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Inflation der Zarenwässerchen

Von KULINARIKER-Gastautor Roland Bathon
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Er muss ein sehr guter Wodkakenner gewesen sein. Woher auch immer man das weiß, aber Weltmarken wie Smirnoff oder Gorbatschow können wohl nicht irren, wenn sie sich auf seinen Gaumen berufen. Es ist die Rede von letzten russischen Zaren Nikolaus II. Durch seinen plötzlichen Tod in der Russischen Revolution nahm er viele Geheimnisse mit ins Grab. Etwa welchen Wodka er wirklich am liebsten genoss. Und warum er anscheinend exklusive Hoflieferanten hinterging

Eigentlich müsste die Frage nach dem Lieblingswässerchen des zweiten Nikolaus ganz einfach zu beantworten sein. Denn – so erzählt uns der US-Konzern Diageo, Eigentümer der Marke Smirnoff - der Ahnherr und damalige Chef  Pjotr Smirnow hat anno 1886 dessen Vorgänger mit seinem Wodka begeistert.

Die Smirnows lebten zu dieser Zeit noch in Moskau, verdienten aber ihre Brötchen bereits mit der Spirituosenherstellung. In besagtem Jahr seien sie nach einer überragenden Produktpräsentation zu exklusiven Hoflieferanten ernannt worden. Und das auch bis zum Ende der Zarenzeit geblieben, als die bösen Kommunisten sie aus Russland vertrieben. Stolz prangen deshalb bis heute vier zaristische Wappen auf der Flasche der in die USA umgezogenen Weltmarke. Nach dem Ende der feindlichen Sowjetherrschaft kehrte Smirnoff denn auch zurück nach Moskau und ließ dort den Smirnoff Black produzieren, der den alten Lieferungen an den Zarenhof nach Firmenangaben völlig gleicht. Also alles klar, Nikolaus ließ sich exklusiv nur Smirnoff Black liefern, also muss das sein Favorit gewesen sein.

Haufenweise "Hoflieferanten"

Doch was lesen wir da im Promotionmaterial des deutschen Konkurrenten Gorbatschow? "Der Wodka, den die Zaren liebten" heiße so wie der ehemalige sowjetische Generalsekretär. Leontowitsch Gorbatschow ist der Name des dortigen Ahnherrn und er produzierte  im ausgehenden Zarenreich in Sankt Petersburg. Mit dem späteren Generalsekretär Michail G. ist er übrigens weder verwandt noch verschwägert und flüchtete vor den Bolschewiki dann nach Deutschland. Er destillierte in Russland einen Wodka, den der Zar zu schätzen wusste – so die Auskunft der heutigen Gorbatschow-Besitzer. Hinterging also Nikolaus bei Besuchen in Sankt Petersburg seinen Exklusivlieferanten und gönnte sich das dortige Edelwässerchen? Doch es kommt noch schlimmer.

Gibt es da nämlich noch den Wodkahersteller Schilkin aus Kaulsdorf bei Berlin. Er produziert den sogenannten "Zarenwodka". Und warum der so heißt? Ganz einfach, sagen die Kaulsdörfer: Das ist der Wodka, den der letzte Zar so gerne mochte. Und deshalb soll er Apollon Schilkin aus Sankt Petersburg, Urvater der natürlich vor den Kommunisten nach Deutschland geflohenen Familie, zu seinem Hoflieferanten ernannt haben.

Verwirrt von so viel widersprüchlichen Informationen schlagen wir doch einmal in einem Standardwerk nach - "Wodka" von Desmond Begg. Doch was ist da zu lesen? Eine Firma Wolfschmidt aus Riga in Lettland taucht auf, damals Teil des zaristischen Russlands. Bekannt als Hoflieferant des Zaren. Auch die Smirnoff´ne Exklusiv-Geschichte findet sich im Buch, obwohl sie ja eigentlich der Wolfschmidt-Info widerspricht, wenn das Wort "exklusiv" im amerikanischen Original dieselbe Bedeutung hat wie im Deutschen. Und überhaupt – ist Begg als Amerikaner bei diesem Streitthema überhaupt neutral? Schließlich erwähnt er nur die Kontrahenten, die sich irgendwann in seinem Heimatland niedergelassen haben.

Was trank der Zar wirklich?

Lassen wir noch einmal zusammen. Zar Nikolaus II. übernimmt von seinem Vorgänger die Smirnows als exklusive Hoflieferanten für Wodka und behält sie zeitlebens. Offenbar ohne deren Wissen lässt er sich in Sankt Petersburg von den Schilkins offiziell beliefern. Irgendwo genießt er dann vielleicht zufällig einen Gorbatschow-Wodka. Diesen schätzt er zwar sehr, kann aber natürlich die Gorbatschows nicht offiziell liefern lassen, weil das zumindest den ebenfalls in Sankt Petersburg beheimateten Schilkins aufgefallen wäre. Ab und zu kommt aus Riga ein geheim gehaltenes Kistchen an. Wolfschmidt-Wodka ist darin, geschickt von der gutgläubigen gleichnamigen Baltendeutschen, die sich deshalb für Hoflieferanten halten.

Das ist ein Verhalten, dass wir dem Herrscher der Reußen nun wirklich nicht unterstellen wollen. So habe ich vor einem Monat Emails an die Kontrahenten Smirnoff, Gorbatschow und Schilkin geschrieben und um Aufklärung gebeten. Geantwortet hat bisher nur eine Firma, mit Schilkin die kleinste. Hier versichert mir sogar der Enkel Apollon Schilkins persönlich, dass der Wodka seines Großvaters dem Zaren den Rachen hinunter geflossen ist. Der Großvater habe das so versichert und das Rezept des Zarenwodkas höchstselbst genau rekonstruiert. Das können wir natürlich nicht anzweifeln.

Es bleibt also spannend bei der Frage, welchen Wodka der letzte Zar nun wirklich am meisten liebte. Wobei es doch ein wenig verwundert, wie viel Wert heutige Konzerne auf die Wahl der Geschmacksknospen dieses Herrschers legen. Gilt er doch nicht einmal als einer der fähigeren Zaren der russischen Geschichte. "Er bekämpfte die Modernisierung des Reiches und hielt an den überkommenen halbfeudalen Verhältnissen fest" steht als vernichtendes Urteil in einem Lexikon. Unruhen ließ er blutig niederschlagen und sich von zwielichtigen Gestalten wie dem Geisterheiler Grigori Rasputin beeinflussen. Wankelmütig wie seine Politik war, würde es nicht verwundern, wenn er auch beim Lieblingsdrink hin und her schwankte wie ein Weizenfeld im Wind.

Roland Bathon ist Journalist, TV-Produzent und Autor des Buches "Russischer Wodka" (ISBN 978-3-8370-0173-0).

Foto: msc

 

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