Kochen ist nicht mehr in. Aber die Kochbuchliteratur floriert, und zeigt, was Mälzer und Co. so alles zaubern können. Die modernen Herdakrobaten geben uns zumindest vor, was wir essen könnten. Stiften uns an, Konsum zu sehen, unseren sozialen Alltag zu gestalten. Schöne Bilder werden offeriert, doch die eigene Trägheit fesselt uns mehr am Sofa als an den Herd.
Losgelöst von steigenden Rohölpreisen und Kriegen in aller Welt, zeigt uns der eine oder andere Popstar der Küche die heimelige Vollkommenheit und aseptische Unangreifbarkeit. Die heutigen Kochsendungen geben uns aber mehr. Die Plauderer der Kochtöpfe erzählen uns mit multimedialer Offenheit und multipler Gutlaunigkeit von ihrem Leben. Machen uns zu "ihrem" Leben, einem Teil der bunten und sternedekorierten Welt. Fast kumpelhaft erzählen uns Lafer und Lichter von ihren privaten Zeiten. Ziehen uns in ihren Bann und verführen uns, über die doch so heile Welt des Essens zu philosophieren.
Essen. Lebensnotwendig und seit einigen Jahren als munter servierte Bildschirmkost ein ständiger Begleiter des bundesdeutschen Einfachfernsehens. Haben wir uns nicht alle schon mal dabei ertappt, wie wir sagten: "Das sieht aber lecker aus". Haben wir. Und das nicht zu unrecht. Viele der dargestellten Gerichte sind alles andere als "unlecker" zurecht gemacht. Dürfen sie ja auch garnicht - denn jeder Sterne-Koch hat auch einen Ruf, den er im Zweifelsfall auch verlieren kann. Mittlerweile zeugen über 50 Kochshows im deutschen Fernsehen davon, dass der Bedarf noch lange nicht gedeckt ist. Der schelmische Blick, die lässige Geste bei der Abschluss-Präsentation des fertigen Gerichtes ist dabei nur das I-Tüpfelchen der finalen Überzeugung. Frei nach dem Motto: "Was ich kann, das können Sie jetzt auch".
Stefan Raab an den Kochtopf!
Dabei fliessen während der Betrachtung von Kochshows nicht nur eigene "Vollkommenheitsbilder" ein, sondern auch das ureigenste Grundbedürfnis. Ein Mitteleuropäer bei normaler Lebenserwartung, "schafft" circa 80.000 Essensprozesse in seinem Leben. Natürlich wird für die Zubereitung und den Verzehr Zeit eingesetzt. Wertvolle Lebenszeit, kulturell und je nach Epoche der Menscheit geprägt.
Die Erlebnisküche der 60er Jahre von Clemens Wilmenrod ("Bitte, in zehn Minuten zu Tisch") war der illustre Startschuss in die mediale Aufarbeitung des Kochprozesses. Unvergessen: "Das Menü, das ich demonstrieren will, heißt: Verlorene Eier auf Toast mit Salami". 1953 brachte der erfolglose Schauspieler die Eventküche ins Fernsehen und erfand dabei treffsicher das eine oder andere hanebüchene Ketchup-Gericht. Der Erfinder der deutschen Kochshows, des Toast Hawaii und des Käse-Igel lebte das vor, was gegenwärtig über die Kanäle flimmert: einfaches Essen, einfach gemacht. Was auch sonst kann in dem begrenzten Zeit-Horiziont einer maximal 45-minütigen Kochshow serviert werden? Wenn Werbung und Sehgewohnheit das Diktat vorgeben, kann eine Ausweitung lediglich über die Fünf-Stunden-Dauerberieselung einer Raabschen Spiel-Langeweile erfolgen. Frei nach dem Motto: Stundenlanger Spielkreis am Samstag mit Stefan Raab - aus 20 Metern eine Mohrrübe in den Kochtopf werfen oder Dauer-Wettschälen eines Doppel-Zentners Kartoffeln.
Lafer in den Olymp!
Essen ist privat, Essen und zusammen kochen prägt die soziale Nähe und schafft Verbundenheit. Die Küche ist Aufenthaltsort, ist Zentrum der Familie. Austauch, Gespräche und das Sitzen am Kochtopf wenn gekocht wird, ist Gemeinschaft, ist Gastlichkeit. Eine Kultur, die der Generation Fast-Food sicher nicht (mehr) allzu bekannt sein dürfte.
Von fettigen Burgern, zum schnellem Snack. Der Herd der Gemeinsamkeit hat seinen Ort gewechselt und befindet sich nunmehr in der Döner-Bude von nebenan. Und das, obschon die Kochshows wie Pilze aus dem medialen Boden spriessen. Die eigene Kochkunst unterliegt einem Erosions-Prozess, zeigt, das schmecken und riechen nicht mehr im notwendigen Maße vorhanden sind. Essen wird nicht mehr zubereitet, es wird erzählt und gezeigt. Uns wird gesagt, "Das schmeckt lecker", und dargestellt, wie gutes Essen auszusehen hat. Farbenfrohe Bilder von Food-Stylisten und die Meinung eines Star-Kochs reichen dazu aus.
Und der Lebensmittel-Industrie spielen diese Prozesse in die Hand. Sind es doch eben jene Protagonisten, die uns seit Jahren weismachen: Tüte auf, Sahne drauf und gut! Eine bessere Werbung kann sich ein Unternehmen wohl kaum wünschen. Frischprodukte sind in der Regel teurer und der langwierige Prozess der Zubereitung lässt erschaudern. Und ausserdem haben wir doch alle schon mal gehört: Die Vitamine sind in den Tifkühlprodukten noch alle erhalten. Ganz im Gegensatz zu frischen Gemüsen, die zum Teil Wochen lagern und langsam alle Inhaltsstoffe verlieren. Blödsinn.
Aber ist das Kochen bereits ausgestorben? Oder befindet sich bereits auf dem Totenbett? Der medial-kulturelle Abgesang schallt lauthals durch die Welt. Ist es ein Zacherl, der Kochgeschirr im Markt nebenan präsentiert oder ein Kleeberg, der sein Konterfei in Lebensgröße in den Supermarkt stellt: Der Ausverkauf der Küchen-Alchemisten hat schon lange begonnen. Einher mit diesem Verscherbeln der Glaubwürdigkeit erfolgt eine weitere Küchen-Verdummung und fortsetzende Erhebung von diversen Dampfplauderern in den Popstar-Olymp.
Foto: msc





