen den Vorbildern der Côte d’Or gefährlich nahe.

Zum Glück doch nur so nahe, dass sie ihren eigenen Charakter nicht verlieren. Es sind markante Gewächse, die Grünenfelder in ihrem Keller begleitet. Mehr als bemerkenswert, was sie als Einfraubetrieb in der noch jungen Geschichte ihres Weinguts bereits geleistet hat. Wiesenland und Wein. Mit dem herkömmlichen Verständnis der Entstehungsgeschichte großer Weine verträgt sich das nicht. Keine Regel ohne Ausnahme, beim Wein schon gleich gar nicht.

"Das Verwitterungsgestein aus Kalk, Schiefer und Lehm ist bestes Terroir für Pinot noir", argumentiert sie. Nicht minder bemerkenswert ist Grünenfelders Sauvignon blanc, den sie zu einem Teil im Barrique und zum anderen im Edelstahl ausbaut. Ausgeprägte Mineralität und eine pikante Säure sind die Säulen, die seinen drahtigen Körper tragen. Die Sorte fühlt sich in dieser Gegend und in den Händen von Grünenfelder schmeckbar wohl. Grünenfelder ist eine Künstlerin. Dass sie sich das Winzerhandwerk selbst beigebracht hat, verwundert dabei nicht, sondern vervollständigt das Bild dieser markanten Querdenkerin.



 

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